Kapitalistische Konzepte gegen die Klimakatastrophe: Rettung durch neue Technologien?

Der Planet erwärmt sich schneller und die Auswirkungen sind auf der ganzen Welt spürbar. Der zuletzt veröffentlichte Bericht des IPCC zum Stand des menschengemachten Klimawandels hat dies ein weiteres Mal bestätigt. Wird der bisherige Kurs weitergeführt, droht eine Erwärmung des Klimas um weit über 2 °C bis Ende des Jahrhunderts. Eine solche Erwärmung ist wahrscheinlich nicht mit dem Fortbestehen der menschlichen Zivilisation vereinbar.

Von Florian Kümmel, Köln

Direkte Folgen wie regelmäßige Extremwettereignisse und der rapide Anstieg der Meeresspiegels hätten massive Auswirkungen. Es ist nicht auszuschließen, dass der sich selbst verstärkende Prozess des Klimawandels in den Kollaps von Ökosystemen mündet und die globale Nahrungsmittelproduktion zum Erliegen kommt. 

Es ist keine Zeit zu verlieren. In diesem Punkt sind sich sogar die meisten bürgerlichen Politiker*innen einig. Aber nur in der Theorie, in der Praxis sind  ihre Lösungsansätze für den Klimaschutz begrenzt. Sie beruhen auf dem „Prinzip Hoffnung“, auf dem blinden Vertrauen in die “Kräfte des Marktes”. Sie hoffen darauf, dass innerhalb des kapitalistischen Systems der technologische Fortschritt die Probleme löst – und zudem „Wachstum“ und Profite erhalten bleiben. 

Symptomatisch für diese Strategie sind das FDP-Programm zur Bundestagswahl und das Sondierungspapier der kommenden Koalition mit den Grünen und der SPD. Es werden zwar viele Ziele gesetzt, erreicht werden soll das aber „technologieneutral“. Es soll explizit kein Einfluss darauf genommen werden, wie der Weg zur Klimaneutralität aussehen soll. Es soll keine Steuerung zum Einsatz von Technologien geben, keine Verbote umweltschädlicher Prozesse und auch keinen öffentlich finanzierten Ausbau klimafreundlicher Alternativen, wie des öffentlichen Nahverkehrs. 

Konkurrenzkampf verhindert Vernunft

Tesla-Autos bringen mehr Profite als der ÖPNV, und so steht die Förderung von Elektromobilität beispielhaft für die kapitalistische Unfähigkeit, der Klimakrise zu begegnen. Das Prinzip des Individualverkehrs wird beibehalten, obwohl er ein wesentlicher Teil des Problems ist: Einzelne Personen nutzen ein tonnenschweres Objekt zur Fortbewegung, nur eben mit einer schweren Batterie statt einem Verbrennungsmotor. In dieser Batterie wird der Strom aus  größtenteils fossilen Energiequellen gespeichert. Tesla wird in Brandenburg eine Produktionsstätte errichten, was die Umwelt vor Ort zerstört, einem der reichsten Männer der Welt, Elon Musk, aber Steuergeschenke sichert.

Welche Blüten der freie Markt im Technologiesektor treibt, sieht man an der Krypto-Währung Bitcoin. Diese dient primär als Spekulationsobjekt und hat faktisch keinen Gebrauchswert. Dennoch werden für die Produktion und den Handel pro Jahr mehr als 90 Terawattstunden Energie verbraucht, was etwa dem gesamten Stromverbrauch Finnlands entspricht. Es wird geschätzt, dass jährlich 0.5% der gesamten weltweit verbrauchten Elektrizität auf Bitcoin entfallen. 

Die Hoffnung, dass sich klimaneutrale Technologien im Kapitalismus durchsetzen werden, ist leider unbegründet. Schon seit den frühen 1970er Jahren lagen den mächtigsten Fossil-Konzerne wie Exxon, Shell und BP wissenschaftliche Untersuchungen und  Erkenntnisse über die kommende Klimakatastrophe vor. Im kapitalistischen Konkurrenzkampf konnten diese Erkenntnisse aber nicht in Veränderung umgesetzt werden, im Gegenteil, sie wurden nicht thematisiert. 

Neben den hohen CO2-Emissionen sind der rapide Verlust der Biodiversität und andere Umweltverschmutzung große Probleme. Wie diese mit „Innovationen statt Verboten“ gelöst werden können, darüber schweigen die Kapitalist*innen und ihre Vertreter*innen von FDP, Grüne und SPD.

