Zurück ins Mittelalter? Polens Frauen unter Druck

„Dominant in der Psyche der Frau ist die Mütterlichkeit. […] Die Eierstöcke, die Quelle des Lebens, befinden sich in jeder Frau. Man findet sie im Inneren des unteren Teils des Körpers. Dies ist ein heiliger Ort des Lebens.“ (aus polnischem Unterrichtsmaterial).
Iwona, Warschau und Goran Hastenteufel, Saarbrücken

 
Solchen und ähnlichen Unsinn müssen sich Polens SchülerInnen in einem neuen Fach namens „Vorbereitung auf das Familienleben“ anhören. Ursprünglich sollte in der Bildungsreform von 1998 das Fach „Sexualerziehung“ eingeführt werden. Doch aufgrund des Drucks, den die katholische Kirche in der polnischen Öffentlichkeit erzeugen kann, wurde das gestoppt.
Wem gehört der Körper?
1993 wurde die Abtreibung verboten. In drei Fällen ist die Abtreibung straffrei möglich: Gefahr für die Mutter, Behinderung des Kindes und nach einer Vergewaltigung. Doch die Frau muss beweisen, dass sie vergewaltigt wurde. Die dazu notwenigen Prozesse dauern meist weit über die ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft hinaus, in denen die Abtreibung möglich wäre.
Sollte frau dann den nötigen Abtreibungsschein in der Hand halten, ist es noch nicht geschafft. ÄrtzInnen dürfen aus Gewissensgründen eine Abtreibung ablehnen, selbst wenn einer der Abtreibungsgründe zutrifft. Dabei ist das Gewissen vieler Ärzte vom Geldbeutel der betroffen Frau abhängig. Im Zweifel braucht frau dann auch keinen Abtreibungsschein mehr. Im Jahre 2000 gab es 138 offizielle Abtreibungen. Die Schätzungen über illegale Abtreibungen liegen zwischen 80.000 und 200.000. Die Zahl der ausgesetzten Kinder hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Gesundheitsmisere

Doch die Frauen, die ihr Kind austragen wollen, sind nicht besser dran. Eigentlich ist die Gesundheitsversorgung staatlich abgedeckt. Doch die Behandlung ist schlecht. 20 Prozent der Frauen bezahlen zusätzlich Geld. Ohne Bezahlung darf nicht einmal der Vater bei der Geburt dabei sein.
Voruntersuchungen werden nur bei Frauen über 35 durchgeführt oder wenn es Fälle von Behinderungen in der Familie gibt. Ansons-ten müssen die Frauen dafür circa 300 Euro bezahlen. Für Frauen, die gerade unter diesen Bedingungen lieber verhüten würden, ist das nicht so einfach: Die Pille ist teuer und auch hier ist das „Gewissen“ des Gynäkologen im Spiel.
Arme Männer und ärmere Frauen
Der Niedergang des Stalinismus brachte in ganz Mittel- und Osteu-ropa massive Verschlechterung für Beschäftigte, Jugendliche und vor allem für Frauen. In Polen wird dies durch die reaktionäre Ideologie und den Einfluss der katholischen Kirche noch verstärkt. Vom wirtschaftlichen Niedergang sind Frauen besonders heftig betroffen. Über die Hälfte der gemeldeten Arbeitslosen sind Frauen, wobei sich viele Frauen, die gerne arbeiten würden, gar nicht arbeitslos melden. Im öffentlichen Bereich werden genausoviele Frauen eingestellt, wie Männer, im privaten Sektor nur 40 Prozent. Gleichzeitig wächst der private Sektor, während der öffentliche zusammengestrichen wird. Der Durchschnittslohn für Frauen beträgt nur 75 Prozent des gesammten Durchschnittslohns.

Sozialismus oder Barbarei

„Teile und Herrsche“ ist ein Grundprinzip jeder Klassengesellschaft. Unprofitable Arbeit, wie das Aufziehen von Kindern, auf einzelne abzuwälzen ist ein Grundprinzip des kapitalistischen Profitsystems. Der Markt ist für Profite da und nicht für die Masse der Weltbevölkerung, schon gar nicht für Frauen. Das Gemeineigentum an Produktionsmitteln und gesellschftliche Planung waren Grundvoraussetzungen für Verbesserungen für Frauen in Mittel- und Osteuropa. Die Diktatur einer Bürokratie war ein Hemmnis für die Entwicklung der Gesellschaft und für die Emanzipation der Frauen. Doch durch die Restauration des Kapitalismus hat sich gerade auch die Lage der Frauen in Polen drastisch verschlechtert.
Rosa Luxemburg, die bekannteste aus Polen stammende Sozialistin, prägte den Ausspruch „Sozialismus oder Barbarei“. Gerade bei der Wiederherstellung des Kapitalismus in Mittel- und Osteuropa ist dies besonders deutlich geworden. Deshalb darf Rosa Luxemburg nicht die bekannteste Sozialistin aus Polen bleiben.

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