Atomkraft abschalten – jetzt

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Warum alle Atomkraftwerke in Deutschland sofort abgeschaltet werden müssen und können.


 

Seit der atomaren Katastrophe von Fukushima hat die Bewegung gegen die Nutzung der Atomkraft mehr erreicht als Rot/Grün mit dem sogenannten „Atomausstieg” von 2000/2002. Gerade mal drei Atomkraftwerke gingen damit vom Netz. Jetzt, wo hundertausende sich binnen drei Monaten an Protesten beteiligt haben ist klar, dass sieben bis acht Reaktoren stillgelegt werden. Die Laufzeitverlängerung bis 2040 ist vom Tisch. Das ist ein großer Erfolg der Bewegung. Ohne die anhaltenden Proteste hätte die Regierung anders entschieden.

von Holger Dröge, Berlin

Aber der Weiterbetrieb von neun Atomkraftwerken – die meisten davon noch mehr als zehn Jahre – ist alles andere als ein Ausstieg aus der Nutzung von Atomkraft. Es finden bis 2022 noch mindestens drei Bundestagswahlen statt und eine Änderung der jetztigen Beschlüsse ist möglich. Aber vor allem bedeutet es, dass wir noch mindestens zehn Jahre mit den enormen Risiken der Atomkraft leben müssen, mindestens zehn Jahre noch Atommüll produziert wird, für den es bis heute keine sichere Endlagerung gibt.

Das Risiko ist zu groß

Sicher ist Atomkraft nicht, niemand kann garantieren, dass niemals ein atomarer Unfall eintritt. Tschernobyl, Harrisburg oder Fukushima sind nur einige Beispiele dafür. Die „Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke Phase B” von 1989 beziffert das Risiko eines Super-GAUs aufgrund technischen Versagens in einem westdeutschen Atomkraftwerk mit 0,003 Prozent pro Jahr. Das klingt wenig. Aber allein in der EU gibt es rund 150 Atomkraftwerke. Bei einer Betriebszeit von 40 Jahren käme es hier demnach mit einer Wahrscheinlichkeit von über 16 Prozent zu einem Super-GAU. Viele mögliche Störfallszenarien und gefährliche Altersmängel in den Reaktoren sind dabei gar nicht berücksichtigt – genauso wenig wie alle Unfälle, die, wie Harrisburg und Tschernobyl, unter anderem durch menschliches Versagen passieren.

In der Renneberg-Studie für die Bundestagsfraktion der Grünen vom Juni 2010 heißt es treffend: „Die Interpretation des Begriffs "Sicherheit" im Sinne einer objektiven, absolut bezifferbaren Kenngröße ist jedenfalls für den Bereich der Kerntechnik nicht haltbar. Sicherheit beschreibt nicht einen diskret abgrenzbaren objektiven Zustand, sondern beschreibt die Auffassung über ein zugrunde liegendes Risiko oder die Bewertung eines Risikos. Der Betrieb der in Deutschland und zurzeit auch weltweit betriebenen Kernkraftwerke ist immer mit dem Risiko eines Super-Gaus verbunden. Bei manchen ist dieses Risiko kleiner, bei manchen größer. Wenn der Betrieb von Kernkraftwerken als sicher bezeichnet wird, dann heißt dies folglich nur, dass das damit verbundene Risiko akzeptiert wird.”

Nach verschiedenen Risikostudien wird für deutsche Atomkraftwerke eine durchschnittliche Kernschmelzhäufigkeit pro Anlage und Jahr von etwa 1 zu 100.000 angenommen. Damit ergibt sich in einem Zeitraum von 60 Jahren eine Wahrscheinlichkeit in der Größenordnung von 1 Prozent, dass in dieser Zeit in den deutschen Kernkraftwerken ein Kernschmelzereignis auftritt.

Wer also behauptet, dass deutsche Kernkraftwerke sicher sind, macht nichts anderes als eine Wette einzugehen, gefrei dem Motto „Es ist noch immer gut gegangen.” Das Risiko diese Wette zu verlieren ist aber nicht hypothetisch, sondern real, wie die Vorgänge in Fukushima leider zeigen.

