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Verlagerung und Outsourcing

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Foto: http://www.flickr.com/photos/pansonaut/ CC BY-NC-SA 2.0

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Zusammenkunft der Daimler-Koordination

Vor wenigen Tagen hat der Autohersteller Daimler wieder einmal Rekordzahlen verkündet: Nicht nur verkaufte Stückzahlen und Umsatz erklommen im dritten Quartal dieses Jahres neue Höhen, sondern auch die Gewinne. Im Pkw-Bereich kletterte die Nettoumsatzrendite auf 8,5 Prozent (Vorjahreszeitraum: 7,3 Prozent). Doch das reicht der Konzernspitze nicht. Sie dreht weiter an der Kostenschraube – zu Lasten der Belegschaften. Das wurde bei der »Daimler-Koordination«, einem Treffen linker Betriebsräte, in dieser Woche in Kassel deutlich.

von Daniel Behruzi, Frankfurt am Main

»Sowohl unsere Produktoffensiven als auch unsere Effizienzprogramme in allen Geschäftsfeldern zeigen Wirkung«, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der Vorstellung der Quartalsergebnisse am vergangenen Donnerstag in Stuttgart. Die Folgen der Renditesteigerung bekommen die Beschäftigten in der Produktion, aber auch die Angestellten in der Entwicklung und Verwaltung zu spüren. Permanente Rationalisierung, Arbeitsverdichtung und eine weitgehende Flexibilisierung der Arbeits- und Betriebszeiten sind Alltag. Zugleich steht die Zukunft einiger Standorte zur Disposition, da Daimler die Produktion »in die Märkte«, also nach China, Indien und in die USA, bringen will.

So droht im Düsseldorfer Werk wegen der soeben beschlossenen Verlagerung von Teilen der »Sprinter«-Produktion in die USA ein drastischer Jobabbau. »Auch in Kassel ist die Zukunft düster, offiziell sollen zunächst 300 Stellen gestrichen werden«, berichtete der Betriebsrat Erich Bauer. Dabei werde es aber wohl nicht bleiben. »Das ist ein Ausbluten des Standorts Kassel und der Standorte in Deutschland insgesamt«, ist der Aktivist der Gruppe »Alternative Metaller« überzeugt.

Neben der Produktionsverlagerung ist die Reduzierung der Fertigungstiefe ein zentraler Bestandteil der Daimler-Strategie. Viele Produktionsschritte werden zunehmend nicht mehr vom Unternehmen selbst, sondern von Zulieferern oder Werkvertragsfirmen ausgeführt. Zum einen geht es dabei um die Verbilligung von Arbeit. Bei den Fremdfirmen gelten – wenn überhaupt – deutlich schlechtere Tarife als bei Daimler. Zum anderen will das Unternehmen auf diese Weise seinen Kapitalbedarf reduzieren. Denn im Vergleich zu Konzernen wie VW hat Daimler einen entscheidenden Nachteil: Die Stuttgarter sind zu klein. Während Volkswagen mit seinen zehn Fahrzeugmarken enorme Investitionen stemmen kann, ist das für Daimler schwieriger. »Die Verringerung der Fertigungstiefe ist ein Weg, den Kapitalbedarf zu reduzieren – zumindest wird das so erklärt«, so der Untertürkheimer Betriebsrat Michael Clauss auf dem Treffen.

Ein weiteres Schlagwort bei Daimler ist, wie bei sämtlichen Autoherstellern, die Erhöhung der Flexibilität. »Letztlich geht es darum, den Anteil prekärer Beschäftigung zu steigern«, sagte Clauss. So fordert das Management unter anderem, die per Betriebsvereinbarung festgeschriebene Leiharbeiterquote von acht Prozent der Belegschaft zu erhöhen. An manchen Standorten ist diese Grenze längst geknackt. So liegt der Anteil von Beschäftigten sogenannter Zeitarbeitsfirmen im Kasseler Lkw-Achsenwerk mit rund 14 Prozent deutlich darüber.

Doch es gibt Widerstand. Im Bremer Werk liefen mehrfach Aktionen der Belegschaft gegen geplante Ausgliederungen. Dort sollen gut 250 Jobs im indirekten Bereich, also nicht in der Produktion, fremdvergeben werden. Zudem stehen rund 200 Arbeitsplätze in der Logistik zur Disposition. Das Thema Werkverträge ist im Konzern insgesamt ein heißes Eisen. Dazu beigetragen hat die SWR-Reportage »Hungerlohn am Fließband« vom Mai 2013 über Lohndumping durch Leiharbeit und Werkverträge im Untertürkheimer Daimler-Werk. Seither achte das Unternehmen sehr darauf, dass die Tätigkeiten von Stamm- und Werkvertragsbeschäftigten strikt abgegrenzt sind. »Weil das Lohndumping so organisiert wird, dass es legal ist, macht es das nicht besser«, betonte Clauss. In dem Stuttgarter Werk hatte die öffentliche Skandalisierung dennoch einen positiven Effekt: In der Logistik werden rund 200 Stellen von Werkvertragsfirmen wieder ins Unternehmen zurückgeholt.

Auch für die Zukunft setzen die linken Daimler-Betriebsräte darauf, die Missstände bei dem Autobauer öffentlich anzuprangern. In den kommenden Monaten wollen sie mit standortübergreifenden Aktionen auf die Folgen der von ihnen kritisierten Profitgier aufmerksam machen. Ebenfalls geplant sind konkrete gemeinsame Projekte zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Dabei sollen auch Kollegen brasilianischer und indischer Werke einbezogen werden.