Home / Themen / Betrieb & Gewerkschaften / Tarifrunden & Arbeitskämpfe / Aachen: Lokführer unter Druck

Aachen: Lokführer unter Druck

Print Friendly, PDF & Email

Beim Streik der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) heute morgen in Aachen wurde die Härte dieses Arbeitskampfes mehr als deutlich. Rund fünfzehn KollegInnen der GDL standen von acht bis elf Uhr vor dem Hauptbahnhof, um den Streik für die Einführung eines Tarifvertrages in die Öffentlichkeit zu tragen. Unterstützt wurden sie von der SAV und DIE LINKE.

sozialismus.info sprach mit dem Kollegen Harald S.


 

sozialismus.info: Harald, ersteinmal möchte ich euch unsere volle Solidarität in diesem Streik versichern. Wie ist die Stimmung unter den KollegInnen?

Harald S.: Nachdem es nach den letzten Warnstreiks zu einer Reihe von Abmahnungen gekommen ist, hatte die Angst vor Repressionen zugenommen. Aber wir stehen mit dem Rücken zur Wand, wir müssen streiken, auch für unsere Kinder. Der Arbeitsdruck und die Hetze nehmen ständig zu, es kommt immer wieder zu Unfällen, die dann von den Verantwortlichen vertuscht werden.

sozialismus.info: Wieso hat es Abmahnungen gegeben? Es gibt doch ein Streikrecht in Deutschland.

Harald S.: Der zweite Warnstreik vor einigen Wochen wurde ja sehr kurzfristig per Arbeitsgericht untersagt. Die streikwilligen Kollegen haben zu Beginn des Warnstreiks noch gar nicht gewusst, dass der überhaupt verboten wurde. Die Abmahnungen dienten anschliessend dazu, genau diese und andere Kollegen einzuschüchtern. Bei der Bahn herrscht mehr und mehr ein System der Angst vor Repressionen.

sozialismus.info: Wie sehen denn solche Repressionen aus, wovor fürchten sich die Lokführer?

Harald S.: Es fängt an mit Nachteilen in den Dienstplänen, schon jetzt werden die Arbeitszeiten deutlich länger als zehn Stunden. Und obwohl die Lenkzeiten eingehalten werden, wird es für die Kollegen immer schwieriger, die Gefahr von Unfällen nimmt rapide zu. Desweiteren befürchte ich, dass Prüfungsinstrumente benutzt werden können, um im Nachhinein Kollegen zu benachteiligen. Ein Beispiel: Lokführer müssen im Regelfall alle drei Jahre ein dreistündiges Simulator-Training absolvieren. Dieses könnte man aber auch früher abverlangen und das Niveau so erhöhen, dass der Kollege das Programm gar nicht mehr bewältigen könnte. Oder man lässt Kollegen bei Zusatzprüfungen durchrasseln, ich kann mir da so einiges vorstellen.

sozialismus.info: Wie stehen denn deine Kollegen zur Frage der Bahnprivatisierung?

Harald S.: Durch die Zunahme der Arbeitshetze in den letzten Jahren sind viele von uns physisch und psychisch am Ende, Ehen gehen zu Bruch, man vereinsamt. Das geht ganz vielen so, man hat ständig unregelmäßige Wechseldienste, und dann hockt man bis zu zehn Stunden ganz alleine in der Lok. Das hat bei vielen zum Nachdenken angeregt. Wir lehnen die Privatisierung ab, weil dadurch der Druck auf uns nur noch weiter steigt und das Risiko für die Fahrgäste unkalkulierbar wird. Wir schauen alle nach England mit grosser Angst. Irgendwann ist auch unser eigenes Leben in Gefahr!

Sozialismus.Info: Lieber Harald, ich bedanke mich für das Gespräch. Wir wünschen euch auch weiterhin einen kraftvollen Streik in der nächsten Woche. Unsere Unterstützung ist euch dann sicher.