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Eine Region im Aufstand

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Bericht von den Castorprotesten


 

Zwischen dem 6. und 9. November herrschte im Wendland Ausnahmezustand. Rund 20.000 PolizistInnen besetzten das sonst so beschauliche Wendland in Niedersachsen, um elf Castorbehältern den Weg frei zu machen. Aber nicht nur die Staatsmacht war massiv vertreten, die diesjährigen Proteste waren die größten seit Anfang der Bewegung vor 33 Jahren. Mitglieder der SAV beteiligten sich über mehrere Tage an Demos und Blockaden.

von Krischan Wendland/Berlin

Los geht’s

Samstag früh ging es los, über 20 Busse fuhren aus Berlin in Richtung Wendland, bundesweit waren es über 400! Schon auf dem Weg zur Camp in Hitzacker begegneten wir den ersten Polizeifahrzeugen und Traktoren, über 600 Traktoren waren im Einsatz um die Proteste zu unterstützen und Blockaden zu errichten. Nachdem wir unser Gepäck im Camp abgestellt hatten, fuhren wir weiter zur Kundgebung auf dem Acker bei Splietau. Auf dem Weg wurde vielen von uns klar, das wesentlich mehr Menschen ins Wendland gekommen waren, als in den Jahren zuvor. Kilometerlange Busschlangen prägten das Bild zum Kundgebungsprt. Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet machten sich von den Bussen auf den Weg zur Kundgebung. Über 50.000 fanden den Weg, die Veranstalter hatten im Vorfeld mit 20.000 DemonstranntInnen gerechnet, der erste Erfolg des Wochenendes. Die Kundgebung war der Auftakt zu einem Wochenende des Widerstandes, den das Wendland noch nicht gesehen hat und der Bundesregierung den nächsten Schlag versetzt. Auf der Kundgebung waren viele, die die Jahre zuvor die Proteste aus dem heimischen Wohnzimmer verfolgten und jetzt die Notwendigkeit gesehen haben, selbst aktiv zu werden. Der Demozug zur Kundgebung riss über Stunden nicht ab, alle Erwartungen wurden bei weitem übertroffen.

Auch unser Material, ob Buttons, Pfeifen oder Zeitungen fanden so regen Absatz, dass wir schon bald alles an die Leute gebracht hatten. Nach vielen Stunden auf dem Acker machten wir uns auf den Weg zum Camp, ein langer Marsch über Feldwege lag vor uns. Während einer Pause auf der Essowiese (ein zentraler Anlauf- und Koordinierungspunkt der Proteste) trafen wir bekannte S21-AktivistInnen aus Stuttgart, die den langen Weg auf sich genommen haben. Der Widerstand gegen die Politik der Herrschenden verknüpft sich. Im Camp Hitzacker angekommen wurden wir von der Vokü bestens verpflegt, die hervorragende Logistig der CastorgegnerInnen sollte sich die nächsten Tage noch als extrem wichtig erweisen.

