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Griechenland: Nazis ermorden Pavlos Fyssas

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Paylos FyssasDieser Artikel erschien zuerst am 19. September in englischer Sprache auf socialistworld.net AntifaschistInnen in Aachen rufen für heute, Donnerstag 19. September 20 Uhr zu einer Kundgebung am Elisenbrunnen auf. Die griechische Gemeinde in Berlin ruft für Samstag 21. September 13 Uhr zu einer Kundgebung auf Eberstr. / Hannah-Arendt-Straße.

Die Linke und die organisierte Arbeiterklasse müssen zu einer mächtigen antifaschistischen Front zusammenkommen

von Andros Payiatsos, „Xekinima“ (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Griechenland)

Letzte Nacht (18. September) platzte die Vorstadt Keratsini aus allen Nähten. Sie gehört zum Bezirk von Piräus, der zweitgrößten Stadt Griechenlands mit dem größten Hafen des Landes. Zehntausende AntifaschistInnen aus Piräus und Athen waren in die Stadt gekommen. Die Stadt, die sich in der Nähe von Athen befindet, hat eine starke Arbeiter-Tradition und eine lange Geschichte sozialer Kämpfe. Die AntifaschistInnen brachten ihre Wut über den kaltblütigen Morde an Pavlos Fyssas, eine Rap-Musiker und antifaschistischen Aktivisten zum Ausdruck.

Pavlos Fyssas war sehr bekannt wegen seiner mutigen antifaschistischen Lieder und linken Ideen. Er ist von Schlägertrupps der faschistischen Partei „Goldener Morgen“ vor den Augen einer Vielzahl von ZeugInnen und vier bewaffneten Polizisten angegriffen worden, die nicht einschritten, um den Mord zu verhindern.

Ein Anhänger von „Goldener Morgenröte“ wurde gestern von der Polizei verhaftet, der Berichten zufolge den Mord gestanden haben soll. Er wurde noch am Ort des Geschehens festgenommen. Trotz seiner schweren Verletzungen war Pavlos noch in der Lage, gegenüber der Polizei seinen Angreifer zu identifizieren. Viele Menschen waren AugenzeugInnen der Messerstecherei, da der Angriff auf einem zentral gelegenen Platz stattgefunden hat.

Nachdem er zugab, Pavlos Fyssas ermordet zu haben, gab der Tatverdächtige an, Mitglied von „Goldene Morgenröte“ zu sein und dass er die Büros dieser faschistischen Partei regelmäßig aufsuchen würde: „fünf bis zehn Mal im Monat“.

Nach dem Mord durchsuchte die Polizei das Haus des Tatverdächtigen und fand Literatur von „Goldene Morgenröte“ sowie weiteres Parteimaterial. In den Medien wird berichtet, seine Frau habe der Polizei gesagt, dass unmittelbar vor der Verhaftung des Tatverdächtigen dieser mit ihr telefoniert und sie gebeten habe, sämtliches Material, das auf „Goldene Morgenröte“ zurückgeht, aus dem Haus zu schaffen und es in die Wohnung eines Verwandten zu bringen, bei dem es sich um einen führenden Vertreter von „Goldene Morgenräte“ in der Region handelt.

Die griechischen Medien berichteten in großem Umfang, dass der verdächtigte Mörder dafür bezahlt worden sei, dass er für Angriffe auf EinwanderInnen „zur Verfügung“ stehe und zur Teilnahme an Straßenschlachten mit linken AktivistInnen bereit sei. Das ist die übliche Methode von „Goldene Morgenröte“: Sie bezahlen Menschen dafür, dass an Attacken der Partei teilnehmen, wann immer ihnen dies nötig erscheint.

Pavlos Fyssas ist der erste griechische Aktivist, der von Anhängern von „Goldene Morgenröte“ ermordet wurde. Bis jetzt konzentrierten sich ihre Angriffe auf EinwanderInnen, was ein Reihe von Toten zur Folge hatte. Seit vergangenem Jahr haben sie damit begonnen, ihre Angriffe und Überfälle vermehrt gegen linke, antifaschistische AktivistInnen zu richten. Am 17. September hatte die griechische Linke und die antifaschistische Bewegung ihr erstes Todesopfer zu beklagen.

