One Billion Rising: Auch in Aachen gingen Frauen auf die Strasse

One Billion Rising AachenWir dokumentieren hier einen Artikel von linksjugendsolidaachen.blogsport.de

von Marcus, Aachen

Auf Initiative von Linksjugend [’solid] Aachen gingen am internationalen Aktionstag „One Billion Rising“ auch in Aachen um 17 Uhr Menschen auf die Strasse, um gegen Sexismus, Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen zu demonstrieren.
Etwa 150-200 Menschen versammelten sich dazu – trotz klirrender Kälte und Schneefalls – unter der Rotunde des Elisenbrunnens. Die Lokalpresse hat, obwohl sie insgesamt freundlich und wohlwollend über die Aktion schrieb und auch die Pressemitteilung von Linksjugend [’solid] abdruckte, die TeilnehmerInnenzahl dreist untertrieben: So war in den „Aachener Nachrichten“ vom 15.2. etwas von „circa 60 (!) Teilnehmerinnen“ zu lesen.
Bemerkenswert ist, dass hier Frauen und Mädchen mehrerer Generationen zusammen gestanden haben. Neben „Veteraninnen“ der alten Frauenbewegung(en) traf mensch hier auf viele, die nach eigenem Bekunden zum ersten Mal an einer Kundgebung oder Demo teilgenommen hatten. Darunter waren auch viele sehr kämpferische junge Frauen, davon etliche mit Migrationshintergrund. Wenn auch in geringerer Anzahl, so waren auch Männer dabei. Ihnen ging es darum, zu zeigen dass Sexismus, Frauenunterdrückung und sexualisierte Gewalt gemeinsame Gegenwehr erfordern. Der Kampf für eine von jeglicher Unterdrückung befreite, Gleichheit für alle bietende Gesellschaft – das war die verbindende Zielsetzung.
Die Kundgebung hatte eine solidarische und zugleich kämpferische Atmosphäre, die von einem Einander-Abwechseln von gemeinsamem Tanz und kämpferischen Reden geprägt war. Dabei wurde deutlich, welcher Befreiungsschlag die Massenproteste von Frauen in Indien sowie die endlich wieder erfolgte breite Diskussion über Sexismus nach der „Affäre Brüderle“ gehabt haben. Es wurde von zahlreichen RednerInnen deutlich gemacht, wie fühlbar Sexismus, Gewalt und Ungleichbehandlung von Frauen weltweit existieren, wenngleich in verschiedenen Qualitäten: Es gibt sie eben nicht nur in extrem patrarchalischen Gesellschaften der ex-kolonialen Welt, sondern eben auch bei uns.
Viele der oftmals sehr bewegenden Reden handelten von eigenen Erfahrungen mit sexistischen Übergriffen und Demütigungen. Eine 20-jährige Kosovarin schilderte ihr ganzes bisheriges Leben als Kampf um Freiheit, für die sie heute hier stehe und tanze. Die Reden der Aktivistinnen verschiedenen Alters drückten Stolz und Entschlossenheit aus – Entschlossenheit, sich nicht weiter von unrealistischen „Schönheits“idealen das Selbstbewertgefühl zerstören zu lassen. Entschlossenheit, nicht (mehr) Opfer von Gewalt, Ungleichbehandlung und Demütungen sein zu wollen und sich dann in Talkshows und von bürgerlichen Politikern sagen zu lassen, dass die Emanzipation bereits vollends erreicht sei.
AktivistInnen von Linksjugend [’solid] machten deutlich, dass brutale Formen der Gewalt gegen Frauen und scheinbar subtilere strukturelle Formen der Unterdrückung Ausdruck eines Gesamtproblems sind. Unsere Genossinnen und Genossen verwiesen in Redebeiträgen auf die Funktion des Sexismus in einer Klassengesellschaft, wo sie spalten und Frauen demoralisieren soll. Es wurde klargestellt, dass Frauen immer noch wenger verdienen als Männer und überdurchschnittlich oft in niedrig bezahlten und prekären Arbeitsverhältnissen stecken.
Auf die Lage von arbeitenden Frauen, von Erwerbslosen und Prekarisierten wiesen Linksjugend-Mitglieder besonders hin. Ebenso auf die Notwendigkeit von deren Organisierung an der Seite ihrer männlichen Kollegen, Angehörigen und Freunde. Dabei wurde eine Brücke zu den internationalen Kämpfen und Protestbewegungen von ArbeiterInnen und Unterdrückten in allen Erdteilen geschlagen: Von Indien bis Deutschland, Kasachstan bis Ägypten, Tunesien bis Griechenland, Russland bis Iran.
Trotz eisiger Kälte haben fast 200 Menschen in Aachen, Frauen und Männer zusammen, ein machtvolles Zeichen gesetzt. Sie haben gezeigt, dass sie nicht weiter in einer Welt leben wollen, wo für den Profit und die Machterhaltung einer kleinen Minderheit mehr als die Hälfte der Menschheit unterdrückt und erniedrigt wird. Allen TeilnehmerInnen war klar, dass der Aktionstag am 14. 2. nur der Auftakt für weitere, noch größere Kundgebungen und Demonstrationen sein kann.

