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Lynn Walsh: Die wirtschaftlichen Folgen

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(29. 9. 2001)
Die grässlichen Angriffe auf die Zwillingstürme von New York zielten auf Symbole des Reichtums und der Weltherrschaft der USA. Unter den Tausenden, die ihr Leben durch die Selbstmord-Attentate verloren, waren schlecht bezahltes Reinigungspersonal, Laden- und Bürobeschäftigte und auch illegale EinwanderInnen, die unter der Tyrannei der neoliberalen Wirtschaftsgesetze arbeiten. Gleichzeitig haben die Attentäter dem größten Finanzzentrum der Welt und der wichtigen Luftfahrtbranche schweren Schaden zugefügt und Schockwellen durch die ganze US- und Weltwirtschaft gesandt. Was werden während der kommenden Monate und nächsten paar Jahre die Wirkungen auf die Weltwirtschaft sein?
 
Die unbekannten Folgen der wahrscheinlichen US-Militäraktion und ihrer Auswirkungen machen es schwierig, die Flugbahn der Weltwirtschaft vorherzusagen. Trotzdem ist es schon klar, dass die Ereignisse des 11. September den ernsthaften weltweiten Abschwung verstärken und verschärfen werden, in dem die Weltwirtschaft vorher schon schnell niedersank. In Perioden von anhaltendem Wirtschaftsaufschwung können die USA und andere führende kapitalistische Mächte ernsthafte Schocks ertragen und die wirtschaftlichen Unkosten einer teuren strategischen Antwort ertragen. Mit einer ähnlichen Krise in einem Abschwung fertigzuwerden, ist aber eine andere Sache.
Die Krise hat die USA getroffen, als sie schon vor ernsthaften wirtschaftlichen Schwierigkeiten stand. Seit Anfang 2000 hat sich die US-Wirtschaft stetig auf eine Rezession zubewegt, die wahrscheinlich auch ohne die jüngsten Ereignisse eine ziemlich tiefe Rezession geworden wäre. Dies war nicht nur ein Konjunkturabschwung, sondern spiegelt die Untergrabung der Bedingungen wider, die zur Entstehung des Booms der achtziger Jahre und des noch größeren Booms der späten neunziger Jahre führten.
Der jüngste Boom wurde durch Finanzspekulation, beispiellose Ausmaße der Verschuldung und eine große Abhängigkeit der USA vom Zustrom von Kapital aus Übersee angetrieben. Selbst vor dem 11. September begannen die Strategen des US-Kapitalismus doch noch, die ernsthaften Strukturprobleme anzupacken, die sich entwickelt hatten. Nur die Fortsetzung des verhältnismäßig hohen Niveaus der Konsumausgaben, dessen Unterhöhlung durch die Entwicklung von Arbeitslosigkeit besonders in der produzierenden Industrie gerade begann, verhinderte einen scharfen Einbruch der Wirtschaft.
Trotz scharfer Rückgängen an den Börsen seit dem Zusammenbruch der Technologieaktien im März letzten Jahres blieben Aktienkurse im Verhältnis zu Firmenprofiten überbewertet, die stark gefallen sind. Selbst ohne die reflexartige Reaktion auf die Angriffe auf New York und Washington hätte es weitere Einbrüche gegeben, möglicherweise an einem gewisse Punkt scharfe Einbrüche. Es ist nicht überraschend, dass die Angriffe den größten Börseneinbruch seit 1929-31 brachten ? dessen Widerhall unausweichlich ähnliche Einbrüche an Börsen auf der ganzen Welt waren. Diese Einbrüche werden einen großen Teil des ?Reichtumseffekts? beseitigen, der Neigung von Investoren zu höheren Investitionen und von VerbraucherInnen zu höherem Ausgaben auf der Grundlage des Wachstums ihres Vermögens an Geldanlagen (und Immobilien). Obendrein werden sich die Aktienkurse wahrscheinlich nur auf der Grundlage einer allgemeinen Wiederbelebung der Wirtschaft erholen, und die gegenwärtigen Anzeichen weisen in die entgegengesetzte Richtung.