Hinzu kommen Risiken durch Terroranschläge und Flugzeugabstürze. Wie groß die Gefahr eines solchen Angriffs ist, lässt sich kaum beziffern. Doch auch ohne Fremdeinwirkung droht in den extrem komplexen Reaktoren ständig der Super-GAU. Seit 2000 gab es in Deutschland 1166 meldepflichtige Ereignisse in Atomkraftwerken, davon 33 INES 1 Fälle und 2 Fälle bei INES 2. (Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz).

Nicht ohne Grund würde auf Grund heute geltender Vorschriften und Gesetze kein einziges laufendes Atomkraftwerk in Deutschland wieder für den Betrieb zugelassen.

Die Folgen eines atomaren Unglücks wären dramatisch. Das hat sich leider in Tschernobyl und Fukushima gezeigt. In der Folge von Tschernobyl starben bis heute mindestens 70.000 Menschen (andere Schätzungen gehen von über 100.000 Toten aus), 400.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen, ein Gebiet von der Größe des Saarlands ist auf Jahrzehnte unbewohnbar. Aber auch tausende kilometer entfernt in Europa geht man heute von etwa 5.000 Tschernobylbedingten Todesfällen unter Säuglingen aus (Quelle: Ärtze gegen den Atomkrieg).

Eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums hat – unter Berücksichtigung der Erfahrungen von Tschernobyl – die zu erwartenden Gesundheitsschäden nach einem schweren Atomunfall in Deutschland abgeschätzt. Für den Fall eines Super-GAUs etwa im Atomkraftwerk Biblis rechnet sie mit 4,8 Millionen zusätzlichen Krebserkrankungen. Hinzu kommen alle anderen direkten und indirekten Gesundheitsschäden durch Strahlung, Evakuierung und Verlust der Heimat.

Aber selbst, wenn nichts passiert: Je näher ein Kind an einem Atomkraftwerk wohnt, desto größer ist sein Risiko, an Krebs zu erkranken. Im 5-Kilometer-Umkreis um deutsche Atomkraftwerke bekommen Kinder unter fünf Jahren 60 Prozent häufiger Krebs als im bundesweiten Durchschnitt. Die Leukämie-Rate ist sogar mehr als doppelt so hoch (+ 120 Prozent). Leukämie (Blutkrebs) wird besonders leicht durch radioaktive Strahlung ausgelöst (Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz). Daten aus den USA legen nahe, dass auch Erwachsene rings um Atomanlagen häufiger an Krebs erkranken.

Leider ließe sich diese Auflistung über die Konsequenzen der Nutzung von Atomkraft lange fortsetzen. Das kann nicht Aufgabe dieses Artikels sein, aber unter http://100-gute-gruende.de findet sich eine gute Auflistung.

Sofort Abschalten und nicht erst irgendwann

Die Sozialistische Alternative – SAV setzt sich wie andere Organisationen der Anti-Atom-Bewegung dafür ein, dass die Nutzung von Atomkraft sofort beendet wird. Wir sind nicht bereit für die Profite von Konzernen unser Leben und unsere Umwelt zerstören zu lassen.

Die Forderung nach einem sofortigen Abschalten der Atomkraftwerke bedeutet nicht, dass einfach Schalter umgelegt werden müssen und dann ist alles gut. Klar ist, dass ein geplantes Herunterfahren der Atomkraftwerke nötig ist. Klar ist, dass auf Jahrzehnte noch Spezialisten gebraucht werden, die sich um die Atomkraftwerke und deren Stilllegung und Rückbau kümmern. Klar ist leider ebenso, dass dann immer noch keine Lösung für rund 12.500 Tonnen hochradioaktive abgebrannte Brennelemente gibt, die bisher in den deutschen Atomkraftwerken angefallen sind.

Aber es ist in Deutschland möglich, die Nutzung von Atomkraft in einigen Tagen bis Wochen zu beenden. Ausstiegsziele wie 2017 oder 2022 bedeuten nur, dass jedes Jahr weitere 500 Tonnen hochradioaktiver Müll anfallen, dass das Risiko für einen Unfall weiter besteht und das die Atomkonzerne weiter Profite machen, immerhin rund eine Million Euro pro Atomkraftwerk und Tag.