Weitere Fotos auf unserer Facebook-Seite

Redebeitrag von Lale
One Billion Rising ist ein internationaler Tag gegen Gewalt, die sich gegen Frauen richtet, denn 1 Milliarde Frauen weltweit, also auf englisch one billion, wurden bereits Opfer sexueller Gewalt.
Zu dieser Gewalt gehören Vergewaltigungen, Schläge und Genitalverstümmelungen sowie andere Grausamkeiten, die Frauen in verschiedensten Teilen der Welt über sich ergehen lassen müssen.
Aber auch strukturelle Gewalt ist Gewalt. Wir müssen genau hingucken. Oft wird auch hier bei uns im Alltag noch viel Ungerechtigkeit und Sexismus hingenommen.
Ich für meinen Teil finde es nicht in Ordnung, an jeder Bushaltestelle auf ein Werbeplakat gucken zu müssen, von dem mich ein strichdünnes Model mit nackten Beinen lasziv anlächelt. Ich finde Shows wie GNTM oder der Bachelor ärgerlich. Warum ich das finde? Das hat nichts damit zu tun, dass ich spießig oder verklemmt wäre, im Gegenteil. Es ist das Frauenbild, was mich stört. Ich möchte mein Leben und meine Sexualität selbstbestimmt gestalten. Ich möchte nicht an jeder Ecke suggeriert bekommen, dass ich als Frau vor allem eines zu sein habe: Ein Stück Fleisch! Und bitte ein möglichst mageres! Hübsch anzusehen, gehorsam und Konsumgeil. Meiner Meinung nach ist das Propaganda. Es ist ein Riesengeschäft, Frauen Komplexe einzureden, und es boomt!
Wir werden dazu verleitet, unsere Zeit, unsere Energie und vor allem unser Geld in eine Fassade zu investieren, weil wir ja sonst nichts wert sind. Klar, mittlerweile sind davon auch immer mehr Männer betroffen. Umso schlimmer!
Überlegt mal, was wir alles erreichen könnten, wenn wir all die Energie die für Diät, Frisör und Fitnessstudio draufgeht, in den Klassenkampf investieren würden? Für gute Bezahlung kämpfen würden statt für einen flachen Bauch? Wir sollten uns klar werden, dass es wichtigeres gibt als unser Aussehen. Vor allem wir Frauen sollten endlich begreifen, dass uns der Platz, den unsere Körper einnehmen, verdammt noch mal zusteht! Dass wir uns nicht schämen und verstecken müssen, wenn an uns etwas dran ist! Dass es uns zusteht uns satt zu essen, weil wir die Energie brauchen um uns selbstbewusst zu behaupten, und dass wir nicht da sind, um dekorativ herumzustehen und uns anbaggern zu lassen.
Aber das ist nicht einfach. Wo wir hinschauen, sehen wir Werbung, Fernsehsendungen, Zeitschriften und Musikvideos, die uns immer wieder klar machen, dass wir nicht gut genug sind. Dass wir diese Kleidung, jene Figur, solche Kosmetik brauchen um uns überhaupt vor die Tür zu wagen. Wir lernen, uns gegenseitig abzuscannen, uns zu bewerten, statt gemeinsam und organisiert auf die Straße zu gehen. Und das alles wird uns noch als Freiheit und Gleichberechtigung verkauft, weil wir es uns ja anscheinend selber so ausgesucht haben.
