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Spanien: „Generation Widerstand“ oder „verlorene Generation“?

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Im stark von der Eurokrise betroffenen Spanien fehlt den meisten Jugendlichen jede Perspektive. Interview mit Danny von Socialismo Revolucionario, der spanischen Schwesterorganisation der SAV.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf das Leben Jugendlicher?

Im Allgemeinen steht die Gesellschaft in Spanien unter den Bedingungen der Krise des Kapitalismus vor einer langen Phase von Angriffen auf die Lebensstandards, Hoffnungen und Wünsche der Mehrheit der Bevölkerung, die geführt werden um dem Profitsystem seine Dynamik zurückzugeben. Die heutigen Jugendlichen werden durch diesen Prozess zu einer verlorenen Generation, wenn der Kapitalismus damit durchkommt. Die massive Jugendarbeitslosigkeit von 53% wird nicht wieder verschwinden. Millionen junger Menschen sind zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts seit Jahren vollkommen auf Eltern oder Großeltern angewiesen, aber sogar diese verzweifelte Existenz ist jetzt bedroht, weil die Jahre voller Kürzungsmaßnahmen das finanzielle Überleben ganzer Familien gefährdet. Diese hoffnungslose Perspektive ist ein wichtiger Faktor in der Radikalisierung der Jugend, die sich am stärksten in der „Indignados“-Bewegung gezeigt hat.

Wir haben von großen Bildungsprotesten im Mai gehört, warum haben sich so viele Menschen daran beteiligt? Wird es weitere Proteste geben?

Es gab am 22. Mai einen Generalstreik des gesamten Bildungsbereichs, der zum ersten Mal seit dem Sturz des Franco-Regimes landesweit alle Bereiche erfasst hat. In den Monaten zuvor waren LehrerInnen und BildungsarbeiterInnen in vielen Regionen führend an Arbeitskämpfen gegen die Kürzungen der Regierung beteiligt. In Madrid haben die LehrerInnen im letzten Jahr 12 Mal gestreikt. Neue Milliarden-Bildungskürzungen der Zentralregierung brachten diese Kämpfe mit massiven Demos von Studierenden zusammen, die sich aus Protest gegen eine Erhöhung der Studiengebühren um 66% dem Streik anschlossen. Im Moment macht die Bewegung wegen der laufenden Prüfungen eine Pause, aber im Herbst wird sie wahrscheinlich wieder ausbrechen.

Gibt es eine Bewegung gegen Jugendarbeitslosigkeit? Wie reagieren die Menschen auf die Perspektivlosigkeit?

Die 15-M-Bewegung der Indignados, die vor etwas mehr als einem Jahr begann, war Ausdruck einer grundlegenden Revolte gegen die Situation, die Jugendlichen aufgezwungen wird. Im vergangenen Jahr hat sich die Bewegung durch ihre Versammlungen in vielen Orten verankert und eine wichtige Rolle dabei gespielt, verschiedene Kämpfe gegen Kürzungen, Zwangsräumungen von Wohnungen und viele lokale Probleme miteinander zu verbinden. Zentral war in dieser Bewegung auch die Suche nach Alternativen zur Politik der Herrschenden, die die Profite von Bankern und Großkonzernen über die Menschen stellt. Das CWI meint, dass eine sozialistische Alternative zur Diktatur der Märkte notwendig ist, die den gesellschaftlichen Reichtum in demokratisches öffentliches Eigentum verwandelt.

Was sind aktuell die wichtigsten Bewegungen in der spanischen Gesellschaft? Wird es bald einen neuen Generalstreik geben?

Wie in Griechenland und Portugal, den anderen von der Eurokrise massiv betroffenen Ländern, haben die Kämpfe allgemein zugenommen, die Arbeiterklasse kämpft um eine Alternative zum aktuellen Kurs. Allerdings stößt sie dabei auf Hindernisse, darunter die konservativen Gewerkschaftsführungen.

In Spanien war der Generalstreik am 29. März ein eindrucksvoller Ausdruck der Macht der Arbeiterklasse, blieb aber als einzelner Kampftag isoliert. Schritte zur Verstetigung und Verstärkung des Kampfes, etwa durch einen weiteren, 48-stündigen Generalstreik (wie von Socialismo Revolucionario vorgeschlagen) wurden nicht unternommen. Während sich die Krise mit massiven Ungerechtigkeiten, wie dem neuen 100-Milliarden-Rettungspaket für die Banken, weiter vertieft plant die Gewerkschaftführung vor dem Herbst tragischerweise keine ernsthaften Aktionen. Aber die ArbeiterInnen werden beweisen, dass man von unten die Initiative ergreifen kann. Das zeigt aktuell der explosive und entschlossene Kampf der BergarbeiterInnen, deren unbefristeter Streik gegen die Zerstörung der Branche, ihrer Arbeitsplätze und ihres Lebensumfelds weitergeht und in den nördlichen Regionen Asturien und Leon zu bürgerkriegsartigen Szenen führt. Er ist ein Beispiel für die massiven Kämpfe, die bald ausbrechen werden.