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Wieder im Kino: „The Times of Harvey Milk“

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Zu den Höhepunkten der diesjährigen Berlinale zählte die Wiederaufführung des Dokumentarfilms „The Times of Harvey Milk“. Ein 1985 mit dem Oscar ausgezeichneter Film über den ersten Aktivisten in den USA, der, sich offen und offensiv zu seiner Homosexualität bekennend, 1977 in ein politisches Amt gewählt worden war – und ein Jahr später erschossen wurde.


 

Anlässlich des neuen Kinostreifens „Milk“ von Gus Van Sant („Drugstore Cowboy“, „My Private Idaho“, „Last Days“) mit Sean Penn in der Titelrolle wurde der 25 Jahre alte Dokumentarfilm bei den Berliner Filmfestspielen erneut gezeigt und ist derzeit in einigen Programmkinos wieder zu sehen.

von Aron Amm

Der von Robert Epstein 1984 gedrehte Film beginnt mit der öffentlichen Erklärung der Stadtratsvorsitzenden von San Francisco, Dianne Feinstein, im Jahr 1978: „Der Bürgermeister George Moscone und der Stadtrat Harvey Milk sind tot. Beide wurden im Rathaus erschossen. Haupttatverdächtiger ist der Ex-Stadtrat Dan White.“ Umrahmt von Gesprächen mit Weggefährten Milks und anderen Zeitzeugen lässt Epstein daraufhin Harvey Milks Leben und sein politisches Engagement Revue passieren.

Wer war Harvey Milk?

„Wer war Harvey Milk?“ (Unter diesem Titel lief seinerzeit die deutsche Fassung.) Milk, der im New Yorker Kleinbürgertum aufwuchs, hatte wechselvolle Jahre hinter sich – Offizier bei der Navy, Börsenmakler an der Wall Street, Anti-Vietnam-Demonstrant – als er Anfang der siebziger Jahre zusammen mit seinem Partner Scott Smith an die Westküste zog. Gemeinsam hatten sie gerade noch 1.000 Dollar in der Tasche, als sie sich in San Francisco niederließen – nachdem sie mehrere Jahre ziellos durch die USA und von Job zu Job getingelt waren. Im Castro-Viertel eröffnete Harvey Milk ein Fotogeschäft, stürzte sich in politische Stadtteilarbeit und machte sich für die wachsende Schwulen-und-Lesben-Gemeinde stark. Bald verlieh man ihm den Namen „Bürgermeister von Castro“.

1973 wandelte Harvey Milk seinen Laden „Castro Camera“ in eine Wahlkampfzentrale um und kandidierte zum ersten Mal für den Stadtrat. Beim vierten Anlauf, 1977, gelang ihm dann der Sprung ins Rathaus. Unermüdlich zeigte er sich in seinen Wahlkämpfen in jeder freien Minute im Einsatz. Was ihn zudem auszeichnete, war ein Blick für Stadtteilfragen – die er kampagnenmäßig und mit agitatorischem Talent aufwarf.

Coming Out

Der Film verschweigt nicht, dass Harvey Milk ein nicht ganz unkomplizierter Mensch gewesen sein muss, dessen regelmäßige Tobsuchtsanfälle zum Beispiel gefürchtet waren. Aber zuallererst war er einer, der sich mit aller Kraft und viel Witz für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzte. Für ihn war das Private politisch. Er verstand, warum es niemand hilft, wenn er seine sexuelle Orientierung verleugnet – vor sich selber, seiner Umgebung und der Öffentlichkeit gegenüber. Und er vermittelte brilliant, wie der Film belegt, warum das Coming Out zwar unmittelbar alles andere als einfach sein kann, aber letztendlich der einzige Weg ist, gegen die Diskriminierung von Schwulen, Lesben, Bi- oder Transexuellen vorzugehen, ihnen Selbstbewusstsein zu geben und sie zu schützen. Harvey Milks Leitspruch war damals: „Jeder Homosexuelle sollte im Rathaus immer die Treppe nehmen, um der Welt zu zeigen, dass er da ist.“

Harvey Milk trat aber nicht nur für die Rechte von Schwulen und Lesben, sondern auch von ethnischen Minderheiten und GewerkschafterInnen ein. Im Film ist ein Auftritt von ihm festgehalten, bei dem er darauf abhebt, dass es ihm nicht um die hohen Funktionäre, sondern um die einfachen Gewerkschaftsmitglieder geht. Milk schloss auch ein Bündnis mit der Bierkutschergewerkschaft und organisierte einen Boykott der Biermarke in Schwulenbars, deren Hersteller keine Gewerkschaftsmitglieder einstellen wollte.