Als Reaktion auf die Krise pumpte die US-Notenbank sofort 38 Milliarden Dollar in die Wirtschaft, die Bank von Japan, die Europäische Zentralbank, die Bank von England, und andere folgten mit ähnlichen Geldspritzen (zusammen 120 Milliarden Dollar). Dies wendete einen unmittelbaren Zusammenbruch ab, der sich aus einer Kettenreaktion von Zahlungsunfähigkeiten wegen der Aussetzung des Handels in New York und einer Bargeldkrise für viele Finanzhäuser hätte ergeben können. Zentralbanken werden zweifellos bereit sein, wenn nötig mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Dies wird aber für sich genommen nicht notwendig die Wirtschaftstätigkeit allgemein wiederbeleben, wenn es nicht breite günstige Bedingungen gibt.
Eine weitere Stütze des Booms der späten neunziger Jahre war das historische hohe Niveau der Firmen-, Hypotheken- und Verbraucherschulden. Dies ist jetzt ein strukturelles Problem, da viele Firmen und Haushalte Schwierigkeiten beim Schuldendienst haben. Niedrigere Zinsen können die Last in gewissem Umfang erleichtern, aber Menschen, die Angst vor der Zukunft haben, werden sich wahrscheinlich auf das Abzahle von Schulden und nicht auf höhere Ausgaben konzentrieren.
Während dem Boom Ende der neunziger Jahre stieg der Dollar und war mindestens 20-25% überbewertet. Die US-Wirtschaft saugte eine wachsende Menge an Importen ein, besonders aus den billigeren ostasiatischen Ländern, und häufte ein riesiges Handels- und Zahlungsbilanzdefizit auf. Normalerweise würde so ein Defizit den Wert der Währung eines Landes herabdrücken. Dem wirkte aber der riesige, beispiellose Zufluss von Kapital in die USA ? um einen Teil der im Boom erzielbaren Profite zu schnappen ? entgegen. Der hohe Dollar finanzierte nicht nur die Netto-Auslandsverschuldung der USA, sondern ermöglichte US-Unternehmen und VerbraucherInnen auch, ausländische Waren mit einem beträchtlichen Preisnachlass zu kaufen.
Es gibt jedoch weitverbreitete Furcht unter den Strategen des Kapitals, dass der hohe Dollar nicht mehr sehr lange beibehalten werden kann. Es wäre nicht überraschend, wenn die USA nicht länger als ?sicherer Hafen? für Investitionen gesehen werden. Seit dem 11. September kauft die Bank von Japan Dollar, um den Dollar zu halten und den Wechselkurs des Yen zu drücken.
Ein scharfer Fall im Dollarkurs hätte eine verheerende Wirkung auf die US-Wirtschaft. Es gäbe eine Kapitalflucht aus den USA und der US-Kapitalismus könnte nicht länger das gegenwärtige Handels- und Zahlungsbilanzdefizit halten. Wenn er nicht dramatisch Exporte steigern könnte (was unter den Bedingungen einer Weltrezession schwierig ist), müsste er die Importe drastisch senken. Zweifellos würden große Teile der Kapitalisten den Schutz ihrer Industrien und auch irgendwelche Kapitalkontrollen fordern.
Unmittelbare Wirkungen
Die unmittelbarste Wirkung des Angriffs war auf die Fluggesellschaften, denen verheerende Verluste und sogar Bankrott drohen. Vor dem 11. September wurde US-Fluggesellschaften ein Verlust von zusammen 3,5 Milliarden Dollar dieses Jahr vorausgesagt. Jetzt werden Verluste von mindestens 7-10 Milliarden Dollar erwartet. Die führenden US-Fluggesellschaften kürzen in Erwartung eines drastischen Rückgangs der Passagierzahlen ihre Kapazität um mindestens 20% was mehr als 100.000 verlorene Arbeitsplätze in den USA und international bedeuten könnte.
