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Sri Lanka – Das Leben nach dem Tsunami

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Ein grausames Bild der Verwüstung nimmt langsam Gestalt an und läßt uns nicht los.

Bericht von Siritunga Jayasuriya, Generalsekretär der United Socialist Party (cwi in Sri Lanka)
 
Vor dem Hintergrund der 40.000 gemeldeten Toten in Sri Lanka hat die United Socialist Party auch bei den eigenen Kräften große Verluste erlitten. Auf der Sitzung des Vorstands am letzten Samstag wurde gemeldet, dass obwohl keine Mitglieder der Partei ihr Leben verloren, mindestens 86 UnterstützerInnen der USP beim Tsunami ums Leben kamen.

Am stärksten betroffen war der östliche Teil der Insel, die größte Stadt dort, Pottuvil, erlebt die schlimmste Katastrophe seit Menschengedenken. Fast 2000 Häuser wurden restlos hinweggefegt. Die Südwestküste wurde bis zu 30 Minuten später getroffen. Angesichts der modernen Kommunikationsmittel und des wissenschaftlichen Fortschrittes hätte die ganze Katastrophe und die vielen Todesopfer durch eine einfache Warnung und eine Evakuierung der Region vermieden werden können. Aber die bürokratische Pfuscherei und der fehlende Einsatz der Wissenschaft für das Gemeinwohl haben dafür gesorgt, dass eine Katastrophe von gigantischen Ausmaßen, durch die Versäumnisse des Kapitalismus verschlimmert, sich ereignen mußte.

Besonderen Dank gebührt den aufopferungsvollen und heroischen GenossInnen der United Socialist Party in Pottuvil. Bereits wenige Stunden nach der Katastrophe handelten sie um Menschen in den Trümmern und dem Sumpf, die das Tsunmai hinterlassen hatten, vor dem Tod zu retten.

Die USP in Pottuvil retteten 120 Familien vor dem Tod in dem sie auf eine durch die Flut geschaffene Insel gingen, während die einzige Brücke durch das Wasser
abgeschnitten wurde. Unter der Leitung des Genossen Abdul Jabbar, bauten sie schnell notdürftige Katamarane um auf die andere Seite zu gelangen. Sie brachten Essen und Wasser für die vielen Kinder, Frauen und ältere Menschen, die dort festsaßen und retteten sie so vor dem Verhungern. Nur durch diesen Einsatz der USP wurden die Regierungsorganisationen die an den Hilfseinsätzen beteiligt waren, dazu gezwungen, auch in diese Gegenden zu gehen, um Hilfe zu leisten.

Der größte Teil des Ostens von Sri Lanka ist historisch gesehen ein sehr armes und vernachlässigtes Gebiet gewesen. Die Bevölkerung besteht größtenteils aus Tamilisch-sprachigen Muslimen. Während des Krieges der letzten 20 Jahren wurden diese Menschen weder vom Süden akzeptiert, weil sie Tamilisch sprechen, noch vom Norden, weil sie Muslime sind. Obwohl das Tsunmai erst mit einer Verzögerung von 30-40 Minuten den Süden und Westen traf, war es dort so zerstörerisch wie sonst überall. Weil die Südküste, angefangen südlich von Colombo (Morotuwa) bis nach Hambantota, wo auch das nationale Tierschutzgebiet in Yala liegt, das Tourismusgebiet ist, waren viele ärmere Menschen an eben diesen Küsten des Indischen Ozeans, um zu versuchen, sich vom Tourismus ein Lebensunterhalt zu verdienen. Nach der Katastrophe ist es Mode geworden, zu sagen, die Menschen hätten gewußt daß sie sich in der Gefahrenzone befinden, weniger als 100 Meter vom Wasser entfernt. Aber was sollten sie sonst tun? Sie werden gezwungen ihr Leben zu riskieren und nah am Meer zu wohnen, entweder um vom Fischfang zu leben oder weil sie handgemachte Andenken wie traditionelle Masken und ähnliches an Touristen verkaufen. Die Zerstörung ist unvorstellbar. Mittelgroße Boote, die zum Fischen verwendet wurden, wurden auf die Straße geschleudert. Häuser in denen Menschen wohnten wurden in Trümmerhaufen verwandelt. Der Anblick von Kinderspielzeug, Kleidung und Bücher, die in der Luft hängen, an Bäumen oder im Gebüsch zerstreut, ist allgegenwärtig.

