Kunst und Revolution

Diskussion auf den Sozialismustagen 2009


 

Auf den diesjährigen Sozialismus-Tagen stand zum ersten Mal das Thema „Kunst und Revolution“ auf der Tagesordnung. Alle 30 TeilnehmerInnen des Workshops waren sich einig, dass diese Diskussion nur ein vielversprechender Auftakt für weitere Debatten darstellen konnte. Aron Amm hielt bei diesem Arbeitskreis das Schlusswort, das hier in einer überarbeiteten Fassung veröffentlicht wird.

Kunst und Revolution

Die Auseinandersetzung mit kulturellen Fragen ist für MarxistInnen mehr als nur die Beschäftigung mit einer der schönsten Nebensachen der Welt. Warum?

Zunächst lässt sich über die Kunst ein tieferes Verständnis gesellschaftlicher Beziehungen und Stimmungen erreichen. Die Behandlung künstlerischer Fragen hilft, Bewusstseinsprozesse zu begreifen und zu erahnen, in welche Richtung verschiedene Teile der Gesellschaft streben.

Darüber hinaus ermöglicht die Auseinandersetzung mit Form und Inhalt von Kunstwerken, ein Stück weit auf Gedanken und Meinungen einzuwirken und auch auf diesem Weg dazu beizutragen, das Bewusstsein von ArbeiterInnen und kleinbürgerlichen Kräften zu heben.

Zudem können – über Kontakte zu KünstlerInnen und einem offenen, lebendigen Dialog – auch mittels der Kraft literarischer Texte, musikalischen Schaffens oder der Malerei antikapitalistische und sozialistische Ideen gestärkt werden.

Schon als die sozialistische Bewegung noch in ihren Kinderschuhen steckte, wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, der Arbeiterklasse nicht nur den Zugang zu Bildung, sondern auch zu Kunst zu verschaffen. Als die Sozialdemokratie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Massenkraft wurde, sahen viele AktivistInnen darin eine relevante Aufgabe. So wurden in Deutschland nicht nur Arbeiterbildungsvereine ins Leben gerufen, sondern zum Beispiel 1890 auch der Verein „Freie Volksbühne“ gegründet.

In ihrem Brief an Franz Mehring, einem herausragenden marxistischen Historiker und Kulturkritiker in den Reihen der SPD und später des Spartakusbundes (sowie Leiter der „Freien Volksbühne“ 1892 bis 1895), schrieb Rosa Luxemburg: „Durch ihre Bücher haben sie das Proletariat nicht bloß mit der klassischen Philosophie, sondern auch mit der klassischen Dichtung, nicht nur mit Kant und Hegel, sondern auch mit Lessing, Schiller und Goethe durch unzerreißbare Bande verknüpft. Sie lehrten unsere Arbeiter durch jede Zeile ihrer wunderbaren Feder, dass der Sozialismus nicht eine Messer- und Gabel-Frage, sondern eine Kulturbewegung, eine große und stolze Weltanschauung sei.“

Nicht nur beim Aufbau einer Bewegung, die den Kapitalismus aus den Angeln heben will, sondern auch – nach der erfolgreichen Russischen Revolution 1917 – bei den Bemühungen um eine Arbeiterdemokratie, hatten Kunst und, breiter gefasst, Kultur, für revolutionäre SozialistInnen einen hohen Stellenwert. So rief Leo Trotzki 1923 aus: „Wir brauchen Kultur in der Arbeit, Kultur im Leben, Kultur im Alltagsleben.“

Kunst und revolutionärer Kampf

Was ist Kunst überhaupt? Ernst Fischer, der in der österreichischen Arbeiterbewegung aktiv war, konstatierte treffend: „In der Kunst streben Menschen nach einem umfassenden, vollständigen Leben.“ In diesem Sinn enthält jedes aufrichtige und wahrhaftige Kunstwerk ein revolutionäres Element. Es bringt in der Sprache von Poesie, Pinselstrichen oder Musikakkorden die Unzufriedenheit mit dem Status Quo zum Ausdruck.

„Wie die Wissenschaft erkennt auch die Kunst das Leben. Kunst und Wissenschaft haben das selbe Thema: das Leben, die Wirklichkeit. Aber die Wissenschaft analysiert, die Kunst synthetisiert: die Wissenschaft ist abstrakt, die Kunst ist konkret; die Wissenschaft wendet sich an den Kopf des Menschen, die Kunst an seine Sinne“ (Alexander Woronski in „Die Kunst als Erkenntnis des Lebens“).

