Flucht aus der Krise?

Stress, Angst und nur Probleme? Hunderttausende flüchten in virtuelle Parallelwelten.


 

Mit der Verbreitung von Facebook, Onlinegames etc. ist die Zahl der Internet-Süchtigen extrem gestiegen. Schuld ist aber nicht das Internet oder die NutzerInnen: Der Kapitalismus macht krank.

von Michael

Das Krankheitsbild ist noch nicht endgültig definiert. Allgemein kann man sagen, die „Onlinesucht ist der exzessive Gebrauch des Mediums Internet. Der Betroffene integriert nicht das Internet in sein Leben, sondern sein Leben ins Internet.“ (onlinesucht.de)

Gesicherte Statistiken gibt es noch nicht. Geschätzt wird, dass zwischen 3 und 7 Prozent aller InternetnutzerInnen onlinesüchtig sind und die gleiche Anzahl suchtgefährdet. Das sind mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland. Die Unter-Dreißigjährigen sind besonders betroffen.

Vereinsamung und Kontrollverlust

Sebastian, 17 Jahre schreibt: „Man vergisst alles um sich herum. Vergessen ist oft ein Segen. Alle Probleme, denen man sich vorher stellen musste, sind scheinbar nicht mehr da. Man muss keine Hindernisse wie Faulheit überwinden, wofür ich mich quälen müsste, was ich nicht kann. Jetzt habe ich das Gefühl vergesslich zu werden, ich vergesse sogar dauernd, was ich vor 10 Minuten gesagt habe. Ich habe das Gefühl zu verblöden, immer kindlicher statt reifer zu werden.“

Die suchthafte und übermäßige Nutzung des Internet führt zu Vereinsamung, Kontrollverlust und Entzugserscheinungen wie Aggressivität und Konzentrationsstörungen. Ein Beispiel, ein 16jähriger Spieler kann nicht mehr schlafen – eine typische Entzugserscheinung. Er erhält elektrische Stimulation, um brachliegende Teile des Nervensystems zu reaktivieren.

Ursachen

Die Ursachen für eine Sucht sind von Person zu Person unterschiedlich und nicht mit einfachen Mustern zu erklären. Wahrscheinlich ist, dass sich vorhandene psychische Probleme (ADHS, Depression u.a.) in einer Onlinesucht ausdrücken und verstärken. Doch wenn Sucht und psychische Störungen zu Massenphänomenen werden, steckt ein gesellschaftliches Problem dahinter.

Als Ursachen für Onlinesucht gelten vor allem der Versuch Stress zu bewältigen und die Nutzung der Online-Parallelwelt als Ersatz für das reale Leben. Studien haben bewiesen, dass Turbo-Abitur und Bachelor/Master an der Uni zu vermehrten Stresserscheinungen geführt haben. Leistungsdruck und Zukunftsängste greifen in allen Bereichen um sich und werden Suchterkrankungen vermehren.

Parallelwelten

Der Kapitalismus, der auf Konkurrenz, Entmündigung, Unterdrückung und Ausbeutung beruht, wird die Flucht in Parallelwelten verstärken. „Aber Warum? Ganz einfach: Im Internet war ich wer… in dem Spiel gab es gewisse Stufen die man erreichen konnte. Je höher die Stufe, je höher das Ansehen. Innerhalb von 8 Monaten hatte ich die höchste Stufe erreicht. In jedem Chan wurde ich mit Freude begrüßt. Ich wurde geachtet, ich wurde gemocht, ich wurde respektiert. Genau das, was ich immer wollte. Beliebt sein. Es war wie auf einem Mordsmäßigem Trip. Im Real haben mich meistens alle gehänselt, ich war ein Niemand. Aber im Spiel war ich ein JEMAND.“

Was wird dagegen unternommen? Bislang beschränkten sich die Vorschläge der Bundesregierung weitesgehend darauf, das Mindestalter für Computerspiele hochzusetzen. Ursachenbekämpfung? Fehlanzeige! Die Jugendlichen werden selbst für ihre Sucht verantwortlich gemacht.

Statt dessen fordern wir: Stress und Zukunftsangst müssen bekämpft werden. Selektion und Leistungsdruck gehören nicht in die Schule und Uni. Ein garantierter Studien, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz für jede und jeden gibt Sicherheit. Die Arbeitszeiten müssen runter und zwar bei vollem Lohn. Online-Beschäftigung ist meist die billigste Beschäftigung: Kostenlose Freizeitangebote im RealLive gehören ausgebaut statt weggekürzt.

Profitsystem abschaffen

Die Firma Activision Blizzard, die das Spiel „World of Warcraft“ vertreibt, hat 2009 4,28 Mrd Dollar Umsatz gemacht. Das Release des neuen Addon Cataclysm soll die Nutzerzahlen wieder steigern: Die Profite müssen hoch gehalten werden.

Um Spiel- und Onlinespaß zu verwirklichen, muss die Game- und Online-Industrie dem Profitsystem entrissen werden.

Spielspaß, der keine Suchtmechanismen einbaut um Profite zu erhöhen. Onlinewelten, die einen nicht jeden Tag auf die Seite locken, um ihre Werbung zu verbreiten. Ein Schritt dahin ist die Verstaatlichung unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung der EntwicklerInnen, GamerInnen / NutzerInnen und der Allgemeinheit. Ausbeutung, Existenzangst und Unterdrückung müssen abgeschafft und das kapitalistische System durch eine sozialistische Gesellschaft ersetzt werden.