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Vor 100 Jahren – Die Russische Revolution 1905

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Am Sonntag, den 9. Januar 1905 ermordeten zaristische Soldaten mehr als 1.000 DemonstrantInnen vor dem Winterpalast in Sankt Petersburg. Damit begann die erste Russische Revolution des letzten Jahrhunderts.
 
Im Verlauf dieser Revolution entstanden zum ersten Mal in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung Sowjets (Räte). Sie sollten zum Vorbild für den Aufbau neuer, eigenständiger und zutiefst demokratischer Strukturen der Arbeiterklasse im Kampf für eine sozialistische Gesellschaft werden. Zwölf Jahre nach der Revolution von 1905 wurden sie die Staatsorgane der Sowjetrepublik in Russland.
1905 zeigte eindrucksvoll die reale Stärke der Klasse der Lohnabhängigen, als die Kraft, die in der Lage ist, den Kapitalismus zu überwinden und eine neue, grundlegend demokratische sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu errichten. 1905 war auch die erste Feuertaufe für die revolutionären Kräfte in Russland und gleichzeitig die ‘Generalprobe‘ für die Russische Revolution von 1917.
An der Prozession vor dem Winterpalast in Petersburg nahmen 200.000 Menschen teil. Vor dem Hintergrund des russisch-japanischen Krieges und sich dramatisch verschlechternder Lebensverhältnisse forderten sie von dem ‘unter Gottes Gnaden‘ herrschenden Zar Reformen. Auf die gewaltsame Niederschlagung dieses Bittganges folgte in den darauffolgenden zwölf Monaten eine Welle von Kämpfen, Massenstreiks und Vorbereitungen für einen bewaffneten Aufstand. Gleichzeitig war es die bis dahin weltweit stärkste Bewegung der Arbeiterklasse. Auf dem Land erhob sich die Bauernschaft. Es gab Landbesetzungen und Enteignungen von Großgrundbesitzern.

Zarismus

In den Jahren 1902 und 1903 erschütterte eine mächtige Streikbewegung das Zarenreich. Noch wichtiger war aber der Krieg zwischen Russland und Japan 1904. Russland wurde auf ganzer Linie geschlagen. Dies leistete Hoffnungen unter der Arbeiterklasse und den Kapitalisten Vorschub, dass der Zar abdanken würde; viele hatten sich eine Niederlage Russlands herbeigesehnt. Die Bürden des Krieges trugen die ArbeiterInnen und die verarmten BäuerInnen. Um eine Ahnung von dem Elend unter dem Zaren zu bekommen: Immer wieder kam es zu Hungersnöten. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung konnten weder lesen noch schreiben. Noch 1913, dem Spitzenjahr der Industrieproduktion zur Zarenzeit, belief sich das durchschnittliche Einkommen pro Beschäftigten gerade mal auf 80,9 Prozent des Standards, der für Großbritannien 1688 galt!
Eine allgemeine Unruhe in allen Schichten der Gesellschaft war die Folge. Im November 1904 veröffentlichten hundert prominente Liberale einen Forderungskatalog für mehr demokratische Rechte und Mitsprachemöglichkeiten. Kurz darauf traten im Januar 1905 140.000 ArbeiterInnen in Petrograd in den Streik. Die Petersburger Gewerkschaft, die den Streik organisierte, wurde von dem Geistlichen, Georgi Gapon, angeführt, und war vom zaristischen Geheimdienst, der Okrana, unterwandert. Der Streik wurde rasch politisch und so stand Georgi Gapon an der Spitze eines Marsches, der die Anliegen der ArbeiterInnen in Form einer Petition an den Zar überbringen sollte. Sie beinhaltete folgende Forderungen, die als Bittschriften formuliert waren: Einführung des Acht-Stunden-Tages, höhere Löhne, demokratische Rechte und das allgemeine und gleiche Wahlrecht zu einer Konstituierenden Versammlung. Dieser Marsch am 9. Januar war friedlich, viele Frauen und Kinder waren dabei, die TeilnehmerInnen trugen sogar Ikonen und Porträts vom Zaren. Doch plötzlich eröffneten Soldaten das Feuer und schossen aus kürzester Entfernung auf die Menge ein. Es wurde schnell deutlich, dass dieses Massaker, das als Blutsonntag in die Geschichte eingehen sollte, von langer Hand vorbereitet war.

