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Nachruf für Gaétan Kayitare

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Lehren aus seinem Leben


 

Am 27. Februar 2011 verstarb unser langjähriger Genosse Gaétan Kayitare. Gaétan war ein außergewöhnlicher Mensch. Wer die Gelegenheit hatte, ihn kennen zu lernen, wird ihn nie vergessen. Aber auch wer nicht dieses Privileg hatte, kann nachträglich viel aus seinem Leben lernen.

von Georg Kümmel, Köln

Gaétan war ein Kämpfer, ein Rebell gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, und das wohl schon von Kindesbeinen an. Geboren wurde er in Ruanda, wahrscheinlich im Jahre 1946. Das genaue Geburtsdatum kannte er selber nicht. Ruanda war damals belgische Kolonie (und vorher deutsche). Die koloniale Unterdrückung trat ihm unter anderem in Gestalt von katholischen Priestern in seiner Schule gegenüber, mit denen er auch prompt in einen Konflikt geriet, der damit endete, dass ihn die Priester aus der Kirche warfen.

Als junger Mann kam er zum Bergbau-Studium nach Deutschland. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in Aachen, wo er sich neben Studium und politischer Aktivität an der Hochschule mit allerlei Jobs durchschlug. Mit der SAV (damals unter dem Namen VORAN) und unserer Internationale kam er 1981 in Kontakt und wurde 1982 Mitglied. Aus der Zeit davor ist nicht viel bekannt, denn Gaétan hat darüber nie viel erzählt. Das war typisch für ihn, denn er nahm sich selbst überhaupt nicht wichtig, leider galt das auch für seine Gesundheit.

Zu den hervorragenden Eigenschaften seiner Persönlichkeit gehörte die Konsequenz in seinem Handeln, wenn er einmal von einer Sache überzeugt war. Gemäß dem berühmten Satz von Karl Marx „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern“ hat er praktisch sein ganzes Leben für das Ziel einer besseren Welt, für Sozialismus gekämpft. Da die Arbeiterklasse dazu eine revolutionäre Partei, eine revolutionäre Internationale braucht, hat er die letzten drei Jahrzehnte konsequent an der Schaffung einer neuen Internationale mitgearbeitet, buchstäblich bis zu seinem letzten Atemzug. Die Genossinnen und Genossen, die ihn tot auffanden, waren zu einem politischen Treffen mit ihm verabredet.

Gaétan gehörte unserem Bundesvorstand an, arbeitete viele Jahre Vollzeit für VORAN beziehungsweise SAV und war mehrmals Delegierter zum Weltkongress des Komitees für eine Arbeiterinternationale.

Sein Hauptaugenmerk galt der politischen Ausbildung und Entwicklung von GenossInnen. Dafür hat er mehr Zeit investiert als jeder andere. Er hat gleich mehrere Generationen geschult. Aber nicht wie ein Lehrer, der vorträgt und die Schüler zuhören lässt, sondern durch gemeinsame politische Arbeit, begleitet von unzähligen politischen Diskussionen, die vorzugsweise an seinem Küchentisch stattfanden. Da wurde oft, ausführlich und auch kontrovers diskutiert. So lernte man, dass der Marxismus eine lebendige Methode ist, um die Gesellschaft zu verstehen und zu verändern, dass selbstständiges, kritisches Denken und Handeln notwendig ist, um eine Kraft aufzubauen, die den Kapitalismus abschaffen kann.

Gaétans besonderer politischer Beitrag bestand darin, die Organisation in einer außergewöhnlich schwierigen historischen Phase auf Kurs zu halten, dabei die gefährlichen Klippen von Anpassung und ultralinkem Sektierertum zu umschiffen. Die Zeit seiner politischen Aktivität fiel zusammen mit einer Periode des politischen Niedergangs der Führung und der Organisationen der Arbeiterbewegung. Für die sich dem Kapitalismus anbiedernde Führung hatte Gaétan nur Hohn und Spott übrig. Das galt für die „Reformisten“ in den SPD-Jungsozialisten Anfang der achtziger Jahre, die von der Idee eines gezähmten Kapitalismus phantasierten, ebenso wie aktuell für diejenigen VertreterInnen der LINKEN, die dem Traum von einer antikapitalistischen Politik im Bündnis mit der pro-kapitalistischen SPD träumen.

Es gibt immer den Druck der bürgerlichen Gesellschaft, materiell und ideologisch. Dieser ideologische Druck macht auch vor einer revolutionären Organisation und ihren Mitgliedern nicht halt. Wenn Gaétan die Gefahr politischer Anpassung in unseren eigenen Reihen sah, dann kämpfte er besonders energisch dagegen. Er selbst schien gegenüber dem Druck der bürgerlichen Gesellschaft immun wie kein zweiter. Gaétan hatte nicht die geringsten Illusionen in den Kapitalismus, niemals. Aber, und das zeichnete Gaétan aus, er hat nicht nur die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse abgelehnt, sondern alles kapitalistische, alles bürgerliche, alle bürgerlichen Anschauungen, Erwartungen, mit denen wir täglich konfrontiert werden. Gaétan hat konsequenterweise ein Leben geführt, das alles war – nur nicht bürgerlich. Er, der intellektuell das Zeug zum Professor hatte, sich in marxistischer Theorie bestens auskannte, verachtete bürgerliche Titel und Autoritäten. Er zog es vor, ein vorbildlicher Revolutionär zu sein. Weil der politische Kampf Geld kostet, weil man selbst die Armen nach einer Spende für diesen Kampf fragen muss, lebte er selbst äußerst bescheiden.