Kapazitäten sind vorhanden

Die gesicherte Nettoleistung aller Kraftwerke in Deutschland beträgt 89,9 Gigawatt (Quelle: Consentec et al., 2010). Hinzu kommen die sogenannte Kaltreserve von 2,5 Gigawatt (GW) und die Langfristreserve von 6,6 GW (Quelle: Ökoinstitut), so dass etwa 99 GW zur Verfügung stehen können. Hinzu kommen n noch mögliche Stromimporte, die auf bis zu 15 GW geschätzt werden (Quelle: Entso-E, 2011).

Der historisch höchste Verbrauch betrug in Deutschland etwa 82 GW (2007). Normalerweise liegen der Spitzenlastbedarf bei etwa 77 GW, aufgrund von Energieeinsparungen wird damit gerechnet, dass dieser bis 2020 auf etwa 72,9 GW absinkt (Quelle: Deutsche Energieagentur, 2008). Der übliche maximale Verbrauch liegt bei etwa 65 GW und sinkt im Sommer nachts auf bis zu 40 GW ab.

Zieht man von den 99 GW die 17,6 GW gesicherte Nettoleistung der deutschen AKW ab, so verbleiben etwa 81,4 GW. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die sogenannte Regelenergie in Deutschland im Vergleich zu europäischen Vorschriften um etwa 2,1 GW zu hoch angesetzt ist (Der Grund: Sie wird vergütet, auch wenn sie nicht benötigt wird) wird deutlich, dass auf der Erzeugerseite genügend Kapazitäten vorhanden sind.

Weiterhin könnte durch Verlagerung von Last/Stromverbrauch aus den 50 lasthöchsten Stunden nur um eine oder wenige Stunden, der Spitzenlastbedarf um 2 bis 5 GW reduziert werden (Öko-Institut 2011). Ein aktives Lastenmanagement bei Großverbrauchern wie Kühlhäusern und ausgewählten Anlagen der Metallerzeugung sowie in der chemischen Industrie kann vergleichsweise kurzfristig realisiert werden.

Ebenfalls nicht vernachlässigt werden darf, dass bis 2013 11,2 GW neue Kraftwerkskapazitäten (ohne AKW) ans Netz gehen (Öko-Institut 2011). Das Bundeswirtschaftsministerium geht von knapp 15 GW neuer Kapazität bis 2015 aus.

Natürlich ist die Erzeugung von Strom in Deutschland regional unterschiedlich verteilt. Der Anteil von Atomstrom an der landesweiten Stromerzeugung beträgt in Baden-Württemberg etwa 50 Prozent, in Bayern stammt über die Hälfte der Stromproduktion aus Atomkraftwerken (2009: 57 Prozent). Hier könnten also bei einer sofortigen Abschaltung aller AKWs regionale Kapazitätsengpässe auftreten.

Entscheidender Faktor ist die Vernetzung mit anderen Bundesländern und den Nachbarstaaten, über die eine Stromzufuhr stattfinden kann. Indizien deuten auf ausreichende Kapazitäten hin. So gibt es gut ausgebaute Übertragungsnetze in Baden-Württemberg und Bayern für den Stromtransport in die Schweiz, Österreich und nach Frankreich. Diese Verbindungen werden bisher genutzt, um überschüssigen Nachtstrom in der Schweiz und in Österreich zu speichern und tagsüber wieder zurückzuholen. Baden-Württemberg leitet relativ große Mengen französischen Atomstrom in die Schweiz weiter. Auch dafür reicht das Netz.

Zusätzlich bestehen zahlreiche technische Möglichkeiten die Netze zu stabilisieren. Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass genügend Möglichkeiten bestehen, die Netze zu jedem Zeitpunkt des Atomausstiegs stabil zu halten. So müssen Energieversorger verstärkt auf Spannungsschwankungen reagieren, indem sie ihre Kraftwerke bei Bedarf hoch- und herunterregeln. Das ist für die betroffenen Unternehmen unbequem: Sie verkaufen tendenziell weniger Strom, verdienen also weniger Geld. So könnten sogenannte Drosselspulen, Kondensatorbänke oder Static Var Compensators an kritischen Stellen mit dem Netz verbunden werden. Diese können Spannungsschwankungen dort regulieren, wo Kraftwerke fehlen.

