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„Solche Erfahrungen politisieren extrem“

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Auszug aus dem Buch „Stuttgart 21 – Oder: Wem gehört die Stadt“. Ein Gespräch mit Aktivisten der „Jugendoffensive“


 

Florian Toniutti (25) ist Student an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Michael Mootz (17) ist Schüler an einer Realschule in Sindelfingen (Landkreis Böblingen). Anna Zouhar (19) ist Schülerin an einem Gymnasium in Schorndorf (Rems-Murr-Kreis). Alle drei sind aktiv in der »Jugendoffensive gegen Stuttgart 21«

Am 30. September hat die »Jugendoffensive gegen Stuttgart 21« einen Schulstreik mit mehr als 2000 Teilnehmern organisiert. Just an diesem Tag räumte die Polizei mit extremer Brutalität den Stuttgarter Schloßgarten, um für Baumfällarbeiten in Zusammenhang mit dem Bau des Tiefbahnhofs Platz zu machen. Wie habt ihr den Tag erlebt?

Michael: Als ich in den Schloßpark gekommen bin, habe ich diese Polizisten in Zivil gesehen, die über ihren Sweatshirts Polizeiwesten anhatten und völlig friedliche Jugendliche rumgeschubst haben. Eine Freundin, mit der ich unterwegs war, wurde gleich auf den Boden gestoßen und von dem Polizisten dann auch noch angebrüllt: »Keine Eskalation.« Um das festzuhalten: Es hatte davor keinerlei Gewalt von den Demonstranten gegeben. Wir waren einfach nur verwirrt, weil wir gar nicht kapiert haben, was da passiert. Wir hätten nie gedacht, daß so ein Aufmarsch stattfinden könnte, wie es dann der Fall war, mit Hamburger Gittern, Wasserwerfern und was weiß ich noch alles.

Anna: Auch mir ist aufgefallen, daß die Polizeiführung sehr auf Provokation aus war. Die haben völlig sinnlos Polizisten in Ketten in den Park gestellt, die von Demonstranten umringt waren und dann total aggressiv geworden sind. Ich habe gesehen, wie sie Leuten ganz ohne Grund ins Gesicht geschlagen und Demonstranten getreten haben. Es waren ja viele sehr junge Leute da, die zum ersten Mal auf einer Demo waren. Die Stimmung war entsprechend mies.

Florian: Wir hatten uns ja am Morgen zunächst einmal zur Demonstration in der Lautenschläger Straße getroffen. Noch während der ersten Rede kam über die Handys der Alarm der Parkschützer, daß Baufahrzeuge im Anmarsch sind und Polizei im Park ist. Natürlich wollte in dieser Situation niemand durch die Stadt laufen, während gleichzeitig unser Park verwüstet wird. Deshalb haben sich alle dorthin begeben. Am Anfang wurde versucht, die Baufahrzeuge friedlich zu blockieren, was auch recht lange gelungen ist. Dann kam es zur Eskalation der Polizeigewalt, zum massiven Einsatz von Wasserwerfern, Pfefferspray und so weiter.

Die Schüler sind also nicht »von Aktivisten in den Park gelockt« worden, wie die Polizei behauptete?

Florian: So ein Unsinn. Das ist lediglich der Versuch, eine Spaltung zwischen Jungendoffensive und Parkschützern zu schaffen. Aber die meisten Jugendlichen, die auf der Demo waren, sind auch in den Alarmketten der Parkschützer eingetragen. Es ist doch ganz klar, daß wir uns alle an der Verteidigung des Parks beteiligen.

Michael: Unsere Aktion war ein Jugend- und Schülerstreik gegen Stuttgart 21. Und bei der Räumung des Parks ging es ja gerade darum, dafür Platz zu schaffen. Da ist doch klar, daß wir das blockieren. Das muß uns niemand sagen. Am Anfang hieß es vom Lautsprecherwagen noch: Leute, bleibt erstmal hier, laßt uns geschlossen in den Park gehen, damit wir beisammen bleiben und eine stärkere Ausstrahlung haben. Aber das war gar nicht mehr möglich. Die Leute sind einfach los. Dann haben wir noch versucht, mit den Ordnern dafür zu sorgen, daß nicht gleich die Fetzen fliegen. Das war dann ja auch nicht so, die Leute standen nur friedlich im Park, bis sie von der Polizei angegriffen wurden.

Anna: Innerhalb von Sekunden, nachdem die SMS der Parkschützer raus war, ist unter den 2000 Leuten auf der Demo große Unruhe entstanden. Es hätte in dieser Situation niemanden dort gehalten.

Haltet ihr es für einen Zufall, daß die Räumung des Schloßparks ausgerechnet am Tag des Schülerstreiks stattgefunden hat?

Florian: Die Verantwortlichen waren auf jeden Fall informiert, da wir alles brav angemeldet hatten. Es war gegen halb elf, als wir in den Park gegangen sind. Um halb zwölf hätte unsere angemeldete Abschlußkundgebung ohnehin im Park stattgefunden. Ich weiß nicht, ob die gedacht haben, daß da mehr als 2000 Jugendliche vor der Bühne den Reden zuhören, während 100 Meter weiter hinten Wasserwerfer vorrücken und die Bäume gefällt werden.

Michael: Mein Gefühl ist, daß sie dachten: Die Schüler sind nicht so erfahren mit der Polizei und Demonstrationen, die lassen sich provozieren und schlagen dann auch mal zurück. Ich glaube, sie haben auf Bilder gewalttätiger Demonstranten gehofft, die es dann zum Glück nicht gab. Ich denke aber, das war ihre Absicht.

Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) hat in seiner Regierungserklärung gesagt die Demonstranten trügen einen Teil der Verantwortung für die Gewalteskalation.

Florian: Das ist totaler Blödsinn. Genau wie seine ersten Behauptungen, die Wasserwerfer seien nur mit einem Sprühnebel gegen die Demonstranten vorgegangen. Auch das zeigt, wie dreist Mappus lügt. Wir sind selbst davon beeindruckt, daß auch unerfahrene Jugendliche trotz der Provokationen der Polizei so friedlich und besonnen geblieben sind.

Welche Wirkung haben Erlebnisse wie am 30. September auf euch und eure Mitschüler?

Florian: Ich denke, daß solche Erfahrungen die Leute extrem politisieren. Viele waren erstmal schockiert von der Polizeigewalt, weil sie vorher davon ausgegangen waren, daß die Polizei nur ihre Pflicht tut und die Menschen schützt. Jeder, der dort war, hat solche Illusionen verloren. Es ist Aufgabe der Polizei, politische Entscheidungen – auch wenn sie gegen den Willen und das Interesse der Bevölkerung gefällt werden – durchzuboxen. Das ist deutlich geworden.

Das Gespräch führte Daniel Behruzi. Das Interview erschien zuerst in der Tageszeitung junge Welt.

Das Buch kostet zehn Euro und kann bei der SAV bestellt werden.