
Wir veröffentlichen hier zwei Ăbersetzungen von Artikeln zur Ausbreitung des Zika-Virus. Sie wurden von der brasilianischen und der britischen Schwesterorganisation der SAV geschrieben und erschienen zuerst am 4. Februar auf der englischsprachigen Webseite socialistworld.net
UnzulÀngliche öffentliche Gesundheitsversorgung im Kapitalismus
von Dr. Jon Dale, Mediziner und Mitglied der âSocialist Partyâ (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in England & Wales)
Die Ebola-Epidemie in Westafrika ist noch nicht als offiziell beendet erklÀrt worden, da bricht schon die nÀchste Virus-Epidemie aus.
Zuerst wurde Zika im MĂ€rz 2015 in Brasilien diagnostiziert. Seither haben sich bis zu 1,5 Millionen BrasilianerInnen infiziert. Das Virus breitet sich in SĂŒd- und Mittelamerika aus und hat bereits die Karibik sowie sĂŒdliche Teile der USA erreicht.
Ăblicherweise verlĂ€uft die Erkrankung unspektakulĂ€r. Bei schwangeren Frauen kann sie allerdings verheerende Folgen haben. Es besteht die Gefahr, dass Babys mit zu kleinen SchĂ€deln â der sogenannten Mikrozephalie â geboren werden. Die Wahrscheinlichkeit dieses Symptoms ist zwischen 2014 und 2015 in Brasilien von 5,7 FĂ€llen auf 99,7 FĂ€lle je 100.000 Lebendgeburten angestiegen.
Abgesehen davon scheint Zika auch mit einer Zunahme von FĂ€llen des Guilain-BarrĂ©-Syndroms in Zusammenhang zu stehen. LĂ€hmungserscheinungen bei Erwachsenen gehören zu den Ă€uĂeren Symptomen dieser Krankheit. Obwohl der Verlauf normalerweise temporĂ€r ist, kann die Krankheit ĂŒber mehrere Monate andauern und erfordert eine intensive stationĂ€re Behandlung.
Regierungen haben Frauen dazu geraten, in den nĂ€chsten sechs Monaten bis zwei Jahren nicht schwanger zu werden. Dazu wĂ€re es sinnvoll, wenn VerhĂŒtungsmittel kostenlos und einfach zu haben sind. Das ist jedoch nicht der Fall.
Auch ist die SchwangerenfĂŒrsorge essentiell, um mögliche GeburtsschĂ€den frĂŒhzeitig beheben zu können. Doch selbst dort, wo Abtreibungen legal sind (was in den meisten betroffenen LĂ€ndern nicht der Fall ist) weisen die Einrichtungen groĂe MĂ€ngel auf. Das fĂŒhrt darauf hinaus, dass nur die Institutionen, die Geld haben, entsprechenden Zugang haben. Die Folge wird sein, dass die Zahl an unsicheren und illegalen Abtreibungen zunehmen wird.
Betroffene Neugeborene können lebenslange physische Folgen wie z.B. Lernschwierigkeiten davontragen. Manche brauchen ein Betreuung rund um die Uhr. Die meisten Eltern sind arm. FĂŒr die Menschen, die es sich nicht leisten können, ist die medizinische und die soziale Versorgung hĂ€ufig oft nur einfach oder gar nicht vorhanden.
Die Armen sind am schwersten betroffen
LĂ€nder deren Volkswirtschaften in erster Linie auf dem Absatz von Lebensmitteln, Metall und Ăl â vor allem in Richtung China â basieren, haben vor Ausbruch dieser jĂŒngsten Katastrophe eine Rezession durchgemacht. Wie immer sind die Menschen aus der Arbeiterklasse und den verarmten Schichten am schwersten betroffen.
Die âWeltbankâ fasste es 2013 wie folgt zusammen: âGeht es um die Haupttodesursache fĂŒr MĂŒtter und Kinder, so steht der ungleiche Zugang zur Gesundheitsversorgung weiterhin an Platz einsâ. Die Zika-Epidemie ist ein weiterer Beleg dafĂŒr, dass der Kapitalismus und seine Institutionen daran nichts Ă€ndern können.
FĂŒr eine Infektion mit schwachem Verlauf schien ein Impfstoff nicht notwendig zu sein. Doch die Warnsignale, dass eine Zika-PrĂ€vention nötig werden könnte, hĂ€tte nach dem Ausbruch von 2013 erkannt werden mĂŒssen. Profitorientierte Pharmakonzerne haben kein Interesse, nach Impfstoffen zu forschen, die vielleicht nie verkauft werden.
Die ersten gröĂeren AusbrĂŒche des Zika-Virus wurden 2007 und 2013 auf pazifischen Inseln festgestellt. Es ist möglich, dass es wĂ€hrend der FuĂballweltmeisterschaft 2014 nach Brasilien gekommen ist.
Diese MĂŒcke kann nur 100 Meter bis 200 Meter zurĂŒcklegen. Doch PlastiktĂŒten, alte Gummireifen und Ă€hnlicher stĂ€dtischer Abfall sind ideale Orte fĂŒr die Eiablage. Alles, was dieser Moskito braucht, sind etwas Regen oder Wasseransammlungen.
Zwischen den 1950er und 1970er Jahren gab es umfassende Initiativen zur Ausrottung der Aedes aegypti auf den amerikanischen Kontinenten, die von öffentlich-rechtlichen Gesundheitsorganisationen und Regierungen durchgefĂŒhrt worden sind. In einer Zeit, in der Kunststoff und Gummi-MĂŒll noch nicht so weit verbreitet waren, war man damit beinahe erfolgreich. Dann wurden die Programme eingestellt, um Geld zu sparen.
