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Portugal lahmgelegt

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Augenzeugenbericht aus Lissabon


 

In der Geschichte Portugals hat es seit der Revolution vor 36 Jahren sieben Generalstreiks gegeben. Doch keiner war je so groß wie der eintägige Streik am 24. November.

von Anne Engelhardt, z.Zt. Lissabon

Zu dem Streik hatten die zwei größten Gewerkschaftsverbände UGT und CGTP gemeinsam aufgerufen. Damit gaben sie dem massiven Druck an der Basis nach, die schon im Mai diesen Jahres die Forderung nach einem Generalstreik erhoben hatte.

16.000 AktivistInnen aus beiden Verbänden waren im Vorfeld in die Mobilisierung des ereignisreichen Tages involviert und das war auf den Straßen sichtbar: Überall hingen Plakate, mit der Aufforderung, am 24. November die Arbeit nieder zu legen, riesige Graffitis prangten an Brückenpfeilern und Häuserwänden.

Streikposten

Bei einem Streik vor dem Betrieb zu stehen und Streikbrecher von der Arbeit abzuhalten, hatte in Portugal komplett an Tradition verloren. Streiken bedeutete meist, einfach einen freien Tag zu haben. Nicht aber in der Nacht zum 24. November. Mit Mitgliedern von Socialismo Revolucionario habe ich sieben Streikposten besuchen können. Darunter das Zentralkrankenhaus, wo Ärzte und Pflegepersonal Seite an Seite den Streik verteidigten.

Als das Post-Management wegen des dortigen Streiks Privatunternehmen bemühte, blockierten 150 Beschäftigte gemeinsam mit KollegInnen aus anderen Bereichen die Ausfahrt der Post. Mit Hilfe uniformierter Polizei sollten die Streikposten geräumt werden. Doch das Ringen dauerte fünf Stunden. Es gab sogar Polizisten, die sich während der Aktionen bei den Protestierenden entschuldigten. Die KollegInnen begannen revolutionäre Arbeiterlieder anzustimmen und riefen: „Wir lassen uns nicht länger berauben!"

Ein erwerbsloser Kollege, der sich uns unterstützte, indem er uns mit seinem Auto von Streikposten zu Streikposten fuhr, sorgte für Aufsehen, als er bei dem ersten Versuch der Polizei, die Straße zu räumen, eine Ohnmacht vortäuschte, weshalb die Polizei ihren Einsatz vorerst abbrach.

Keine Demonstration?

Die Gewerkschaftsführung hatte sich gegen eine Demonstration in Lissabon ausgesprochen Daraufhin riefen AnarchistInnen zu einer Demo im Stadtzentrum auf, an der sich auch streikende LehrerInnen und weitere KollegInnen beteiligten. Wegen der Blockade der Gewerkschaftsspitze war der Protestzug jedoch recht klein. Am Abend fand schließlich noch ein großes Konzert statt.

Leider blieben die Erfahrungen, die die Einzelnen während des Streiks machten, so meist vereinzelt. Trotzdem war der Generalstreik ein großer Erfolg: 90 Prozent der Beschäftigten beteiligten sich daran. 12.000 Schulen blieben an diesem Tag geschlossen. Kein Flugzeug konnte starten oder landen. Drei Abschnitte der Polizei streikten, der Müll lag in Bergen an den Straßenecken, Läden blieben zu.