Die Tatsache, dass Ende Mai / Anfang Juni 2011 nur noch vier der 17 Atomkraftwerke überhaupt Strom produziert haben und dies nicht zu den angekündigten Stromausfällen führte, spricht ebenfalls dafür, dass ein schnelles Abschalten möglich ist.

Wenn jetzt gesagt wird, dass sei alles sehr teuer und der Atomausstieg würde bis zu 40 Miliarden Euro kosten, dann halten wir dem die realen Kosten der Atomenergie und die damit erwirtschafteten Profite entgegen. Seit 1970 wurden rund 196 Milliarden Euro für die staatliche Förderung der Atomenergie ausgegeben und so die Profite für die Atomkonzerne in Milliardenhöhe erst ermöglicht.

Ein Grund mehr für uns zu sagen: Die Energiekonzerne müssen enteignet und in Gemeineigentum überführt werden. Das Gleiche gilt auch für die Banken und Konzerne, die mit den Energiekonzernen verflochten sind.

Alle Atomkraftwerke können abgeschaltet werden. Das muss hier und heute passieren. Klar ist aber auch, dass die effizienteste Energieplanung nicht funktioniert, wenn ein paar Konzerne für den Profit wirtschaften und mehrere Firmen gegeneinander in Konkurrenz planen. Nötig ist eine Enteignung der Energiekonzerne und Überführung in demokratische Kontrolle und Verwaltung durch Beschäftigte, Regierung und Gewerkschaften sowie Umweltverbände. Ein mit kleineren Energieerzeugern abgestimmter, effizienter Plan könnte die Umstellung auf regenerative Energien enorm beschleunigen und kostengünstig Strom für alle bereitstellen. Eine sozialistische Energieplanung könnte helfen durch Eingriffe in die Wirtschaft Energie zu sparen und die Erzeugung nach den Bedürfnissen nach Mensch, Natur und Umwelt auszurichten. Demokratisch würde diskutiert und entschieden werden: Wie und wo soll Strom produziert und transportiert werden. Wo kann Strom eingespart werden? (Werbung, Rüstung und so weiter.). Das wäre die Grundlage für eine sichere Energieerzeugung und -versorgung im Interesse von Mensch und Natur.

Begriffserklärungen:

Gesicherte Nettoleistung: Inländische Kraftwerksleistung abzüglich der nicht einsetzbaren Leistung, der Einschränkungen durch Ausfälle und Revisionen, der Reserve für Systemdienstleistungen, Leistungsreduktionen von Wasserkraftwerken und Reduktionen der elektrischen Erzeugungsleistungen von Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen infolge Fernwärme-Auskopplung. Nur etwa 5-10 Prozent der installierten Kraftwerksleistung von Windkraftanlagen kann als gesichert betrachtet werden. Bei Photovoltaik liegt dieser Wert bei Null. (Quelle: Bundeswirtschaftsministerium)

Kaltreserve: Kraftwerke, die nicht mehr zur Stromerzeugung eingesetzt werden, jedoch konserviert, d.h. nicht endgültig stillgelegt sind, und bei Bedarf wieder angefahren werden können. Die Entscheidung, ein Kraftwerk in Kaltreserve zu stellen, trifft der Betreiber aus wirtschaftlichen Erwägungen, wenn auf einem Markt mit Kapazitätsüberschuss zu wenige rentable Benutzungsstunden für das Kraftwerk auftreten. (Quelle: Öko-Institut)

Langfristreserve: Ein Teil der unter Abzug der gesicherten Nettoleistung verbleibenden Leistung wird als längerfristige Reserve für solche unvorhergesehene Kapazitätsengpässe vorgesehen, die nicht von der kurzfristigen Reserve für die Systemdienstleistungen (als Teil der gesicherten Nettoleistung) abgedeckt werden können. (Quelle: Öko-Institut) Eine Notfallreserve für die Reserve also.

INES: Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse. Die Stufen 1–3 werden als Störfälle, die Stufen 4–7 als Unfälle und die Stufe 0 als Abweichung klassifiziert. Der Skala liegt ein logarithmischer Maßstab zugrunde: Ein Übergang auf die nächste Stufe bedeutet einen zehn Mal so großen Schweregrad.