Bergarbeiterstreik in Großbritannien

25. Jahrestag des einjährigen Kampfes gegen Thatcher.


 

In diesem Monat jährt sich der Bergarbeiterstreik zum 25. Mal. Ein Jahr lang waren 140.000 Mitglieder der Bergarbeitergewerkschaft (National Union of Mineworkers, im folgenden NUM abgekürzt) in einem gigantischem Kampf mit Margaret Thatchers Tory-Regierung und dem gesamten Staatsapparat.

von Ciaran Mulholland, Socialist Party Nord-Irland

Am Ende der Auseinandersetzung stand eine Niederlage für die Bergarbeiter, doch es war eine ehrenhafte Niederlage. Schuld an der Niederlage ist der Verrat durch den rechten Flügel der Labour-Partei und der Gewerkschaftsführungen. Weiterhin war der Bergarbeiterstreik durch die Tory-Regierung geplant; sie sahen in der NUM zurecht das Rückgrat der Arbeiterbewegung. Die NUM hatte 1972 und "74 Siege gegen Tory-Regierungen eingefahren, "74 sogar Edward Heaths Regierungskabinett gestürzt. Zehn Jahre lang feilten die Herrschenden an Plänen, um eine dritte Niederlage zu verhindern. 1981 schreckten sie sogar vor einer Auseinandersetzung zurück, da sie noch nicht genug vorbereitet waren.

1979 begann die Thatcher-Regierung den kompletten Ausverkauf der Kohlnindustrie zu planen.

Die Kohleindustrieverordnung (Coal Industry Act) von 1980 ersetzte Produktions- durch Gewinnziele. Die Gewinnziele wurde so hoch angesetzt, dass sie nur durch die Schließung „unwirtschaftlicher“ Bergwerke erreicht werden konnten. Ziel der Verordnung war es, die Kohleindustrie für private Investoren lukrativ werden zu lassen.

Die Thatcher-Regierung gab das Ridley Gutachten (1978) in Auftrag, um sich für eine Auseinandersetzung mit den Bergarbeitern vorzubereiten. Kohlereserven wurden aufgestockt, Elektrizitätswerke wurden von Kohlebefeuerung auf Ölbefeuerung umgestellt und die Kohleimporte erhöht. Transportunternehmen wurden dazu angehalten Fahrer einzustellen, die nicht gewerkschaftlich organisiert waren. Unterstützungsleistungen für Streikende und ihre Familien wurden gekürzt. Eine spezielle Polizeieinheit für den Umgang mit Blockaden durch Streikposten wurde aufgebaut.

Im September 1983 wurde Ian MacGregor zum Vorsitzenden der Staatlichen Kohlebehörde (National Coal Board, im folgenden NCB abgekürzt) ernannt. MacGregor war für seine anti-gewerkschaftlichen Positionen, die er in seiner früheren Karriere in Amerika unter Beweis gestellt hatte, bekannt. Bevor er zur NCB stoß, half er bei der Jobvernichtung bei British Steel – insgesamt 100.000 Arbeitsplätze wurden in diesem Prozess abgebaut.

Schließung von Bergwerken

Der Startschuss für die Auseinandersetzung war die Ankündigung durch die NCB am 1 März 1984, dass das Cortonwood Bergwerk in Yorkshire geschlossen wird und zwanzig weitere Bergwerke und 20.000 Arbeitsplätze auf der Abschussliste stehen. Die Yorkshire-Bergarbeiter antworteten sofort mit Streik und innerhalb von sechs Tagen weitete sich der Streik landesweit aus.

Die Ereignisse überschlugen sich. Am 6. März riefen die Yorkshire-Bergarbeiter einen unbegrenzten Streik aus, am 7. März schlossen sich schottische Bergarbeiter dem Streik an und am 9. März stießen die Bergarbeiter in Durham und Kent dazu. Andere Gebiete folgten eher langsam. Beispielsweise entschied sich Wales erst dafür sich nicht am Streik zu beteiligen, aber Streikposten zu respektieren. Kurz darauf entschied sich Süd-Wales jedoch für eine aktive Teilnahme am Streik und stand von diesem Zeitpunkt an bis zum Schluss in der ersten Reihe der Streikfront.

Die erste Schlüsselaufgabe bestand darin, die Bergarbeiter in Notts vom Streik zu überzeugen. Am 12. März erreichten „mobile“ Streikposten („flying pickets“, d.h. Streikposten, die ausschwärmen um in anderen Gebieten den Streik sicherzustellen) das Bergwerk in Notts. In den folgenden Tagen folgte eine Minderheit der Bergarbeiter in Notts ihrem Aufruf, während eine Mehrheit weiter zur Arbeit ging. Am 15.März wurde David Jones, der als „mobiler“ Streikposten im Einsatz war, von einem Ziegel am Kopf getroffen und starb. Am selben Tag rief die lokale Gewerkschaftsgliederung ihre Mitgliedschaft zum Streik auf.