Die Fluggesellschaftsbosse liefen zu Präsident und Kongress und forderten ein 24-Milliarden-Dollar-Rettungspaket in Form von Steuerbefreiung und Kreditgarantien. Die Regierung bietet etwa 17.5 Milliarden Dollar. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine oder mehrere US-Fluggesellschaften pleite gehen werden. Ein Problem ist, dass die Versicherer sich jetzt weigern, Fluggesellschaften zu versichern. Fluggesellschaften auf der ganzen Welt werden vor großen Geschäftseinbußen stehen, zusammen mit zusätzlichen Sicherheits- und Versicherungskosten, und viele haben schon massive Arbeitsplatzverluste angekündigt.
Es wird klar weniger Nachfrage nach neuen Flugzeugen geben. Boeing hat schon eine Produktionssenkung um mehr als 20% angekündigt, was Arbeitsplatzverluste von 20 bis 30.000 bei einer gesamten Beschäftigtenzahl von etwa 94.000 im Zivilflugzeugbau bedeuten wird. Dies wird eine Kettenreaktionswirkung auf die 3.000 Firmen auf der ganzen Welt haben, die Zulieferer von Boeings Zivilflugzeugproduktion sind.
Größere Versicherungen werde riesige Verluste als Ergebnis der Zerstörung am 11. September erleiden. Gegenwärtig werden Gesamtforderungen in einer Höhe von 5 Milliarden Dollar erwartet, aber dies wird wahrscheinlich steigen. Kommentatoren warnen, dass dies eine ?lähmende? Last für Versicherungen einschließlich Lloyds aus London sein könnte.
Nach den Anschlägen stieg der Rohölpreis um über 3,50 Dollar je Fass (13%). Aber der Preis fiel bald, da die Führer der großen Ölproduzenten wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate versprachen, dass sie die Produktion steigern würden, um die Nachfrage zu befriedigen (die wegen der Rezession sowieso verringert sein wird). Der Ölpreis hat sich aber schon gegenüber den Krisenpreisen nach der Asienkrise 1997-98 verdreifacht ? was zum jüngsten weltweiten Abschwung beigetragen hat. Eine Eskalation des Konflikts im Nahen Osten könnte leicht weitere Anstiege provozieren.
Eine Fortsetzung und besonders eine Vertiefung der US-Rezession wird eine verheerende Wirkung auf den Rest der Weltwirtschaft haben. In den letzten fünf Jahren trug die US-Wirtschaft zwei Fünftel der Steigerung der globalen Nachfrage bei. Mit Wachstum nahe Null in den ersten zwei Quartalen und (schon vor dem 11. September) für das dritte Quartal vorhergesagtem Minuswachstum ist der US-Motor ins Stocken gekommen. In seinem letzten Ausblicks-Entwurf kommentiert der IWF: ?In den letzten vier Quartalen haben die führenden fortgeschrittenen Länder zum ersten Mal seit den frühen achtziger Jahren eine weitgehend gleichzeitige Wachstumsverlangsamung erfahren?. (Financial Times, 19. September)
Japan ist in die vierte Rezession in den letzten zehn Jahren mit einem Rückgang mit einer Jahresrate von 3.2% im zweiten Quartal eingetreten. Seit Jahresbeginn wurden Wachstumsvorhersagen für Europa ständig nach unten korrigiert. Die Krisen in Argentinien, Brasilien, der Türkei weisen zusammen mit der schweren Krise in einer Reihe ostasiatischer Wirtschaften auf eine sich ausweitende Ansteckung.
Selbst vor den Attentaten gab es einen deutlichen Rückgang in den globalen Auslandsinvestitionen (die hauptsächlich zwischen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern stattfinden). Nach der ?Konferenz der Vereinten Nationen zu Handel und Entwicklung? (UNCTAD) werden die Investitionen um 40% in diesem Jahr zurückgehen, von einem Rekord von 1.270 Milliarden Dollar 2000 auf 760 Milliarden. Dies ist der erste Rückgang seit 1991 und verantwortlich ist hauptsächlich der schwindende Boom bei den Konzernfusionen, der letztes Jahr seinen Höhepunkt erreichte.