Das was Kunst ausmacht, wird sofort offensichtlich, wenn man sich nur für einen Augenblick eine Welt frei von Kunst vorzustellen versucht – eine Welt ohne Tanz, Musik, Farbe, Fantasie.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, heißt es in der Bibel. US-amerikanische Textilarbeiterinnen brachten 1912 in einem Streik in Massachussetts die Losung vor: „Wir wollen Brot, aber Rosen wollen wir auch!“

Trotzki nahm in seinem Artikel „Der Mensch lebt nicht von Politik allein“ Bezug darauf. In diesem und in anderen Artikeln aus den Jahren 1922 und 1923, die sich in „Literatur und Revolution“ beziehungsweise „Fragen des Alltagslebens“ finden, handelt es sich keineswegs um Abschweifungen des neben Wladimir Lenin führenden Kopfes der Revolution und damaligen Begründers der Roten Armee. Im Gegenteil. Das Feld der Kunst war für Trotzki von großer Bedeutung, als er den Kampf gegen Bürokratisierung und Stalinisierung der Sowjetunion aufnahm. Er widersetzte sich den Bestrebungen, mittels der Ausrichtung auf eine „Proletarische Kultur“ und später auf einen „Sozialistischen Realismus“ künstlerisches Engagement und Experimentierfreude in Schranken zu weisen und auf einen angeblichen unmittelbaren Bedarf der Sowjetgesellschaft reduzieren zu wollen. Trotzki empörte sich darüber, KünstlerInnen bestimmte Einstellungen und Ausdrucksweisen aufzuzwingen und warnte davor, auf diesem Weg „Konzentrationslager für das gestaltete Wort“ zu schaffen.

Im Zuge der Stalinisierung fand Mitte der zwanziger Jahre eine politische Konterrevolution statt, die zur Folge hatte, dass bürgerliche Vorstellungs- und Verhaltensweisen in der Gesellschaft (ob Frauenbild, ob Haltung zur Familie zum Beispiel) und nicht zuletzt in der Kunst eine Renaissance erfuhren. Als sich die Linke Opposition unter Trotzki Ende der zwanziger Jahre formierte und in den Dreißigern weitere AnhängerInnen suchte, bekämpften sie den Stalinismus auch auf der Ebene von Kunst und Kultur. Dabei beschränkten sie das nicht auf eine Auseinandersetzung mit künstlerischen Fragen. Sie nahmen auch Anstrengungen auf sich, zu KünstlerInnen Kontakt zu knüpfen beziehungsweise einige, wie die Maler Frida Kahlo und Diego Riviera beispielsweise, dem Einfluss der Stalinisten zu entziehen. Gemeinsam mit dem surrealistischen Schriftsteller Andre Breton (aus dessen Feder der Roman „Nadja“ stammt) entwarf Leo Trotzki 1938 das „Manifest für eine unabhängige, revolutionäre Kunst“.

MarxistInnen lehnen das Streben nach einer proletarischen Kultur, nicht nur im Anschluss an eine erfolgreiche sozialistische Umwälzung, sondern auch im Kapitalismus ab. Neben Trotzki gehörte zum Beispiel auch Luxemburg zu denjenigen, die den Ansatz kritisierte, seitens der Arbeiterbewegung eine umfassende eigenständige Kultur verwirklichen zu wollen. Während die Übergänge von einer Gesellschaftsordnung zu einer anderen in der bisherigen Menschheitsgeschichte damit einhergingen, dass eine Minderheit der Gesellschaft eine andere als herrschende Klasse ablöste (wenn es nicht zum kompletten Zusammenbruch kam), zeichnet sich die sozialistische Revolution dadurch aus, dass zum ersten Mal die Bevölkerungsmehrheit die Macht erobert. Im Feudalismus gelang es der aufstrebenden Bourgeoisie, die kapitalistische Produktion noch vor dem Sturz der Feudalherrschaft durchzusetzen. Auch eine bürgerliche Kultur gelangte bereits am Ende des Mittelalters zur Blüte. Der bürgerlichen Revolution kam vor allem die Aufgabe zu, die neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnisse mit den neuen Herrschaftsverhältnissen in Einklang zu bringen. Demgegenüber – so die Quintessenz von Rosa Luxemburg und anderen – wird die Arbeiterklasse sich erst durch den revolutionären Umsturz von Ausbeutung und Unterdrückung befreien können. Demzufolge können in den Reihen der Arbeiterbewegung zwar durchaus eigenständige künstlerische Werke geschaffen werden, die gegen bürgerliche Kunstvorstellungen rebellieren und neue Wege einschlagen. Die Schaffung einer proletarischen Kultur in einer Dimension, wie das für die bürgerliche Kultur am Ende der Feudalzeit galt, wird sich jedoch nicht realisieren lassen.

