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Tarifabschluss in der Metallindustrie: Sicherheitsspieler

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Die diesjährige Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie ist erwartungsgemäß schnell zu Ende gegangen.
von Daniel Behruzi
 

zuerst veröffentlicht in junge Welt, 5.5.07

IG Metall und Unternehmerverband einigten sich am letzten Freitag nach kurzen aber heftige Warnstreiks und 20stündigen Verhandlungen in Sindelfingen. Baden-Württemberg ist wohl auch deshalb zum Pilotbezirk erklärt worden, weil dessen IG-Metall-Chef Jörg Hofmann keine Ambitionen auf eines der Spitzenämter hat, die beim Gewerkschaftstag im Herbst vergeben werden.

Auf den ersten Blick erweckt das Ergebnis, das die Metallergewerkschaft flugs auf »einen Gesamtzuwachs von 5,8 Prozent« hochgerechnet hat, den Eindruck eines großen Erfolges. Bei genauerem Hinsehen erscheint Hofmann allerdings eher als Skatspieler, der mit vier Assen keinen Grand, sondern ein sicheres Karo spielt. Denn die Gewerkschaftsseite hatte in dieser Tarifrunde so ziemlich alle Trümpfe in der Hand. Die Bänder und Maschinen der Metallbetriebe laufen auf Hochtouren – und kommen der großen Nachfrage dennoch kaum nach. Auch nur kurze Produktionsunterbrechungen wollten die Unternehmern deshalb im Moment unbedingt vermeiden – für die Gewerkschaft ein hervorragendes Druckmittel. Daß die Beschäftigten– ermutigt durch die Aufschwungseuphorie und zugleich sauer wegen fortgesetztem Stellenabbau, Lohnklau durch die »Tarifreform« ERA und die Verzichtsorgien der vergangenen Jahre – bereit sind, für mehr Geld auf die Straße zu gehen, haben sie in den vergangenen Tagen eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Ein wenig Schönrechnerei ist schon dabei, wenn Hofmann den Abschluß mit den Worten preist: »Wir haben dauerhaft eine ordentliche Vier vor dem Komma.« Denn durch die lange Laufzeit von 19 Monaten und die im zweiten Schritt (nach 4,1 Prozent zum 1. Juni 2007) erfolgende tabellenwirksame Erhöhung von lediglich 1,7 Prozent liegt die Einkommenserhöhung aufs Jahr gerechnet bei etwa 3,7 Prozent. Das ist zwar deutlich besser als die Resultate der vergangenen Jahre, vor dem Hintergrund der genannten Rahmenbedingungen wäre aber sicherlich mehr drin gewesen. Den hierfür nötigen Erzwingungsstreik wollte aber auch die IG-Metall-Spitze vermeiden – dafür nimmt sie ihre Rolle als »Sozialpartner« und die »Befriedungsfunktion« des Tarifsystems viel zu ernst.

Aus gewerkschaftlicher Sicht problematisch ist, daß der von Gesamtmetall geforderte »Konjunkturbonus«, der das Risiko der Wirtschaftsentwicklung auf die Beschäftigten verlagern soll, zumindest in der zweiten Stufe realisiert wurde. Zudem kann die zum 1. Juni 2008 anstehende Lohnerhöhung von den Betrieben um bis zu vier Monate verschoben werden. Mit ihren vielen Trümpfen auf der Hand hätte die IG Metall diese weitere Verlagerung von Tarifregelungen auf die Betriebsebene nicht akzeptieren müssen.