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TextilarbeiterInnen in Indien: Mega-Wachstum oder Mega-Ausbeutung?

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In Indien ist die Textilindustrie nach der Landwirtschaft zweitgrößter Beschäftigungsbereich.


 

von Anand Kumar, New Socialist Alternative (Schwesterorganisation von SAV und SLP und Sektion des CWI in Indien)

Die indische Textilbranche ist nach China die zweitgrößte der Welt. Die Politik der Regierung ist darauf ausgerichtet, im Jahr 2010 Waren im Wert von insgesamt 50 Milliarden US-Dollar zu exportieren. Der Anteil der Textilbranche daran liegt bei 25 Milliarden US-Dollar.

Klar ist, dass das – genau wie in China – dadurch erreicht wird, dass die TextilarbeiterInnen einer Mega-Ausbeutung unterliegen. „Bombay Rayon“, eines jener skrupellosen Unternehmen, die auf feudale Art und Weise betrieben werden, beschäftigt mehr als 26.000 ArbeiterInnen im ganzen Land. Man behauptet, sich an die vorbildlichsten Regeln zu halten, was Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen angeht. Stattdessen wird allerdings jede Regel aus dem Gesetzbuch gebrochen, um die ArbeiterInnen auszulaugen und dem Profitdiktat zu unterwerfen.

Proteste der Beschäftigen bei „Bombay Rayon“

Zwischen 300 und 600 Beschäftige der Betriebsabteilung „Bombay Rayon Fashions“ (hier arbeiten insgesamt 850 Personen, von denen die meisten weiblich sind) ihre Kinder unter dem Arm mit und begannen am 10. Dezember vor dem Betriebsgebäude eine Sitzblockade gegen die Geschäftsführung des Unternehmens. Das geschah nach Tagen der Ungewissheit darüber, ob sie weiterbeschäftigt würden. Zuvor wurden sie gezwungen, en bloc Kündigungsschreiben zu unterzeichnen. Zunächst hatte die Abteilungsleitung die ArbeiterInnen über die Übernahme dieser Abteilung durch ein anderes Unternehmen, „Disha Designs“, informiert und Abfindungszahlungen versprochen.

Die meisten Beschäftigten wurden mittels fingierter Tricks und Kniffe dazu gebracht zu kündigen – damit wollte die Unternehmensleitung nur verhindern, Abfindungen und andere Kompensationen an die ArbeiterInnen zahlen zu müssen, von denen viele jahrelang bei dem Unternehmen beschäftigt waren. Die neue Firma bzw. Abteilung namens „Disha“, deren Sitz sich einige Kilometer entfernt vom eigentlichen Betriebsgelände befinden sollte, war nur eine Erfindung der Geschäftsführung! So konnte sie den ArbeiterInnen die ihnen rechtmäßig zustehenden Ansprüche verweigern und gleichzeitig staatliche Subventionen beantragen, da man es ja angeblich mit einer Betriebserweiterung zu tun gehabt habe.

Angaben der ArbeiterInnen zufolge sollten die Löhne der Beschäftigten in der neuen Abteilung sogar noch unter dem sowieso schon viel zu niedrig angesetzten Mindestlohn liegen. Dieser beträgt in Indien unrealistisch niedrige 3.800 Rupien (~ 64,- €; Erg. d. Übers.), und die neu Eingestellten sollten demgegenüber mit 3.200 bis 3.300 Rupien (~ 54,- € bis 56,- €; Erg. d. Übers.) abgespeist werden. Es war nicht die erste Unterhöhlung des Mindeslohns bei „Bombay Rayon“.

Vergangenen Monat gab es Proteste in einer weiteren Abteilung derselben Firma nach einem weiteren illegalen Transfer hin zu einer Abteilung, die weit entfernt liegt und in der es an grundlegender Ausstattung wie etwa Versorgung mit ausreichend Trinkwasser oder sauberen sanitären Einrichtungen mangelt. Weit gravierender jedoch sind die Bedingungen, unter denen die Beschäftigten der Abteilung 5 seit 2007 fortwährend ihren Kampf führen: Sie haben wohl schon jegliche Form von Missbrauch erlebt, darunter Folter, sexuelle Belästigung, physische Züchtigung, öffentliche Demütigung und andere abartige Handlungen seitens der Geschäftsführung.