Die „Proletkult“-Bewegung (unter Wladimir Majakowski und anderen) in den russischen Revolutionsjahren beinhaltete viel Begeisterndes und Progressives. Die Zielvorgabe der Sowjetbürokratie von Mitte der zwanziger Jahre an, eine proletarische Kultur zu schaffen, wurde von der Linken Opposition aber zu Recht attackiert. Natürlich musste der alte Staatsapparat zunächst durch einen neuen, proletarischen Staat ersetzt werden – der die Interessen der neuen herrschenden Klasse, der Arbeiterklasse, gegen die Ansprüche der alten Kapitalistenklasse (und den russischen Feudalherren) verteidigte. Ziel konnte es jedoch nicht sein, eine lange andauernde Klassenherrschaft zu erstreben und den Arbeiterstaat immer weiter auf- und auszubauen. Vielmehr hatte die sozialistische Bewegung sich auf die Fahnen geschrieben, den Sturz des Kapitalismus international zu erkämpfen und schnellstmöglich die Weichen für eine klassenlose Gesellschaft – und damit für ein „Absterben“ des Arbeiterstaates (wie Karl Marx und Friedrich Engels es formuliert hatten) – zu stellen. Indem Stalin 1924 (nach dem Tode Lenins) die „Theorie vom Sozialismus in einem Land“ konstruierte, wandte er sich vom revolutionären Internationalismus ab. Seine Forderung nach einer „proletarischen Kultur“ – die von der Verfolgung, bis hin zur Ermordung zahlreicher Sowjetkünstler begleitet war – ergänzte Stalins Abkehr von den Ideen des Marxismus.

Rolle der Kunst für die heutige Protestbewegung

Mittlerweile wird selbst unter bürgerlichen Ökonomen kaum noch bezweifelt, dass es sich bei der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus um die tiefste Krise seit den dreißiger Jahren handelt. Die neue Periode, die mit dem Platzen der Spekulationsblase im Immobiliensektor und an den Börsen sowie der beginnenden Rezession eingeleitet wurde, wird davon gekennzeichnet sein, dass sich ein antikapitalistisches Bewusstsein herausbildet. Schon heute wächst die Offenheit für marxistische Ideen. Allerdings war das politische Bewusstsein in der Arbeiterbewegung nach dem Zusammenbruch des Stalinismus und im Zuge des Rechtsrucks an der Spitze der Arbeiterorganisationen stark zurückgeworfen worden. Aus diesem Grund ist die Kluft zwischen der objektiven Lage und dem derzeitigen Bewusstseinsstand – auch wenn sich das perspektivisch ändern wird – so groß wie nie zuvor.

Zentrale Aufgabe von MarxistInnen ist es heute, in die jetzt einsetzenden Kämpfe einzugreifen. Außerdem gilt es, marxistische Antworten zu geben, sozialistische Ideen zu verbreiten und alles daran zu setzen, das Bewusstsein von ArbeiterInnen und Jugendlichen zu heben. Dabei kann (wie eingangs erwähnt) auch die Auseinandersetzung mit dem, was sich in der Kunstszene abspielt, und die Unterstützung progressiver Tendenzen einen Beitrag leisten.

