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Autoindustrie: „Immer schneller, immer mehr“ auf Kosten der Beschäftigten

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Foto: http://www.flickr.com/photos/pansonaut/ CC BY-NC-SA 2.0

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Neue Broschüre von Lunapark21, Daimler-Koordination und TIE: „DaimlerWelt – AutoWelt“

In den letzten Wochen sorgte der öffentlich ausgetragene Führungsstreit bei Deutschlands größtem Autokonzern Volkswagen immer wieder für Schlagzeilen. Begründet wird dieser Konflikt nicht primär, wie man uns glauben machen will, durch die „Befindlichkeiten“ von Alphatieren, sondern durch den mit harten Bandagen ausgetragenen Konkurrenzkampf in der Automobilbranche. Erinnert sei daran, dass Daimler-Chef Dieter Zetsche vor zwei Jahren ebenso in der Schusslinie stand wie derzeit VW-Boss Martin Winterkorn. Zwar produziert Volkswagen fast so viele Autos wie Weltmarktführer Toyota – „leistet“ sich aber 600.000 Beschäftigte, während bei Toyota circa 350.000 KollegInnen tätig sind. Wie beim Zetsche-Bashing vor 24 Monaten geht es bei VW also um die Steigerung der Ausbeutungsrate. Ein Warnzeichen für alle ArbeiterInnen in der Autobranche, bei den Zulieferern und darüber hinaus – in Deutschland wie international.

von Aron Amm, Berlin

Vordergründig betrachtet scheinen die Autounternehmen von Rekord zu Rekord zu eilen. Das war die Botschaft, die von der Detroiter Auto-Messe im Januar und von den Aktionärsversammlungen in diesem Frühjahr – ob bei Daimler, BMW oder VW – ausging. Für die abhängig Beschäftigten stellt sich die Lage jedoch völlig anders dar.
Damit kommt die im April veröffentlichte 62 Seiten starke Broschüre „DaimlerWelt – AutoWelt“ (die zum Preis von fünf Euro bestellt werden kann – Kontakt siehe unten oder über die SAV-Bundeszentrale) genau zum richtigen Zeitpunkt. Der Impetus dazu kam vom bundesweiten Treffen der Daimler-Koordination (nach eigenem Verständnis ein „Arbeitsforum linker, demokratischer Betriebsgruppen und Einzelpersonen aus den Werken und der Zentrale“ des Daimler-Konzerns) in Berlin Anfang 2013. Seit den achtziger Jahren arbeitet die Daimler-Koordination eng mit dem internationalen gewerkschaftlichen Basisnetzwerk TIE zusammen. Bei dem besagten Treffen im Frühjahr 2013 referierte Winfried Wolf, Chefredaktuer der Lunapark21. Gemeinsam heckte man den Plan aus, im Rahmen einer Lunapark21-Extra die ökonomische Lage, die Arbeitsbedingungen, Kürzungsvorhaben des Kapitals und Möglichkeiten zur Gegenwehr in der Autoindustrie sowie die Frage von gesellschaftlichen Alternativen zu beleuchten.

„Nichts ist in Butter“

Mit diesen Worten ist das Vorwort der Broschüre überschrieben. Aus gutem Grund: Zwar konnten die Autokonzerne weltweit scheinbar die Krise von 2007-2009 abschütteln (heute werden 50 Prozent mehr Autos als vor fünf Jahren hergestellt) und die Autoproduktion 2015 auf 95 Millionen Kfz steigern. Aber das wurde und wird auf dem Rücken der arbeitenden Bevölkerung ausgetragen.
Erstens: Arbeitshetze – In der Broschüre kommen KollegInnen und kritische IG-Metall-Vertrauensleute wie Betriebsräte zu Wort, die aufzeigen, wie dramatisch psychische und physische Erkrankungen, Burn-Out, Frühverrentung et cetera, et cetera zugenommen haben.
Zweitens: Flexibilisierung – Sonderschichten und Wochenendarbeit, wenn der Laden „brummt“, Freischichten, Politik mit Arbeitszeitkonten und Kurzarbeit, „wenn es nicht läuft“.
Drittens: Billigjobs – Mehr und mehr Tätigkeiten werden outgesourct und an vermeintlich billigere „Dienstleister“ vergeben. Ziel ist eine „Verringerung der Fertigungstiefe“. Leiharbeit und Werkverträge florieren – zum Nachteil von Billigjobbern und Stammbeschäftigten.
Viertens: „Produktion in die Märkte“ – Neue Arbeitsplätze entstehen kurzfristig vor allem in China, Indien und den USA. Mittels Standortpolitik sollen Belegschaften gegeneinander ausgespielt und die Spirale (in Sachen Löhne und Arbeitsbedingungen) nach unten forciert werden.

