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„Nigerias reiche Ressourcen im Interesse der Menschen nutzen“

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Gespräch mit Dagga Tolar von der Democratic Socialist Movement (DSM)


 

Gespräch mit Dagga Tolar von der Democratic Socialist Movement (DSM), CWI-Sektion in Nigeria. Dagga Tolar nahm Anfang Dezember 2009 an einem Seminar zum Thema „Konfliktlösung und Menschenrechte in Afrika, Asien und Lateinamerika“ teil. Das Seminar fand in Berlin statt. Ausgerichtet wurde es von dem sozialistischen Stadtrat Claus Ludwig und der SAV. Aron Amm führte am Rande des Treffens dieses Interview.

Es gibt in Europa viele Asylbewerberinnen und Asylbewerber aus Nigeria. Was kannst du uns über die Situation in Nigeria sagen, die dazu führt?

Zuerst möchte ich betonen, dass in Nigera und Afrika insgesamt die wirtschaftliche Krise seit den 1980er Jahren immer tiefer geworden ist. Während in Europa die Krise und ihre sozialen Konsequenzen etwas Neues ist, ist es für Jugendliche und Arbeiter in Afrika der alltägliche Wahnsinn. Die Regierungen in Nigeria und Afrika werden seit langem von IWF und Co. gezwungen, neoliberale Kürzungen durchzuführen.

Konkret hat das bedeutet, dass ganz massiv bei den öffentlichen Ausgaben für u.a. Bildung und Infrastruktur gestrichen worden ist. Darüber hinaus sind im Öffentlichen Dienst seit langem keine neuen Jobs geschaffen worden – das sind aber gerade jene Bereiche, die für Jugendliche enorm wichtig sind.

Wie sehen die Zukunftsaussichten für Jugendliche aus?

Nehmen wir zum Beispiel die Situation an den Universitäten in Nigeria: Rund eine Million Jugendliche macht jedes Jahr die Aufnahmeprüfung für die Universitäten. Es gibt für sie aber weniger als 120.000 Plätze zum Studieren. Dass heißt also, dass über 800.000 Jugendliche – obwohl sie sich qualifiziert haben -, nicht studieren können. Was sollen sie tun? Und darüber hinaus gibt es Millionen, die sich die Prüfung gar nicht leisten können bzw. sie nicht bestehen.

Nigeria ist ja nicht gerade arm auf Grund der Erdölvorkommen, oder?

Es stimmt, dass Nigeria Öl produziert und Milliarden am Öl verdient werden. Nur haben die Menschen in Nigeria davon gar nichts. Für uns ist es genauso, als ob es kein Öl gäbe. Der Reichtum des Landes wandert direkt in die Taschen der herrschende Elite und der Ölfirmen. Man muss sich das vorstellen: Nigeria ist wohl das einzige Öl fördernde Land der Welt, das Benzin importiert! Und der Bezinpreis an den Tankstellen steigt ständig. Das ist ein enormes Problem, weil die Menschen Benzin für die Stromgeneratoren brauchen. Nigeria hat 165 Millionen Einwohner – und produziert gerade mal 2.000 Megawatt Strom. D.h., dass so gut wie nichts funktioniert, was Strom braucht.

Das erklärt die Wut und Unzufriedenheit und legt die Grundlage für die Situation im Niger Delta. Die Frustration ist so groß, dass viele Menschen bereit sind, alles zu tun, um der Hölle zu entkommen, die Nigeria heute geworden ist.

Für Frauen ist die Situation noch schlimmer. Nicht nur, dass sie unter den selben Missständen leiden wie Männer. Zusätzlich kriegen sie oft den Frust der Männer ab, die sich an ihnen abreagieren. Die Kombination all dieser Faktoren führt dazu, dass eine Mehrheit der Jugend auf eine bessere Zukunft außerhalb Nigerias hofft.

Ist Exil eine Lösung?

Die wirtschaftlichen Probleme haben dazu geführt, dass viele Menschen sich religiösem Fanatismus zugewendet haben. Was aber letztlich bedeutet, dass nichts gelöst wird. Für viele Menschen scheint es, als ob Europa der einzige Ausweg ist. Sie sehen die Rolle und die Kämpfe der Arbeiterklasse noch nicht. Sie sehen nicht, wie wichtig es ist, die Kämpfe der Beschäftigten zu fördern und eine politische Kraft aufzubauen, die Arbeiter und Jugendlichen in ganz Nigeria zusammenbringen kann. Genau das ist notwendig, um das monströse System des neoliberalen Kapitalismus überwinden zu können. Ich kann die Verzweiflung von jenen verstehen, die nach Europa flüchten, aber wir brauchen hier in Nigeria eine Regierung der Arbeiter und Jugendlichen, die die Ressourcen des Landes im Interesse der Menschen nutzt.