Gegensätze

Russland war unter dem Zaren ein Land, auf das die Bezeichnung Leo Trotzkis von der sogenannten ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung zutraf. Ein Phänomen, das heute noch für viele Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, den Ländern der neokolonialen Welt, gilt. Neben einer landwirtschaftlich geprägten, rückständigen Wirtschaft entstand eine hochkonzentrierte Industriestruktur in Sankt Petersburg und in anderen Städten. Aus dem weiterentwickelten Westeuropa kam das Kapital, welches dem Zar auch geliehen wurde, um einen riesigen staatlichen Repressionsapparat mit einer großen, modernen Armee zu bilden. Dies bildete die Grundlage für eine inoffizielle Allianz zwischen den westeuropäischen Kapitalisten und dem Zaren.
Die Industriearbeiterklasse stellte nur einen kleinen Teil der Gesamtbevölkerung. 1897 zählte Russland 150 Millionen Menschen, unter diesen waren zu dem Zeitpunkt nur 3,3 Millionen im Bergbau, im Transportwesen und in anderen industriellen Sektoren beschäftigt. Die ArbeiterInnen lebten aber zusammengeballt in den Industrieregionen. 1902 arbeiteten 38,5 Prozent der Fabrikarbeiter in Betrieben mit mehr als 1.000 Beschäftigten. In Deutschland, einer zu dieser Zeit viel weiter entwickelten Wirtschaft, waren es nur zehn Prozent.

Generalstreik

Der Blutsonntag bestimmte die weitere Dynamik der Revolution. Ein Militärregime mit General Trepow an der Spitze wurde errichtet, aber die Streiks gingen nicht nur weiter, sondern gewannen durch das repressive Vorgehen des Staatsapparates enorm an Unterstützung. So hat die ‘Peitsche der Konterrevolution‘ die Revolution massiv vorwärts getrieben. Im Januar und Februar dehnten sich die Streiks auf 122 kleine Ortschaften und Städte aus. Sie setzten sich den Frühling über bis in den Sommer hinein fort. Im Juni fand an Bord des Panzerkreuzers Potemkin eine Rebellion statt, die von Staatskräften niedergeschlagen wurde.
Bald war es die Arbeiterklasse, die an vorderster Front die Revolution vorantrieb. Im Spätherbst erlebte die revolutionäre Bewegung nach einer vorübergehenden Verschnaufpause einen neuen Aufschwung, der in den bis dahin größten Generalstreik in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung mündete. Im Oktober streikten die Druckereien in Moskau, dann in Petersburg und schließlich riefen die Eisenbahnbeschäftigten in Moskau am 9. Oktober einen Generalstreik aus. Die bisherigen Forderungen wurden ergänzt um Forderungen wie nach Straffreiheit für die politischen Gefangenen. Der Staat sah sich zu diesem Zeitpunkt der Streikbewegung hilflos gegenüber, die am 13. Oktober das gesellschaftliche Leben in Petersburg zum Erliegen brachte und vier Tage später auch mehr als vierzig weitere Städte, darunter Warschau und Riga, erreichte. In Schweden titelte die Tageszeitung Social Demokraten: ‘Ein Streik, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat.‘ Auch in Deutschland setzte, ermutigt durch die Ereignisse in Russland, eine Streikwelle ein. Die Russische Revolution hatte international solch eine Ausstrahlung, dass zum Beispiel im Januar 1906 zum ersten Jahrestag des Blutsonntags 20.000 ArbeiterInnen in Stockholm auf die Straße gingen, um dem Beginn der Russischen Revolution zu gedenken.
In Russland setzte im Verlauf der Revolution in der Arbeiterbewegung und in der Linken eine Diskussion darüber ein, wie weit die Forderungen des Aufstands gehen sollten, und welche gesellschaftliche Klasse ihn anführen sollte.

