Zurecht gestutzt

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Mit Skalpell und TV gegen erkämpfte Frauenrechte
 
Schaltet man dieser Tage den Fernseher an, um einfach mal etwas abzuschalten, findet man sich nur zu schnell konfrontiert mit den neuen Schönheits-OP-Shows. Mit „The Swan“ (Pro7), „Alles wird gut“ (RTL) und „I want a famous Face“ (MTV) nebst verschiedener „Dokus“ und entsprechender Ärzteserien flutet eine neue Qualität von Sexismus und Schönheitswahn über die Bildschirme.
Auch schon vorher wurden mit Sendungen wie „Frauentausch“ erkämpfte Verbesserungen der Stellung von Frauen attackiert. Dort treten zwei Frauen in der Familie der jeweils anderen den Wettbewerb um die beste Hausfrau an. Tüchtig sind Frauen anscheinend wie eh und je dann, wenn bei ihnen alles blitzt und glänzt, sie einander im Putzen und im Bedienen von Kindern und Männern übertrumpfen. Alles andere zählt offenbar nicht.
Aktuell behandeln die Sender aber am liebsten das Thema plastische Chirurgie. Der Druck dem Schönheitsideal möglichst nahe zu kommen wird nun sogar ausgeweitet auf operative Eingriffe.
Die Anzahl plastischer Operationen in Deutschland pro Jahr ist dadurch schon in der Vergangenheit stark angestiegen – von 109.000 im Jahr 1990 auf 660.000 im Jahr 2002. Aktuelle Zahlen dürften noch höher ausfallen.
Neben den oben genannten Shows sollte das Thema auch im Big-Brother-Container seinen Platz finden. Vier Bewohner sollten um eine Operation konkurrieren, die dann live übertragen werden sollte. Der beauftragte Arzt betrat den Container mit den fröhlichen Worten: „Ich habe auch einige Kataloge dabei.“ Während er dann dem einzigen männlichen Kandidaten empfahl doch lieber etwas abzuspecken und Sport zu treiben befand er die teilweise sehr umfangreichen Vorschläge der Frauen alle als gute Idee. Da die Live-Übertragung der OP gegenüber den Medienwächtern nicht durchzusetzen war, wurde das Ganze dann jedoch abgeblasen.

Selbstverstümmelung

Der vorläufige Höhepunkt im Gruselkabinett ist allerdings „The Swan“. In der von Verona Feldbusch moderierten Sendung nehmen ausschließlich Frauen teil. Sechzehn Frauen werden für neun Wochen in ein Camp geschickt, wo sie in absolut jeder Hinsicht zurechtgestutzt werden sollen. Das Team, was dies bewerkstelligen soll besteht aus plastischen Chirurgen, Kieferchirurgen, Fitnesstrainern, Ernährungsberatern und Psychologen. Es ist den Frauen dort außerdem während des gesamten Aufenthalts verboten in einen Spiegel zu schauen. In acht Sendungen treten dann je zwei Frauen gegeneinander an, die Gewinnerinnen konkurrieren im großen Finale um den Gesamtsieg.
Pro7.de erklärt dazu: „Dabei kommt es nicht darauf an, wer die ‚Schönere‘ ist. Es zählt, welche Kandidatin am härtesten an sich gearbeitet hat: Wer hat keine Trainingseinheit ausgelassen? Wer hat sein persönliches Ernährungsprogramm konsequent durchgezogen? Und wer hat die beste Ausstrahlung?“ Noch wichtiger als hübsch auszusehen ist es für Frauen also, dass sie sich mit aller Kraft abquälen dem Ideal zu entsprechen – Selbstverstümmelung inklusive.
Auf derselben Webseite findet man dann auch gleich folgende Links: Plastische Chirurgie – was genau ist alles möglich und was kostet das in etwa, außerdem Adresslisten von entsprechenden Kliniken und Ärzten. Do-It-Yourself für die Zuschauerinnen zu Hause.
Es ist kein Zufall, dass dieser heftige Angriff auf das Selbstbewusstsein von Frauen in einer Zeit von massivem Sozialabbau fällt. Frauen soll eine höhere Belastung aufgebürdet werden und sie sollen nicht auf die Idee kommen, sich gegen Verschlechterungen ihres Lebensstandards zu wehren.

von Julia, Hamburg