Daimler: Jagd auf Kranke

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Gespräch mit Mustafa Efe von der oppositionellen Betriebszeitung Alternative im Werk Berlin-Marienfelde und IG-Metall-Betriebsratsmitglied*. Die Fragen stellte Johannes Burczyk.


 

Wie geht euer Betrieb gegen kranke Kollegen vor?

Schon seit einigen Jahren stellt die Daimler AG die unterschiedlichen Werke in Konkurrenz zueinander. Welcher Standort hat die geringsten Personalkosten? An welchem deutschen Standort sind die Krankenkennziffern am Günstigsten? Und so weiter. Nun sollen die Werke untereinander darum wetteifern, welcher Standort die niedrigsten Krankenstände hat, dem „Sieger“ winkt eine Belohnung. Diese Konkurrenz wird – um die Profite noch weiter zu steigern – verstärkt auf dem Rücken der Kollegen ausgetragen. Anstatt die krank machenden Arbeitsbedingungen zu verbessern, werden in der Montage die Taktzeiten sogar noch verkürzt.

Wenn diese Bedingungen einen Kollegen krank machen, muss er sich zuerst bei seinem Vorgesetzten melden. Dieser droht dann mit einem Personalgespräch. Immer öfter werden Kollegen aufgefordert, Urlaubs- oder Gleittage zu nehmen und sich nicht krankschreiben zu lassen. Bei längeren Krankheiten bekommen die Kollegen Post nach Hause, in der das Unternehmen eine „Zukunftsprognose“ fordert, denn man müsse ja Verständnis dafür haben, dass „ein Unternehmen wie die Daimler-AG sich Arbeitsunfähigkeiten, […] und Belastungen durch zu leistende Entgeldfortzahlungen in diesem Ausmaß nicht leisten“ könne.

Die Gefahr einer krankheitsbedingten Kündigung zwingt viele zurück ins Werk, die im Bett besser aufgehoben wären.

Dadurch wird der offizielle Krankenstand letztlich geschönt. Die Statistik sieht besser aus, aber gesünder sind die Menschen ja nicht.

Diese Situation ist ja nicht nur bei uns so. In ganz Deutschland sinken seit Jahren die offiziellen Krankenstände. Sind die Arbeitsbedingungen neuerdings so toll? Gerade in den „boomenden“ Bereichen wie Leih- und Zeitarbeit? Nein, dahinter steckt die Angst der Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze. Es ist doch kein Zufall, dass das Daimler-Werk Ludwigsfelde in Brandenburg den niedrigsten Krankenstand hat. Der Druck auf die Kollegen in diesen wirtschaftlich schwachen Regionen ist besonders stark.

Die Kapitalisten drücken die Krankenstatistiken auch, um zu verhindern, dass es eine breite gesellschaftliche Debatte über die Ursachen gibt. Dass es letztlich dieses kapitalistische System ist, welches mehr und mehr Menschen krank macht.

Trifft dieses harte Vorgehen des Konzerns nur einzelne Kollegen, die Langzeitkranken etwa, oder ist das ein systematischer Umgang mit allen?

Der Betriebsrat in Marienfelde stimmte mehrheitlich einer Vereinbarung mit dem Unternehmen zu, die genau dieses Vorgehen systematisiert. Die Meldung beim Vorgesetzten, das Führen von Krankenrückkehr-Gesprächen, das Erstellen einer Zukunftsprognose et cetera. Das trifft alle.

Diese Vereinbarung sollte schnellstens gekündigt werden, dann gäbe es keine gesetzliche Grundlage für die Krankenrückkehr-Gespräche mehr. Dass dieser Betriebsrat das von sich aus macht, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Die Mehrheit der Mitglieder macht eine Politik des Co-Managements.

Notwendig ist, dass die Kollegen selber aktiv werden und auch genügend Druck auf den Betriebsrat ausüben, dass dieser die Vereinbarung kündigt. Die regelmäßige Herausgabe der Alternative, die auch von SAV-Mitgliedern unterstützt wird, ist ein wichtiger Schritt, um die Beschäftigten zu informieren und ihre Selbstaktivität zu fördern.

* Angabe zur Funktion dient nur der Kenntlichmachung der Person