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Bildungsungleichheit in Deutschland steigt

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Bildungskrise in Europa?!

Am 11. September 2012 veröffentlichte die OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) die neue Studie zur Bildung in Europa. Die Ungleichheit im deutschen Bildungssystem wurde erneut hervorgehoben, was Bildungsministerin Annette Schavan zur etwas albernen Aussage verleitete, die auf statistischen Erhebungen basierende Studie sei „abwegig“.

von Katharina Doll, Hamburg

Das verwundert nicht, denn die Ergebnisse für Deutschland fallen in vielen Bereichen weit hinter den europäischen Durchschnitt zurück. Gerade in Sachen Gleichheit hat das dreigliedrige deutsche Bildungssystem besonders schlecht abgeschnitten. Nach der Studie erreicht nur jeder fünfte Schüler einen höheren Abschluss als seine Eltern, 22 Prozent fallen sogar hinter dem Status der Eltern zurück. Während international wenigstens 17 Prozent der Kinder, deren Eltern ein niedrigeres Bildungsniveau haben, studieren, sind es auch da in Deutschland nur sechs Prozent. Die geschlechterspezifische Ungleichbehandlung ist europaweit auffallend. Während im OECD-Durchschnitt mittlerweile etwa 69 Prozent der Frauen und 55 Prozent der Männer im Verlauf ihres Lebens eine Universität besuchen, ist die Arbeitslosigkeit unter Frauen mit Hochschulabschluss im Vergleich zur Arbeitslosigkeit unter Frauen mit Abschluss des Sekundarbereichs II (Bildungswege nach Abschluss der 10. Klasse) weiter höher als unter Männern.

Doch nicht nur an diesen Stellen ist der deutsche Bildungsbereich von Ungleichheiten durchsetzt. Große Gefälle finden sich auch in der Bezahlung von Lehrern. Während eine Oberstufenlehrkraft im Laufe ihrer Karriere bis zu einem Jahresgehalt von 76 000 US-Dollar aufsteigen kann (das sind 26 000 mehr als im OECD-Schnitt), sind beispielsweise die Arbeitsverhältnisse von Honorardozenten für Deutsch als Fremdsprache weiterhin miserabel, worauf Gruppen wie „Aktion Butterbrot“ aufmerksam machen.

Eurokrise trifft Bildungssystem

Schuldenbremse und Krise werden zu weiteren Verschlechterungen und Kürzungen im kompletten Bildungsbereich und in für die kindliche Bildung relevanten Bereichen wie den Kitas und der Jugendarbeit führen. Gutes Beispiel hierfür ist Hamburg, Millionärsstadt und Vorreiter in Sachen Kürzungspolitik, wo in allen genannten Bereichen, also sowohl in der Uni und im Bildungsbereich für die Inklusion, als auch in der offenen Kinder- und Jugendarbeit und den öffentlichen Kitas gerade massive Kürzungen stattfinden – Lehrer, Schüler, Studenten, Professoren, Kinder, Personal, Sozialarbeiter und Angehörige sind davon betroffen. Bündnisse gegen die Kürzungen und ein Teil der Gewerkschaften sind bereits aktiv, um die Kürzungen zu verhindern und weitere Schritte zu planen muss der Protest aber deutlich ausgeweitet werden.

Trotz der Rezession nahmen der Studie zufolge die staatlichen Ausgaben im Bildungsbereich europaweit in mehr als der Hälfte der Länder zu. Obwohl viele Medien dies so interpretieren, dass die Krise keine Auswirkungen auf die Bildung habe, entspricht dies nicht der Realität. Die Studie zeigt, dass Schüler, Studierende und ihre Familien für einen wachsenden Anteil der Bildungsausgaben selbst aufkommen müssen. Gleichzeitig stieg die Quote von Menschen ohne Anstellung oder Aus- und Weiterbildung 2010 im OECD-Schnitt auf 16 Prozent an (15- bis 29-Jährige sind besonders betroffen). In Ländern wie Griechenland, wo von der Regierung bereits Lebensmittelcoupons an unterernährte Schüler ausgegeben werden, während ohne private Nachhilfe kaum ein Schüler das Abitur schaffen kann, ist das unglaublich fatal. Doch bei fallenden Einkommen und dramatisch zunehmender Arbeitslosigkeit als Folge der Krise werden in allen Ländern Europas Gelder für Bildung privat immer schwerer aufzubringen sein. Gerade das Niedriglohnland Deutschland wird davon nicht verschont bleiben. Vertreter der Idee der immunen Export- und „Wissenswirtschaft“, die sich abhebt vom von der Krise gebeutelten Südeuropa, werden bei stärkerem Hereinbrechen der Krise noch mehr als schon jetzt das Lügen gestraft werden.

Bildung ist Klassenfrage

Aus allen genannten Erhebungen geht eines hervor: die Bildungsfrage ist ein klarer Kristallisationspunkt ökonomischer Verhältnisse. Die Bildungssituation verdeutlicht Diskriminierung und Ungleichheit in der Zweiklassengesellschaft, trägt dazu bei und spiegelt sie wieder. Bildungsfrage ist Klassenfrage, das hat auch Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände verstanden. 2002 sagte er: „Der Stoff kann gut und gerne um 50 Prozent reduziert werden. […] Wir brauchen eine Konzentration auf das Wesentliche – aber das muss sitzen.“ Konkret heißt das, dass die Ausbildung von Lohnabhängigen sich möglichst auf das billige und effiziente Einpauken von für die Profiteure des Systems Verwertbarem beschränken soll, während die „Orchideenfächer“ Geistes- und Sozialwissenschaften primär zukünftigen Managern vorbehalten werden.

All das muss zurückgeschlagen werden. Proteste wie Italien 2008 oder Chile 2006 und -11 haben gezeigt, dass Solidarisierung und ein gemeinsamer Kampf im ganzen Bildungsbereich und darüber hinaus vor allem mit Hilfe der Gewerkschaften möglich sind. In ganz Europa wird ein breiterer Protest auch im Bildungsbereich immer notwendiger.

Wir fordern eine europaweite Rücknahme aller Kürzungen und intensive Investitionen für eine gleiche, gerechte, demokratische und emanzipatorische Bildung, sowie eine Ausweitung und Verbesserung sozialer Auffang- und Fördersysteme. Klassenbildung – Klassenkampf!