Untersuchungen im Labor haben gezeigt, dass eine andere StechmĂŒcke, die Aedes albopictus, ebenfalls zum ĂbertrĂ€ger des Zika-Virus werden könnte. Dieser Moskito hat sich in den letzten Jahrzehnten in weiten Teilen verbreitet, weshalb der Zika-Virus nun noch rascher um sich greifen könnte.
Zur Ausrottung von Moskitos in der NĂ€he von Wohngebieten braucht es umfassende und miteinander koordinierte Anstrengungen. Stehende Wasseransammlungen mĂŒssen verschwinden, Gummireste mĂŒssen entfernt und ein funktionierendes Wasser- und Abwassersystem mĂŒssen bereitgestellt werden.
Gravierende Ausbreitung des Zika-Virus
Das Gesundheitssystem versagt erneut
von Isabel Keppler, LSR (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Brasilien)
Der schwerwiegende Ausbruch des von StechmĂŒcken ĂŒbertragenen Zika-Virus auf den amerikanischen Kontinenten nur sechs Monate vor den Olympischen Spielen in Brasilien ist ein erneuter Beleg fĂŒr das Versagen der Regierungen und der groĂen Pharmakonzerne, die eigentlich fĂŒr Gesundheitsschutz zustĂ€ndig sein sollten.
Am 28. Oktober 2015 hat das brasilianische Gesundheitsministerium bestĂ€tigt, dass es einen Kausalzusammenhang zwischen Zika und der Mikrozephalie gibt. Im Bundesstaat Pernambuco im Nordosten des Landes wurde nach ĂŒber 500 registrierten FĂ€llen der Ausnahmezustand verhĂ€ngt. BegrĂŒndet wird dies mit der Ăbertragbarkeit von Krankheiten durch die Aedes aegypti-MĂŒcke, die nicht nur Zika sondern auch Dengue- und das Chikungunyafieber ĂŒbertrĂ€gt.
Auch die Dengue-FĂ€lle haben in diesem Jahr um 176 Prozent zugenommen! Zu Beginn des Jahres 2015 stieg die Anzahl der Dengue-PatientInnen in SĂŁo Paulo, wo es zum âWasser-Chaosâ (der Krise um die Wasserversorgung) kam, plötzlich um 57 Prozent an.
Ob Zika ausschlieĂlich fĂŒr die FĂ€lle von Mikrozephalie verantwortlich ist, weiĂ man bisher noch nicht mit Sicherheit. Von daher ist es lebensnotwendig, rasch in die Forschung zu investieren.
Als der Sommer begann, wurden dann FÀlle von Dengue-Fieber festgestellt. Es ist notwendig, die weitere Vermehrung der Aedes aegypti zu bekÀmpfen und die entsprechenden sanitÀren Anlagen bereitzustellen. Das erfordert neue öffentliche Ausgaben.
HaushaltskĂŒrzungen
Allerdings haben die HaushaltskĂŒrzungen im Umfang von beinahe 70 Milliarden bras. Real (~ 16 Mrd. Euro) zu problematischen Folgen fĂŒr die Gesundheitsversorgung, den Bildungsbereich und die kommunalen Kassen gefĂŒhrt. So kostet das Bedienen der öffentlichen Schulden, das den Bankiers die Taschen fĂŒllt, etwa 13 Mal mehr als der Anteil des Gesamthaushalts, der fĂŒr Gesundheit zur VerfĂŒgung gestellt wird.
Claudio Maierovitch, StaatssekretĂ€r im Gesundheitsministerium erklĂ€rte, dass die beste PrĂ€vention im Moment darin besteht, Schwangerschaften zu vermeiden! Selbst wenn das Ministerium hinterhergeschickt hat, dass dies nicht die offizielle Position der Behörde sei, so ist sie es wohl eher doch. Unter dem Strich kann man die bisher angewandten MaĂnahmen zur Ausrottung der von StechmĂŒcken ĂŒbertragenen Krankheiten nur als schlechten Witz bezeichnen.
Selbst vor dem Ausbruch von Zika hat das brasilianische Gesundheitssystem SUS darin versagt, den Gemeinden entsprechend unter die Arme zu greifen, um schwangere Frauen adÀquat versorgen zu können.
Kein Witz mehr âŠ
Die Bevölkerung muss sich organisieren und der herrschenden Klasse zeigen, dass es beim Thema Gesundheit nicht um einen Bereich geht, in dem man Witze machen sollte.
Wir fordern eine umfassende Informationskampagne unter der Bevölkerung. Die Regierung muss garantieren, dass die Mainstream-Medien nur noch korrekte Informationen verbreiten, was die differenzierte Betrachtung der Symptome jedes einzelnen Virus angeht. Der Fokus muss auf der PrÀvention liegen und darauf, was bei VerdachtsfÀllen zu tun ist.
Wir brauchen auch dringend mehr Personal im Gesundheitssektor. Dasselbe gilt fĂŒr diagnostische Schnelltests. Das gilt nicht nur fĂŒr die Einrichtungen des SUS sondern auch fĂŒr die abgelegeneren Gebiete.
Die aktuelle Epidemie deutet auf die dringende Notwendigkeit hin, dass die Menschen massenweise gegen die KĂŒrzungen von PrĂ€sidentin Rousseff und Finanzminister Levy vorgehen mĂŒssen. Wir brauchen gröĂere Investitionen im Gesundheitssystem. An die Bankiers und die Arbeitgeber dĂŒrfen keine weiteren Gewinne abgefĂŒhrt werden! Es darf keine weiteren Gehaltserhöhungen und Privilegien mehr fĂŒr Politiker geben!

