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Weltweite Armut – Die Kluft zwischen arm und reich wird größer

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Kapitalismus führt zu schreiender Ungleichheit
 

von Lynn Walsh, Socialist Party (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI England und Wales)

Die ungezügelten Kräfte des kapitalistischen freien Marktes haben die Ungleichheiten zwischen arm und reich, Kapitalist und Arbeiter sowohl auf globaler Ebene als auch innerhalb der Einzelstaaten vertieft. Jüngste Berichte geben darüber Aufschluss, dass die ungleiche Verteilung von Reichtum und Einkommen überall zunimmt.

Die ungleiche Verteilung des Reichtums hat fantastische Ausmaße erreicht. Weltweit setzt sich das reichste eine Prozent der Menschheit aus 37 Millionen Erwachsenen zusammen, die pro Person mindestens 515.000 Dollar ihr Eigen nennen (Besitztümer, Firmenanteile, Barmittel etc.). Sie alle zusammen besitzen damit 40% des Reichtums der Erde – insgesamt 125 Billionen Dollar.

Die reichsten 10% besitzen 85% des Reichtums, während am anderen Ende der Skala die Hälfte der Weltbevölkerung mit nur 1,1% des globalen Reichtums Vorlieb nehmen darf.

Das Vermögen des durchschnittlichen Weltbürgers liegt bei 2.200 Dollar.

Die Globalisierung, so wird stets proklamiert, sei gut für alle. Trotzdem kämpfen zur Zeit mehr als 1.000.000.000 (eine Milliarde!) Menschen mit nur einem Dollar am Tag ums Überleben.

Die meisten Super-Reichen leben in den USA, Europa und einer Hand voll asiatischer Staaten (Japan, Südkorea, China etc.). – Doch die super-reichen Eliten werden in vielen „Entwicklungsländern“ größer.

Diese Daten für das Jahr 2000, zu dem Zeitpunkt also, da die weltweite Finanzblase ihre größte Ausdehnung erfuhr, wurden vom von der UNO finanzierten World Institute for Development Economics Research herausgegeben.

Beschleunigte Ungleichheit

Seit gut einem Jahrhundert vergrößert sich die Kluft zwischen den reichsten und ärmsten Ländern. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs, im Jahr 1913, lag das Pro-Kopf-BSP (nationales Bruttosozialprodukt geteilt durch Bevölkerungszahl) in den reichen Ländern 22 Mal höher als in den armen. 1970 lag es schon um den Faktor 88 darüber. Doch nachdem sich die Globalisierung in den frühen 1980er Jahren beschleunigt entwickelte, klaffte eine weit dramatischere Lücke. Im Jahr 2000 lag das Pro-Kopf-BSP in den reichen Ländern plötzlich 267 Mal höher als das der ärmsten Länder.

Gleichzeitig hat das vom Markt hervorgerufene wirtschaftliche Wachstum auch zu zunehmender Ungleichheit innerhalb der ärmeren sich entwickeltnden Länder geführt. China, das 10%ige jährliche Wachstumsraten erlebt hat, ist beispielsweise eines der Länder mit der größten Ungleichheit. Das Durchschnittseinkommen des unteren Fünftels der Bevölkerung liegt bei weniger als 5% von dem, was das obere Fünftel der Bevölkerung besitzt.

Die Reichsten der Reichen

Finanzinstitute und Händler von Luxusartikeln sind naturgemäß an einer wachsenden weltweiten Elite der Super-Reichen interessiert. Die Investment-Banken Merrill Lynch und Capgemini Consultants geben jedes Jahr einen Reichtumsbericht heraus, der Auskunft über die internationale Verbreitung von sogenannten High Net-Worth Individuals (HNWIs) gibt. Damit sind Menschen gemeint, die über unmittelbare liquide Mittel von über einer Million Dollar verfügen (Erstwohnsitz, Fahrzeuge etc. werden nicht eingerechnet).

Weltweit gibt es 8,7 Millionen HNWIs mit insgesamt 33 Billionen Dollar an liquiden Mitteln. Ihre Anzahl nimmt rapide zu und wuchs 2005 um 6,5 Prozent. Bei den ultra-HNWIs, den Menschen mit mehr als 30 Millionen Dollar an liquiden Mitteln, ist ein noch rascherer Zuwachs festzustellen. Diese Elite stellt zahlenmäßig 1 Prozent des wiederum weltweit reichsten einen Prozent der Bevölkerung, besteht in absoluten Zahlen aus 85.000 Personen und kontrolliert dabei 24 Prozent des weltweiten Vermögens.

