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Großbritannien: Streiks zu Weihnachten

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Britische EisenbahmerInnen wehren sich – auch am zweiten Weihnachtsfeiertag

Weihnachtszeit ist in Großbritannien Streikzeit. Zumindest im Schienenverkehr. Sowohl bei der U-Bahn in London als auch bei den Eisenbahnen gab es eine Reihe von Arbeitskämpfen. Weitere sind bereits angekündigt.

Von Christian Bunke, Manchester

Am 26. Dezember bestreikte die Lokführergewerkschaft ASLEF die Londoner U-Bahn. Damit wurde das Einkaufsgeschäft am sogenannten Boxing Day in der Hauptstadt empfindlich gestört. Auch das Fußballspiel zwischen Arsenal und West Ham United wurde auf ein späteres Datum verschoben.

ASLEF fordert bereits seit drei Jahren eine Reform des Schichtbetriebes an Feiertagen. Bislang können U-Bahnfahrer dazu gezwungen werden, an Feiertagen zu arbeiten. Die Gewerkschaft möchte erreichen, dass dies nur noch auf freiwilliger Basis geschieht. Außerdem fordert sie für diese Arbeit eine Verdoppelung der Bezahlung.

Seit 2010 stimmen jedes Jahr 90 Prozent aller ASLEF-Mitglieder für einen Ausstand am verkaufsoffenen zweiten Weihnachtsfeiertag. Die Londoner Transportbehörde hat sich davon allerdings bislang nicht beeindrucken lassen.

 Auch im Norden Englands, in Newcastle, wurde am 26. Dezember die Arbeit niedergelegt. Dort fordern in der Transportarbeitergewerkschaft RMT organisierte Reinigungskräfte eine Lohnerhöhung. Sie sind für die Firma Churchill’s tätig, die für die Reinigung der Metro-Nahverkehrszüge in der Grafschaft Tyne and Wear verantwortlich ist.

Churchill’s zahlt den Beschäftigten nur den gesetzlichen Mindestlohn. Eine Erhöhung schloss der Konzern nach Rücksprache mit seinem Auftraggeber aus. Die Tyne and Wear Metro wird vom Deutsche-Bahn-Konzern betrieben.

Die RMT berichtet, dass Churchill’s Streikbrecher angeheuert habe und diesen ein Vielfaches vom üblichen Lohn zahle. „Wenn es den Firmeninteressen dient, ist Geld durchaus vorhanden«, so der Kommentar der Gewerkschaft dazu. In den letzten fünf Jahren haben sich die Profite von Churchill’s auf sieben Millionen Pfund pro Jahr verdoppelt. Der Konzern zahlt den Reinigungskräften keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, es gibt keine Betriebsrenten und keine Reisevergünstigungen für Angestellte auf den Metrozügen.

 Auch Signalarbeiter streikten während der Weihnachtszeit. Sie legten im schottischen Stirling vom 23. bis zum 24. Dezember die Arbeit nieder. Die in der RMT organisierten Beschäftigten wollen mit der Maßnahme ein erträglicheres Schichtsystem erkämpfen. Ihre Kollegen beim Londoner Bahnhof St. Pancras waren bereits vom 19. bis zum 21. Dezember in den Ausstand gegangen. Hier sollen 50 Prozent aller Stellen abgebaut werden.

 Verhandlungserfolge

 Eine Reihe weiterer geplanter Streiks wurde abgesagt, weil für die RMT-Gewerkschaft zufriedenstellende Verhandlungsergebnisse erzielt werden konnten. So gibt es für die Beschäftigten des verstaatlichten Schieneninstandhalters Network Rail eine Gehaltserhöhung von 3,5 Prozent. Hier wollte das Unternehmen ursprünglich eine Nullrunde erzielen. RMT-Generalsekretär Bob Crow freute sich über den Abschluss: „Das ist eines der besten Ergebnisse überhaupt. Obwohl man uns immer erzählt, wir hätten Gehaltskürzungen zu akzeptieren, zeigt es, dass die RMT nach wie vor Gehaltserhöhungen über der Inflationsrate erkämpfen kann.“

 Auch die Bahnunternehmen First Scotrail und Cross Country hätten am 26. Dezember bestreikt werden sollen. Bei ersterem ging es um die Entlassung eines Schaffners, die von der RMT bekämpft wurde. Hier wurde kurz vor Streikbeginn eine akzeptable Lösung erzielt, so die Gewerkschaft. Bei Cross Country geht es um eine Reihe von Problemen, unter anderem systematisches Mobbing durch den Arbeitgeber. Auch hier habe die Streikdrohung Verhandlungsfortschritte gebracht. Allerdings weist die RMT darauf hin, dass dieser Streik nur ausgesetzt, nicht aufgehoben ist.

 Die Welle an Arbeitskämpfen ist Ausdruck der sich immer weiter verschlechternden Situation bei Großbritanniens Eisenbahnen. 1993 wurde der gesamte Bahnsektor privatisiert. 2001 musste das Schienennetz rückverstaatlicht werden, weil der private Betreiber Railtrack, nachdem er jahrelang astronomische Gewinne eingefahren hatte, notwendige Infrastrukturmaßnahmen nicht schultern konnte und Insolvenz anmeldete. Seither ist nur noch der Eisenbahnbetrieb privat. Gut zwei Dutzend Gesellschaften betreiben heute jeweils eine oder mehrere Strecken zumeist als regionale Monopole. Doch auch mit diesen gibt es immer wieder Probleme. So muss der Betreiber der London-Midland-Linie 2013 Kompensationen im Wert von sieben Millionen Pfund an die Passagiere zahlen. Unter anderem soll es Gratisfahrten für Dauerkartenbesitzer geben. 2012 waren auf der Linie mehr als 1000 Züge ausgefallen. Manchmal gab es über 50 Ausfälle pro Tag. Ein Grund dafür sind die vergleichsweise niedrigen Gehälter der Betriebsfirma. Sie fand schlicht nicht genug Lokführer, die für den angebotenen Lohn arbeiten wollten.

 Das britische Transportministerium fordert für die London-Midland-Linie mehr Investitionen in die Instandhaltung der Infrastruktur. Doch die Realität sieht anders aus. Es drohen massive Einsparungen, die vor allem durch Stellenabbau erzielt werden sollen. 35 Prozent des derzeitigen Personals soll abgebaut werden. Zugbegleiter sollen bald der Vergangenheit angehören.

Auch auf Lohnerhöhungen soll zukünftig verzichtet werden. Das zumindest wird im von der Regierung in Auftrag gegebenen Ergebnisbericht zu 18 Jahren privatisierter Bahn, dem sogenannten McNulty-Report, gefordert: „Die Erwartungshaltung, dass Löhne bei den Eisenbahnen über die Inflationsrate hinaus anwachsen, muss enden“, heißt es darin. Selbst der Ausgleich der Inflationsrate müsse in Frage gestellt werden. „Der Trend, die Abeitszeiten immer weiter zu verkürzen, sei nicht nachhaltig.“ Für 2013 planen die Transportgewerkschaften Kampfmaßnahmen gegen die Empfehlungen des McNulty-Berichtes.

 Dieser Artikel erschien zuerst in der Tageszeitung junge Welt.