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„Das bisschen Haushalt…?!“

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Hausarbeit im 21. Jahrhundert – bezahlen oder vergesellschaften?


 

„Schatz – mach die Küchentür zu. Ich kann nicht zusehen, wie du dich abrackerst.“ Ist die passende Antwort darauf, a) Die Tür schließen und weinen, b) sich nicht ärgern, weil das „Abrackern“ jetzt ein anerkannter und bezahlter Beruf ist, c) den Kerl vor die Tür setzen und für die Vergesellschaftung der Hausarbeit kämpfen?

von Christine Lehnert, Rostock

Auch im 21. Jahrhundert wenden Frauen in der Bundesrepublik im Durchschnitt 20,4 Stunden pro Woche für Hausarbeiten auf, während Männer nur 7,2 Stunden investieren (Umfrage des Gottlieb-Duttweiler-Instituts von 2006). Und wenn „er“ sich engagiert, geschieht dies noch immer zumeist entsprechend der typischen Rollenverteilung. „Er“ kümmert sich um Reparaturen oder wäscht das Auto. Waschen und Bügeln übernehmen in vier Fünftel der Haushalte die Frauen. Da Frauen heute ebenso einen Beruf erlernen oder ausüben, trägt „sie“ somit eine enorme Doppelbelastung.

Wenn sich Nachwuchs einstellt, bleiben ebenfalls in der Regel die Frauen zu Hause. Neben noch immer verwurzelten Rollenbildern sind dafür vor allem materielle Zwänge der Grund. Durchschnittlich verdienen Frauen nur 78 Prozent des Einkommens von Männern – bei gleichwertiger Arbeit (Studie der EU-Kommission von 2008). Daran ändert auch das Elterngeld nichts, das mit 67 Prozent des Nettoeinkommens viel zu gering bemessen ist.

Hausarbeit ist Stress

Angesichts dieser Zustände ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen auf die Idee kommen, dass es sehr viel gerechter wäre, wenn die von Frauen unentgeltlich geleistete Arbeit vernünftig entlohnt werden würde. Das könnte – so die BefürworterInnen – diesen Frauen die entsprechende gesellschaftliche Anerkennung gewähren und ihnen ermöglichen, gleichzeitig Hausfrau und trotzdem finanziell unabhängig vom Partner zu sein.

Schon in den Siebzigern entwickelte sich in der Frauenbewegung die Diskussion über bezahlte Hausarbeit. Seitdem machen KritikerInnen dieser Forderung immer wieder darauf aufmerksam, dass es nicht im Sinne der Frauen sein kann, wenn hier die geschlechterspezifische Aufgabenverteilung zementiert wird. Statt Klischees zu bekämpfen, werden sie so „hoffähig“ gemacht.

Statt die gesellschaftliche Verantwortung für die Erziehung von Kindern einzufordern und deren Notwendigkeit für die Herausbildung einer gesunden Persönlichkeit zu betonen, wird die ganze Verantwortung bei den Müttern abgeladen. Die Folgen dieser Belastung belegt eine Forsa-Studie von 2009, die aufzeigt, dass 95 Prozent der Hausfrauen über Stress klagen, „vier von zehn sind in körperlichem und psychischem Daueralarm: Der Puls rast, der Magen drückt und die Gedanken kommen nicht zur Ruhe.“ Die Befragten gaben an, dass sie die Kindererziehung am meisten belasten würde.

Stress abschaffen – Hausarbeit vergesellschaften

Die Lösung kann also nicht die weitere Individualisierung mit entsprechender „Aufwandsentschädigung“ sein, sondern eine Vergesellschaftung von Hausarbeit und Kinderbetreuung. Auch die Essensversorgung oder das Wäschewaschen könnte heute ohne Probleme vergesellschaftet werden. Großwäschereien wären okölogischer als eine Waschmaschine in jeder Wohnung. Preiswerte Restaurants und Kantinen wären eine Alternative zum stressigen und teureren Einkaufen, Kochen und Abwaschen.

Die Herrschenden werden wir mit diesen schlagenden Argumenten allerdings nicht überzeugen. Schließlich spart sich der Unternehmer durch die unbezahlte Hausarbeit die Kosten für Betriebskindergärten und Wäschereien. Zudem lernen Menschen in der klassischen Kleinfamilie, in Hierarchien zu leben: die Frau ist dem Mann, das Kind den Eltern untergeordnet. Generell wird darüber die Spaltungspolitik weiter gefördert. Dagegen gilt es anzukämpfen: nicht nur, aber auch am 8. März, dem Internationalen Frauentag!

Christine Lehnert ist SAV-Bürgerschaftsabgeordnete in Rostock