Sozialismus: Wie Kinder aufwachsen könnten

„Das ewige Kind“ wird Mozart genannt. Picasso hat ein Leben lang gebraucht, um zu lernen, wie ein Kind zu malen. Und Einstein sagte von sich, er habe die Relativitätstheorie entdeckt, da er so lange Kind geblieben sei. Länger als andere konnte er sich über Raum und Zeit wundern.


 

von Kim Opgenoorth, Köln

Kinder sind von Geburt an kleine Entdecker und große Künstler. Sie haben Forschergeist, Schöpferdrang und können das Staunen in vollen Zügen genießen. Dieses Potenzial wird bei den allermeisten Kindern leider abgewürgt.

Der Lebensalltag zwischen chronischem Zeitmangel der Erwachsenen und ständigen Gefahrenquellen lässt es nicht zu, dass Kinder sich voll entfalten. Obwohl Regierung und Kapital wissen, dass ihnen die miserable frühkindliche Bildung Probleme bereiten wird, können sie nicht einmal Grundbedingungen bereitstellen: Platz zum Bewegen, Spielen und Lernen; Fachpersonal; Schutz vor Gewalt und Verwahrlosung. Bewegungsmangel, Umweltgifte und andere negative Einwirkungen führen zu ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom), Essstörungen und Lernschwächen. Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit fördern Schulangst und Verrohung. Vereinsamung und Anonymität sind die Folgen dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.

Laut einer aktuellen Unicef-Studie nehmen sich über die Hälfte der deutschen Eltern keine Zeit, um mit ihren Kindern zu reden. Gestresste Eltern erzeugen gestresste Kinder. Damit Kinder eine Bereicherung und keine Belastung sind, brauchen Eltern beziehungsweise die Bezugspersonen von Kindern mehr frei verfügbare Zeit, Zeit für sich selbst und Zeit, die sie gemeinsam mit ihren Kindern verbringen können.

Arbeitszeit

In einer sozialistischen Demokratie kann die Arbeitszeit schnell auf 30, 25, 20 Stunden reduziert werden. Die Konzerne sind in Gemeineigentum überführt. Die Wirtschaft wird demokratisch, nicht bürokratisch – wie in den stalinistischen Staaten Osteuropas früher – geplant. Die Arbeit wird auf alle verteilt. Arbeitshetze, Überstunden und Erwerbslosigkeit gehören der Vergangenheit an. Technische Neuerungen werden nicht eingesetzt, um Beschäftigte zu entlassen und auf diesem Weg die Profite zu steigern, sondern die Belastung aller zu minimieren. Motivation und Arbeitsproduktivität werden enorm steigen, da sich alle einbringen können, Leitungen gewählt und abgewählt werden.

Der von allen erarbeitete Reichtum fließt nicht in private Taschen, sondern wird in Bildung und Gesundheit investiert. Wissenschaftler und Physiker sind nicht mehr im Rüstungsbereich gebunden, sondern können sich den drängenden Umweltproblemen und anderen Fragen widmen.

Kinderbetreuung

Da Kinder am besten von Kindern lernen, werden Krippen- und Kindergartenplätze mit Hochdruck ausgebaut, bis jede und jeder einen Platz bekommen kann. Es wird Wert auf eine hohe Qualität der Kinderbetreuung gelegt.

Der Personalschlüssel könnte von 1:10 auf 1:4 beziehungsweise auf einen Schlüssel, der als sinnvoll erachtet wird, aufgestockt werden. Krankheit, Urlaub, Fortbildung sind jedenfalls fest eingeplant, so dass nicht, wie heute regelmäßig üblich, eine Erzieherin mit 25 Kindern alleine da steht. Der Beruf der ErzieherInnen wird als eine der wichtigsten Aufgaben in der neuen Gesellschaft hoch geschätzt und ihre Arbeit von Fachleuten, KünstlerInnen und Handwerkern unterstützt.