Bei ausländischen Direktinvestitionen in ?Entwicklungsländer? wird ein Fall um 6% dieses Jahr erwartet, von 240 Milliarden Dollar 2000 auf 225 Milliarden. Wenn man den Kapitalabfluss aus unterentwickelten Ländern aber berücksichtigt, ist das Bild viel schlechter. Die Nettokapitalflüsse in die sogenannten ?aufstrebenden Märkte? fielen von 233 Milliarden Dollar 1996 auf bloße 2 Milliarden letztes Jahr. (Financial Times, 19. September) Kapitalströme waren zweifellos der Motor der Globalisierung, und die scharf verringerten Ströme weisen darauf hin, dass die jüngste Phase jetzt ihre Grenzen erreicht. Verringerte Investitionen und Kapitalflucht aus krisengeschüttelten Wirtschaften wird viel geringere Wachstumsraten unausweichlich machen. Dies wirft die Möglichkeit auf, dass Staaten, die vor einer schweren Wirtschaftskrise oder sogar einem wirtschaftlichen Zusammenbruch stehen, Maßnahmen zum Schutz ihrer Volkswirtschaften gegen Handel und Kapitalströme ergreifen werden, wie es Mahathir 1997 in Malaysia machte.
Zum Beispiel führte die US-Notenbank nach dem 11. September eine Prämie auf Notenbank-Kredite an Hedge Funds ein, die mit ihnen an der wiedereröffneten Börse spekulieren wollten. Was war das anderes als eine Form von US-Tobinsteuer auf Finanztransaktionen? Forderungen, dass die US-Regierung Maßnahmen gegen Terrorismus ergreift, Flughafensicherheit garantiert etc. haben die Aufmerksamkeit wieder auf die Rolle des Staats gelenkt. Die heroische Rolle der Feuerwehrleute (die nur einen Bruchteil der Gehälter der Börsenhändler erhalten) bei der Rettungsaktion in New York erinnert an die Grenzen der Marktkräfte.
Es gibt ein wachsendes Bewusstsein über die Antiglobalisierungsbewegung hinaus, dass die Kräfte der neoliberalen Globalisierung bei der Schaffung der Bedingungen geholfen haben, die zu den abstoßenden Angriffen auf New York und Washington führten. Hamish McRae, ein eifriger Anhänger der neoliberalen Politik kommentierte dazu klagend: ?Es ist möglich, dass der 11. September 2001 sich als Wendepunkt erweist: der Beginn eines schrittweisen Vorgehens gegen die internationalen Bewegungen von Handel und Geld, eines Rückzug von einer verflochtenen Welt. Dem Isolationismus in Amerika könnte ein Sichverschanzen in Europa entsprechen. Wenn es so wäre, würde das Jahrzehnt zwischen dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und der gestrigen Katastrophe als kurzes goldenes Zeitalter erscheinen?. (Independent, 12. September)
Auslösende Ereignisse und tiefere Ursachen
Trotz der sich seit vielen Monaten vor dem 11. September entwickelnden Symptome einer Rezession ist die Ernsthaftigkeit der wirtschaftlichen Lage breiten Schichten der US-Öffentlichkeit noch nicht klargeworden. Die Vorteile durch die jüngsten Lohnerhöhungen machten sich noch bemerkbar, während Inflation und Zinsen niedrig waren. ArbeiterInnen fingen erst an, von der Arbeitslosigkeit getroffen zu werden. Als ein Ergebnis werden viele die Terroranschläge als Ursache der Wirtschaftskrise sehen. Es kann ein Gefühl geben, dass sich die Wirtschaft bald ?wiederbeleben? wird, wenn die US-Regierung wirksame Maßnahmen gegen den Terrorismus ergreift und das ?Vertrauen? wiederherstellt. Die wirkliche Lage ist komplexer.
