Rezension: Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus

Die Soziolog*innen Caroline Amlinger und Oliver Nachtwey untersuchen in „Zerstörunglust”, wie sich rechtsextreme Ideologie entwickelt und verbreitet, und nutzen als Datenbasis Interviews mit Anhänger*innen der AfD und diverser Verschwörungserzählungen.

Von Claus Ludwig, Köln

Die Autor*innen analysieren das „Nullsummendenken” als eine zentrale Antriebskraft der rechten Ideologie. Darunter verstehen Amlinger und Nachtwey die Vorstellung, dass es nichts mehr zu verteilen gibt. Dadurch werden Fortschritte oder Teilhabe für bisher benachteiligte Gruppen als Bedrohung gesehen. Selbst normative Verbesserungen mit geringen materiellen Auswirkungen – wie gendergerechte Sprache – werden in diesem Kontext von der extremen Rechten erfolgreich als Angriff auf männliche weiße Arbeiter*innen dargestellt.

Die tiefere Ursache ist das Ende des kapitalistischen Fortschrittsversprechens – alle wissen oder zumindest spüren es, dass es den kommenden Generationen schlechter gehen wird. So sinkt in den USA die durchschnittliche Lebenserwartung „weil Angehörige der Unter- und der unteren Mittelklasse in einigen Regionen dramatisch früher sterben.” Amlinger und Nachtwey sprechen von einer „zukunftslosen Welt”: „Wenn es für viele nichts mehr zu gewinnen gibt und man verzweifelt danach strebt, Verlust zu reduzieren, kämpfen Menschen nicht länger gegen Benachteiligungen und für mehr Gleichheit. Vielmehr ringen sie um Ungleichheit.”

Die Besitzenden hingegen sind für die Anhänger*innen rechter Ideen aus dem Blick geraten, sie „sind sozusagen nach oben aus dem Spiel ausgeschieden, so dass die verbliebenen Spieler sie gar nicht mehr als Konkurrenten betrachten.”

Zukunftslose Welt

Am Ende durchaus erwähnt, aber etwas unterbelichtet bleibt im Buch, dass diese Phänomene nicht komplett neu sind, aber sie ihre starke Wirkung entfalten können, weil sozialistische Ideen über die letzten Jahrzehnte in der Defensive waren. Die ersten Anzeichen einer Wiederbelebung der sozialistischen Bewegung können wir derzeit in der starken Entwicklung der Jugend nach links sehen, so dass auch die Kapitalist*innen und Reichen wieder in den Blick geraten und eine andere Zukunft möglich wird als dieses verfallende System.

Die blockierte Entwicklung der Gesellschaft, die Polykrisen des Kapitalismus, sind die Basis dafür, dass die extreme Rechte bereits wächst, schon bevor es einen großen wirtschaftlichen Absturz inklusive Massenarbeitslosigkeit gibt. Es ist die „Wahrnehmung relativen Abstiegs”, die diese Wirkung entfaltet.

Demokratischer Faschismus!?

Mit dem etwas seltsamen Begriff „demokratischer Faschismus” wollen die Autor*innen nicht die Gefahr von rechts verharmlosen, sondern versuchen zu beschreiben, wie sich die Anhänger*innen rechter Ideen wahrnehmen oder geben: „Viele der Gesprächspartner*innen hingen keiner manifesten Ideologie an, aber immer wieder tauchten Bilder oder Erzählungen aus einem faschistischen Bezugsrahmen auf.” Sie sehen die heterogene Basis der rechten Bewegungen als mögliches Material für einen neuen Faschismus: „Wie sich die destruktiven Typen – Erneuerer, Zerstörer oder Libertäre – im Fall einer faschistischen Mobilisierung verhalten würden, ist eine offene Frage.”