Kein Fortschritt ist auch keine Lösung

Technologischer Fortschritt und die wachsende Weltbevölkerung führen unter den kapitalistischen Bedingungen zu enormer Umweltzerstörung. Einige Menschen ziehen daraus den Schluss, Wachstum und der Fortschritt seien an sich ein Problem und ein nachhaltiges Fortbestehen unser Spezies auf diesem Planeten sei so nicht möglich. „De-Growth“-Theorien sind auch unter Linken und Umweltaktivist*innen populär. Viele dieser Ansätze sind utopisch, denn es ist unrealistisch, dass sich Menschen freiwillig eine höhere Lebensqualität, beispielsweise durch verbesserte Medizin und Ernährung, verwehren lassen. 

Wachstum und Fortschritt müssen aber nicht mit Zerstörung einher gehen. Es gibt viele sinnvolle Ideen und Technologien, auf die wir in Zukunft angewiesen sind, um uns und unsere Umwelt vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Ohne hoch-technologische Instrumente und Erfindungen lässt sich beispielsweise Biodiversität weder erforschen noch konservieren, auch präzise Erkenntnisse über die Klimaerwärmung würden uns nicht vorliegen. Für die Rettung unseres Klimas wird es nicht ausreichen, durch einen „Degrowth“-Ansatz Umweltschäden zu vermeiden, wir müssen die Umwelt sogar aktiv restaurieren. Für Aufforstungsprojekte, den Ausbau erneuerbarer Energien und energetische Modernisierungen von Wohnraum muss der neueste Stand von Forschung und Technik einbezogen werden. Daher gilt es, die Erforschung und Planung neuer klimaneutraler Technologien und konkreter Klimaschutzmaßnahmen voranzutreiben.

Sinnvolle Produktion schont Ressourcen und frisst Profite

Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die effektivsten Mittel, CO2 zu reduzieren, bereits vorhanden sind. In vielen Fälle reicht es alte, klimaschädliche Prozesse einzustellen. Energie wird in vielen kapitalistischen Produktionsprozessen enorm ineffizient verbraucht. Die globalen Wertschöpfungsketten sind vor allem danach organisiert, an welchem Standort die Lohnkosten für die Kapitalisten am niedrigsten sind.

Durch gesellschaftliche Planung wären enorme Mengen an Emissionen vermeidbar. Es gibt ganze Sektoren, die in einer demokratisch geplanten Wirtschaftsform nicht existieren würden, beispielsweise die Werbeindustrie oder die enorm umweltschädliche Militär- und Rüstungsindustrie. Daneben existieren die wichtigsten Technologien für eine klimaneutrale Zukunft bereits. Der öffentliche Nahverkehr muss nicht neu erfunden werden, er muss aber ausgebaut und verbessert werden, damit Menschen nicht aufs Auto angewiesen sind. Die Technologien für erneuerbare Energiegewinnung existieren bereits. Wind, Wasser und Sonne sind technologisch erschlossen, einzig das Profitinteresse der fossilen Industrie steht ihrem Einsatz im Weg. Digitale Technologien könnten genutzt werden, um die Produktion ressourcenschonender zu planen und unnütze Arbeit zu vermeiden. 

Für den Klimaschutz ist es nötig, eine Vielzahl von Maßnahmen durchzuführen. So ist eine Aufforstung im globalen Maßstab notwendig, die Ausweisung von riesigen Naturschutzgebieten, beispielloser Ausbau der öffentlichen Infrastruktur im Energie und Transportwesen, dazu riesige Projekte zur Säuberung der Meere. Für all das wird es von kapitalistischer Seite kein Interesse geben, da damit kein Geld verdient werden kann. Aber da der Klimawandel in den nächsten Jahren weiter eskalieren wird, werden auch die Zielsetzungen, Versprechungen und Ablenkungen der Kapitalist*innen zunehmen, oftmals in Form angeblich fortschrittlicher Innovationen. Wir sollten uns keiner dieser Illusionen hingeben.

Es geht darum, Wege zu finden, mit Ressourcen effizienter umzugehen und gleichzeitig ein besseres Leben zu haben. Allerdings ist die Bedingung für einen nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt, dass wir die gesellschaftlich notwendige Arbeit demokratisch planen, und sie nicht für die Generierung von Profit für Kapitalist*innen verschwendet wird. Wir müssen die herrschende Produktionsform revolutionieren, um sicherzustellen, dass alte und neue Technologien für die effiziente Nutzung unserer Ressourcen und zum Wohle aller Menschen eingesetzt werden. Nur so können wir unser planetares Ökosystem schützen, denn wir sind ein Teil davon und abhängig von unserer Umwelt.

Foto: Von Unimog404 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51113491