Eine geschichtliche Parallele ist der Öl?schock? 1973. Die Verdreifachung der Ölpreise durch die OPEC-Produzenten über Nacht löste zweifellos eine Weltwirtschaftskrise 1974-75 aus. Praktisch bezeichnete der Abschwung das Ende des langen Nachkriegsaufschwungs. Große Teile der Öffentlichkeit und nicht wenige Wirtschaftskommentatoren sahen den Ölpreisanstieg ? einen äußeren Schock ? als wirkliche Krisenursache.
Es gibt keinen Zweifel, dass der Ölpreisanstieg ein wirtschaftlicher Schock war, der die Weltwirtschaft in die Krise stieß, die wiederum das Aus-dem-Leim-Gehen der Nachkriegs-Wirtschaftsordnung beschleunigte. Aber er war ein auslösendes Ereignis, das selbst aus tieferen wirtschaftlichen und politischen Ursachen entstand. Ein großer Faktor hinter der OPEC-Entscheidung zur Preiserhöhung waren zum Beispiel die Wirkungen, die hohe und steigende Inflation auf den realen Preis hatte, den sie für ihre Ölexporte erhielten. Es gab auch klar politische Ursachen, am unmittelbarsten den ?Jom Kippur?-Krieg zwischen Israel und Ägypten 1973, der die arabischen Staaten und Iran zu einem Embargo der Ölexporte in den Westen provozierte. Der arabisch-israelische Krieg war im weiteren Sinn bloß einer in einer Reihe von bewaffneten Konflikten und politischen Krämpfen, die das Ende der Aufschwungsperiode bezeichneten. Ungleiche wirtschaftliche Entwicklung bei einer verschärften Polarisierung des Reichtums sowohl zwischen Staaten als auch innerhalb der Gesellschaft war ein Hauptfaktor ? wie in der jüngsten Periode der neoliberalen Globalisierung. Die beispiellose Wechselwirkung von Wirtschaftskrisen, politischer Unruhe und bewaffnetem Konflikt hat immer den Beginn von Perioden verschärfter internationaler Krisen bezeichnet.
Krieg und Konjunkturzyklus
Ein paar Finanzgurus trösten ihre Kunden mit dem Gedanken, dass Kriege oft gut fürs Geschäft sind. Es ist sicher wahr, dass bei der Wiedereröffnung der New Yorker Börse am 17. September neben dem allgemeinen Einbruch der Aktienkurse die Aktien von Rüstungsfirmen wie Lockheed hochschossen. Es ist auch wahr, dass sich beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und auch des Koreakriegs nach der anfänglichen Reflexreaktion die Aktien erholten und ständig im Wert stiegen (aber nicht auf die astronomischen Höhen der späten neunziger). Die Entwicklung der Wirtschaft, die die Entwicklung der Aktien bestimmt, hängt aber von der allgemeinen Wirtschaftslage ab.
Der Zweite Weltkrieg, der die USA nicht direkt traf, bedeutete gute Geschäfte für den US-Kapitalismus, der die Alliierten mit Waren und Rohstoffen versorgte. Der ?Nachkriegs?boom begann in den USA in Wirklichkeit 1940 mit einer schnellen Steigerung von Produktion und Rentabilität. Der US-Kapitalismus hatte mehr als genug Ressourcen zur Finanzierung seiner Kriegsanstrengungen. Der Koreakrieg lieferte auch einen Anreiz für die US-Wirtschaft, da er unter Bedingungen von allgemeinem Aufschwung in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern stattfand. Militärausgaben boten auch einen wichtigen Antrieb für die japanischen und südostasiatischen Wirtschaften und brachte sie auf einen Pfad schneller industrieller Modernisierung.