Kurz nach Milks Wahl am 8. November 1977 machte ein gewisser John Briggs in Kalifornien von sich reden. Dieser Senator der Republikaner versuchte, mit der „Proposition 6“ alle homosexuellen Lehrer aus dem Schuldienst zu entfernen. In einer Fernsehdebatte, die der Dokumentarfilm zeigt, hob Briggs darauf ab, dass Lehrer eine Vorbildfunktion bei der sexuellen Orientierung ihrer Schüler hätten. Milk konterte: „Wenn es stimmt, dass Kinder ihre Lehrer nachahmen, müssten hier doch viel mehr Nonnen herumlaufen.“ Monatelang engagierte sich Milk in einer Gegenkampagne. Mit Erfolg. Als Anfang November 1978 in Kalifornien über „Proposition 6“ abgestimmt wurde, votierten etwa 60 Prozent gegen Briggs" Initiative.

Drei Wochen später war Harvey Milk tot. Mit fünf Kugeln niedergeknallt von dem reaktionären Dan White, einem ehemaligen Polizisten und Feuerwehrmann, der zeitgleich mit Milk in den Stadtrat gewählt worden war, im Herbst 1978 zurücktrat und kurz darauf, vergeblich, den Posten wieder zurück erhalten wollte.

Die Zeit, in der Milk lebte

„The Times of Harvey Milk“ ist mehr als ein Film über einen damaligen Aktivposten der Schwulen- und-Lesben-Bewegung. Der Film wird seinem Titel gerecht. Er erhellt die politische Lage und die Stimmung in den USA der siebziger Jahre. Aufgezeigt wird, dass gleichgeschlechtlicher Sex damals immer noch als „unanständiger Akt“ bestraft wurde und das San Francisco Police Department oft mit brutaler Gewalt gegen Homosexuelle vorging. Harvey Milk hatte in den wenigen Jahren politischer Aktivität Dutzende, wenn nicht Hunderte von Morddrohungen erhalten.

Eindrucksvoll sind die Bilder von dem Massenprotest am Abend nach Milks Ermordung. 45.000 Menschen zogen mit Kerzen zum Rathaus. Ein halbes Jahr später endete der Prozess gegen den Attentäter Dan White. Verurteilt wurde er von der Jury nicht wegen Mordes, sondern lediglich wegen Totschlags. Er hätte vor der Tat zu viel Zucker gegessen, hieß es. Er bekam nur sieben Jahre. Ein Schwarzer wird im Film wiedergegeben, der meinte: „Wenn ich einen Beamten erschießen würde, dann würde man mich auf den Elektrischen Stuhl setzen.“ Ein Gewerkschaftsaktivist äußerte vor der Kamera: „Hätte Dan White nur den Bürgermeister erschossen, hätte er lebenslänglich gekriegt. Da er aber auch einen Schwulen umbrachte, fiel die Strafe deutlich geringer aus.“ Das Urteil war für viele ein Schock. Es kam zu Straßenschlachten, die als „White Nights“ bekannt wurden.

Brandaktuell

Besucht man heute das Castro-Viertel in San Francisco, so kann man darüber staunen, dass in dem ganzen Stadtteil riesige Regenbogenfahnen flattern. Gleichzeitig hält jedoch die Diskriminierung von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen bis heute an. Das zeigt die begrenzten Errungenschaften von Milk und anderen in der Bewegung. Und das hängt nicht zuletzt mit politischen Defiziten von Harvey Milk und Co. zusammen. Milk war Mitglied der Partei der Demokraten, einer bürgerlichen Kraft. Er versuchte im Establishment mitzumischen, war letztendlich ein Liberaler, der nicht erkannte, dass die Spaltungspolitik elementarer Bestandteil des kapitalistischen Systems ist. Wenn es etwas an „The Times of Harvey Milk“ zu bemängeln gibt, dann die Tatsache, dass die Auseinandersetzung mit politischen Überzegungen und Zielen – und damit den Schwächen Milks – zu wenig beleuchtet werden.

Anfang November wurde bei einer Abstimmung in Kalifornien (sowie in Florida und Arizona) mehrheitlich gegen die „Proposition 8“, dem Recht auf die gleichgeschlechtliche Ehe, votiert. Daraufhin gab es spontane, von unten initiierte Protestdemonstrationen in verschiedenen Städten von mehreren Tausend Beteiligten. Ihre Empörung richtete sich auch gegen Barack Obama, der nicht öffentlich für die Stärkung der Rechte von Schwulen und Lesben eintreten wollte. Zumal er sich das Eingangsgebet zur Amtseinführung von Rick Warren sprechen ließ, einem notorischen Feind von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen, der sich auch gegen „Proposition 8“ aussprach. Das zeigt einmal mehr, was Harvey Milk ignorierte und worauf es heute ankommt: Statt Illusionen in die Partei und in Politiker der Demokraten zu verbreiten, gilt es, eine politische Interessenvertretung der Arbeiterklasse und aller benachteiligten Teile der Gesellschaft aufzubauen. Statt einer Beschränkung auf systemimmanente Reformen ist eine dauerhafte Überwindung der Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung, Hautfarbe oder Geschlecht nur möglich, wenn die kapitalistische Ordnung selber aus den Angeln gehoben wird.

In Berlin ist der Film vom 19.2.-4.3. in der Eiszeit 2, am 2.3. im International und vom 19.-25.2. im Xenon zu sehen (immer OmU).