Der nun berüchtigte Unglückszug “Samudra Devi” (“Königin der Meere”) begann seine Fahrt von Colombo nach Matara an diesem schicksalhaften Tag ohne jede Warnung. Es war sogar so, dass der Lokführer während der Fahrt bereitwillig damit einverstanden war, dass Menschen, die bereits betroffen wurden, und auf der Flucht waren, in den Zug einsteigen durften. Aber als der Zug sich Akurala in der Nähe von Hikkaduwa näherte, traf eine riesige Welle den Zug aus dem Nichts, und schleuderte den Zug mitsamt 12 Waggons und den Schienen hundert Meter weit. Mindestens 95% der 2000 Reisenden kamen ums Leben. Viele Passagiere versuchten mit ihren Handys Hilfe zu holen, doch ohne Erfolg.

Die Regierungskräfte wie Polizei und Medizinische Versorgung brauchten volle 24 Stunden um den Unglücksort zu erreichen. Wenn eine schnellere Rettung aus der Luft gekommen wäre, hätten viele Menschenleben gerettet werden können. Es wird behauptet, daß die Verzögerung beabsichtigt war, weil die Polizei und andere örtliche Größen damit beschäftigt waren, sich durch plündern und Raub von den Opfern zu bereichern. Die Regierung verabschiedete dann ein Beschluß, wonach alle Leichen aus dem Zug verbrannt werden sollten.

Zerstörung und Diskriminierung im Süden

Die USP hat sich besonders angestrengt um betroffene Gebiete im Norden zu besuchen, zusammen mit einer Gruppe von anderen Linken, NGOs und der Presse. Die USP begab sich nach Mullathivu um sich ein Bildvon der Zerstörung zu machen, die die Flutwelle für die ohnehin schon unter dem Krieg leidende Tamilische Bevölkerung gebracht hatte.

Es muß betont werden daß dies nicht der erste Besuch der USP in dieser Region seit der Waffenruhe war. Die USP hatte sich Glaubwürdigkeit erarbeitet als eine politische Partei für alle arbeitenden Menschen in dem sie auch in dieser Region bei den letzten Wahlen mit einem sozialistischen Programm angetreten ist.

Die Besuchsdelegation ging zunächst nach Jaffna und wurde von der politischen Führung der LTTE (Liberation Tamil Tigers of Eelam) empfangen. Bei der Tamil
Rehabilitation Organisation (TRO) hatten wir solidarische Diskussionen um uns über das Ausmaß der Zerstörung zu informieren und auch über die Diskriminierung bezüglich der Versorgung mit Hilfsgütern auf der nördlichen Halbinsel. Um diesen durch Krieg gebeutelten Menschen noch Salz in die Wunde zu streuen, wird die Entscheidung der Regierung, die Armee mit der Leitung der Hilfscamps zu beauftragen, als Affront gegen die Tamilische Bevölkerung empfunden.

Unsere Delegation hatte keine Mühe, Zugang zu den bisherigen Kriegsgebieten zu bekommen. Die Tamilischen Behörden, die für den Norden zuständig sind, hinderten uns nicht dabei, unsere Arbeit zur Hilfe der Menschen zu machen. Die schwierigste Reise war die in den Dschungeln von Mullathivu, die als Hochburg der LTTE gelten, wobei gesagt werden muß, dass die Menschen im allgemeinen und die LTTE im besonderen durch die Flutwelle große Verluste erlitten haben. Die ganze Stadt Mullathivu, ehemals die wohlhabendste Fischereistadt des Nordens, wurde völlig hinweggefegt. Alle Gebäuden, Schulen, und Häuser sind im Meer gelandet. Es gibt kein Anzeichen der Besiedelung an dem Ort den man Mullathivu nannte. Das Ausmaß der Zerstörungskraft des Tsunami kann man anhand der abgeknickten Bäume sehen, die früher 10 Meter hoch waren.

Während die Flutwelle den Sinhalesichen, Tamilischen und Muslimischen „arbeiteten Armen“, die vorher „glücklich“ an den Küsten des Indischen Ozeans lebten, Tod und Zerstörung gebracht hat, versuchen die Reichen und die Elite, ihre eigene Krise mittels des Tsunami zu lösen.