Lenin hat oft betont, dass die Herrschenden bei der Verteidigung ihrer Macht nicht nur auf die „besonderen Formationen bewaffneter Menschen“ (Engels) zurückgreifen, sondern stark auf Medien und Kultur setzen, um Meinungsmache zu betreiben. Um ihr System aufrecht zu erhalten, sind die Bürgerlichen darauf erpicht, Köpfe und Herzen zu kontrollieren und suggestiv für die heutigen Herrschaftsverhältnisse zu werben. Eine kritische Betrachtung des Kulturgeschehens hilft, gegen diese Intentionen anzugehen. Eine Kunst, die sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen abfindet, die Fragen stellt, die Unruhe verbreitet, kann einiges dazu tun, die herrschende Meinungsmache zu unterminieren.

Verhältnis von MarxistInnen zu KünstlerInnen

SozialistInnen und ArbeiterInnen, die darauf aus sind, mittels der Kunst ihren Horizont zu erweitern, können und dürfen sich nicht auf eine Handvoll KünstlerInnen mit einem erwiesenermaßen antikapitalistischen Standpunkt beschränken. Anders ausgedrückt: Macht man sein Interesse an einem Maler oder Musiker allein oder vorwiegend davon abhängig, wo dieser politisch steht, wird man nicht tief eindringen in künstlerisches Wirken. Auch heute noch ist der Rat von Luxemburg hilfreich, den sie in ihrer Einleitung zu Wladimir Korolenkos „Geschichte meines Zeitgenossen“ gegeben hat: „Doch beim wahren Künstler ist das soziale Rezept, das er empfiehlt, Nebensache: die Quelle seiner Kunst, ihr belebender Geist nicht das Ziel, das er sich bewusst steckt, ist das Ausschlaggebende.“

Es wäre dumm, KünstlerInnen ausschließlich nach ihren politischen Positionen zu bewerten. Und es wäre ignorant, um konservative KünstlerInnen per se einen Bogen zu machen. So hatte Karl Marx gute Gründe dafür, Honore de Balzac zu lesen, obwohl dieser ein Anhänger der Monarchie war. Marx hob darauf ab, dass das damalige französische Leben nirgendwo sonst so eindringlich eingefangen wurde wie in den Zeilen des Autors der „Menschlichen Komödie“.

Auch heute sind die Schriften eines Thomas Manns oder eines Fjodor Dostojewskis reich an Ideen über die menschliche Psyche und gesellschaftliche Konflikte. Trotzdem ist es nicht ratsam, die Lektüre auf „Klassiker“ zu beschränken. Für Lenin war die Kunst immer ein „Spiegel der Zeit“. Dementsprechend sollte man unbedingt auch dem aktuellen künstlerischen Schaffen nachgehen und darauf aus sein, auf diesem Weg neue Stimmungen und Gedanken aufzuspüren.

Kunst ist keine Geschmackssache! Das Verständnis für bestimmte Werke erschließt sich aus dem historischen Kontext. Zudem sind es bestimmte Inhalte, aber auch Formen (in der Gestaltung, im Ausdruck), die einen berühren, bewegen, beeinflussen können. Will man Kunst bewerten, dann muss man sie „nach den Regeln der Kunst bewerten“ (Trotzki).

Natürlich wird ein Porträt von Henri Matisse, eine Fotografie von Tina Modotti oder eine Intepretation von Billie Holiday nicht bei jedem das gleiche auslösen. Die subjektive Rezeption hängt von eigenen Erfahrungen, Erlebnissen, Einstellungen ab. Und das kann auch gar nicht anders sein.

Was sich heute in der Kunst tut

In aller Regel geht der Bruch gesellschaftlicher Kontinuität mit einer Gärung unter Intellektuellen, unter KünstlerInnen einher. Mehr noch. Nicht selten wird in einzelnen Kunstwerken wie in einem Mikrokosmos bereits angedeutet, was sich gerade makrogesellschaftlich anbahnt; immer wieder werden von KünstlerInnen Entwicklungen und Ereignisse vorweggenommen.