Es überrascht nicht, dass Finanzinstitute und andere eifrig dabei sind, sich auf diesen profitablen Markt zu orientieren.

Anfang Dezember kommentierte ein Journalist des International Herald Tribune eine Konferenz des Einzelhandels in Istanbul: „Wenn die Reichen reicher werden und die Anzahl der Vermögenden in den Märkten von Russland bis China größer wird, werden die Anbieter von Luxusartikeln neue Wellen über-teurer Waren lostreten, um den wohlhabendsten Kunden gerecht zu werden […]. Der Absatz von Luxusartikeln nimmt aufgrund der wachsenden wohlhabenden Klasse in Russland, China, Indien zu. – Länder, von denen man annimmt, dass bis 2014 32 Prozent der Luxusartikel hier ihre Käufer finden werden. […]“

Die Gucci-Gruppe plant eine Marktstrategie für seine 19.000-Dollar-Handtaschen und Cartier macht Werbung für seinen 30.000-Dollar-Service zur Zusammenstellung kundengerechter Duftnoten für den individuellen Geschmack.

Zunehmende Ausbeutung

Unterdessen veröffentlichte die Hilfsorganisation War on Want einen Bericht über die Hungerlöhne, die in Bangladesch gezahlt werden. Großhandelsketten wie Primark, Asda und Tesco behaupten, sie führten eine Politik „gerechter Entlohnung“ durch und würden „ethische Standards“ für ihre Angestellten auch in Übersee einhalten. Aber immer noch werden sie von Subunternehmen beliefert, die – wie z.B. in Bangladesch – den ArbeiterInnen einen Stundenlohn von 5 britischen Pence (umgerechnet ca. 8 Euro-Cent) bei einer 80-Stunden-Woche zahlen.

Die britische Tageszeitung The Guardian berichtete von zwei typischen Beispielen: „Nazmul, 24, dessen Arbeit darin besteht Hemden mit Nadeln zu verstehen, sagte, dass er in der Regel mehr als 80 Stunden die Woche arbeite mit nur einem freien Tag alle 14 Tage. Die Überstunden mit eingerechnet kommt er auf 2.400 Taka (ca. 27 Euro) im Monat.“

Frauen stellen bis zu zwei Drittel der Arbeitskräfte. „Veena, 23, sagte, man hatte sie beschuldigt ein Stück Stoff gestohlen zu haben und entlassen, nachdem sie sich über sexuelle Belästigung beschwert hatte. »Ich habe nichts gestohlen und mich geweigert zu tun, was ein Manager von mir verlangte. Es gibt keine Gewerkschaf! Bei wem könnte ich mich beschweren? Wer wird meinen Job nun bekommen?«“.

Nachdem die Inflation zugelassen wurde, sind die Einkommen in Bangladesch in den letzten 10 Jahren um rund die Hälfte zurück gegangen. Ein Mindesteinkommen müsste bei gut 3.000 Taka (ca. 34 Euro) liegen, während die meisten ArbeiterInnen nur gut 1.150 Taka (ca. 24 Euro) im Monat und bei einer 48-Stunden-Woche bekommen.

Nachhaltige Armut

Programme der Weltbank zur Bekämpfung der Armut hatten geringen oder gar keinen Erfolg. Das ist das Ergebnis einer Studie über 25 arme Staaten durch die bankeigene Independent Evaluation Group. Lediglich elf Länder erfuhren eine im besten Fall marginale Armutsverringerung und 14 Länder verzeichneten über die letzten fünf Jahre entweder dieselbe oder gar eine noch größere Armutsrate wie zuvor.

„Es bleibt dabei, dass Errungenschaften bezüglich nachhaltig steigender Pro-Kopf-Einkommen, die zur Armutsbekämpfung essentiell sind, an einer beträchtlichen Zahl von Ländern vorbei gehen“, so wurde in dem Bericht erklärt. Dies gilt trotz der Tatsache, dass die „Entwicklungsländer“ alle zusammen ein jährliches 5- bis 6-prozentiges Wachstum verzeichnen konnten – ausgenommen China und Indien, die beide 10-prozentige jährliche Wachstumsraten vorweisen.