Nach der Krise ist vor der Krise

Die Belegschaften sind indes nicht „nur“ mit Stress, Flexibilisierung, Prekarisierung und Verlagerungen konfrontiert. In der tiefen Rezession 2007-2009 wurden in den USA bereits Dutzende Fabriken geschlossen und Zehntausende auf die Straße gesetzt. In Detroit verkauft die Stadt inzwischen Picassos, um wenigstens jede zweite Straßenlaterne mit Strom zu versorgen … In Italien, einem Land, das für so berühmte Marken wie Fiat, Alfa, Ferrari und Massarati steht, ist die Fertigung in den letzten 15 Jahren um zwei Drittel gesunken. Selbst in der BRD ist mit Opel Bochum ein Autowerk dichtgemacht worden.
Angesichts aktuell dennoch bestehender Überkapazitäten weltweit von etwa 30 Prozent wird sich diese Kahlschlagspolitik international, aber auch in Deutschland noch verschärfen. Erst recht, wenn der gegenwärtige anämische Konjunkturaufschwung zu einem Ende kommt. Alarmierend sind bereits die verlangsamten Wachstumszahlen für China (das 2014 schon das schwächste Wachstum seit 20 Jahren zu verzeichnen hatte), aber auch für Brasilien und andere sogenannte „Schwellenstaaten“.
20 Konzerne beherrschen 90 Prozent des Autosektors. Es droht ein Hauen und Stechen, wohingegen sich die derzeitigen Reibereien bei VW und zuvor bei Daimler ausnehmen werden wie Schattenboxen zu einer beinharten Prügelei.
Belegschaften, Betriebsräte und Gewerkschaften mussen sich warm anziehen.

Für eine programmatische und personelle Erneuerung der IG Metall

Die IG-Metall-Führung hatte der Vernichtung des traditionsreichen Opel-Werks in Bochum nichts entgegenzusetzen. Auch in der letzten Rezession sorgten sie mit ihrer Zustimmung zur Kurzarbeitspolitik mit dafür, dass die Vorstände sich auf Kosten der Belegschaften sanieren konnten. Auch Leiharbeit wird aktiv mitgetragen. So stimmten die Spitzen von Gewerkschaft und Konzernbetriebsrat bei Daimler Leiharbeitsquoten von erst vier, später acht Prozent zu – die unter Duldung der IGM-Oberen in mehreren Werken weiter unterlaufen werden.
Nötig ist ein grundlegender Kurswechsel: Gegenwehr statt Verzicht. Die Daimler-Koordniation ist, wie der Name sagt, ein Netzwerk. Hier haben sich aktive Gruppen von Betriebsräten, Vertrauensleuten und KollegeInnen, die in Stuttgart, Berlin, Kassel, Bremen, Hamburg (und von Zeit zu Zeit auch in weiteren Betrieben) eigene Betriebszeitungen herausgeben. Es gibt sicherlich in einzelnen Fragen unterschiedliche Ansichten, über die man sich offen austauscht. Übereinstimmung besteht jedoch in der Notwendigkeit, die IG Metall wieder zu einer echten Kampforganisation zu machen.
Auch in inhaltlichen Fragen gibt es zum Teil unterschiedliche Diskussionsstände und Gedanken. Aber einige Eckpunkte stehen fest: „Solidarität. Zwischen den deutschen Werken und international“, „radikale Verkürzung der Arbeitszeiten bei vollem Lohn- und Personalausgleich“, „Umbau der Autobranche – orientiert an gesellschaftlichen und ökologischen Bedürfnissen bei Absicherung der Lohn- und Lebensbedingungen der Beschäftigten“ (alle Zitate aus der Einleitung der vorliegenden Broschüre).

Inhalt der Broschüre

Über Leiharbeit finden sich Beiträge von Christa Hourani (VKL Daimler-Zentrale), Gerd Kupfer (Daimler Bremen) und Waldemar Derda (BR, Daimler Berlin). Gerwin Goldstein (VL und BR, Daimler Bremen) schreibt über das „Strategiepapier 2020“. Heiner Köhnen von TIE schildert die Lage in Daimler-Werken in Brasilien und Indien. Winfried Wolf analysiert die Lage der weltweiten Autobranche 2015 im Allgemeinen sowie China im Besonderen und nimmt die „wechselvolle Geschichte des Daimler-Imperiums“ unter die Lupe. Dies sind nur ein paar der vielen Themen, die in der Broschüre behandelt werden.

Daimler-Koordination

Die Daimler-Koordination besteht seit über 30 Jahren. Dazu gehören die heutigen „Alternative“-Gruppen in Stuttgart-Untertürkheim, Berlin-Marienfelde und anderswo.
In der Regel kommen VertreterInnen dieser Gruppen zweimal im Jahr auf einem bundesweiten Treffen zusammen. Dort wie zwischen diesen Treffen gibt es einen Austausch von Erfahrungen, Ideen et cetera. In den letzten Jahren wurde mehrfach ein Protest, zum Beispiel gegen Leiharbeit, vor der Hauptversammlung von Daimler organisiert. Beim letzten Treffen im Oktober 2014 wurden monatliche Aktionen in den verschiedenen Werken gegen Arbeitshetze, Leiharbeit und anderen Fragen verabredet.
Das internationale gewerkschaftliche Basisnetzwerk TIE arbeitet seit den achtziger Jahren mit der Daimler-Koordination zusammen. TIE steht für Transnational Information Exchange:
Es besteht ein enger Kontakt zu kritischen, kämpferischen Gruppen von Beschäftigten in Brasilien, Indien und anderen Ländern.

Mitarbeit der SAV

Mitglieder der SAV Berlin unterstützen aktiv die „Alternative“-Gruppe in Berlin-Marienfelde. Über diese Zusammenarbeit beteiligen sich SAVler auch an der Daimler-Koordination. Mehrere Mitglieder von SAV/CWI haben an der Broschüre „DaimlerWelt – AutoWelt“ mitgewirkt und Artikel beigesteuert, zum Beispiel „Von Plakat zur Alternative“ (Daniel Behruzi), „Arbeitskämpfe in den USA“ (Stephan Kimmerle) und zu „Leiharbeit“ (Aron Amm).
Kontakt
zur Daimler-Koordination: dcexchange@gmx.de
zu TIE: www.tie-germany.org
zu Lunapark21: www.lunapark21.net