Aber der Vietnamkrieg war völlig anders. Die US-Intervention begann zwar in den frühen sechziger Jahren, aber der massive US-Militäraufmarsch fand nach 1968 statt. Dieses Jahr stellte einen Wendepunkt im Nachkriegsaufschwung dar, in dem Produktivität und Rentabilität zu sinken begannen. Hohe Militärausgaben verschärften die Probleme des US-Kapitalismus, führten zu Inflationsdruck, der sich auf den Rest der Weltwirtschaft ausdehnte. Als Reaktion auf die wachsenden Wirtschaftsschwierigkeiten ergriff Nixon in den frühen siebziger Jahren eine Reihe von Maßnahmen (einschließlich der Aufgabe der Goldbindung des Dollar und der Freigabe des Wechselkurses) die das internationale wirtschaftliche Rahmenwerk von Bretton Woods zerstörten. Der von Nixon ergriffene wirtschaftliche Kurs eröffnete eine Periode von internationaler wirtschaftlicher Erschütterung, wachsender Inflation und politischer Unruhe. Die Tür für den Prozess, der heute als Globalisierung bekannt ist, wurde geöffnet.
Die Lage nach dem 11. September ähnelt viel mehr der Periode des Vietnamkriegs als dem Zweiten Weltkrieg oder Koreakrieg. Die gegenwärtige militärisch-strategische Krise kommt, wenn das internationale Wirtschafts?regime?, das sich in den achtziger Jahren herausbildete und in den neunziger Jahren festigte, schon nach der asiatischen Währungskrise 1997 aus dem Leim zu gehen begann. Selbst auf der Höhe des Booms der neunziger Jahre schafften es weder die USA noch die anderen fortgeschrittenen kapitalistischen Länder, die im langen Nachkriegsaufschwung erreichten Niveaus von Produktions- und Produktivitätswachstum zu erreichen. Obendrein hat die US-Führung den ?Krieg? erklärt, aber die USA stehen nicht einem bestimmten Feind gegenüber, dem man nach einem strategischen Plan entgegentreten kann. Die Netzwerke der Terrorgruppen sind viel mehr wie der Vietcong, aber nicht einmal in einem einzigen Gebiet gelegen. Die unberechenbaren Folgen der Militäraktion in dieser Lage zusammen mit der Möglichkeit weiterer unvorhersagbarer Terrorangriffe schaffen abgesehen von jedem materiellen Schaden ein Klima von extremer Ungewissheit, das unausweichlich die normale Wirtschaftstätigkeit untergräbt.
Es ist obendrein wahrscheinlich, dass die terroristische Bedrohung zur Rechtfertigung von pauschalen Steigerungen von Militärausgaben gerechtfertigt wird, einschließlich absurder Projekte wie dem Nationalen Raketenabwehrsystem. Manche Strategieexperten fordern eine Erhöhung des Rüstungshaushalts von gegenwärtig 290 Milliarden auf über 400 Milliarden Dollar. Dies wird den Bundesfinanzen ungeheure zusätzlichen Belastungen auferlegen, während gleichzeitig der Abschwung den Überschuss im Bundeshaushalt auffrisst. Die Regierung wird gezwungen sein, die Steuern zu erhöhen und/oder Sozialausgaben zu senken, die Sozialversicherung (Rentenfonds) zu plündern oder Geld zur Bezahlung der Rechnungen zu drucken (und dadurch die Inflation zu erhöhen).
Reagan ließ ich auf ein massives Rüstungsprogramm ein, das der US-Wirtschaft in den achtziger Jahren einen großen Ansporn gab. Als die USA ihren Angriff auf den Irak im Golfkrieg machten, konnten sie auf ihre schon aufgestapelten Waffenvorräte zurückgreifen ? und dann die Rechnung ihren Verbündeten schicken, vor allem Japan und Deutschland. Das Erbe des ?Militär-Keynesianismus war ein massives Haushaltsdefizit. Zum Glück für Clinton erlaubte das Wachstum Ende der neunziger Jahre seiner Regierung, das Defizit abzubauen. George W und seine unmittelbaren Nachfolger als Präsident werden aber höchstwahrscheinlich keine so günstige Konjunktur erwischen.