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Wie verrückt ist Anders Breivik?

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Vom individuellen und kollektiven Wahn der Islamophoben


 

Der Anwalt des Massenmörders sagt, dieser wäre geistesgestört und würde in einer völlig anderen Welt leben, nicht in der realen. Ein Blick auf seine Vorstellung, „der Islam“ würde Europa erobern und man müsse einen Krieg führen, um das zu verhindern, bestätigt tatsächlich die These, dass er sich geistig aus der Realität ausgeklinkt hat. Es handelt sich aber keineswegs um eine individuelle psychische Störung, sondern um ein kollektives Phänomen.

von Claus Ludwig, Sozialistischer Stadtrat, Die LINKE.Köln

Nur wenige Menschen mögen bereit sein, Terror auszuüben oder gar ein solches Massaker an Jugendlichen anzurichten. Doch die Idee, man müsse das „christliche Europa“ gegen eine drohende „Islamisierung“ verteidigen, die Idee, das Zusammenleben von Menschen verschiedener Abstimmung – „Multikultur“ – würde zum Niedergang des Kontinents führen, hat Anders Breivik sich nicht selbst ausgedacht. Diese These wird auf Tausenden Blogs und Websites verkündet, dies vertreten sogenannte „rechtspopulistische“ Parteien in ganz Europa, von „ProKöln“ (PK) über die FPÖ und den Vlaams Belang bis zu den rassistischen Parteien in Skandinavien. Die Vorstellung tauch auch von Zeit zu Zeit in den etablierten bürgerlichen Parteien auf und hat – so die von der Partespitze befürwortete Entscheidung eines SPD-Schiedsgerichtes in Berlin, dass es ablehnte, Thilo Sarrazin auszuschließen – auch einen Platz in der Sozialdemokratie.

Anders Breivik hat sich nicht nur von davon inspirieren lassen, er hat sie per paste & copy neu zusammengefügt und in einer monströsen kommentierten Zitate-Sammlung zu seinem über 1.500 Seiten „Best Of Islamophobia“ zusammengefasst.

Rassismus als rationaler Wahn

Der Rassismus ist eine relativ junge Ideologie. Vorurteile oder Schmähungen gegen fremde Völker hat es in der gesamten Menschheitsgeschichte gegeben, aber Rassismus als gefestigte Vorstellung von der Unterlegenheit oder Minderwertigkeit bestimmter Völker, die als „Rassen“ definiert wurden, ist das Produkt des neuzeitlichen Kolonialismus und Imperialismus. Der Rassismus war die Ideologie zur Rechtfertigung der Ausbeutung und Versklavung der afrikanischen, amerikanischen und asiatischen Völker im Zuge der Aufteilung der Welt durch europäische Kolonialmächte.

Durch die kapitalistische Durchdringung der ganzen Welt, durch das Entstehen von Arbeiterbewegung und Befreiungsbewegungen sowie mit der Fortentwicklung der Natur- und Sozialwissenschaften schwand die angeblich „wissenschaftliche“ Begründung des Rassismus. Dieser blieb zwar wichtig als ein Mittel zur Spaltung der Arbeiterbewegung nach dem Prinzip „teile und herrsche“. Doch die geistigen Köpfe der herrschenden Klasse glaubten nicht mehr selbst an rassistische Ideen, wie es die Herrschenden in der Phase der Kolonialisierung getan hatten.

Die stärkste Unterstützung fand der Rassismus im 20. Jahrhundert im Kleinbürgertum, einer Klasse, die sich einerseits vom Großkapital, andererseits von der Arbeiterklasse bedroht sah. Diese kleinbürgerliche Reaktion auf den entwickelten Kapitalismus war extrem rückwärts gewandt und entwickelte wahnhafte Züge. Das grausigste Beispiel ist der Antisemitismus, die Idee von der „jüdischen Weltverschwörung“, welche zum Nazi-Völkermord an Europas Juden führte.

Die Vorstellung, es gäbe einen dauerhaften Kampf zwischen „Völkern“, „Kulturen“ oder „Rassen“ oder bestimmte „Rassen“ würde über festgelegte kollektive Eigenschaften verfügen, entbehrt jeder Grundlage. Forscher wie z.B. beim Human Genome Project haben längst bewiesen, dass es nur eine menschliche Rasse gibt und dass die genetischen Unterschiede recht gering sind. Die Geschichte der menschlichen Gesellschaften ist tatsächlich eine Geschichte der Migration, der Vermischung, der Koexistenz von Anpassung und Bewahrung von Unterschieden.

Wer solch eine verquere, irre Sicht auf die Welt hat wie die Rassisten, der kommt unweigerlich zu verrückten Schlussfolgerungen. Die „English Defence League“ will England „verteidigen“ – gegen wen? Die „Gates of Vienna“ befördern die Vorstellung, die Muslime ständen vor den Toren wie im Spätmittelalter die türkischen Heere. Sarrazin sieht dank selbst gefälschter Statistiken die „Abschaffung Deutschlands“ und warnt vor der demografischen Eroberung durch fleißig gebärende Muslime. Der Journalist Hendrik M. Broder hat schon „kapituliert“ und rät freiheitsliebenden jungen Menschen zur Auswanderung aus Europa.