Theorie der Permanenten Revolution

Aus den konkret existierenden ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen ergab sich, dass die nationale kapitalistische Klasse, die Bourgeoisie, im Vergleich zu Ländern wie England und Frankreich stark zurückgeblieben war. Sie war als gesellschaftliche Kraft sehr schwach, vierzig Prozent der Wirtschaft war direkt oder indirekt in Händen des Auslandskapitals. In vielen Fällen war das russische Bürgertum mit dem Großgrundbesitz verflochten. Häufig waren Feudalherren und Unternehmer ein und dieselbe Person, was dazu führte, dass der Unternehmer in seiner Eigenschaft als Feudalherr mit der weiteren Industrialisierung und der Schaffung bürgerlicher Verhältnisse seine Zukunft gefährdet sah. Die feudalistische Gesellschaft existierte im Zarenreich parallel zum Kapitalismus noch weiter. Die Bourgeoisie konnte also wegen der späten Entwicklung des Kapitalismus in Russland nicht die gleiche vorwärtstreibende Rolle beim revolutionären Übergang vom Feudalismus zur bürgerlichen Gesellschaft spielen wie beispielsweise das französische Bürgertum in der Französischen Revolution von 1789.
1898 war die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (RSDAP) gegründet worden. 1903 kam es zur Spaltung in Menschewiki (Minderheit) und Bolschewiki (Mehrheit), politisch letztendlich die Spaltung in ReformistInnen und Revolutionäre. Beide Seiten sahen in der Russischen Revolution eine bürgerlich-demokratische Revolution. Die Hauptaufgaben der Revolution sahen sie in der Lösung der Landfrage, der Beendigung der Unterdrückung der vielen nicht-russischen Nationalitäten und in der Eroberung demokratischer Rechte, wie dem Streikrecht oder dem Wahlrecht. Daraus zogen die Menschewiki den Schluss, dass sich die Arbeiterklasse den Bürgerlichen und ihrer liberalen Partei, den Kadetten (Konstitutionelle Demokraten) unterordnen müsse. Lenin und die Bolschewiki argumentierten dagegen. Ihrer Ansicht nach war die schwache russische Kapitalistenklasse zu feige, um sich entschlossen gegen den Zarismus aufzulehnen. Unnachgiebig machte Lenin sich dafür stark, dass die Arbeiterklasse unbedingt eine unabhängige, eigenständige Rolle einnehmen müsse. Im Bündnis mit der verarmten Bauernschaft sollten die Lohnabhängigen ohne Illusionen in das Kapital für demokratische Rechte streiten. Auf Basis dieser Analyse formulierten Lenin und die Bolschewiki die Parole der ‘Demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern.‘
Der russische Revolutionär Leo Trotzki, (der 1904 mit den Menschewiki brach und politisch auf Seiten der Bolschewiki stand, aber erst 1917 formal Mitglied wurde), knüpfte daran an, ging aber noch weiter. Er vertrat die Ansicht, dass damit noch nicht entschieden wäre, wer die zentrale Rolle spielen soll ‘ Arbeiterklasse oder Bauernschaft. Trotzki wies nach, dass die Bauernschaft auf Grund ihrer Stellung in Wirtschaft und Gesellschaft keine eigenständige Position einnehmen kann, sondern sich entweder auf die Seite der Bourgeoisie oder des Proletariats, der Arbeiterklasse, als den Hauptklassen in der Epoche der Industriellen Revolution, schlagen muss. Im Zuge der Ereignisse von 1905 entwickelte er die Theorie der Permanenten Revolution. Wenn die Arbeiterklasse die führende Rolle in der Revolution innehabe, dann dürfe sie, so Trotzki, nicht bei den klassischen Aufgaben der bürgerlichen Revolution stehen bleiben. Auf Landreform, Lösung der Nationalen Frage und Übergang von feudalistischer zu kapitalistischer Wirtschaftsform sollte unmittelbar die sozialistische Umwälzung folgen. Also eine Enteignung der Kapitalisten und eine internationale Ausweitung der Revolution. In diesem Sinne bezeichnete er später 1905 als ‘eine bürgerliche Revolution ohne revolutionäre Bourgeoisie‘.