Kinder werden in den Kitas (und in den Schulen) nicht nur mit dem gleichen Jahrgang zusammengesteckt. Sie können von Älteren viel mitbekommen (ein Grund, warum sich jüngere Geschwister heute oft schneller entwickeln) und sie geben gern eigene Kenntnisse an Jüngere weiter und wachsen daran selber. Auch Kinder mit Behinderungen gehören zu den Kita-Gruppen und werden nicht abgeschottet.

Das Programm (und später der Schulunterricht) wird nach den Interessen und Wünschen der Kinder ausgerichtet – und nicht von der „Wirtschaft“ diktiert. Mittels demokratischer Strukturen können auch Kinder an Diskussion und Entscheidungsfindung beteiligt sein, ebenso wie Eltern, Pädagogen, aber auch VertreterInnen der Gesellschaft außerhalb der Betreuungseinrichtungen.

Die Räumlichkeiten in Kitas (und Schulen) sind großzügig und lichtdurchflutet angelegt. Sie werden als Treffpunkt für Eltern, Großeltern, Freunde und Nachbarschaft genutzt. Es gibt gemütliche Sitzecken zum Plaudern und viel Ausstellungsraum mit Dokumentationen und Kunstwerken jeglicher Art. Theater- und Filmvorführungen finden regelmäßig statt.

Spiel und Arbeit

Kinder werden nicht mehr auf einfaltslose Spielplätze mit Rutsche, Wippe, Schaukel abgeschoben oder zu künstlichen Kinder-Events gekarrt, während der Rest der Welt für sie tabu ist.

In den Stadtvierteln werden immer weniger Autos fahren. Es wird autofreie Zonen geben, in denen Kinder sich frei bewegen können. Es gibt überall Parks und Freiflächen oder große Abenteuerspielplätze, mit Wasserbahnen, Sport- und Baugeräten, Tieren und Cafes, die auch für Erwachsene interessant gestaltet sind.

Genügend Schwimmbäder und Büchereien sind vorhanden und haben vernünftige Öffnungszeiten. Es gibt Kunstateliers, Klang- und Musizierräume, Forschungslabore und gut ausgestattete Werkstätten, die für Jung und Alt zugänglich sind. Fachleute bieten jederzeit Hilfestellung. Fernsehen spielt keine große Rolle mehr, da es draußen spannender ist.

Die Erwachsenen nehmen an der Kinderwelt teil, die Kinder haben Zugang zum Erwachsenen-Alltag. In den Betrieben sind sie willkommen. Sie dürfen sich alles genau ansehen und ihrem Alter und ihren Interessen entsprechend „mitarbeiten“. Kleine Kinder wollen sich nützlich machen, sie wollen in die Aktivitäten der Großen einbezogen werden. Einer der häufigsten Konfliktpunkte mit Zweijährigen ist heute, dass ihnen das in der jetzigen Gesellschaft immer wieder verboten wird.

Wohnen und Leben

Die Architekten sind aufgefordert, neue Wohnmodelle zu entwickeln: mehrere Generationen unter einem Dach, Familien-Wohngemeinschaften und so weiter. Bestehende Häuser werden umgebaut mit zum Beispiel einem Spielzimmer für mehrere Kinder im Haus, Gemeinschafts-Wohnküchen, Bibliotheken, Medienzimmer oder Partykeller mit gemeinsamen Gärten und Innenhöfen. Die Verschwendung von Arbeitskraft und Umweltressourcen in Kleinsthaushalten mit Trockner, Wasch- und Spülmaschinen, täglicher Küche und Einkaufsschlepperei wird ganz schnell eingedämmt werden.

Bei der Städteplanung geben Kinder den Ton an. Der öffentliche Nahverkehr ist kostenlos und sehr gut ausgebaut. Busse und Bahnen haben genügend Stauraum, damit man sein Fahrrad, seinen Roller oder einen Grill mitnehmen kann, und fahren häufig und in die entlegensten Winkel.

Erziehung

In Erziehungsfragen setzt eine öffentliche Debatte ein, über den besten Weg, um Kinder zu eigenständigen, selbstbewussten und gemeinschaftsfähigen Menschen aufwachsen zu lassen. Das Recht von Kindern auf körperliche und seelische Unversehrtheit wird ernst genommen und in die Praxis umgesetzt. Kinder werden nicht als Privatsache angesehen und Eltern mit schwierigen Fragen nicht alleine gelassen.

