Die Scham muss die Seite wechseln, aber das allein reicht nicht.

Text eines Flyers, den wir auf der Kundgebung gegen sexualisierte digitale Gewalt mit über 20.000 Menschen am 26.3. in Hamburg verteilt haben:

Patriarchale Gewalt hat System

Es geht nicht allein um sexualisierte digitale Gewalt. Die Verbreitung von pornografischen Bildern und Deepfakes ist ein weiterer ekelerregender Baustein in der Ausübung patriarchaler Macht: Die Fremdbestimmung über die Körper von Frauen und gender-queeren Personen sehen und spüren wir überall.

Deepfakes. Cybermobbing. abwertende Kommentare über Aussehen oder Gewicht. Zuschreibungen als hysterisch oder überemotional. Rollenzuschreibungen, wie man sich „weiblich“ zu benehmen hat. „Lächel doch mal“. Zunahme patriarchaler Gewalt on- und offline.

Körperliche Selbstbestimmung ist hier und heute Fehlanzeige. §218 existiert weiterhin. Schönheitsideale in Medien machen uns tagtäglich krank. Filme, Serien, Werbung und Computerspiele reproduzieren die Körper von FLINTA als ständig verfügbare Ware, als Objekt für patriarchale (Macht)geilheit.

Kein Vertrauen in den Staat!

Es ist nachvollziehbar, wenn sich viele wünschen, dass die Öffentlichkeit um den Fall Collien Fernandes dazu führt, dass rechtliche Konsequenzen gezogen werden, digitale Gewalt besser verfolgt und verurteilt werden kann. Viele verweisen auf Spanien wo eine starke feministische Bewegung bessere Gesetzgebung erkämpft hat und wo auch jetzt Gesetzesinitiativen gegen Deepfakes entstehen. Schulungen für Polizei, Justiz und Behörden in Fragen von Gendergewalt klingen auch erstmal gut.

Aber seien wir realistisch: Die Ausbildungsstrukturen der Polizei sind weiterhin ein extrem fruchtbarer Grund für toxische Männlichkeitsbilder (und zudem leider sehr oft auch interner rechtsextremer Netzwerke). Die meisten Richter*innen sind tief in patriarchalen Strukturen verhaftet – und die Gesetze, die sie gewohnt sind umzusetzen, alles andere als feministisch.

SPD und Grüne stehen mit uns auf der Straße, Parteien, die Milliarden für Aufrüstung haben – aber kein Geld, um den Mangel an Frauenhausplätzen zu beheben. Was ein Rassist wie Friedrich Merz mit Gesetzesverschärfungen als „Problem“ angehen würde, haben wir in seinen Stadtbild-Äußerungen gehört, und auch jetzt nutzt er die Debatte für seinen widerlichen Rassismus (geh bitte einfach Friedrich).
In vielen Orten wären Postings von Drag Queens, die eine Lesung in einer Schule halten, wohl eher im Fokus staatlicher Verfolgung als Männer, die Deepfakes erstellen. Denn dieser Staat steht nicht an unserer Seite. Und eine Klarnamenpflicht im Internet wird er wohl auch eher gegen linken Aktivismus benutzen als gegen sexistische Gewalt. Der Verfassungsschutz ist das beste Beispiel für ihre Prioritätensetzung. Der Staat ist Teil der Unterdrückungsmaschinerie, die eine Minderheit reich und die Mehrheit unterdrückt halten soll. Und dazu muss man die Mehrheit eben untereinander aufhetzen und entsolidarisieren – ob mit Sexismus, Rassismus oder Transfeindlichkeit. 

Feminismus bleibt Handarbeit

Wir wollen eine Gesellschaft, in der sexualisierte Gewalt, wie jede Unterdrückungsform, da landet wohin sie gehört: Auf dem Müllhaufen der Geschichte. Dazu müssen wir in allererster Linie auf unsere eigene Kraft vertrauen. Und das bedeutet, wir müssen jede Art von Organisierung vorantreiben die Solidarität stärkt und Spaltung schwächt. Wir wollen Frauen und genderqueere Personen stärken, gegen die eigene toxische Beziehung oder gegen ekelerregende Sprüche oder Schlimmeres von Vorgesetzten aufzustehen? Dann brauchen wir auch einen Kampf gegen den Gender Pay Gap und für bezahlbaren Wohnraum. Denn eines der großen Hindernisse, sich aus solchen Strukturen zu lösen, ist nicht nur Mutlosigkeit, sondern finanzielle Abhängigkeit und Alternativlosigkeit. Meistens können sich reiche Typen auch bessere Anwälte leisten. Und wie wahrscheinlich Superreiche für Gewalt zur Rechenschaft gezogen werden, sehen wir leider sehr deutlich bei den Epstein-Files.

Wir als Menschen die nichts als unsere Arbeitskraft zu verkaufen haben, als Arbeiter*innenklasse, brauchen kollektive Strukturen für den Widerstand. Ob Gewerkschaften oder Parteien wie Die Linke, die konsequent an der Seite unserer Kämpfe stehen. In der Hinsicht ist es ermutigend, wenn ver.di gerade Handreichungen für betriebliche Aktivist*innen erstellt, wie man sich Cybermobbing auch im Betrieb entgegenstellt.

Aber solange uns kapitalistische und patriarchale Herrschaftsstrukturen spalten, über unsere Körper bestimmen und uns gegeneinander aufhetzen, werden wir keine von Sexismus und Rassismus befreite Gesellschaft sehen. Gewalt gehört hier zur Norm, ob im eigenen Umfeld oder gegen andere Länder als Krieg. Also müssen wir im Endeffekt für ein anderes System kämpfen, in dem unsere Körper keine Ware darstellen. In dem unser Zusammenleben solidarisch und kollektiv von uns selbst organisiert wird und Entscheidungen nicht nach höchster Profitrate oder Machterhalt der Herrschenden getroffen werden. In der Carearbeit wichtiger ist, als die Produktion von Panzern oder sexistischer Plakatwerbung – und nicht überwiegend von Frauen und genderqueeren Personen geleistet wird.

Die Scham muss die Seiten wechseln, aber das reicht nicht! Wir wollen eine Gesellschaft, in der es kein oben und unten mehr gibt, sondern ein solidarisches Miteinander. Unserer Vorstellung nach wird diese Gesellschaft sozialistisch & feministisch sein müssen, nicht kapitalistisch. Und diese Gesellschaft kriegen wir nicht von den Regierenden Parteien durch Gesetzgebungen geschenkt, diese Gesellschaft müssen wir gegen die herrschenden patriarchalen und kapitalistischen Machtstrukturen erkämpfen.