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„Besorgte Eltern“, Elsässer und rechte Gruppen

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S6_BesorgteElternEine Reise ins Bizarre

Hunderte Leute ziehen mit der Parole „Kinder brauchen Liebe, keinen Sex“ in den letzten eineinhalb Jahren jeweils durch Köln, Augsburg, Dresden, Frankfurt und Hamburg. Als Selbstbezeichnung nennen sie sich „Besorgte Eltern“, ihre Wut richtet sich gegen eine angebliche Frühsexualisierung von Kindern in Kindergärten und Schulen.

von Fabian Thiel, Hamburg

Auf ihren Schildern steht „Kindergärten sind kein Swingerclub“, „Sexuelle Vielfalt? NEIN DANKE!“ und „Kinder sind kein Staatseigentum“. Ideengeber für diese „Besorgten Eltern“ finden sich in der neuen Rechten. Auf der offizielle Seite der Initiative findet man unter Informationen an erster Stelle den Hinweis auf eine Sonderausgabe des neurechten Magazines COMPACT zum Thema „Feindbild Familie“. Unter „Gelaufene Demos“ wird eine COMPACT-Konferenz zu Russland gelistet. Auf der Startseite wird der Redebeitrag des COMPACT-Verlegers und Chefredakteurs Jürgen Elsässer auf der „Besorgten Eltern“-Demo am 15. November in Dresden an prominenter Stelle verlinkt.

In der Rede nutzte Elsässer gleich zu Beginn die Gelegenheit, sich positiv auf PEGIDA zu beziehen. Im weiteren Verlauf der Rede fabuliert Elsässer davon, dass UNO und EU Gendermainstreaming in deutsche Schulen heimlich einführen würden, um Muslime in Deutschland in den Bürgerkrieg zu treiben.

Verbindung zur extremen Rechten

Es gibt aber noch viel mehr Verbindungen von der Initiative zur extremen Rechten. Laut dem Gründungsmythos der Initiative ist es dem offiziellen Initiator Mathias Ebert irgendwann zu viel geworden, als er gehört hatte, dass ein Vater ins Gefängnis musste, weil er seine Tochter nicht zum Aufklärungsunterricht schicken wollte. Tatsächlich findet sich ein von einem Mathias Ebert geschriebener Artikel („Schulzwang – Erzwingungshaft aufgrund zweier Fehlstunden“) zu der Geschichte, in dem erklärt wird, dass nicht bezahlte Bußgelder zu einer eintägigen Erzwingungshaft für den Vater geführt haben.

Den Artikel findet man auf der Website des neurechten Monatsmagazin „eigentümlich frei“ veröffentlicht am 23. August 2013. Die Erstveröffentlichung fand auf dem Portal „Christliches Forum“ (https://charismatismus.wordpress.com) sechs Tage vorher statt. Das „Christliche Forum“ hat interessante Schwerpunktsetzungen. Seit Anfang des Jahres gibt es fünfzig wohlwollende Artikel zur AfD, davon ein erheblicher Anteil von AfD-Pressemitteilungen. Unter dem Tag „Frühsexualisierung“ findet man im gleichen Zeitraum nur schlappe fünf Artikel. Diese sind dafür wieder von interessanter Herkunft. Artikel von „Conservo“, ein rechtskonservativer Blog mit Themen wie „Über die Nazikeule der Lügenpresse: ‘Es kotzt mich an!’“ und „Klartext: Asylanten ja, sozialschmarotzende ‘Flüchtlinge’ nein!“. Und natürlich auch Artikel der „Jungen Freiheit“, der wichtigsten Publikation der neuen Rechten in der BRD. Über das „Christliche Forum“ findet man auch Links zu Themenseiten zu „Homosexualität überwinden“, Anti-Abtreibungs-„Lebensrechtler“ und natürlich „Bürger pro Elternrecht“ ergo contra Sexualpädagogik.

Es geht noch weiter. Der Artikel von Mathias Ebert gibt ein youtube-Video als Quelle an (Skandal: Vater will sein Kind beschützen und landet im Gefängnis). Das Video lässt einen Anzugsträger die Vorgeschichte erzählen und zeigt dann wie der im Artikel erwähnte Vater nach einem Tag aus der Haft entlassen wird. Begrüßt wird er von einem Dutzend Erwachsenen und fast doppelt so vielen Kindern, die ihn unter anderem mit einem monotonen Singsang von „Kinder brauchen Liebe und keinen Sex“ begrüßen. Produziert wurde das Video von klagemauer.tv (http://www.kla.tv/). Hinter klagemauer.tv steckt der Schweizer christlich-fundamentalistische rechtsradikale Esoteriker, Verschwörungstheoretiker und Sektenführer Ivo Sasek. 2014 kündigte Sasek auf seinem alljährlichen Kongress den Weltuntergang durch den Teufel an. Davon scheinbar wenig beeindruckt hielt Mathias Ebert auf dem gleichen Kongress einen Vortrag über seine „Besorgten Eltern“.

Das youtube-Video verlinkt in der Beschreibung auf drei Quellen/Hintergrundartikel auf der Webseite des berüchtigten Kopp-Verlag, der auch Elsässer publiziert. Die Artikel wurden im April-Mai 2010 von Eva Hermann, der ehemaligen NDR-Nachrichtensprecherin, geschrieben. Alle Drei drehen sich um Eltern, die angeblich für mehrere Tage in Erzwingungshaft gesteckt wurden aus den gleichen Gründen, wie bei dem Vater 2013.

Der Kreis schließt sich. Die „Besorgten Eltern“ bauen auf der Vorarbeit von dubiosesten rechten Netzwerken auf und sind von diesen offensichtlich weiterhin maßgeblich beeinflusst. Sie nutzen Verunsicherung von Eltern, um rassistische und sexuell diskriminierende Inhalte zu verbreiten.

Widerstand

Gegen ihren Aufmarsch in Hamburg im Januar 2015 hatte sich ein großes Bündnis „Vielfalt statt Einfalt“ gegründet. Sie treten dafür ein, „dass die Vielfalt von sexueller Orientierung und Geschlecht, von Familien- und Rollenbildern selbstverständliches Querschnittsthema in allen Bildungseinrichtungen wird. Sexualpädagogik ist immer auch Anti-Diskriminierungsarbeit. Dazu gehört die Vermittlung der Gleichwertigkeit von Hetero-, Bi- und Homosexualität genau so, wie von Cis, Trans* und Intersexualität.“ Die SAV beteiligte sich an den Protesten.