Gaétan war der lebendige Gegenbeweis gegen alle Vorurteile gegen den Marxismus. Der Stalinismus hat ja nicht nur die Idee des Sozialismus diskreditiert, sondern auch den Marxismus als Methode. Gaétan war zuallererst Internationalist, in seinem politischen Kampf niemals bürokratisch, immer politisch, niemals formal, immer offen, er hatte kein Problem, andere hart zu kritisieren und selber hart kritisiert zu werden. Damit war er auch der geborene Gegner des Stalinismus, des Stalinismus als System und als bürokratische Methode von Bürokraten in der Arbeiterbewegung.

Parallel zu den Stalinisten haben die pro-kapitalistischen Führer vermeintlich linker Parteien die ganze Idee, sich in einer linken Partei zu organisieren, in Verruf gebracht. Gerade Jugendliche hält das heute davon ab, sich zu organisieren, unter anderem weil sie das als Einschränkung ihrer Freiheit empfinden. In einem seiner letzten schriftlichen Beiträge schreibt Gaétan dazu: „Dabei ist der Revolutionär als derjenige, der keinen Herrn über sich und keinen Sklaven unter sich haben will, der stets im Interesse des Gemeinwohls handelt, wahrlich der freieste Mensch“ (Januar 2010, Vorwort zur Neuauflage von James P. Cannons „Der Kampf für eine proletarische Partei“).

Die besondere Begabung Gaétans lag darin, die theoretischen Erkenntnisse des Marxismus auf jedes aktuelle Problem anwenden zu können. Im „Kommunistischen Manifest“ schreiben Karl Marx und Friedrich Engels, dass die Interessen von Arbeiterklasse und Kapitalistenklasse unversöhnlich sind, und dass die Arbeiterklasse im Zeitalter des Kapitalismus die einzig revolutionäre Klasse ist. Gaétan wäre es deshalb niemals eingefallen, auch nur in Erwägung zu ziehen, im Falle Libyens die imperialistischen Mächte um Unterstützung für den Freiheitskampf zu bitten. Klassenstandpunkt und Internationalismus waren für Gaétan keine moralischen Bekenntnisse, sondern eine Methode, mit der man an die Probleme des Klassenkampfes herangehen muss. Zu den zahlreichen hilfreichen Ratschlägen, die er gegeben hat, gehörte auch dieser: Gaétan meinte, es sei ein Trick der Kapitalisten, uns die Welt immer durch ein Schlüsselloch zu zeigen. Wir müssten dagegen immer die ganze Welt betrachten. Im Falle Libyens hätte Gaétan die Frage gestellt, was das Eingreifen des Imperialismus für den Kampf in ganz Libyen bedeutet, wie man zum Beispiel die Einheit der ArbeiterInnen und Jugendlichen in Bengasi und in Tripolis im Kampf gegen Gaddafi herstellt und auch, welche Folgen das Eingreifen des Imperialismus für den Klassenkampf in allen anderen Ländern hat. Er hätte die Frage gestellt, wer denn die saudischen Freunde der USA an deren Einmarsch und Niederschlagung der Freiheitsbewegung in Bahrain hindern soll, wer denn eine Flugverbotszone für die US-amerikanische und deutsche Luftwaffe über Afghanistan errichten und kontrollieren soll? Er hätte die Frage gestellt, welche Kraft ein Interesse hat, jede Befreiungsbewegung auf der Welt zu unterstützen und jeden Diktator zu stürzen? Das hat eben nur die Arbeiterklasse – weltweit.

Für seine Meinung kämpfte er immer äußerst hartnäckig und unermüdlich. Dabei war er aber alles andere als verbohrt. Wir haben ihn in Erinnerung als einen humorvollen und stets optimistischen Menschen mit einem sehr großen Herzen. Für die Sorgen und Nöte der anderen hatte er immer ein offenes Ohr, für die der Arbeiterklasse im Allgemeinen und für die jedes Einzelnen.

Dreißig Jahre hat Gaétan in einer schwierigen Zeit die rote Fahne hochgehalten. Wir stehen am Beginn einer Epoche, in der sich die Krise des Kapitalismus dramatisch vertieft und weltweit, wenn auch mit einigen Verzögerungen und Komplikationen, die Klassenkämpfe und die Arbeiterbewegung wieder aufleben. Die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und anderen Ländern sind Vorboten davon. Gaétan wird tragischerweise diese Zeit nicht mehr erleben, aber er war überzeugt, dass sie kommt. „Die Krise des Systems bietet nun die ungeahnte Chance, aus der Defensive und dem Zerfallsprozess herauszukommen und eine neue mächtige Aufbauoffensive zu starten“ (ebenfalls aus seinem Vorwort für die Neuauflage des Cannon-Buches). Niemand wusste besser als Gaétan, wie dringend der Aufbau einer revolutionären Internationale ist, weil die Fortexistenz des Kapitalismus weltweit Horror ohne Ende bedeuten würde.

Gaétan hielt nichts von Grabsteinen und Denkmälern. Wir sollten ihm, und allen anderen, die gegen den Kapitalismus gekämpft haben und bereits gestorben sind, jedoch ein Denkmal bauen, das schöner ist als alles andere: eine Welt ohne atomaren Wahnsinn, ohne Armut, Ausbeutung, Krieg. Hoch die internationale Solidarität! Vorwärts zur sozialistischen Demokratie – weltweit!