Im vergangenen August spitzte sich die Lage zu, als das Unternehmen damit drohte, die Abteilung 5 an einen fast 30 Kilometer vom ursprünglichen Standort entfernten Platz zu verlegen. Damit sollte in erster Linie die Gewerkschaft gebrochen werden, die von den ArbeiterInnen über die Jahre hinweg und mit großer Sorgfalt aufgebaut worden war. Außerdem sollten die ArbeiterInnen grundsätzlich entlassen werden. Doch der Zusammenhalt der KollegInnen hatte offenbar abschreckende Wirkung auf die Geschäftsführung, die ihre Drohungen bisher nicht in die Tat umgesetzt hat. Womöglich liegt das an den zu erwartenden Negativschlagzeilen, zu denen es im Ausland käme. Aber auch die Befürchtung, dass sich der Protest der ArbeiterInnen auf weitere Abteilungen ausweiten könnte, spielt dabei sicherlich eine Rolle.

Bei „Bombay Rayon“ werden weibliche Beschäftigte dazu gezwungen, weit über ihren Möglichkeiten zu arbeiten, was die Produktionsziele angeht. Außerdem unterliegen sie einer maximalen Ausbeutung, damit die Profitmargen dieser exportorientierten Firma erreicht werden. Dass das Arbeitsministerium bei alldem noch nicht eingegriffen hat und still geblieben ist, mag verwundern. Auch von der Regierung hört man in diesem Zusammenhang nichts, sie konnte nur allzuoft dabei beobachtet werden, wie sie auf Seiten der Geschäftsführung stand und Polizei zur Verfügung stellte.

Der gegenwärtige Protest wird von unterschiedlichen Gewerkschaften unterstützt, darunter auch NGOs und die vom AITUC geförderte Organisation der Beschäftigten in der Textilindustrie namens „Sangha“. Alles in allem wurde die Sache bisher auf Minimalforderungen nach Kompensation und einem Ende der Schließung der Abteilung reduziert. Wenn es aber eine Lehre für die Gewerkschaften und die Arbeiterorganisationen zu ziehen gibt, dann ist es die, dass es sich bei den Problemen, denen die KollegInnen bei „Bombay Rayons“ ausgesetzt sind, nicht um isolierte Vorkommnisse handelt, sondern um überall in der Textilindustrie der Stadt anzutreffende Unzulänglichkeiten. Aufgrund der instabilen Weltlage wird es unweigerlich zu weiteren Vorfällen dieser Art kommen, wenn die Gewerkschaften nicht jetzt darauf hinarbeiten, die maximal mögliche Anzahl an Mitgliedern zu gewinnen, und sie auf die kommenden Arbeitgeber-Angriffe vorzubereiten.

Die New Socialist Alternative unterstützt voll und ganz den Sitzstreik der Beschäftigten bei „Bombay Rayon“.

Wir fordern die Gewerkschaftsverbände CITU, AITUC und NTUI auf,

– Zu einem gemeinsamen Aktionstag zur Unterstützung der KollegInnen bei „Bombay Rayon“ aufzurufen.

– Sofort eine Massenkundgebung zur Mobilisierung von Unterstützung in sämtlichen Berufsbranchen zu organisieren.

Für die Führungen der Gewerkschaften muss die unumstößliche Bedingung lauten, branchen- und gewerkschaftsübergreifende Strukturen zu schaffen, die auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene organisiert sowie nach den Prinzipien der Basisdemokratie aufgebaut sind. Das würde die Effektivität bei Kämpfen für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen enorm steigern. Und es wäre ein Riesenschritt weg von den jetzigen zerbröselten, vereinzelten und kleinen Gewerkschaften, bei denen es sich bloß um die organisierten Prügelknaben auf dem Altar der skurrilen politischen Parteien, der Konzernchefs, NGOs und Mafiabosse handelt.

Homepage der New Socialist Alternative: www.socialism.in