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Klima: Radikaler Schutz ist möglich

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Im Kampf gegen den Klimawandel zählt jeder Tag. Je später wir gegensteuern, desto höher fällt die Erwärmung der Erde aus. Praktisch alle Szenarien über den Klimawandel gehen davon aus, dass die CO2-Emissionen zunächst weiter steigen werden. Welchen Effekt es hätte, wenn man den CO2-Ausstoß stattdessen schnell und deutlich senken würde, zum Beispiel um 50 Prozent in fünf Jahren, wird erst gar nicht durchgerechnet. Man hält das für utopisch.

von Georg Kümmel, Köln

Seit dem ersten internationalen Klimaschutz-Abkommen von Rio im Jahre 1992 hat sich der CO2-Ausstoß sogar noch weiter beschleunigt. Die Menschheit sitzt also in einem Auto, das auf einen Abgrund zu rast und dessen Fahrer versichert, er wolle demnächst auf die Bremse treten – und dann sogar noch Gas gibt.

Erneuerbare Energien

Dabei sind die technischen Möglichkeiten vorhanden, um die Kohlendioxid-Emissionen auf Null zu senken. Man müsste nur die Energie der Sonne nutzen. (Zu einem kleineren Teil auch die Erdwärme und die Kraft aus Ebbe und Flut). Die Menge Sonnenenergie, die pro Jahr auf die Erde trifft, ist etwa zehntausend Mal größer als der gesamte jährliche globale Energieverbrauch. Der mit den heutigen Mitteln nutzbare Teil aus dieser gewaltigen Energiemenge übersteigt den derzeitigen weltweiten Energieverbrauch immer noch um das Drei- bis Sechsfache. (Je nachdem, welcher Aufwand zur Nutzung der Sonnenenergie betrieben würde).

Kosten

Eine Energieversorgung ausschließlich aus regenerativen Energien wäre auch nach heutigen Maßstäben finanzierbar. Ein Rechenbeispiel: Hätte die Welt sich vor sechs Jahren entschieden, die fast 1.000 Milliarden Euro, die die Militärhaushalte mittlerweile jährlich verschlingen, nicht für die Rüstung sondern jedes Jahr für den Bau von Windrädern auszugeben, dann könnte heute der gesamte Strombedarf der Welt allein aus Windenergie gedeckt werden, also ganz ohne CO2-Emissionen und ohne Atomkraftwerke.

Wie gesagt, das sind nur Beispiele, um eine Vorstellung davon zu geben, dass selbst mit den heutigen Mitteln eine Umstellung der kompletten Energieversorgung der Welt technisch und finanziell möglich wäre. Niemand schlägt vor, die Stromversorgung ausschließlich aus Windenergie oder nur aus Solarzellen in der Wüste zu decken. Am sinnvollsten ist es natürlich, abhängig von den jeweiligen klimatischen und geografischen Verhältnissen, verschiedene Techniken nebeneinander anzuwenden, um am effizientesten die Energie der Sonne in Form von Sonnenstrahlung, Wind, Wasser, Wellen, Biomasse zu nutzen. (Außerdem die Erdwärme und die Kraft der Gezeiten).

Wenn Deutschland sozialistisch wäre…

Das Zeitalter der industriellen Revolution führte zu einem immer schnelleren Anstieg von CO2 in der Atmosphäre. Das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dessen Rahmen dies geschah und geschieht, ist aber der Kapitalismus. Alle Erfahrung zeigt, dass dieses System strukturell unfähig ist, umweltverträglich zu wirtschaften. Der Kapitalismus hat im Gegenteil die Welt in eine Sackgasse manövriert, aus der nur durch eine 180-Grad-Wende herauszukommen ist. Kapitalismus bedeutet Privateigentum an Produktionsmitteln, Produktion für den Profit und Konkurrenzkampf.

Was wäre in einer Gesellschaft möglich, die nach ganz anderen Prinzipien wirtschaften würde? Sozialismus basiert auf dem Gemeineigentum an Produktionsmitteln und der Produktion entsprechend den Bedürfnissen von Mensch und Umwelt. Grundlage einer sozialistischen Gesellschaft ist, dass die Demokratie in der wichtigsten Sphäre der Gesellschaft eingeführt wird: In der Produktion.

Nehmen wir also an, in Deutschland wäre der Kapitalismus abgeschafft, alle Betriebe wären in Gemeineigentum überführt. Man könnte sofort auf allen Ebenen Klimaräte bilden. Also in allen Betrieben Delegierte wählen und Ausschüsse bilden. Delegierte aus Betrieben, Universitäten, öffentlicher Verwaltung würden zusammenkommen und einen Plan erarbeiten, wie innerhalb möglichst kurzer Zeit die maximale Reduzierung an CO2-Emissionen erreicht werden könnte. Als Sofortmaßnahme würde geprüft, welche Produkte überflüssig und schädlich sind. Deren Herstellung würde sofort eingestellt. Beispiele: Die Papierflut aus Werbung würde sofort gestoppt. Für alle Branchen und Betriebe könnte eine bundesweite Internettauschbörse eingerichtet werden, in der die Berufspendler ihre Arbeitsplätze in wohnortnahe Arbeitsplätze tauschen könnten. Das spart Energie und bringt Freizeit. Umgehend würde der Nulltarif im Nahverkehr eingeführt, die Preise im Fernverkehr der Bahn würden in einem ersten Schritt halbiert.