Bolschewiki

Die russischen Revolutionäre innerhalb der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die Bolschewiki, organisierten im Frühjahr 1905 den dritten Kongress der Sozialdemokratie, ohne Teilnahme der Menschewiki. Dieser Kongress stand im Zeichen davon, die Organisation vor dem Hintergrund der Revolution mit doppelter und dreifacher Anstrengung schnellstmöglich weiter aufzubauen und in der Industriearbeiterklasse weiter zu verankern. Nach Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen über Mitgliedschaftskriterien und Fragen des Parteiaufbaus machten die Bolschewiki im Verlauf des Jahres 1905 enorme Fortschritte; vor allem, nachdem Lenin im November aus dem Exil zurückkehren konnte. Im November zählten sie 8.400 Mitglieder. Im April 1906, als die erste Duma zusammentrat, waren es 13.000 Mitglieder und 1907 ‘ als die Revolution endgültig niedergeschlagen wurde ‘ stachen sie mit 46.000 Mitgliedern zum ersten Mal die Menschewiki aus.
Rosa Luxemburg, die ursprünglich aus Polen stammte, konnte im Dezember 1905 nach Warschau gehen. Sie übte damals maßgeblichen Einfluss auf die polnische Sozialdemokratie aus und kämpfte für einen marxistischen Kurs. Auch die polnischen Sozialdemokraten konnten ihre Mitgliedschaft von 25.000 im Jahr 1905 auf 40.000 bis 1907 steigern. Zurück in Deutschland konnte Luxemburg ihre revolutionären Erfahrungen nutzen, um gegen die Stärkung des Reformismus in der SPD anzukämpfen.

Die Sowjets

Im Verlauf der Auseinandersetzungen vom Herbst 1905 in Russland entstanden die Arbeiterräte, die Sowjets. Am 10. Oktober trat in Petersburg eine Versammlung von Delegierten aus ungefähr 30 Arbeitsstellen zusammen. Später wurde für je 500 Beschäftigte ein Delegierter geschickt. Die Sowjets dehnten sich rasch auf alle größeren Städte aus und wurden zu den Hauptorganen der Revolution. Ihre Aufgaben fasste der Vertreter der Druckereiarbeiter in Petersburg so zusammen: ‘In Anbetracht der Unwirksamkeit von passivem Kampf und der reinen Arbeitsniederlegung ist nunmehr unser Ziel: die streikende Arbeiterklasse in eine revolutionäre Armee zu verwandeln; falls notwendig dafür Waffenläden zu stürmen und Waffen der regulären Armee zu konfiszieren; bewaffnete Abteilungen von Arbeitern zu organisieren.‘

Konterrevolution

Der Zar reagierte zunächst mit einer Mischung aus Zugeständnissen und Terror. Am 17. Oktober wurden in einem ‘demokratischen Manifest‘ Wahlen zur einer Duma, einer Art vom Zaren kontrolliertem Parlament festgelegt. Außerhalb von Petersburg wurde wieder die Arbeit aufgenommen. In Petersburg warnten Trotzki und andere Führer der Sowjets vor Illusionen in den Zaren. Am 17. Oktober besetzten staatliche Truppen in der Nacht die Universität und sprengten ein Treffen des Arbeiterrates. Die alte Staatsmacht war selbst inmitten des größten Aufruhrs intakt geblieben, und als der Generalstreik an Kraft verlor, schlug sie zurück. Trotzki schrieb darüber, dass sich Hunderte von russischen Städten und Dörfern in die reine Hölle verwandelten und ganze Straßenzüge und Häuser in Flammen standen. Er nannte es ‘die Rache der alten Ordnung für ihre erlittene Schmach‘. Bei den Pogromen spielten die Schwarzen Hundertschaften eine große Rolle. Kriminelle und reaktionäre kleinbürgerliche Kräfte tummelten sich in ihnen. Sie ähnelten den späteren faschistischen Schlägertrupps in Deutschland und Italien. Besonders Arbeiterführer und Juden waren unter den Opfern. Es gab fast 4.000 Tote und 10.000 Verletzte. In Petersburg verhinderte jedoch der Widerstand der ArbeiterInnen und ihrer bewaffneten Kräfte, dass solche reaktionären Pogrome in der Stadt durchgeführt werden konnten.
Während die Konterrevolution weiter ging, eine Revolte in Kronstadt niedergeschlagen wurde und Polen unter Kriegsrecht gestellt wurde, rief der Sowjet in Petersburg einen weiteren regionalen Generalstreik aus. Er war zunächst überaus erfolgreich und dauerte vom 2. bis zum 7. November. Die Verhängung vom Kriegsrecht in Polen wurde zurückgenommen und die angedrohte Exekution der Rebellen in Kronstadt abgesagt. Der Sowjet in Petersburg wurde von Trotzki und der Bolschewistischen Fraktion in der Sozialdemokratischen Partei Russlands angeführt. Trotzki war in den Wochen vor der Zerschlagung des Petersburger Sowjets zum Vorsitzenden gewählt worden.
Die Sowjets waren zum alternativen Staatsorgan geworden. Auf unbegrenzte Zeit konnte diese Doppelherrschaft jedoch nicht existieren.