In der Filmkunst beispielsweise lassen sich drei Schaffensperioden ausmachen, in denen Wegweisendes passierte. In allen drei Fällen stand das im Zusammenhang mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Erschütterungen. Das galt für die Zeit nach der Russischen Revolution, als in den Streifen von Sergej Eisenstein und anderen die Filmkunst revolutioniert wurde – zum Beispiel die Montage, die Schnitttechnik und die Themenauswahl (in Filmen wie „Streik“ oder „Panzerkreuzer Potemkin“). Das galt für die vierziger Jahre, in der es weltweit zu einer revolutionären Welle kam, deren Ausmaß sogar das Geschehen in der Zeit nach dem I. Weltkrieg übertraf: in dieser Periode entstand beispielsweise der Neorealismus, zunächst in Italien mit Filmen wie „Ossessione“ von Luchino Visconti, „Rom, offene Stadt“ von Roberto Rossellini und „Fahrraddiebe“ von Vittorio de Sica. Und das galt für Zeit der 68er Bewegung, als in deren Vorfeld Frankreichs „Nouvelle Vague“ (mit der Absage an konventionelle Handlungsweisen und der Entdeckung der Handkamera) und Innovatives in Osteuropa (wie „Tausendschönchen – kein Märchen“ am Vorabend des Prager Frühlings) aufkam.

In den letzten zwanzig, dreißig Jahren tat sich in der Kultur sehr wenig. Mit den Rückschlägen und Niederlagen für die Linke konnten die Herrschenden auch in der Kunst viel zukleistern und ersticken (beispielsweise zog man der Punk-Musik den Zahn, spült diese weich und kassierte darüber ab). In den letzten Jahren haben wenige KünstlerInnen aufbegehrt, provoziert, sich intensiver mit sozialen und politischen Prozessen befasst oder in ihrer Ausdrucksweise Neues ausprobiert. Vor diesem Hintergrund scheint es wahrscheinlich, dass die dramatischen Veränderungen auf dem Globus heute erst mit einer gewissen Verzögerung in größerem Maß in Musik, Literatur oder Film künstlerisch reflektiert und ausgedrückt werden.

Aufhorchen ließ in diesem Winter die Berliner Ausstellung „Embedded Art“ in der Akademie der Künste. Hier wie in der letzten Zeit auch generell in der Street Art wurde die staatliche Aufrüstungspolitik angeprangert (allerdings werden die Ursachen kaum hinterfragt, der Zusammenhang zwischen Krise, Klassenkampf und staatlicher Repression wenig erforscht).

Im Theater hatte in diesem April Elfriede Jelineks „Kontrakte des Kaufmanns“ in Köln Premiere, eines der ersten Stücke, das die „jüngsten Krämpfe des Kapitalismus, die die Autorin für dessen letzte Zuckungen hält“ (so die FAZ), auf die Bühne bringt: „Wir haben Ihnen etwas versprochen, das wir gar nicht versprechen konnten. Entschuldigung, wir haben uns versprochen!“

Im Kino machten in den letzten Jahren Nachwuchsregisseure wie Laurent Cantet („Die Klasse“), Hany Abu-Asad („Paradise Now“) oder Bahman Ghobadi („Zeit der trunkenen Pferde“) auf sich aufmerksam.

Kunst nach der sozialistischen Revolution

Bemerkenswerter Weise widmete Karl Marx seinen ersten explizit politischen Aufsatz als revolutionärer Journalist im Alter von 23 Jahren einer Anklage an die Zensur in der bürgerlichen Gesellschaft: „Ihr bewundert die entzückende Mannigfaltigkeit, den unerschöpflichen Reichtum der Natur. Ihr verlangt nicht, dass die Rose duften soll wie das Veilchen, aber das Allerreichste, der Geist, soll nur auf eine Art existieren dürfen?“ Und die Zensur gibt es bis heute. Es reicht, sich einen Augenblick Verbote allein im Kino zu vergegenwärtigen: dauerhafte Untersagung des Director Cut für den Regisseur von „Citizen Kane“, Orson Welles, Einreiseverbot Charlie Chaplins in die USA oder McCarthy-Ära; Verbote galten nicht nur in den USA, so wurde zum Beispiel die Berlinale Ende der sechziger Jahre abgebrochen, nachdem der Anti-Vietnam-Kriegsfilm „o.k.“ aufgeführt worden war; und Verbote gelten noch heute: beispielsweise durfte „Brokeback Mountain“ in zwei US-Bundesstaaten nicht gezeigt werden. Natürlich greifen Verbote in der Regel viel früher: Durch die Förder- und Kreditpolitik kann rasch entschieden werden, was gewährt und was sanktioniert wird. Entstehen doch nonkonformistische Streifen (die kostengünstige Digitalvideo-Kamera erleichtert manches), so finden sie zumeist keinen Verleih. Der beeindruckende chinesische Film „Lost in Bejing“, der vor zwei Jahren auf der Berlinale gezeigt wurde und sich dabei über alle Zensurauflagen hinwegsetzte, war in Deutschland nur einen Abend auf Arte zu sehen; ins Kino gelangte dieser Film nie.