Umstellung der Produktion

Natürlich müsste man Schritt für Schritt die gesamte Produktion umstellen. Zum Beispiel würden die ArbeiterInnen und Ingenieure in den Automobilwerken einen Plan erarbeiten, wie sie ihre Fabrik umwandeln, um statt Autos in Zukunft Busse und Bahnen zu bauen. Stillgelegte Eisenbahnstrecken würden wieder eröffnet beziehungsweise wieder hergestellt.

Es würde ein Plan erarbeitet, um sämtliche öffentlichen Gebäude und alle Wohnungen nach dem neuesten Stand der Technik zu dämmen und zu beheizen.

Laut Bundes-Umweltministerium (BMU) arbeiteten im vergangenen Jahr in Deutschland rund 170.000 Menschen im Bereich erneuerbare Energien. Das Umweltministerium verkündete stolz, dass im Jahr 2020 sogar 300.000 Menschen in der Branche beschäftigt sein werden (Pressemitteilung des BMU vom 19. September 2006). Um eine Ahnung davon zu bekommen, in welchem Tempo eine grundlegende Umstellung auf erneuerbare Energien vonstatten gehen könnte, braucht man sich nur vorzustellen, dass die Arbeitskraft von mehreren Millionen Menschen dazu schon heute vorhanden ist. Nämlich von all denen, die heute gezwungenermaßen arbeitslos sind oder gesellschaftlich völlig nutzlose Tätigkeiten ausüben müssen, weil sie Fahrscheine kontrollieren, Versicherungen verkaufen oder ihre Mitmenschen mit Werbeanrufen nerven.

Globale Herausforderung

Diese Maßnahmen wären ein großer Schritt vorwärts. Doch das Klimaproblem erfordert wie kein anderes eine globale Lösung. Nehmen wir deshalb an, die Diktatur der Banken und Konzerne wäre weltweit beseitigt.

Weltweit würden Militär und Rüstung abgeschafft. Aus kapitalistischer Sicht macht es heute Sinn, um Energieressourcen und um Grund und Boden zur Nutzung von Energiequellen zu kämpfen. Aber die Vorstellung, mit Panzern um den Zugang zu allgegenwärtigen Wind und Sonnenschein zu kämpfen, erscheint als das, was sie ist – völlig absurd. Unmittelbar positiv würde sich auch auswirken, dass gleichzeitig die Ölverbrennung der gigantischen Militärmaschinerie auf Null gebracht würde.

Der Wegfall des Konkurrenzkampfes zwischen Betrieben und zwischen Staaten hätte auch unmittelbar zur Konsequenz, dass das Patentrecht abgeschafft würde. Sämtliche bisherigen und zukünftigen technischen Errungenschaften würden der gesamten Menschheit, zum Beispiel über Datenbanken im Internet, zur Verfügung gestellt, sofort und kostenlos. Die Nachahmung der besten technischen Lösungen wäre nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Heute existiert ein großer Teil der Warenströme auf der Welt nur, weil damit Unterschiede bei Löhnen ausgenutzt werden. Verlagerung der Produktion in Billiglohnländern heißt nämlich gleichzeitig Produktion von noch mehr Güterverkehr, denn die Produkte müssen ja rund um den Globus wieder zu den Verbrauchern transportiert werden. Mit dieser Form der Energieverschwendung wäre ebenfalls Schluss.

Sozialismus und Demokratie

Aber warum wurden in den Staaten des Ostblocks, in denen der Kapitalismus schon abgeschafft war, in der Energieversorgung ähnlich umweltzerstörende Wege gegangen wie im Westen? Weil in diesen Ländern die Wirtschaft nicht demokratisch, sondern bürokratisch geplant wurde. Mit bürokratischen Kommando-Methoden kann man es gerade noch schaffen, den Bau von wenigen aber riesigen Kohle- und Atomkraftwerken zu organisieren. Demgegenüber ist die Sonnenenergie ihrer Natur nach dezentral, sie scheint für jeden, der Wind bläst überall. Um dieses Potenzial zu nutzen, bedarf es zwar zum Teil einer zentralen Planung, zum Beispiel um die Verteilung der Ressourcen und Arbeitskräfte für den Bau von Windrädern und Sonnenkollektoren zu organisieren, gleichzeitig erfordert die optimale Nutzung dieser Energieform die Beteiligung und Initiative der gesamten Gesellschaft. Gleiches gilt für das Energiesparen. Das ist mit der Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit in der Gesellschaft unvereinbar, dies gilt sowohl im Stalinismus als auch im Kapitalismus. Sozialismus ohne Demokratie geht nicht.

Selbst mit den heute zur Verfügung stehenden technischen Mitteln wäre es möglich, den gewaltigen Schaden, den die kapitalistische Produktionsweise an dem Weltklima bereits angerichtet hat, nicht nur nicht größer werden zu lassen, sondern sogar im Laufe von ein oder zwei Generationen zu beheben. Außerdem kann man sich vorstellen, dass es durch Beendigung der heute üblichen gewaltigen Verschwendung von Energie möglich wäre, den Energiebedarf hierzulande auf ein Fünftel oder ein Zehntel zu verringern, ohne Einbußen am Lebensstandard. Zusammen mit der weltweit im Überfluss zur Verfügung stehenden Energie der Sonne weist das den Weg, wie Wohlstand für alle Menschen und Schutz des Klimas global machbar wären.

Dieser Artikel soll ein Angebot sein, mit uns darüber zu sprechen, auf welchem Weg eine erfolgreiche Veränderung der Welt in eine sozialistische Demokratie möglich ist und ein Appell, sich dem internationalen Kampf für dieses Ziel anzuschließen.