Home / Themen / Soziales & Gesundheit / Gesundheitspolitik / Zika offenbart eklatante Ungleichheit

Zika offenbart eklatante Ungleichheit

Print Friendly, PDF & Email
Foto: Von CDC/ Cynthia Goldsmith - http://phil.cdc.gov/phil/details.asp?pid=20487, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46647793

Foto: Von CDC/ Cynthia Goldsmith – http://phil.cdc.gov/phil/details.asp?pid=20487, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46647793

Wir veröffentlichen hier zwei Übersetzungen von Artikeln zur Ausbreitung des Zika-Virus. Sie wurden von der brasilianischen und der britischen Schwesterorganisation der SAV geschrieben und erschienen zuerst am 4. Februar auf der englischsprachigen Webseite socialistworld.net

Unzulängliche öffentliche Gesundheitsversorgung im Kapitalismus

von Dr. Jon Dale, Mediziner und Mitglied der „Socialist Party“ (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in England & Wales)

Die Ebola-Epidemie in Westafrika ist noch nicht als offiziell beendet erklärt worden, da bricht schon die nächste Virus-Epidemie aus.

Zuerst wurde Zika im März 2015 in Brasilien diagnostiziert. Seither haben sich bis zu 1,5 Millionen BrasilianerInnen infiziert. Das Virus breitet sich in Süd- und Mittelamerika aus und hat bereits die Karibik sowie südliche Teile der USA erreicht.

Üblicherweise verläuft die Erkrankung unspektakulär. Bei schwangeren Frauen kann sie allerdings verheerende Folgen haben. Es besteht die Gefahr, dass Babys mit zu kleinen Schädeln – der sogenannten Mikrozephalie – geboren werden. Die Wahrscheinlichkeit dieses Symptoms ist zwischen 2014 und 2015 in Brasilien von 5,7 Fällen auf 99,7 Fälle je 100.000 Lebendgeburten angestiegen.

Abgesehen davon scheint Zika auch mit einer Zunahme von Fällen des Guilain-Barré-Syndroms in Zusammenhang zu stehen. Lähmungserscheinungen bei Erwachsenen gehören zu den äußeren Symptomen dieser Krankheit. Obwohl der Verlauf normalerweise temporär ist, kann die Krankheit über mehrere Monate andauern und erfordert eine intensive stationäre Behandlung.

Regierungen haben Frauen dazu geraten, in den nächsten sechs Monaten bis zwei Jahren nicht schwanger zu werden. Dazu wäre es sinnvoll, wenn Verhütungsmittel kostenlos und einfach zu haben sind. Das ist jedoch nicht der Fall.

Auch ist die Schwangerenfürsorge essentiell, um mögliche Geburtsschäden frühzeitig beheben zu können. Doch selbst dort, wo Abtreibungen legal sind (was in den meisten betroffenen Ländern nicht der Fall ist) weisen die Einrichtungen große Mängel auf. Das führt darauf hinaus, dass nur die Institutionen, die Geld haben, entsprechenden Zugang haben. Die Folge wird sein, dass die Zahl an unsicheren und illegalen Abtreibungen zunehmen wird.

Betroffene Neugeborene können lebenslange physische Folgen wie z.B. Lernschwierigkeiten davontragen. Manche brauchen ein Betreuung rund um die Uhr. Die meisten Eltern sind arm. Für die Menschen, die es sich nicht leisten können, ist die medizinische und die soziale Versorgung häufig oft nur einfach oder gar nicht vorhanden.

Die Armen sind am schwersten betroffen

Länder deren Volkswirtschaften in erster Linie auf dem Absatz von Lebensmitteln, Metall und Öl – vor allem in Richtung China – basieren, haben vor Ausbruch dieser jüngsten Katastrophe eine Rezession durchgemacht. Wie immer sind die Menschen aus der Arbeiterklasse und den verarmten Schichten am schwersten betroffen.

Die „Weltbank“ fasste es 2013 wie folgt zusammen: „Geht es um die Haupttodesursache für Mütter und Kinder, so steht der ungleiche Zugang zur Gesundheitsversorgung weiterhin an Platz eins“. Die Zika-Epidemie ist ein weiterer Beleg dafür, dass der Kapitalismus und seine Institutionen daran nichts ändern können.

Für eine Infektion mit schwachem Verlauf schien ein Impfstoff nicht notwendig zu sein. Doch die Warnsignale, dass eine Zika-Prävention nötig werden könnte, hätte nach dem Ausbruch von 2013 erkannt werden müssen. Profitorientierte Pharmakonzerne haben kein Interesse, nach Impfstoffen zu forschen, die vielleicht nie verkauft werden.

Die ersten größeren Ausbrüche des Zika-Virus wurden 2007 und 2013 auf pazifischen Inseln festgestellt. Es ist möglich, dass es während der Fußballweltmeisterschaft 2014 nach Brasilien gekommen ist.

Diese Mücke kann nur 100 Meter bis 200 Meter zurücklegen. Doch Plastiktüten, alte Gummireifen und ähnlicher städtischer Abfall sind ideale Orte für die Eiablage. Alles, was dieser Moskito braucht, sind etwas Regen oder Wasseransammlungen.