Aber meiner Meinung nach bleibt uns keine wirkliche Alternative, solange es so ist, wie es ist. Solange sich ein Mario Barth vor ein Millionenpublikum stellen und offen über Frauen lustig machen kann, ist ja schließlich „Comedy“. Solange Frauenkörper völlig ohne Zusammenhang benutzt werden, um für irgendwelche Produkte zu werben. Solange schwangere Frauen nicht komplett selber über ihren Körper bestimmen können. Solange eine Frau nach einer Vergewaltigung im Krankenhaus nicht behandelt wird, wie es kürzlich in Köln bekannt wurde. In Augsburg wurde vor kurzer Zeit ein Fall bekannt, in dem einer 19-Jährigen vom Jobcenter einen Job als Barfrau in einem Bordell angeboten wurde. Voraussetzung: Ein ansprechendes Äußeres. Klar, das Jobcenter hat sich entschuldigt, das war ein Fehler, normalerweise müssen Klientinnen vorher gefragt werden ob sie Interesse haben. Und selbstverständlich erfolgen keine Sanktionen, wenn man Angebote dieser Art ablehnt. Wie großzügig! Ganz ehrlich, wenn ich im Jobcenter säße und ganz ordnungsgemäß gefragt würde, ob ich mir vorstellen kann in einem Bordell zu areiten, würde ich mich erniedrigt fühlen. Mein Körper ist keine Ware, und ich bin kein Lustobjekt! Ich respektiere jede Frau, die sich entscheidet, diese Arbeit auszuüben, aber keiner, KEINER Frau gehört das aufgedrängt oder gar vom Jobcenter vorgeschlagen! Das zeigt für mich, wie wenig Respekt die Gesellschaft vor Frauen und ihren Körpern hat. Wir halten uns heutzutage für gleichberechtigt – und währenddessen wird hingenommen, dass Frauen immer noch durchschnittlich 23% weniger verdienen, bei gleicher Ausbildung immer noch 12 %. Dass Frauen deutlich weniger Chancen auf Jobs in Führungspositionen haben, dass sie in Krisen und Kündigungswellen als erste den Job und damit die finanzielle Unabhängigkeit verlieren. Dass die HÄLFTE aller weiblichen Beschäftigten sogenannte Teilzeit- oder Minijobs ausübt, von denen man nicht leben kann. Dass im sogenannten Niedriglohnsektor 70% der Beschäftigten weiblich sind.
Dass viele Frauen eine Doppelbelastung tragen, weil zu wenige bezahlbare Kinderbetreuungs- und Pflegeangebote zur Verfügung stehen und die Verantwortung für zu pflegende Angehörige oder kleine Kinder heute definitiv noch größtenteils an den Frauen hängen bleibt.
Klar, macht ja Sinn, wenn die sowieso weniger verdienen. Der Ausfall in der Erwerbsarbeit, den die Frau dann hat, kostet die Familie weniger als der des Mannes. Aber der Preis ist hoch, der Preis ist die finanzielle Unabhängigkeit! Wer stellt denn eine Frau ein, die jahrelang nicht gearbeitet hat? Wer rechnet ihr die Arbeit, die sie zu Hause geleistet hat, für die Rente an? Niemand! Wenn sich diese Frau also scheiden lässt, bekommt sie HARTZ IV, also bleibt sie. Diese Situation ist für viele Familien, sowohl für die Frauen als auch für die Männer, sehr belastend.
Wir müssen uns dafür einsetzen, dass unsere Arbeit gut bezahlt wird. Wir müssen dafür kämpfen, dass Pflege- und Betreuungsangebote geschaffen und gut finanziert werden, und dass man für die heimische Pflege und Betreuung keine finanziellen Nachteile befürchten muss, denn nur dann hat man eine wirkliche Wahlfreiheit. Wir müssen eine Gesellschaft aufbauen, in der Frauen endlich den gleichen Respekt genießen wie Männer, und somit auch nicht mehr so häufig Opfer von Übergriffen werden. Männer und Frauen müssen gemeinsam kämpfen, denn von Armut und Sozialabbau können wir schließlich alle betroffen sein!
Und wir müssen uns endlich wehren. Nicht nur heute, nicht nur indem wir an diesem Tag mit Aktivistinnen weltweit großartige Aktionen machen, sondern ab heute für immer! Kämpferisch und organisiert!
Gegen Sozialabbau, gegen sexuelle Gewalt und gegen Sexismus in jeder Form. Dankeschön!

