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Pauken, pauken, pauken

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und wenns nicht reicht: Nachhilfe!


 

Tretmühle Schule: In den letzten Jahren ist der Bedarf an Nachhilfe bei Kindern und Jugendlichen sprunghaft gestiegen. Woran liegt das?

von Simon, Aachen

Verschiedene Punkte fallen ins Auge, wenn man die Entwicklung genauer anguckt:

Leistungsdruck

Der Leistungsdruck auf SchülerInnen hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Er entsteht durch das nun in fast allen Bundesländern durchgesetzte Turbo-Abitur, bei dem die Schulzeit von 13 auf 12 Jahre herabgesetzt wurde. Derselbe Stoff muss nun in kürzerer Zeit gelernt werden, dazu kommen ständige Leistungsvergleiche in der Schule und NCs als Zulassungsvoraussetzung für die Uni. Die durchgeboxten Doppeljahrgänge erhöhen die Zahl der BewerberInnen. Besonders haut die ständige Vergleichbarkeit rein – was im Zentralabi abgeprüft wird, hängt nicht davon ab, wie viel Unterricht man zu welchem Thema hatte. Stundenausfall wird zu einem echten Problem und führt besonders stark dazu, dass die SchülerInnen vermehrt Nachhilfe benötigen. Die kostet und muss aus privater Tasche gezahlt werden, gar nicht so leicht für Familien mit wenig Geld. Für viele SchülerInnen ist Nachhilfe trotzdem notwendig, da ihnen der Unterricht schon lange nicht mehr reicht um den ganzen Lernstoff zu schaffen – von echtem Verstehen und einer Vertiefung des Wissens kann gar nicht gesprochen werden. Richtig ätzend, wenn man darüber nachdenkt: Da verbringt man 30, 40 Stunden die Woche in der Schule, und auch dann kann man noch nicht, was abgeprüft wird.

So wird Nachhilfeunterricht zu einer großen Industrie, welche mit überteuerten Stundenpreisen, von denen die meisten NachhilfelehrerInnen an Instituten übrigens wenig sehen, den Nachholzwang zu einer Marktlücke machen. Genaue Zahlen sind schwer zu erheben, aber laut Schätzungen liegt der Anteil der SchülerInnen, die regelmäßig Nachhilfe nehmen, zwischen 30 und 50 Prozent. Im Schnitt geben Familien zwischen 750 Euro (bei privaten NachhilfelehrerInnen) und 1150 Euro jährlich für Nachhilfe aus (in Nachhilfeinstituten). Klar ist: Das können sich viele gar nicht leisten. Wer weniger Stunden nimmt oder arbeiten muss, um sich ausreichend Nachhilfe zu finanzieren, hat Pech gehabt und entweder weniger Zeit zum Verstehen oder mehr Stress durch Arbeit. Bildung wird mal wieder zur sozialen Frage.

Schön billig.

Große Klassen kosten weniger Geld, weil LehrerInnen und Material eingespart werden können – ganz zu schweigen von einem gesamten Jahrgang, der durch G8 weggekürzt wurde.Weil Bildung nicht im Interesse der SchülerInnen geplant wird, sondern sich rechnen muss, wird an den Lernbedingungen gespart, wo es nur geht. Der Staat gibt zwar Geld für Bankenrettung und Militarisierung aus, aber für Bildung ist keins mehr übrig, wollen sie uns weismachen.

Wem nützt der Leistungsdruck?

Die SchülerInnen werden an die wirtschaftlichen Vorgaben angepasst. Ein starrer Lehrplan soll bestimmtes Wissen in die SchülerInnen pumpen und sie auf das spätere Berufsleben vorbereiten, dabei kommen im Endeffekt völlig überforderte Menschen aus den Klassen, die jede Lust und jeden Spaß am Lernen verloren haben. Durch stupides Durchgehen des Lernstoffes bleibt wenig Zeit für kritische Nachfragen und Kreativität. Erst recht bleibt keine Zeit für politische Aktivitäten der Schüler. Selbst wenn Leistungsdruck nicht überall gezielt eingeführt wird, nimmt die Politik ihn doch wohlwollend hin. Es ist auch nicht im Interesse der Herrschenden im Kapitalismus, wenn SchülerInnen Geschichte oder Umweltschutz allzu genau betrachten und auf kritische Gedanken kommen: Was auch immer der Lehrer gesagt hat, stimmt und SchülerInnen gewöhnen sich daran, nicht mehr als das Geforderte wiederzugeben. Auch im Berufsleben sollen sie parieren, leistungsbereit und flexibel sein, und nicht mehr Zeit oder Ressourcen verbrauchen als unbedingt nötig.

Es reicht!

Radikale Änderungen sind dringend notwendig – Lerndruck und Stress bei SchülerInnen müssen ein Ende haben. Dafür fordern wir die Rücknahme des G8-Abiturs und die Abschaffung von Zentralabi und Vergleichsarbeiten. Bei Bedarf muss es kostenfreie Nachhilfe und ein Hausaufgabenhilfeangebot durch qualifizierte LehrerInnen in allen Schulen geben, um den bestehenden Druck wenigstens abzufangen. Schulen müssen bedarfsgerecht vollfinanziert werden, damit auch Geld für VertretungslehrerInnen übrigbleibt. In einem weiteren Schritt müssten Lehrpläne und Schulkonzepte demokratisch unter Mitbestimmung von SchülerInnen, LehrerInnen, Eltern und GewerkschaftsvertreterInnen umgearbeitet und der Druck rausgenommen werden. Wir sollten bestimmen, was, wie und wofür wir lernen, und nicht reingewürgt kriegen, was die Kapitalisten und ihre Politiker uns glauben lassen wollen!