Möglicherweise wird es auch nach dem Sturz des Kapitalismus erst einmal Auflagen geben – um Faschisten in die Schranken zu weisen oder um beispielsweise der Pornografie Einhalt zu gebieten. Aber das wird die arbeitende Bevölkerung dann selber demokratisch entscheiden.

Nicht nur mit der Manipulation von Kunst und KünstlerInnen wird Schluss sein. Die sozialistische Revolution wird für die große Mehrheit der Bevölkerung überhaupt erst das Tor zur Welt der Kultur aufstoßen. Denn bis heute sind die Massen vom Kunstgeschehen weitgehend ausgeschlossen. Der „Kulturbetrieb“ ist ein Wirtschaftszweig, der unter kapitalistischen Vorzeichen Profit abzuwerfen hat wie jeder andere Sektor. Allein in der Musik-“Industrie“ sind es auf globaler Ebene vier Konzerne, die über 80 Prozent des Marktes bestimmen (EMI, Sony, Universal Music Group und Warner Music Group).

In der indigenen Bevölkerung Amerikas nahmen alle Menschen, vom Kind bis zum Greis, am Tanz teil; die Musik ging daraus hervor. In einer künftigen sozialistischen Welt werden auch alle Menschen in der ein oder anderen Form selber tanzen, musizieren, dichten, malen.

Was möglich wird, lässt sich ansatzweise erahnen, wenn man sich vor Augen führt, dass in Russland nach der Revolution – trotz Kriegsfolgen, Bürgerkrieg, Hungerprobleme – 3.000 neue Theater entstanden, an denen sich 250.000 Menschen aktiv beteiligten.

Es gab das Theater von Wsewolod Meyerhold, das auf Vorhang, Bühne und damit auf die Trennung von SchauspielerInnen und Zuschauern verzichtete. Mehr noch. In den Betrieben wurden Theaterstücke inszeniert, an der Front wurde Theater gemacht. Man erfand „Massenfeste“, bei denen ganze Städte in Bühnen umgewandelt wurden. Es gab „Kindertheater“, es gab „Gerichtsspiele“, bei denen Nachbarschaften in spielerischer Form Entscheidungen der Sowjets nachstellten.

Stell dir vor, jedes Kind kann von klein auf seinen Neigungen und Talenten nachgehen. Jedes Kind darf Musikinstrumente erlernen, singen, tanzen, spielen, lesen, jedes Kind erhält Einblick in die Arbeitswelt. Die Trennung in Schulzeit, Berufsleben, Ruhestand ist aufgehoben. Auch die Trennung von Hand- und Kopfarbeit ist passe. Stell dir vor, jeder Mensch braucht nur zehn oder höchstens zwanzig Wochenstunden zu arbeiten und hat Zeit und Muße, zu forschen, zu studieren, kulturellen Dingen nachzugehen. Überall gibt es Büchereien, Kunstateliers, Klang- und Musizierräume, die für Jung und Alt jederzeit zugänglich sind. Stell dir vor, kein Mensch schaut mehr in die Glotze. Stattdessen gibt es überall in der Nachbarschaft Leinwände, auf denen Nachrichten und Filme gezeigt werden. Neue Wohnmodelle werden entwickelt, mit mehreren Generationen unter einem Dach, mit Bibliotheken, Medienzimmern, Partyräumen, gemeinsamen Gärten. Stell dir vor, die Kirchen werden in Tanzhallen und Konzertsäle umgewandelt…

„Im Sozialismus ist die Solidarität die Grundlage der Gesellschaft. Die ganze Literatur, die ganze Kunst wird auf einen anderen Grundton abgestimmt sein. Diejenigen Gefühle, die wir Revolutionäre nur unter Hemmungen beim Namen nennen – weil diese Namen von scheinheiligen und trivialen Menschen so sehr missbraucht wurden – uneigennützige Freundschaft, Nächstenliebe, herzliche Anteilnahme – werden in der sozialistischen Poesie in mächtigen Akkorden aufklingen“ (Trotzki in „Die Parteipolitik in der Kunst“).

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