T-Streik: ver.di in Erklärungsnot

Heftige Kritik an Verhandlungsergebnis bei der Telekom. Gewerkschaftsfunktionäre beschwören »Bedrohungsszenario« im Falle einer Ablehnung bei der Urabstimmung


 

von Daniel Behruzi, zuerst veröffentlicht in der jungen Welt, 25.6.07

Wut und Frustration sind den Streikenden der Telekom in den Gesichtern abzulesen, als sie sich an diesem Donnerstag im Innenhof der ver.di-Bundesverwaltung versammeln. Hier sollen sie über die Details der in der Nacht zum Mittwoch zwischen Gewerkschaft und Konzernvorstand getroffenen Vereinbarung informiert werden. Noch bevor ver.di-Landesfachbereichsleiter Mike Döding das Wort ergreift, wird unter Applaus ein Transparent enthüllt: »Ver.räter« steht darauf.

Schlechte Stimmung

»So richtig zum Lachen ist mir im Moment nicht, auch das Wetter ist gerade in der richtigen Stimmung«, eröffnet Döding seine Ansprache. Im gleichen Moment sorgt ein Wolkenbruch dafür, daß sich die Versammelten noch enger unter dem Dach des Hofes zusammendrängen. Von empörten Zwischenrufen unterbrochen, versucht Döding, den Beschäftigten das Verhandlungsergebnis mit Hilfe von an die Wand projizierten Folien schmackhaft zu machen – ohne merklichen Erfolg. »Was wollt ihr von mir hören? Ich finde es ja auch Scheiße«, sagt er schließlich. »Warum habt ihr dann zugestimmt?« heißt es immer wieder. Eine Angestellte aus der Kundenbetreuung sagt: »Ich stehe mir hier seit fünfeinhalb Wochen die Beine in den Bauch – umsonst.« »Ihr habt immer wieder gesagt, daß wir hier notfalls noch bis September zusammen stehen und ihr den Griff nach unseren Gehältern nicht zulassen werdet«, erinnert eine Telekom-Beschäftigte enttäuscht. Dann sagt sie: »Das, was jetzt rausgekommen ist, ist schlicht und einfach Scheiße.«

Döding reagiert auf sämtliche Kritik mit dem gleichen Argument: Die Streikenden könnten das Ergebnis in der Urabstimmung – die erst für Ende nächster Woche angesetzt ist – ja ablehnen. Im gleichen Atemzug entwirft der ver.di-Funktionär sein »Bedrohungsszenario«, falls die Urabstimmung negativ ausfallen sollte: Das Unternehmen werde die Beschäftigten in jedem Fall zum 1. Juli in die ausgegliederten Gesellschaften überführen. Damit sei der Streik »rechtlich so oder so zu Ende«. Zwar hatte die Gewerkschaft zuvor stets betont, durch die Kündigung entsprechender Tarifverträge sei man auch in den Servicegesellschaften streikfähig. Dies werde aber »zwei bis drei Monate dauern«, behauptet Döding. »Das ist ein nicht kalkulierbares Risiko«, warnt der ver.di-Funktionär und fährt fort: »Ihr seid dann erklärtes Verkaufsobjekt.«

25 Prozent Ja-Stimmen nötig

Trotz dieser Einschüchterung könnte ein Großteil der Anwesenden das Verhandlungsergebnis in der Urabstimmung ablehnen. Daß für dessen Annahme allerdings nur 25 Prozent Ja-Stimmen nötig sind, sorgt ebenfalls für Unmut. Eine Beschäftigte appelliert an die Streikenden: »Wenn ihr euch morgen noch im Spiegel betrachten wollt, dann macht weiter, denn die behandeln uns hier sonst wie Dreck auf dem Fußboden.« Als Döding daraufhin die Frage stellt, ob der Ausstand am Freitag fortgesetzt werden soll, quittieren die Anwesenden dies mit lang anhaltendem Applaus. »Wenn ihr in Berlin weiter streikt, heißt das aber nicht, daß die Tarifkommission ihre Meinung ändert«, beeilt sich Döding zu sagen. »Dies kann nur ein Zeichen in Richtung Telekom-Zentrale und auch an die Verhandlungskommission sein, daß euch dieses Ergebnis nicht reicht.« Allerdings werde die Arbeitsniederlegung in der kommenden Woche in jedem Fall beendet, betont er.

»Von den Leuten, die hier sind, würden bestimmt 95 Prozent mit Nein stimmen, ob das aber in einer Woche noch so ist, weiß ich nicht«, meint ein 45jähriger Mitarbeiter der TI-Niederlassung im jW-Gespräch. Sein Fazit aus dem Arbeitskampf: »Das war viel Gerassel und Geklapper für fast nichts – und aus meiner Sicht war das auch so geplant.«

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