Zwischen den 1950er und 1970er Jahren gab es umfassende Initiativen zur Ausrottung der Aedes aegypti auf den amerikanischen Kontinenten, die von öffentlich-rechtlichen Gesundheitsorganisationen und Regierungen durchgeführt worden sind. In einer Zeit, in der Kunststoff und Gummi-Müll noch nicht so weit verbreitet waren, war man damit beinahe erfolgreich. Dann wurden die Programme eingestellt, um Geld zu sparen.

Untersuchungen im Labor haben gezeigt, dass eine andere Stechmücke, die Aedes albopictus, ebenfalls zum Überträger des Zika-Virus werden könnte. Dieser Moskito hat sich in den letzten Jahrzehnten in weiten Teilen verbreitet, weshalb der Zika-Virus nun noch rascher um sich greifen könnte.

Zur Ausrottung von Moskitos in der Nähe von Wohngebieten braucht es umfassende und miteinander koordinierte Anstrengungen. Stehende Wasseransammlungen müssen verschwinden, Gummireste müssen entfernt und ein funktionierendes Wasser- und Abwassersystem müssen bereitgestellt werden.

Gravierende Ausbreitung des Zika-Virus

Das Gesundheitssystem versagt erneut

von Isabel Keppler, LSR (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Brasilien)

Der schwerwiegende Ausbruch des von Stechmücken übertragenen Zika-Virus auf den amerikanischen Kontinenten nur sechs Monate vor den Olympischen Spielen in Brasilien ist ein erneuter Beleg für das Versagen der Regierungen und der großen Pharmakonzerne, die eigentlich für Gesundheitsschutz zuständig sein sollten.

Am 28. Oktober 2015 hat das brasilianische Gesundheitsministerium bestätigt, dass es einen Kausalzusammenhang zwischen Zika und der Mikrozephalie gibt. Im Bundesstaat Pernambuco im Nordosten des Landes wurde nach über 500 registrierten Fällen der Ausnahmezustand verhängt. Begründet wird dies mit der Übertragbarkeit von Krankheiten durch die Aedes aegypti-Mücke, die nicht nur Zika sondern auch Dengue- und das Chikungunyafieber überträgt.

Auch die Dengue-Fälle haben in diesem Jahr um 176 Prozent zugenommen! Zu Beginn des Jahres 2015 stieg die Anzahl der Dengue-PatientInnen in São Paulo, wo es zum „Wasser-Chaos“ (der Krise um die Wasserversorgung) kam, plötzlich um 57 Prozent an.

Ob Zika ausschließlich für die Fälle von Mikrozephalie verantwortlich ist, weiß man bisher noch nicht mit Sicherheit. Von daher ist es lebensnotwendig, rasch in die Forschung zu investieren.

Als der Sommer begann, wurden dann Fälle von Dengue-Fieber festgestellt. Es ist notwendig, die weitere Vermehrung der Aedes aegypti zu bekämpfen und die entsprechenden sanitären Anlagen bereitzustellen. Das erfordert neue öffentliche Ausgaben.

Haushaltskürzungen

Allerdings haben die Haushaltskürzungen im Umfang von beinahe 70 Milliarden bras. Real (~ 16 Mrd. Euro) zu problematischen Folgen für die Gesundheitsversorgung, den Bildungsbereich und die kommunalen Kassen geführt. So kostet das Bedienen der öffentlichen Schulden, das den Bankiers die Taschen füllt, etwa 13 Mal mehr als der Anteil des Gesamthaushalts, der für Gesundheit zur Verfügung gestellt wird.

Claudio Maierovitch, Staatssekretär im Gesundheitsministerium erklärte, dass die beste Prävention im Moment darin besteht, Schwangerschaften zu vermeiden! Selbst wenn das Ministerium hinterhergeschickt hat, dass dies nicht die offizielle Position der Behörde sei, so ist sie es wohl eher doch. Unter dem Strich kann man die bisher angewandten Maßnahmen zur Ausrottung der von Stechmücken übertragenen Krankheiten nur als schlechten Witz bezeichnen.

Selbst vor dem Ausbruch von Zika hat das brasilianische Gesundheitssystem SUS darin versagt, den Gemeinden entsprechend unter die Arme zu greifen, um schwangere Frauen adäquat versorgen zu können.

Kein Witz mehr …

Die Bevölkerung muss sich organisieren und der herrschenden Klasse zeigen, dass es beim Thema Gesundheit nicht um einen Bereich geht, in dem man Witze machen sollte.

Wir fordern eine umfassende Informationskampagne unter der Bevölkerung. Die Regierung muss garantieren, dass die Mainstream-Medien nur noch korrekte Informationen verbreiten, was die differenzierte Betrachtung der Symptome jedes einzelnen Virus angeht. Der Fokus muss auf der Prävention liegen und darauf, was bei Verdachtsfällen zu tun ist.

Wir brauchen auch dringend mehr Personal im Gesundheitssektor. Dasselbe gilt für diagnostische Schnelltests. Das gilt nicht nur für die Einrichtungen des SUS sondern auch für die abgelegeneren Gebiete.

Die aktuelle Epidemie deutet auf die dringende Notwendigkeit hin, dass die Menschen massenweise gegen die Kürzungen von Präsidentin Rousseff und Finanzminister Levy vorgehen müssen. Wir brauchen größere Investitionen im Gesundheitssystem. An die Bankiers und die Arbeitgeber dürfen keine weiteren Gewinne abgeführt werden! Es darf keine weiteren Gehaltserhöhungen und Privilegien mehr für Politiker geben!