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Tausende Arcandor-Beschäftigte demonstrieren

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Forderung nach Erhalt der Arbeitsplätze bei Karstadt, Quelle und Co


 

Für ihr Verkäufer-Outfit ziemlich wild und kämpferisch schreien, klatschen und lärmen Tausende von Angestellten aus verschiedensten Karstadt-Kaufhäusern, Quelle-Beschäftigte und weitere KollegInnen des Arcandor-Konzerns aus ganz Deutschland am 26. Mai vor dem Bundeswirtschaftsministerium. Ihr Hauptanliegen: Sicherung der 56.000 Jobs beim Konzern durch die Gewährung einer Staatsbürgschaft durch die Bundesregierung.

von Stephan Kimmerle, Berlin

Hunderte von vorproduzierten Schildern werden gereckt: "Ohne Staatsbürgschaft stirbt Karstadt", "Wir sind ein Stück Deutschland – Karstadt", "Es geht um 56.000 Arbeitsplätze". Eines der wenigen selbstgebastelten Schilder verlangt "Keine materiellen Einbußen". Die von ver.di organisierte und vom Arbeitgeber unterstützte Kundgebung wird inhaltlich von der stellvertretenden ver.di-Vorsitzenden, Margret Mönig-Raane, eröffnet: "Wir stehen hier und bitten um Hilfe", gibt sie sich demütig, bevor der Wirtschaftsminister, zu Guttenberg, zum Mikrofon schreittet. So begrüßt erhält er erstaunlich viel Vorschuss-Beifall, was ihn irgendwie selbst irritiert. Defensiv fängt er an, sein Erscheinen zu begründen. Er wolle sich nicht wegducken. Er versichere, den vorliegenden Antrag auf Hilfe "gewissenhaft und nach Maßstäben der Vernunft" zu prüfen. Man dürfe jetzt keinen Wahlkampf machen und nur "vernünftig mit Steuergeldern" umgehen. Keinerlei Zusagen, keine Festlegung, nichts. "Herzlichen Dank und alles Gute", so der Wirtschaftsminister – "Danke schön, dass sie bei uns waren!", so die ver.di-Moderation.

Wofür hier gedankt wird, ist nicht klar. "War ja nichts aussagend", so eine Kollegin aus Cottbus; trotzdem "gut, dass er hier war", meint ihr ebenfalls mitgereister Primonda-Kollege. Eine Kollegin von Karstadt Berlin setzt auf eine Bürgschaft und "dass alle weiter arbeiten", doch ob sie denn Hoffnung habe, dass das so kommt? "Weniger."

Gewettert wird in den folgenden Reden zum Beispiel vom Vorsitzenden des Quelle-Betriebsrats gegen die CDU-Politiker Kauderer und Meyer, die den Konzern abgeschrieben hätten, "bevor die Bundesregierung eine Staatsbürgschaft aus dem Deutschland-Fonds geprüft hat". Man habe eine Neuausrichtung mit massivem Personalabbau und schmerzhaften Verzicht bei den Einkommen hinter sich. Und das schon fünf Jahre lang. Das spricht aus Sicht dieses Spitzen-Gewerkschafters dafür, dass der Handels- und Tourismuskonzern gerettet werden müsse. Denn so was "kann kein Konzern vorweisen", außer eben Arcandor.

Mit 650 Millionen Euro Staatsbürgschaft und 200 Millionen Euro Kredit soll dem Konzern geholfen werden, der weltweit 86.000 und in Deutschland 56.000 Kollegen beschäftigt.

Dann kommt Andrea Nahles. Und die SPDlerin legt los. Schimpft auf Guttenberg. Ob der denn Wirtschafts- oder Abwrackminister sei. Sie erhält am meisten Applaus. Sie spielt Opposition. Kurzzeitg scheint vergessen, dass sie eben diese Regierung mit diesem Wirtschaftsminister unterstützt.

Eine Solidaritätserklärung der LINKEN wird verlesen. "Steuergelder gehören nicht in die Hände der Aktionäre", fordert die Bundestagsfraktion der Linkspartei im Schreiben und begründet damit eine Belegschaftsbeteiligung und die Forderung nach mehr Mitbestimmung. Ohne die KollegInnen dürfe nichts entschieden werden. Doch die Reaktion auf die Vorschläge der LINKEN bleiben verhalten.

Es kann schnell gehen, dass diese aufgebrachten KollegInnen die Geduld verlieren und den handelnden Politikern und Managern die rote Karte zeigen. Bisher beließen sie es noch bei einer lautstarken aber freundlichen Ermahnung gegen das ihnen angedrohte Weggrätschen ihrer Lebensgrundlage.

Ein erstes Gefühl ihrer Stärke haben die KollegInnen bekommen. Nicht weniger, nicht mehr.