Der Kampf um die Macht

Der Sowjet in Petrograd beobachtete die Stimmung in der Armee sehr genau und wusste, dass die einfachen Soldaten nur dann die Seiten wechseln würden, wenn eine Aussicht auf Erfolg bestünde. Denn auch in der Armee brodelte es. Am 11. November rebellierten die Matrosen in Sewastopol und übernahmen für ein paar Tage das Kommando über einen Großteil der Schwarzmeerflotte. Sie erhielten jedoch keine Unterstützung von den Armeesoldaten und wurden von Heerestruppen angegriffen und geschlagen.
Auch die Kämpfe auf dem Land spitzten sich zu. Mehrfach wurden Ländereien, die im Besitz von Großgrundbesitzern waren, niedergebrannt. Die BäuerInnen kamen zu nationalen Kongressen zusammen.
Auch die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in Polen, dem Baltikum und im Kaukasus gewannen im Strudel der Revolution an Stärke. Die nationale Bourgeoisie und die liberalen Kräfte hinkten den Entwicklungen hinterher, und als die Niederlage näher kam, rückten sie vollständig von den Zielen der Revolution ab. Der Petersburger Sowjet sah keine Alternative als auf den bewaffneten Aufstand und die Machtergreifung hinzuarbeiten. Die Liberalen und die Menschewiki warfen den Sowjets vor, mit dem bewaffneten Aufstand potenzielle Alliierte unter der Bourgeoisie zu verschrecken und rieten dazu, den offenen Kampf zu vermeiden und sich unter die Führung der Kapitalisten zu stellen. Trotzki antwortete ihnen, dass man nicht nur dann in den Kampf treten könne, wenn der Sieg von vornherein feststehen würde. In dem Fall würde es auf der ganzen Welt keine Kämpfe geben. Lenin führte in ‘Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution‘, geschrieben im Sommer 1905, seine Position aus, dass die Arbeiterklasse nicht zulassen darf, dass die Bourgeoisie die Führung in der Revolution übernimmt, weil sie sich damit verraten und verkaufen würde.
Nach den Konzessionen vom 17. Oktober suchten die Liberalen ein Abkommen mit dem Zaren und sahen den Kampf der Sowjets als Hindernis dafür. Sie gaben sich mit der Einrichtung eines Duma-Parlaments zufrieden.
In ‘Mein Leben‘ führt Trotzki aus, warum die Revolution sich letztendlich nicht durchsetzte: ‘Der Sowjet hatte riesige Massen auf die Beine gebracht. Die gesamte Arbeiterschaft stand hinter ihm. Auf dem Lande herrschten Unruhen, ebenso bei den Truppen, die (…) aus dem Fernen Osten zurückkehrten. Aber die Garde- und Kosakenregimenter waren noch fest. Alle Elemente einer siegreichen Revolution waren vorhanden, aber diese Elemente waren noch nicht reif.‘ Weil es nicht gelang, diese Teile, die überwiegend aus der Bauernschaft kamen, für die Revolution politisch zu gewinnen, (was auch damit zusammenhing, dass die Bolschewiki nicht rechtzeitig genug Einfluss und Verankerung erzielten), konnte sich die Konterrevolution am Schluss durchsetzen.

Scheitern der Revolution

Bevor sich der Zar endgültig durchsetzen konnte, gab es für die revolutionären Kräfte zwar noch einige Erfolge, so bei Streiks von Post, Telegraphenämtern und Eisenbahnen. Aber diese waren nur von kurzer Dauer. Am 26. November wurde der Vorsitzende des Petrograder Sowjets, Chrustaljow, verhaftet. Trotzki übernahm an dessen Stelle den Vorsitz. Am 2. Dezember wurden acht dem Sowjet nahstehende Zeitungen verboten und die Streiks bei Post und Bahn beendet. Ein Tag darauf wurden die Delegierten des Petrograder Sowjets verhaftet. In Moskau zog sich die Auseinandersetzung bis Mitte Dezember hin. Der dortige Sowjet hatte Arbeitermilizen gebildet und zu einem politischen Streik aufgerufen. Aber auch hier setzte sich letztendlich die Armee des Zaren durch. Nach Schätzungen wurden in Moskau mehr als 1.000 Menschen ermordet.

