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Streik im Einzelhandel: Bericht aus Berlin

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Trotz Gewinnsprüngen verweigern Arbeitgeber Tarifverträge und Lohnzuschläge

Bericht von der ver.di-Streikdemo in Berlin, 17.10., von Johannes Ullrich


 

Etwa 1.000 streikende Berliner Einzelhandelsbeschäftige (lt. ver.di) zogen am 17.10. vom ver.di-Haus zum Alexanderplatz in Berlin-Mitte, um ihre Forderungen nach Tarifverträgen, Angleichung der Ost- und West-Löhne und Lohnzuschlägen für Nacht-, Feiertags- etc. Arbeitszeit zu bekräftigen. Ver.di-Verhandlungsführerin Erika Ritter unterstrich auf der Abschlußkundgebung, dass trotz Gewinnsprüngen von bspw. 20% (REWE-Gruppe) und 15% (EDEKA) die Beschäftigten nichts von den Profiten abbekämen. Sozialismus.info sprach mit Kolleginnen von EXTRA, die darauf hinwiesen, dass es in den vergangenen Jahren im Gegenteil massive Lohnverluste gegeben habe und dass die Arbeitsbedingungen unzumutbar geworden wären: So wird immer mehr Flexibilität eingefordert, die KollegInnen werden erst 3 Stunden vor von oben geplantem Schichtbeginn informiert, und generell ist die Verängstigung sehr groß (O-Ton: „Wozu soll man überhaupt noch einen Beruf lernen, wenn die [Unternehmer] sowieso nur noch Ungelernte anstellen?!“).

Reichelt-Betriebsrat Andreas Nowak stellte die Situation im sozialismus.info-Interview etwas ausführlicher dar:
Frage: Welche Einzelhandelskonzerne werden heute bestreikt?

Antwort: Es sind KollegInnen von Reichelt, REWE, Kaiser"s/Tengelmann und EXTRA mit auf der Straße.

Frage: Was sind die Forderungen in der laufenden Tarifauseinandersetzung?

Antwort: Zunächst ist zu sagen, dass es seit Kündigung des Manteltarifvertrages Ende 2006 durch die Arbeitgeber lediglich zwei Verhandlungstage gegeben hat, beide ohne akzeptable Angebote. Wir fordern sowohl einen Manteltarifvertrag als auch Arbeitszeit- und Entlohnungsverträge. Die Lohnunterschiede zwischen Ost und West müssen 17 Jahre nach der Wiedervereinigung endlich abgeschafft werden! Und natürlich kann es nicht sein, dass die KollegInnen, die abends, nachts, an Samstagen, Sonn- und Feiertagen arbeiten, dafür keine Zuschläge bekommen.

Frage: Wie ist die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen?

Antwort: Die Arbeitnehmer sind nicht mehr bereit, Zugeständnisse irgendeiner Art zu machen. Früher gab es noch so etwas wie eine Bindung an das Unternehmen, das scheint inzwischen nicht mehr gewollt zu sein. Jedenfalls hat sich in den letzten Jahren die Arbeitssituation so verschlechtert, dass die KollegInnen die Nase voll haben eben auch bereit sind, für Verbesserungen auf die Straße zu gehen.

Frage: Derzeit gibt es ja auch bei der Bahn heftige Auseinandersetzungen zwischen GDL und DB-Konzern. Wie stehen Sie dazu? Gibt es Ansätze, die Kämpfe zu verbinden?

Antwort: Das würde ja wenn, dann von ver.di ausgehen müssen. Aber ich habe den Eindruck, dass – weil ja Transnet im DGB ist und die GDL nicht – es keine konkreten Initiativen in diese Richtung gibt. Aber heute bei der Streikversammlung wurde beschlossen, morgen wieder zu streiken, insofern gibt es eine Überschneidung, falls auch die Lokführer morgen wieder im Ausstand sind.