Pavlos Fyssas war Rapper und Musiker, der gegen Faschismus schrieb und sang. Er ist in Keratsini, einem traditionellen Arbeiter-Viertel im Stadtbezirk von Piräus, geboren, wuchs dort auf und lebte hier. In einer Cafeteria im Ortszentrum verfolgte er gerade ein Fußballspiel, als einige Schläger von „Goldene Morgenröte“ ihn erkannten. Sie hatten ihn wegen seiner Lieder im Visier und fingen umgehend damit an, Textnachrichten über ihre Handys zu verschicken. Später stellte sich heraus, dass damit die mörderische Bande herbeigerufen wurde, die Pavlos dann auflauerte, als er aus der Cafeteria kam.

Pavlos und seine Freunde, die mitbekommen hatten, dass die Situation „gefährlich“ wurde, entschieden sich dafür, das Café zu verlassen.; nur, um feststellen zu müssen, dass um die 30 bis 40 Schlägertypen draußen auf sie warteten. Ihm wurde direkt ins Herz gestochen, was die Ärzte dazu veranlasste, von einem „professionellen“ Angriff zu sprechen.

Zwei Abende zuvor hatten Anhänger von „Goldene Morgenröte“ ebenfalls in einem Arbeiterviertel von Piräus eine Gruppe von rund 30 Mitgliedern der „Kommunistischen Partei“ angegriffen, die gerade dabei waren, Plakate zu kleben. Man geht davon aus, dass rund 50 Schläger die KKE-Mitglieder mit Stöcken, die mit Nägel versehen waren, angegriffen haben und neun Personen krankenhausreif geschlagen wurden. Unter den Verletzten ist der Vorsitzende der Metallarbeitergewerkschaft, der in der Gegend wohnt.

Es war nur eine Frage der Zeit, dass Mitglieder und Anhänger von „Goldene Morgenröte“ mit dem Mord an einer/m linken AktivistIn in Verbindung stehen würden. Auch war es nur eine Frage der Zeit, dass sie mit Übergriffen dieser Art beginnen würden um zu versuchen, die Handlungshoheit zurückzugewinnen, nachdem sie in der letzten Zeit einige Niederlagen haben einstecken müssen.

Nach dem Aufstieg von „Goldene Morgenröte“ bei den Wahlen im Mai und Juni 2012 sind in etlichen Städten antifaschistische Komitees ins Leben gerufen worden, Mitglieder wurden aus den Wohnvierteln vertrieben und ihre Demonstrationen mussten aufgrund von antifaschistischen Gegendemonstrationen abgesagt werden. In einem Fall kam es dazu, dass EinwanderInnen Schläger der „Goldenen Morgenröte“ verjagen konnten. In Chania, auf Kreta, ist der Vorsitzende der örtlichen Nazis von AntifaschistInnen ins Meer geworfen worden.

„Goldene Morgenröte“ versucht die Handlungshoheit zurückzugewinnen

Der jüngste Überfall auf die Mitglieder der „Kommunistischen Partei“ kann nur als Versuch gewertet werden, die Handlungshoheit zurückgewinnen zu wollen. Wenn sie 30 Mitglieder von KKE angreifen und neun davon krankenhausreif schlagen können, obwohl die KKE allgemein als die bestorganisierte Kraft auf der Linken anerkannt wird, die etliche entschlossene und aufopferungsvolle KämpferInnen in ihren Reihen hat, dann werden die Faschisten als diejenigen betrachtet, die „die Straße beherrschen“.

Tragisch ist, dass die „Kommunistische Partei“ (KKE) keine echte antifaschistische Kampagne vorzuweisen hat und dass der Angriff auf ihre Mitglieder deshalb auch keine ernsthafte antifaschistische Initiative der Partei nach sich zog. Von daher hatte der Überfall auf die Bewegung im Allgemeinen und auf die KKE-Mitglieder im Speziellen genau die Wirkung, die die Faschisten erzielen wollten: Angst und Demoralisierung.