Gleisblockade

Am Sonntagmorgen entschiedemn wir uns an den Gleisblockaden der Initiative „Widersetzen“ teilzunehmen. Mit mehr als 1.000 Menschen zogen wir von unserem Camp in Richtung Gleise. Unterwegs immer wieder von AnwohnerInnen mit Essen und heissen Getränken versogt, erreichten wir bei Harlingen das Gleis. Nach einem kurzen Sprint durch ein Waldstück kamen wir in Sichtweise der Gleise, und der ersten PolizistInnen. Nach einigen Durchbruchversuchen schafften wir es zusammen mit vielen anderen gegen 11 Uhr die Polizeiketten zu durchfliessen. Einige übereifrige Beamte versuchten noch Einzelne fest- und von den Gleisen fernzuhalten, gaben aber bald, angesichts unserer Überzahl, auf. Nur eine Reiterstaffel versuchte hart durchzuziehen und verletzte dabei eine junge Frau durch Huftritte schwer. Nachdem ein Großteil der Polizei abgezogen war, entspannte sich die Stimmung und mehrere Soundsysteme zogen zur Ermunterung auf. Wir diskutierten mit vielen AktivistInnen über die Zukunft der Atompolitik, die Politik der schwarz-gelben Regierung und Alternativen zur bestehenden Verhältnissen. Viele Stunden waren wir auf den Gleisen, zwischendurch erfuhren wir über das freie Radio Wendland, dass wir in der größten Schienenblockade seit Beginn des Widerstandes im Wendland saßen, bis zu 5.000 Menschen waren zeitweise auf der Schiene! Besonders beeindruckend war die enorme Solidarität der Bevölkerung, kaum war der Aufruf Lebensmittel und Decken zu den Gleisen zu bringen, über das Radio verbreitet, strömten WendländerInnen zu uns. Warme Getränke und Essen wurden in großen Mengen vorbeigebracht, auch an Decken mangelte es nicht mehr. Bisher hatten wir eine solche Solidarität noch nicht gesehen, wir bekamen einen Hauch einer anderen, solidarischen Gesellschaft zu spüren. Die Einzigen, die keine gute Verpflegung hatten, waren die PolizistInnen, fast alle Nachschubwege wurden durch Traktoren blockiert. Erst gegen Mitternacht kam die Räumungsankündigung der Polizei, solange Zeit wurde benötigt, um ausreichend Kräfte für die Räumung heranzubekommen. Wir entschlossen uns, vor der Räumung zu gehen, da die Aussicht, mehrere Stunden ohne jeden Schutz im Polizeigewahrsam auf freiem Acker zu verbringen uns abschreckte. Während und nach der Räumung mussten mehr als 1.000 BlockiererInnen stundenlang bei Minusgraden auf dem Acker ausharren, solange bis der Castor an der Verladestation ankam. Trotzdem war die Schienenblockade ein voller Erfolg. Noch nie musste ein Castortransport über Nacht auf dem Gleis abgestellt werden.

Viele AnwohnerInnen kümmerten sich um die Freigelassenen, wieder gab es warme Getränke und Essen, binnen kürzester Zeit organisierten sie Shuttleautos zu den verschiedenen Camps.

Straßenblockade

Nach weinigen Stunden Schlaf ging es weiter zur nächsten Blockade, diesmal kurz vor dem Zwischenlager im Wald bei Gorleben. Diesmal ging es mit dem Bus von Hitzacker aus bis zum Camp in Redelitz. Von da aus reichte ein gemütlicher Spaziergang durch den Gorlebener Forst, um an die Transportstrecke zu kommen. Etliche Tausend Leute waren schon auf der Strasse, als wir ankamen. Innerhalb weniger Stunden verdoppelte sich die Zahl der BlockiereInnen, ob junge SchülerInnen oder Senioren, es schien, als ob das ganze Wendland im Widerstand rotiert! Auch in dieser Blockade war die Offenheit für politische Diskussionen groß. Auch in dieser Blockade war die Logistig wieder großartig, es mangelte an nichts, es war unglaublich, was die WendländerInnen für den Widerstand auf die Beine stellen, selbst Toilettenhäuschen gab es!

Nach langen Gesprächen schliefen wir einige Stunden, erst gegen 3 Uhr kündigte die Polizei an, uns jetzt räumen zu wollen. Um 3:20 Uhr begann die Räumung, fast 6 Stunden brauchte die Polizei zum Räumen. Auch hier war es die größte Blockade der Zufahrtsstrasse in der Geschichte des Widerstandes. Selbst die Organisatoten waren überrascht, beim letzten Castor saßen hier noch 400, jetzt waren es über 3.000!

Letztendlich konnte der Castor in das Zwischenlager rollen, nach massiven Protest und Widerstand der AtomkraftgegnerInnen. 92 Stunden brauchte der Castortransport dieses Jahr, über eineinhalb Tage Verspätung! Das erklärte Ziel der AktivistInnen sind beim nächsten Transport die 100 Stunden zu knacken, und das werden wir schaffen. Nochmals vielen Dank für die großartige Unterstützung und Solidarität der AnwohnerInnen und in den Camps. Nicht umsonst ging am Dienstag Nachmittag ein Spruch durch die Camps: „Ohne Vokü, ohne Sanis wärn wir nichts“. Bis zum nächsten Castor!