Die Regierung Sri Lankas war am Rande eines finanziellen Abgrundes. Sie hatten nur noch für drei Wochen genug Devisen, um Außenhandel zu betreiben.
Die Regierung hatte kein Geld, um die versprochenen Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst zu bezahlen. Die Zahlung der Zinsen auf Schulden in Höhe von $55 Millionen standen an, und schwebten über die Köpfe der Regierung von Chandrika Kumarasinga. Die Flutwelle hat sich im Nachhinein als Segen für diese SLFP-geführte, völkische, JVP-infizierte Regierung erwiesen.

Obwohl die internationalen Medien vom schnellen Wideraufbau reden, ist nichts konkretes angefangen worden. Die eigentliche Hilfe für die Betroffenen ist vor Ort noch nicht sichtbar. Die ausländischen Gelder und medizinische Hilfe die kommen, werden von JVP- und SLFP-Leuten in ihre eigenen Gebiete umgeleitet, um ihren Einfluß dort zu vergrößern. Aber die Erleichterung auf den Finanzmärkten ist so stark daß die schwache Währung Sri Lankas, die dramatisch gefallen war, sich in der letzten Woche um 20% gegenüber dem britischen Pfund und um 10% gegenüber dem US-Dollar erholt hat, aufgrund des massiven Zuflusses der ausländischen Hilfsmittel.

Diese kapitalistische Regierung, gestärkt durch die Flutwelle, hat bereits mit versteckten Kriegsspielen angefangen. Während es alleine schon schlimm genug ist, die Armee mit der Leitung der Hilfscamps zu beauftragen, ist die Einladung an die Amerikanische, Britische und Indische Armeen, unter dem Deckmantel der Katastrophenhilfe nach Sri Lanka zu kommen, nichts anderes als eine indirekte Kriegserklärung gegen alle Sinhalesischen, Tamilischen und Muslimischen Menschen.

Dieses schwache, kapitalistische Regime Sri Lankas befindet sich auf einem gefährlichen und selbstzerstörerischen Kurs, unfähig die fundamentalen Probleme der Bevölkerung wie Armut, Krankheit, Mangel an guten und sicheren Wohnungen oder Arbeitslosigkeit zu lösen. Historisch und aktuelle verläßt es sich auf die imperialistischen Kräfte um an ihrer Stelle zu handeln.

In dieser kritischen Phase der Geschichte Sri Lankas sagt und fordert die United Socialist Party:

* Nein zu den fremden (Amerikanischen, Britischen und Indischen) Armeen die im Namen der Katastrophenhilfe im Land sind.
* Die Fluthilfe, die das Ergebnis der Opferbereitschaft von arbeitenden Menschen weltweit ist, sollte direkt und so schnell wie möglich an die Betroffenen gehen.
* Die Kontrolle über den Wiederaufbau und die Verteilung sollte sollten in den Händen von demokratisch gewählten Komittees der betroffenen Bevölkerung und der Gewerkschaften sein.
* Schämt euch, kriegshungrige Kapitalistenklasse Sri Lankas! Sowohl die oppositionelle UNP als auch die regierende UPFA, die die Kriegsbemühungen der Regierung unterstützen! Wir fordern vom Parlament die Streichung des aktuellen Verteidigungshaushaltes und die Umleitung der dafür vorgesehen Gelder für den Wiederaufbau.

Nationale Konferenz

Wir fordern daß die gesamte Linke und die Gewerkschaften in Sri Lanka sich der Lage gewachsen zeigen und den vom Tsunami Betroffenen helfen. Dies kann nur gemacht werden, in dem die Arbeiterklasse, FischerInnen, LandarbeiterInnen und sonstige vom Tsunami Betroffenen an einer nationalen Konferenz der arbeitenden Menschen Sri Lankas beteiligt werden.

Diese Konferenz sollte die Fragen der demokratischen Verteilung der Hilfsmittel und der Hilfeleistung für die Menschen diskutieren. Es sollte auch die gefährlichen Entwicklungstrends der imperialistischen Interessen in Sri Lankas diskutieren, und Maßnahmen ergreifen, um eine Katastrophe zu verhindern, die noch schlimmer wäre als die Flutwelle.

Übersetzung: Sean McGinley