Es ist eine Tatsache, dass für „Goldene Morgenröte“ diese Machtprobe nur möglich ist, weil sich die Massenparteien der Linken angesichts der Gefahr des Faschismus „im Tiefschlaf“ befinden. Sowohl die KKE als auch das linksradikale Parteienbündnis SYRIZA unterschätzen die Gefahr, die vom Faschismus ausgeht; ganz so, als habe es die Ereignisse der 1930er Jahre nie gegeben. SYRIZA hat einige Schritte unternommen, um dieses Problem besser zu verstehen und einige antifaschistische Kampagnen entwickelt. Diese sind aber alles andere als ausreichend und im Grunde hängt es hauptsächlich von lokalen AktivistInnen ab zu entscheiden, ob antifaschistische Aktionen durchgeführt werden. Es ist weniger das Ergebnis einer klaren Richtungsvorgabe von Seiten der SYRIZA-Führung.

In der Linken herrscht zur Frage des Faschismus keine Einigkeit. Nicht nur die „Kommunistische Partei“ sondern sogar das antikapitalistische linke Bündnis ANTARSYA lehnen es ab, in der Frage des Faschismus mit anderen Kräften zusammenzuarbeiten, vor allem mit SYRIZA. Was nicht verstanden wird, ist, dass in der ganzen Linken und der organisierten Arbeiterklasse eine antifaschistische Front und Kampagne entwickelt werden muss. Auch werden keine bedeutenden praktischen Maßnahmen ergriffen (wie z.B. die Errichtung von Verteidigungskomitees), obwohl die Faschisten unter Anleitung „privater Unternehmen“ den Gebrauch scharfer Waffen trainieren. Und es gibt auch keine Antwort auf die Bedrohung des Faschismus, sofern die Linke nicht entscheidet, nicht nur gegen die Politik der Troika und die griechische Regierung zu kämpfen, sondern gegen das kapitalistische System an sich, das für das erneute Aufkommen der faschistischen Gefahr verantwortlich ist. Angesichts dieser Bedrohungslage sind die linken Parteien wieder einmal meilenweit entfernt von dem, was die Situation derzeit erfordert.

Trotz dieser Schwächen der „offiziellen“ linken Parteien in dieser Frage, organisieren tausende von AntifaschistInnen Kampagnen und Komitees. Von Stadt zu Stadt entwickeln sich mächtige Kampagnen. Nach dem Mord an Pavlos wird ihr Kampf noch entschlossener geführt werden. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass Pavlos’ Tod viele wachrütteln wird, die noch nicht verstanden haben, wie tödlich die Gefahr ist, die von der allgemein herrschenden Situation in Griechenland ausgeht. Das wäre die beste Ehrung von Pavlos’ viel zu frühem Tod: gegen das zu kämpfen, was auch er bekämpft hat – die wachsende Gefahr des Faschismus – und für das zu kämpfen, was auch er wollte – ein besseres Leben in einem alternativen System zum Kapitalismus, in einer sozialistischen Gesellschaft.

Pavlos hat sein Leben gelassen, er hat gekämpft und blieb aufrecht. Er knickte vor den Faschisten nicht ein – nicht eine Sekunde lang. Augenzeugenberichten zufolge waren die letzten Worte von Pavlos, die er seinen Gegnern entgegenbrachte: „Ihr wollt wie echte Männer kämpfen? – Dann kommt, einer nach dem anderen“. Aber die Faschisten wollten keinen Zweikampf. Den Schneid haben sie nicht, feige wie sie sind.

Pavlos Fyssas wird ein Teil unserer Bewegung bleiben. Er wird auf unseren Fahnen sein und in unseren Liedern vorkommen. Wir werden dafür sorgen, dass er nicht umsonst gestorben ist!