Unterstützung von anderen Gewerkschaften war von entscheidender Bedeutung. Am 22. März riefen die Energieversorgungsgewerkschaften ihre Mitglieder dazu auf NUM-Streikposten zu ignorieren. Im Gegensatz dazu einigten sich die NUR, ASLEF, TSSA, TGWU und die ISTC (größtenteils Gewerkschaften für Transportarbeiter) darauf alle Kohletransporte zu stoppen. Am Tag darauf brach Sir Bill Sirs – Vorsitzender der ISTC – sein Wort. Trotzdem hielten die meisten Bahnbeschäftigten und Seeleute ihre Solidarität aufrecht, auch wenn sie dadurch den eigenen Job riskierten.

Landesweite Urabstimmung?

Am 5. April stimmten die Bergarbeiter in Notts gegen den Streik. In dieser Zeit fand eine erbitterte Debatte über die Notwendigkeit einer landesweiten Urabstimmung statt. Eine landesweite Delegiertenkonferenz sprach sich gegen eine Urabstimmung aus, da eine Mehrheit der Bergarbeiter bereits in lokalen Treffen für den Streik stimmte. Militant (Vorgängerorganisation der Socialist Party, Schwesterorganisation der SAV in Großbritannien) reihte sich mit den Bergarbeitern in eine Front ein, da der Verzicht auf eine Urabstimmung von der Rechten benutzt wurde, um den Streik zu untergraben. Nach dem Streik erklärten wir, dass zu einer Urabstimmung hätte aufgerufen werden sollen, um die Unterminierungsversuche der Rechten zu kontern – Das Ergebnis einer Urabstimmung wäre ein klares Ja gewesen.

Das bedeutet aber nicht, dass zu dieser Zeit irgendetwas an der Durchführung der Streiks undemokratisch gewesen wäre. Die Bergarbeiter hatten ihre Stimme bei den lokalen Treffen abgegeben. Sobald aber eine Mehrheit in einer Urabstimmung erreicht worden wäre, hätten die Bergarbeiter in Notts wahrscheinlich auch gestreikt. Eine Urabstimmung hätte der Kritik durch die Presse die Grundlage genommen und wäre eine Hilfe bei der Mobilisierung der Bergarbeiter in Notts gewesen. Sie hätte aber weder die Unterstützung der Presse gewonnen, die arbeitende Bergarbeitergruppe (working miners group, Streikbrecher, die direkt von der herrschenden Elite organisiert wurden) auf Seiten des Streiks gebracht, noch die rechte Führung von manchen Gewerkschaften und der Labour-Partei dazu gebracht richtige Unterstützung für die Bergarbeiter zu organisieren.

Trotz des Verrats durch Neil Kinnock (Vorsitzender der Labour-Partei) und seinesgleichen gab es eine massive Unterstützung der Bergarbeiter durch die Arbeiterklasse. Eine repräsentative Umfrage ergab, dass im April 1984 68 Prozent den Streik unterstützten. Es wurden jedoch mehrere Gelegenheiten verpasst, eine zweite Front gegen die Tories aufzumachen. Im Mai akzeptierten die Bahngewerkschaften NUR und ASLEF einen Tarifvertrag für lediglich 0,5 Prozent. Während dem Bergarbeiterstreik gab es zwei landesweite Hafenstreiks. Der erste wurde gegen die Entladung von Kohle durch unorganisierte Arbeiter, der Zweite gegen die Entladung von Kohle durch Stahlarbeiter geführt. Beide Streiks endeten in einer gewissen Verwirrung und es wurde kein Versuch gestartet die Auseinandersetzungen mit dem Streik der Bergarbeiter zu verbinden.

Weiterhin war der Stadtrat Liverpools (dessen Labour-Mehrheit aus einer Mehrheit von Militant-Anhängern und anderen Linken bestand) in einer Auseinandersetzung mit den Tories. Am 9. Juli gab die Regierung verzweifelt nach, um eine Auseinandersetzung an drei Fronten – mit den Bergarbeitern, den Hafenarbeitern und der Liverpooler Arbeiterklasse – zu vermeiden. Die Stadtverwaltung bekam acht Millionen Pfund, womit es möglich war den geplanten Hausbau und die zusätzlichen Jobs im öffentlichen Dienst zu finanzieren. Dieser Sieg war einer von insgesamt dreien, die in der Amtszeit von Thatcher durch die Arbeiterklasse errungen wurden (die anderen Beiden waren der Sieg der Bergarbeiter 1981 und die Vereitelung der Kopfsteuer durch eine von Militant geführte Kampagne im Jahr 1991)

Ausverkauf durch den Gewerkschaftskongress (im folgenden TUC abgekürzt)

Im Oktober kündigte die Gewerkschaft für technisches und Aufsichtspersonal in der Kohlenindustrie (im folgenden NACODS abgekürzt), nach einer Urabstimmung mit 82,5 Prozent Mehrheit, einen landesweiten Streik an. Der Streik wurde jedoch nach minimalen Zugeständnissen des NCB abgesagt. Ein NACODS-Streik hätte alle Bergwerke, die noch im Betrieb waren, innerhalb von Tagen lahmgelegt und den Sieg in greifbare Nähe gebracht.