Paranoid bis ins Detail

Wer es sich antun möchte, mal einen Blick auf Seiten wie „Politically Incorrect“ zu werfen, der sieht, wie sich das Wahnhafte der sich „Islamkritiker“ nennenden Islamophoben bis ins Detail fortsetzt. Es wird behauptet, die Medien würden die „Islamkritik“ verschweigen und wären von „Gutmenschen“ und „Multikulti-Freunden“ beherrscht – obwohl Broder und Andere sich lang und breit im SPIEGEL oder der WELT auslassen dürfen, obwohl sämtliche Massenmedien immer wieder mal die Anti-Islam-Stimmung anheizen. Die Blogger und Leser von PI sehen sich als Opfer, obwohl sie ungehemmt ihre Hetze verbreiten können und ihnen noch nie jemand was getan hat.

Einen Spitzenplatz im Produzieren von wahnhaften Vorstellungen nimmt „ProKöln“ ein. Nahezu jedes Ereignis wird uminterpretiert. Wenn das PK-Ratsmitglied Uckermann eine junge Frau schlägt, hat diese ihn angegriffen. Wenn auf einer PK-Mahnwache 30 Gestalten herumstehen, waren es laut Website 150, wenn 200 Rechte zu einem „Anti-Islam-Kongress“ kommen, werden 1.000 gezählt. Wenn der erwähnte Herr Uckermann bei Ratssitzungen die Kontrolle verliert, den Oberbürgermeister beleidigt und dafür Ordnungsrufe erhält, dann ist es der undemokratische OB, der dafür verantwortlich ist.

Nun ist es eine Sache, im Internet zu schwindeln und politische Ereignisse so zu interpretieren, dass man selber gut dasteht. Aber PK macht das dermaßen penetrant, dass davon auszugehen ist, dass Teile der eigenen Mitglieder und Anhänger, vielleicht sogar die Verfasser der Artikel selbst, glauben, was darin behauptet wird.

Die große irre Idee von drohenden Islamisierung wird unterfüttert mit der bis ins Detail gehenden Selbstinszenierung, wahlweise als Opfer oder Helden, die von den etablierten Mächten nur mit üblen Tricks daran gehindert werden können, den wahren Willen des Volkes zu formulieren und zu vollziehen.

Durch dieses geistige Klima werden Menschen angezogen, die für große und kleine Verschwörungstheorien offen sind. Solange das dumpf-rechte Couch-Potatoes und Stammtischpöbler im fortgeschrittenen Alter sind wie die meisten Unterstützer der „Pro“-Gruppen, ist die Gefahr recht gering, dass daraus rechte Terroristen werden. Doch wenn jüngere, agile Aktivisten angezogen werden, welche individuelle psychische Vorraussetzungen haben wie das Fehlen jeglichen Mitgefühls für andere Menschen, dann können die islamophoben Wahnideen zum Katalysator rechten Terrors werden.

Bewusster Killer im Stil der SS

Zwei ehemalige Mitstreiter der „ProKöln“-Vorbeter Rouhs und Beisicht aus den Zeiten der „Deutschen Liga für Volk und Heimat“ aus den 90er Jahren sind schon ausgetickt. Thomas Adolf erschoss eine dreiköpfige Anwaltsfamilie in Overath im Stile einer Hinrichtung. Es ging um Geldstreitigkeiten. Ulrich Klöries tötete seine Mitbewohnerin, missbrauchte die Leiche sexuell und zerstückelte sie. Beide waren im Unterschied zu Breivik keine planvollen Terroristen, die sich auf einer wichtigen Mission wähnten, sie waren Verlierertypen. Doch die Gemeinsamkeit dürfte darin liegen, dass rassistische Gruppen solche Leute anziehen und paranoide und gewalttätige Tendenzen verstärken. Es ist leider damit zu rechnen, dass nicht nur die klassische Neonazi-Szene, sondern auch die „rechtspopulistischen“ islamophoben Strömungen weitere Kreaturen dieser Art hervorbringen.

Wenn Breivik für geistesgestört und in die Psychatrie eingewiesen wird, dann müssten konsequenterweise Sarrazin, Broder, die Macher von PI, die „Pro“-Leute, FPÖ-Politiker und viele andere den gleichen Weg antreten. Sie vertreten und befördern wahnhafte rassistische Vorstellungen.

Nein, Breivik gehört, ungeachtet seiner sicherlich vorhandenen psychischen Defekte, nicht in die Psychiatrie, diese Ferndiagnose traue ich mir zu. Er ist ein bewusster, politischer Überzeugungstäter, der auf der Grundlage rassistischer Vorstellungen „rational“agiert und steht damit in der Tradition der SS-Einsatzkommandos, welche in der Sowjetunion die Massenerschießungen hinter der Front organisiert haben und der KZ-Wächter, welche die Menschen in die Gaskammern getrieben haben.

Die Psychologisierung und Invividualisierung seiner Tat wird von bürgerlichen Politikern und Medien betrieben. Begriffe wie „unvorstellbar“ sollen dazu dienen, das Morden zu entpolitisieren. Dagegen muss sich die Linke wenden. Breivik ist ein Rechtsterrorist, seine Handeln muss politisch ernst genommen werden, es ist eine Warnung für die gesamte Arbeiterbewegung.