Die Unsicherheiten beim ersten Kind werden geringer ausfallen, da das Leben mit und ohne Kindern nicht in zwei voneinander getrennten Welten stattfindet. Säuglingsstationen in den Stadtteilen helfen bei der Babypflege und lassen Eltern Schlaf nachholen.

Statt Super-Nanny im TV werden in den Medien öffentliche Diskussionen über verschiedene pädagogische Ansätze geführt. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse fließen in die Arbeit ein. Vor Ort wird die Arbeit von Eltern, Bezugspersonen und ErzieherInnen ausgewertet und ständig weiterentwickelt.

Da alle gewohnt sind, mit Kindern umzugehen, werden sie nicht nur als Nervensägen und Quälgeister wahrgenommen, sondern ihre Bedürfnisse ernst genommen. Die Kinder werden, da sie respektvoll behandelt werden, ihrerseits Rücksicht nehmen.

Erziehung wird als Gemeinschaftsaufgabe angesehen. Im Vordergrund steht ein positives Bild vom Kind und der Wunsch, auf die verschiedenen Entwicklungsstufen eines jedes Kindes angemessen eingehen zu können.

Die so genannte Reformpädagogik, wie Montessori oder die Reggio-Pädagogik, zeigt heute teilweise erstaunliche Ergebnisse auf. Trotzdem sind diese Ansätze im Kapitalismus nur sehr begrenzt umzusetzen und einige fortschrittliche Ideen als Insel-Lösungen zu unsinnigen Dogmen erstarrt. Diese Ansätze sind ursprünglich davon ausgegangen, dass auch die Erwachsenenwelt verändert werden muss.

Hinzu kommt, dass das Ziel einer kapitalistischen Wirtschaft und ihres Staates nicht darin besteht, kritisches, unabhängiges Denken zu fördern, und damit seine eigene Autoritäten und Hierarchien zu untergraben. Immer noch sind Disziplin, Gehorsam und Unterwürfigkeit wichtige Voraussetzungen für das Funktionieren dieser undemokratischen Produktionsweise.

Beziehungen

In einer sozialistischen Gesellschaft werden Mütter von unnötiger Mehrfachbelastung befreit. Väter dürfen Väter sein, anstatt ihre Kinder nur beim Abendessen zu sehen. Die Partnerschaften basieren auf Sympathie und nicht darauf, ein Haus abzahlen zu müssen. Sie sind ehrlicher und entspannter. Kinder dienen nicht der Selbstverwirklichung der Eltern und sind auch nicht ihr Privateigentum.

Alle leben in größeren Zusammenhängen, statt der Kleinfamilie werden neue und vielfältigere Formen des Zusammenlebens gefunden. Kinder haben mehrere Bezugspersonen und können sich frei aussuchen, mit wem sie was besprechen möchten. Die Fixierung und Abhängigkeit von zwei, öfter noch nur einem Erwachsenen ist aufgehoben.

Die Menschen werden sich radikal ändern

Von einer kindgerechten Umgebung profitieren alle. Die Erwachsenen werden im Sozialismus ihre Phantasie und Kreativität wieder entdecken. Sie werden staunen, Fragen stellen und sich Zeit für kleine Dinge nehmen.

Wer unbekümmert seinen Begabungen und Leidenschaften nachgehen kann, ist zu ganz anderen Leistungen fähig. Es wird ein friedliches, entspanntes Klima und geniale Neu-Entdeckungen in Wissenschaft und Forschung geben. Ohne Existenzsorgen und den nichtigen, täglichen Aufgaben wird das Mensch-Sein auf eine neue Stufe gehoben.

Kinder, die in ihrer Kindheit mit Respekt und Achtung behandelt werden, werden sich zu ausgeglichenen, selbstbewussten Persönlichkeiten entwickeln, die ihre Fähigkeiten gerne der Gemeinschaft zu Gute kommen lassen möchten.

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