Lehren

Der zaristische Staatsapparat brauchte trotz einer riesigen Staatsmaschinerie fast zwei Jahre, um die Revolution völlig niederzuschlagen.
Heute, ein Jahrhundert später, ist die Russische Revolution von 1905 noch immer reich an Lehren:
l Revolutionen sind die Folge unlösbarer Klassengegensätze. Auch unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche können sich diese Gegensätze aufbauen und dann plötzlich ausbrechen. In Russland schien der Zar fest im Sattel. Auch die Demonstration am Blutsonntag hatte noch kein revolutionäres Bewusstsein, sondern setzte viele Hoffnungen in den Zaren. Das Jahr 1905 zeigt, wie sich in revolutionären Zeiten das Bewusstsein in Sprüngen entwickeln kann.
l Forderungen, die lange ‘unrealistisch‘ und ‘utopisch‘ scheinen, können durch den Sturm der revolutionären Bewegung beinahe über Nacht durchgesetzt werden. 1905 galt das für die Verkürzung der Arbeitszeit oder für Presse- und Versammlungsfreiheit. In der Deutschen Novemberrevolution waren Acht-Stunden-Tag oder das allgemeine und freie Wahlrecht ‘Nebenprodukte‘.
l Die Arbeiterklasse ist die stärkste revolutionäre Kraft im Kapitalismus. Obwohl sie weniger als zehn Prozent der Bevölkerung ausmachte, bestimmte sie im Jahr 1905 den Gang der Ereignisse. Die ländlichen Massen setzten sich auch in Bewegung, richteten sich letztendlich aber nach den Machtverhältnissen in den Städten. Die Bauernschaft orientiert sich also stets an der Arbeiterklasse oder an der Bourgeosie.
l Eine Revolution kann nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Das Aufkommen von Arbeiterräten, den Sowjets, führte zu einer Doppelherrschaft mit der alten Staatsmacht. Das konnte nur von kurzer Dauer sein, und stellte die Frage: Entweder besiegen die Kapitalisten die Arbeiterklasse, oder die Arbeiterräte werden zu den Organen einer neuen, sozialistischen Ordnung wie in der Russischen Revolution 1917.
l In jeder Revolution, generell aber auf jeder Stufe des Klassenkampfes ist eine entschlossene Führung von unschätzbarem Wert. Das sieht man schon bei kleineren Auseinandersetzungen wie dem Marsch auf der B 10 im Sommer 2004 von Daimler-Beschäftigten in Stuttgart. Ohne eine organisierte Kraft wie den dortigen kämpferischen Mettinger Betriebsräten, die schon seit Jahren politische Arbeit machen, wäre das nicht möglich gewesen.
Im größeren Maßstab gilt das um so mehr. Trotzki übte maßgeblichen Einfluss auf den Petrograder Sowjet 1905 aus, Lenin auf den Kurs der Bolschewiki. Auf Grundlage der Schlussfolgerungen von 1905, dem weiteren Aufbau der revolutionär-sozialistischen Partei und den Bemühungen um eine bessere Verankerung war die erfolgreiche Revolution von 1917, also nur zwölf Jahre später, möglich. Zum ersten Mal wurde der Kapitalismus gestürzt und durch eine Arbeiterdemokratie ersetzt. Zur Stalinisierung in den zwanziger Jahren konnte es nur kommen, weil das wirtschaftlich und kulturell extrem rückständige Sowjetrussland nach der Revolution isoliert blieb. Trotzdem beweisen die Revolutionen 1905 und 1917 die Fähigkeiten der Arbeiterklasse, eine sozialistische Gesellschaft aufbauen zu können und damit die einzige Alternative zum alltäglichen kapitalistischen Wahnsinn erreichen zu können ‘ wenn auf nationaler und vor allem auch auf internationaler Ebene eine starke revolutionär-sozialistische Kraft existiert.

von Pablo Alderete, Stuttgart