Amlinger und Nachtwey beschäftigen sich en passant mit der Frage, ab wann man von einer faschistischen Bewegung sprechen muss. Die Problematik wird seit einigen Jahren in der Linken diskutiert: eine reine Wiederholung des Hitler-Regimes wird es nicht geben. Wer nur dieses Bild vom Faschismus hat, wird ihn nicht erkennen. Die Voraussetzungen haben sich geändert: wir hatten in den letzten Jahren weder einen Weltkrieg mit Millionen traumatisierter Soldaten, noch ist die sozialistische Bewegung aus Sicht des Kapitals eine akute Gefahr, die mit äußerster Gewalt aufgehetzter Massen zerschlagen werden muss.

Es gibt weder die Notwendigkeit noch die Möglichkeit, Schläger- und Killertruppen wie SA oder SS aufzustellen. Die Anhänger*innen der extremen Rechten sind daher laut den Autor*innen „meist mehr Fans als Parteisoldat*innen”, „heute formt sich die faschistische Willenskraft nicht in erster Linie in Massenaufmärschen auf der Straße, sondern in der digitalen Manosphere”.

Den Autor*innen ist in zwei Punkten zuzustimmen: a) Es ergibt keinen Sinn, alle rechten Phänome als „faschistisch” zu bezeichnen; b) Trump, Meloni und Co. sind nicht einfach nur „Rechtspopulist*innen”; ihre Agitation geht tiefer, sie höhlen die bürgerliche Demokratie von innen aus und befördern zerstörerische Denkmuster bei ihren Anhänger*innen. Sie nutzen Versatzstücke faschistischer Ideologie als einer Ideologie des Todes.

Trumps Ankündigung, die fossilen Energien auszubauen mit dem Slogan „Drill, baby, drill” beschreiben Amlinger und Nachtwey als „eine Form der nekrophilen Rache an der liberalen Gesellschaft, aber auch an der Natur”, im Hass gegen die Straßenblockaden der Letzten Generation sehen sie einen „fossilen Faschismus”, „der durch den biologischen Tod anderer Menschen den eigenen sozialen Tod verhindern soll.”

„Postliberaler Antifaschismus”

Die Autor*innen sehen es als ihre Aufgabe, Daten und Analysen zu liefern und nicht, eine umfassende Strategie gegen den Rechtsextremismus zu formulieren. Allerdings deuten sie diese zumindest an. Sie verweisen darauf, dass der liberale, bürgerliche Antifaschismus keine Handhabe hat, gegen rechts vorzugehen, dass der institutionelle und kulturkämpferische Ansatz ins Leere läuft: „Der Liberalismus bekommt die Ungleichheit nicht in den Griff. In der Polykrise setzt er auf eine Ad-hoc-Politik, die nicht mehr gestaltet, sondern nur noch verwaltet (…) In seinem Inneren wird der Liberalismus in Teilen selbst autoritär (…).”

Amlinger und Nachtwey sprechen sich für einen „postliberalen Antifaschismus” aus, der für eine „demokratische eingebettete und zum Teil geplante Ökonomie” kämpfen sollte – „Wer aber vom Kapitalismus und vom Liberalismus nicht reden will, sollte auch vom vom Faschismus schweigen.”

Das ist vage und etwas schief ist die Analyse, „die Linke” hätte sich vom eigenen „Mythos Sozialismus” verabschiedet und der „Technokratie” zugewandt. Das trifft gewiss auf prokapitalistische ehemalige Linke bei der Grünen und der Sozialdemokratie zu, nicht jedoch auf kämpferische Linke. Richtig ist allerdings, dass nur eine Alternative zum Kapitalismus das Gegengift gegen die Rechten sein kann.

„Zerstörungslust” ist ein interessanter Beitrag zur Analyse der rechten ideologischen Formierung. Die Aussagekraft der Interviews ist etwas fraglich, angesichts der absurden Rabbit Holes, in denen viele der Interviewten geistig verloren gehen. Viele Formulierungen bezüglich der Denkweise der extremen Rechten sind allerdings on point. „Zerstörungslust” gehört in den Bücherschrank und ist bei Lese- und Schulungskreisen eine sinnvolle Ergänzung der Klassiker der Faschismus-Analyse.

Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus, von Caroline Amlinger und Oliver Nachtwey, Berlin 2025, Suhrkamp Verlag, 454 Seiten.