„Die Untersuchung betont, dass wirtschaftliches Wachstum für sich genommen noch nichts bedeutet: Wie die Zuwächse verteilt werden, ist mindestens genauso entscheidend. In China, Rumänien, Sri Lanka und vielen lateinamerikanischen Staaten haben rasch wachsende Ökonomien die Einkommen vieler verbessert. Aber die sozialen Zuwendungen wurden bei gleichzeitiger Zunahme wirtschaftlicher Ungleichheiten gedeckelt, da das Gros der Ausbeute in die Hände der Reichen und nicht genug bei den armen Haushalten landet […].“

Ängste, aber keine Antworten

Die Milliardäre haben gut Lachen; Finanzspekulanten geht es so gut wie nie zuvor. Und dennoch fürchten sich einige der Vertreter des Kapitals, die gelegentlich über die Zukunft ihres Systems nachsinnen, den politischen Rückschlag aufgrund der extremen Polarisierung zwischen der wohlhabenden Elite und der verarmenden Mehrheit.

Ben Bernanke, neuer Vorsitzender der US-amerikanischen Zentralbank Federal Reserve, trat jüngst für eine „fairere“ Globalisierung ein, indem er den „Wandel und einen Konsens zur Anhebung der Fürsorgepflicht“ befürwortete, um zu verhindern, dass „sozialer und politischer Widerstand offen zu Tage tritt“; das ist der Fundamentalismus des freien Marktes. Bernanke befürchtet wachsende internationale Spannungen und zunehmende Risiken durch Terrorismus, welche von Ungleichheit und der Zwangslage der von Armut betroffenen ArbeiterInnen genährt werden.

Lawrence Summers, ehemaliger US-Finanzminister unter Präsident Clinton, warnte ebenfalls vor den Folgen zunehmender Ungleichheit. In den vergangenen fünf Jahren erlebte die Weltwirtschaft ein unvorhergesehenes Wachstum und dennoch „sehen wir ein Bedenken gegenüber der Marktwirtschaft, das seit dem Fall der Berliner Mauer und wahrscheinlich auch davor nicht bestand.“

Jenseits von Vorschlägen zu einem Ausbau der Bildung und betrieblicher Weiterbildungsmaßnahmen für ArbeitnehmerInnen, bieten weder Bernanke noch Summers wirkliche Lösungen an. Summers sagt, dass Regierungen „auf den Ergebnissen, die [die freie Marktwirtschaft] naturgemäß produziert“ aufbauen sollten. Konkrete Politikansätze schlägt er hingegen nicht vor.

Der kapitalistische Markt bringt unvermeidlich eine Polarisierung von Kapitalisten, die das Kapital anhäufen und die tatsächliche Macht ausüben, und der Arbeiterklasse hervor, deren Arbeitskraft die wirkliche Quelle allen gesellschaftlichen Reichtums ist. In den letzten 25 Jahren hat sich diese Polarisierung durch eine marktfreundliche Politik der Regierungen in aller Welt verschärft: Deregulierung des Marktes, Privatisierungen im öffentlichen Dienst oder die Beschneidung gewerkschaftlicher Rechte.

Die schreiende Ungleichheit wird durch Flickschusterei der Regierungspolitik nicht überwunden. Wir brauchen einen weltweiten Systemwechsel.

Wir werden einer Ausgewogenheit nur näher kommen, wenn ArbeiterInnen und Kleinbauern, die den Wohlstand produzieren, die nationale wie die internationale Wirtschaft übernehmen und sie demokratisch unter einer sozialistischen Produktionsplanung fortführen. Das Ziel der super-reichen Kapitalisten ist es, mehr und mehr individuellen Reichtum anzuhäufen. Die Aufgabe der Mehrheit im Sozialismus ist es, ein besseres Leben für die gesamte Menschheit zu erreichen.

(Quellen: The Guardian (London) und New York Times, 6.12.06, Guardian Weekly, 30.6.06, „Luxury Sector Focusing on Richest of the Rich“, International Herald Tribune, 8.12.06, The Guardian, 8.12.06, Washington Post, 8.12.06, Financial Times (London), 25.8.06, Financial Times, 29.10.06)

Karl Marx` Beobachtungen 1856: „Auf der einen Seite sind industrielle und wissenschaftliche Kräfte zum Leben erwacht, von der keine Epoche der früheren menschlichen Geschichte je eine Ahnung hatte. Auf der andern Seite gibt es Verfallssymptome, welche die aus der letzten Zeit des Römischen Reiches berichteten Schrecken bei weitem in den Schatten stellen. […] Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not. […]“ Karl Marx: Rede auf der Jahresfeier des „People“s Paper“ am 14. April 1856 in London.

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe von The Socialist, Zeitung der Socialist Party (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in England und Wales).