Der TUC diskutierte erst im August das erste Mal über den Bergarbeiterstreik! Es wurden Solidaritätsaktionen versprochen, die aber nie stattfanden. Unter diesen Umständen hätten die linken Vorstände zu eigenständigen Aktionen aufrufen müssen, was sie aber nicht taten.

Scargill (Vorsitzender der Bergarbeitergewerkschaft) verpasste auch einige Möglichkeiten. Als der Bezirk Süd-Wales der NUM zu einer Geldstrafe von 500.000 Pfund verurteilt wurde, wurde die lokale NUM-Zentrale von tausenden Bergarbeitern und Unterstützern (unter denen hunderte Jungsozialisten der Labour-Partei waren, von denen viele Militant-Unterstützer waren) umschlossen. Die NUM-Führung hätte zu einem eintägigem Generalstreik aufrufen sollen, wenn nötig über die Köpfe der TUC hinweg. Das Fehlen eines solchen Aufrufs war ein großer Fehler. Im November wurde die Streikkasse der NUM durch Gerichte beschlagnahmt, wieder gab es keinen Aufruf zum Generalstreik.

Da diese Möglichkeiten nicht genutzt wurden, übernahm die herrschende Klasse die Initiative. Das NCB versuchte die Bergarbeiter durch das Angebot einer Weihnachtssonderzahlung zum Streikbruch zu bewegen. Im Januar und Februar gab es eine langsame Tendenz zurück zur Arbeit zu gehen.

Am 3. März stimmte eine landesweite Delegiertenkonferenz 98 zu 91 für den Streikabbruch. Währenddessen riefen draußen tausende Bergarbeiter „We are not going back“ (Wir werden nicht zurück gehen). Trotzdem streikten 100.000 der 180.000 Bergarbeiter weiter (20.000 beteiligten sich von Anfang an nicht am Streik).

Tausende Bergarbeiter wurden verhaftet und tausende durch die Polizei verletzt. 620 wurden gekündigt – nur 38 wieder eingestellt. Zwei Bergarbeiter starben am Streikposten, einige andere auf dem Weg dahin und ein dutzend Bergarbeiter und Verwandte beim Sammeln von Kohle von Schlackenhalden.

Die Bergarbeiter kehrten am 5. März mit Stolz zurück zur Arbeit, hinter ihren Bannern marschierend. Sie hatten eine erbitterte Auseinandersetzung geführt. Zwar wurden sie am Ende geschlagen, doch standen die Dinge für sie jetzt anders.

Die Rolle des Staatsapparats war für alle ersichtlich. Die volle Gewalt der Polizei, des MI5 (britischer Geheimdienst) und sogar die CIA wurde mobilisiert, um die NUM zu brechen. Die herrschende Klasse war zu allem entschlossen, um die Bergarbeiter zu besiegen.

Gewalt gegen Bergarbeiter war Routine. Im Kampf von Orgreave wurde dies am sichtbarsten. 3.000 Polizisten standen gegen 10.000 Streikposten und die Bergarbeiter wurden durch berittene Polizeieinheiten, die Tonfas schwangen, von der Straße geschlagen.

Die Tories gaben sechs Milliarden Pfund während dem Streik aus, um die NUM zu schlagen und weitere26 weitere Milliarden, um die Kohleindustrie zu verwüsten. Nigel Lawson (britischer Schatzminister) beschrieb das als „eine lohnende Investition für das Wohlergehen der Nation“, weiterhin schrieb er, dass die Tories sich für diese Auseinandersetzung „genauso vorbereiteten, wie bei der Aufrüstung in den 30ern, im Angesicht der Gefahr durch Hitler“.

Es ist wichtig die Ereignisse des Bergarbeiterstreiks zu studieren, um die kommenden Klassenkämpfe zu gewinnen. Am allermeisten illustriert dieses Beispiel die Notwendigkeit, sich in den Gewerkschaften zu organisieren und Führungen zu entwickeln, die ein Verständnis davon haben, wie für einen kompromisslosen Kampf mit der Regierung und den großen Konzernen mobilisiert werden kann.

Das englische Original des Artikels erschien zum 20. Jahrestag des Bergarbeiterstreiks im irischen Journal Socialist View. Die Übersetzung besorgte Viktor Frohmiller.