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Kurdistan: Aufstieg und Krise der PKK

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Ab den sechziger Jahren wuchsen die Organisationen der türkischen Linken sprunghaft. Auch viele junge Kurden, die als Arbeiter oder Studenten in den Westen kamen, schlossen sich der Bewegung an.


 

von Claus Ludwig, Köln

Die Linke, stalinistisch und maoistisch geprägt, prangerte in Worten die Armut im Südosten und die Diskriminierung der KurdInnen an. Aber sie befreite sich nie ganz vom Kemalismus, der türkisch-nationalistischen Ideologie des Staatsgründers Kemal Atatürk, und lehnte Forderungen der KurdInnen nach Autonomie und Selbstbestimmung ab, weil sie die Einheit des Landes schwächen würden. Die nationale Beschränktheit der türkischen Linken führte zur Herausbildung einer eigenständigen kurdischen Linken.

1978 wurde die PKK gegründet. Sie organisierte in den kurdischen Gebieten Aktionen gegen Großgrundbesitzer und vereitelte zum Beispiel in der Provinz Urfa deren Plan, die Provinz der Kontrolle der faschistischen MHP zu unterstellen.

Der Militärputsch des 12. September 1980 zerschlug die Linke im Westen der Türkei. Als einzige handlungsfähige Gruppe überlebte die PKK. Sie hatte Basen im Nahen Osten und konnte ihre Mitglieder in die unzugänglichen Bergregionen Kurdistans zurückziehen.

Große Teile der Führung der PKK und anderer kurdischer Organisationen waren nach dem Putsch im Militär-Sondergefängnis von Diyarbakir, der „Hölle Nr. 5“, inhaftiert. Unter der Folter und in den Hungerstreiks starben viele KämpferInnen. Durch den mutigen Widerstand in den Gefängnissen konnte die PKK ihre politische Autorität aufbauen.

Guerilla-Krieg

Am 15. August 1984 ging die PKK in die Offensive und griff türkische Militärposten in den Provinzen Siirt und Hakkari an. Der Staat schlug mit Wucht zurück. Ab 1987 galt in mehreren Provinzen der Ausnahmezustand. 200.000 Soldaten und 70.000 Polizisten sowie 25.000 kurdische „Dorfschützer“ wurden gegen die Guerilla und die Bevölkerung eingesetzt. Über 30.000 Menschen starben bisher in dem Krieg.

Die Armee griff die dörfliche Infrastruktur an, um die Guerilla zu isolieren. Bis 1997 wurden 3.100 Dörfer zerstört, 370.000 Menschen obdachlos. Mehrere Millionen flohen in die größeren Städte wie Diyarbakir, in die Westtürkei oder nach Europa.

Das Vorgehen der Armee als brutale Besatzungsmacht ließ die PKK zu einer Massenkraft anwachsen. Auf dem Höhepunkt ihres Einflusses hatte sie die Mehrheit der KurdInnen in der Türkei und Europa hinter sich. Anfang der Neunziger demonstrierten in deutschen Städten Hunderttausende für ein freies Kurdistan.

1990/91 war die kurdische Bewegung in der Lage, vom Guerilla-Kampf zum Massenaufstand in den kurdischen Städten überzugehen. Tausende gingen bei militanten Demonstrationen gegen Armee und Polizei vor. Im Wahlkampf von Leyla Zana und anderen 1991 wurden riesige Kundgebungen organisiert.

Doch zu diesem Zeitpunkt kam es zu einem Patt: Die PKK konnte die türkische Armee nicht militärisch besiegen. Eine Strategie zur Verbindung mit der türkischen Arbeiterklasse existierte nicht. Der Staat konnte die kurdische Bewegung nicht zerschlagen, aber zwang sie in einen Abnutzungskrieg.

Die Führung der PKK um „Apo“ (Abdullah Öcalan) reagierte ab Mitte der Neunziger, indem sie politisch zurückruderte und den eigenen kurdischen Staat und sozialistische Forderungen aufgab beziehungsweise zurückstellte. Sie schlug eine Verhandlungslösung vor und erklärte mehrere einseitige Waffenstillstände. Der Staat verstärkte hingegen den militärischen Druck.

Türkische Drohungen gegen Öcalans Bündnispartner Syrien zwangen ihn 1998, Damaskus zu verlassen. Nach einer mehrmonatigen Odyssee wurde er schließlich in Kenia von einem türkischen Kommando entführt und in der Türkei zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde später in lebenslänglich umgewandelt.

Nach Öcalans Verhaftung kam es zu Massenprotesten, die PKK geriet allerdings in eine schwere Krise und verlor an Unterstützung. Sie erklärte sich bereit, die Waffen niederzulegen, wenn den KämpferInnen eine Amnestie gewährt würde. Der türkische Staat verlangte jedoch die vollständige Kapitulation. Den PKK-Aktiven drohten jahrelange Haft und Folter. Tausende Bewaffnete blieben daher in den kurdischen Bergen in der Türkei und im Nordirak.

Repression und Armut

Auch unter der AKP-Regierung werden heute Oppositionelle verfolgt, gefoltert, ermordet. 250.000 Soldaten sind als Besatzungsmacht stationiert. Die Kasernen von Armee und Polizei an den Ausfallstraßen der kurdischen Städte sind Festungen einer Armee im Feindesland.

Im Alltagsleben ist die Unterdrückung gelockert worden. Auf den Straßen, in Restaurants und Cafés wird Kurdisch gesprochen, aus allen Lautsprechern dröhnt kurdische Musik. Radio- und TV-Sendungen dürfen in begrenztem Umfang senden. Die Botschaft des türkischen Staates ist: „Wir akzeptieren deine Existenz als Kurde, aber stelle keine politischen Forderungen!“

Die soziale Lage hat sich nicht grundlegend geändert. Der wirtschaftliche Aufschwung in der Tür-kei nach dem Zusammenbruch 2001 hat auch in den kurdischen Gebieten zu einigen neuen Jobs geführt, aber die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Weiterhin verlassen Bauern das Land. Während die Menschen im Großraum Istanbul über 40 Prozent des Einkommens der „alten“ 15 EU-Staaten Westeuropas erreichen, kommen die Bewohner der kurdischen Region nur auf sieben Prozent. n

Claus Ludwig ist Mitglied im Rat der Stadt Köln und stellvertretender Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE/Gemeinsam gegen Sozialraub. Er gehört dem Bundesvorstand der SAV an