Redebeitrag von Caro
Indien:
Vor nicht all zu lange Zeit, im Dezember 2012, wurde eine Studentin in Delhi von mehreren Männern in einem Bus vergewaltigt. Sie starb an den folgen der Verletzungen. Und das ist bei Weitem kein Einzelfall! In Indien müssen Frauen Gewalt an ihrer Person nicht nur von Fremden fürchten. Nein, sondern besonders von Polizisten und Familienangehörigen. Vor allem in Indien werden Frauen als Objekt und minderwertig angesehen. Man darf in Indien sogar noch in der späten Schwangerschaft abtreiben – wenn feststeht, dass ein Mädchen geboren würde. Schon in Vorfeld der riesigen Proteste in Indien wehrten sich vor allem junge Frauen gegen die Ungleichbehandlung und dennoch wurden solche Taten als Einzeltaten abgestempelt. Dass diese Proteste von einem Tag auf den anderen ausbrechen würden, hat kaum keiner erwartet. Diese Proteste sind aber viel eher zu verstehen als Ausbruch angestauter Wut auf die Ausbeutung in dem System, welche bei einem solchen „Global Player“ wie Indien besonders offensichtlich ist. Wir hier bekommen kaum etwas von der Bewegung dort mit, aber sie existiert weiterhin, fordert Gerechtigkeit in jeglicher Hinsicht und breitet sich übe da ganze Land aus. Gleichzeitig ist das Wenige, was über die Bewegung in den europäischen Medien gebracht wurde, genug gewesen um auch hier in Europa AktivistInnen dazu zu bewegen Solidarität zu zeigen und auf Sexismus auch hier aufmerksam zu machen. Kein Wunder denn auch hier sind Frauen Opfer von Gewalt, Übergriffen und dummen Sprüchen, doch nicht nur das macht wütend sondern auch die miese Jobs, schlechte Bezahlung und geringe Zukunftschancen für Mädchen und Frauen hier in diesem Land.

Scheinbar fordern viele Inderinnen und Inder die Todesstrafe bzw. die Kastration der Tätet. Es ist sehr wichtig dies nicht zu erlauben, denn die Behörden würden diese neuen Befugnisse schnell gegen aufkommende Proteste verwenden. Notwendig sind aber fortschrittliche Organisationen, Gewerkschaften und unabhängige Kommissionen zum Schutz der Frauen und zur weiteren Entwicklung der Proteste. Die Bewegung muss, um Erfolge erzielen zu können und weiter zu existieren, die Klassenfrage und die Allgemeine Ungleichbehandlung in frage stellen, sowie den Kapitalismus, der dies alles zu verantworten hat. Und dies scheint auch zu geschehen, denn für den 21. und 22. Februar ist ein 48 stündiger Generalstreit angekündigt.

Wir solidarisieren uns nicht nur in Indien mit fortschrittlichen Bewegungen, sondern überall auf der Welt. Solidarität ist unserer stärkste Waffe. Das gilt besonders für Ländern in den Menschen besonders entrechtet sind – wie Kasachstan.

Kasachstan:
Wir machen schon seit Langem Solidaritätsarbeit für bedrohte AktivistInnen und soziale Bewegungen und seit ca. 1 ½ Jahren tun wir dies auch für die Kampagne Kasachstan. In Kasachstan herrscht ein brutales Regime, welches mit aller kraft versucht aufkommende Proteste und Gewerkschaften klein zu halten bzw. erst gar nicht aufkommen zu lassen. Ajnur Kurmanov, ein kasachischer Gewerkschaftsführer, muss schon seit Langem im Exil in Moskau leben. Vor einiger Zeit kehrte er aber zurück zu seiner Familie, weil er die Entfernung nicht mehr aushielt. Nun muss er erneut um sein Leben fürchten und ist im Moment auf „Solidaritätsreisen“, die für ihr lebenswichtig sein können/werden. Wir verstehen uns als Internationalisten und die Solidarität ist der Rücken der uns schützt, bei unserer täglichen, politischen Arbeit.