Home / Themen / Bewegungen & Proteste / Antikapitalistische Bewegung / Klima: Ist die Katastrophe noch zu stoppen?

Klima: Ist die Katastrophe noch zu stoppen?

Print Friendly, PDF & Email

Die Regierenden der Staaten, von denen die größte Umweltzerstörung ausgeht, wollen diesen Sommer auf dem G-8-Gipfel ein Thema diskutieren, das einige von ihnen bis vor kurzem noch geleugnet haben: den Klimawandel.
 

„Die kapitalistische Produktion entwickelt […] nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (Karl Marx, „Das Kapital, I. Band“).

von Martin Löber, Köln

Unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen (UN) wurde 1988 ein zwischenstaatliches Gremium für Klimafragen gebildet: das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Dieser Kreis hielt 1992 eine weltweite Drosselung des Ausstoßes von Kohlendioxid (CO2) von 60 Prozent für nötig. Seitdem ist die CO2-Menge weiter angestiegen. Zum Vergleich: Das Kyoto-Protokoll, an dem sich längst nicht alle aus der Runde der G8 beteiligt haben, strebt nur eine Senkung von fünf Prozent unter das Niveau von 1990 bis 2012 an – ohne Anzeichen, das auch nur annähernd zu erreichen.

Hitze, Eiszeit, Dürren?

Rekordzahlen bei Hurrikans und Tornados, Hitzewellen, Überflutungen und extreme Trockenheiten, verändertes Niederschlagverhalten, Änderungen von Meeresströmungen – all dies sind deutliche Zeichen klimatischer Veränderungen. Das US-Militär geht von neuen gewaltsamen Konflikten um Nahrung, Wasser und Energien aus und erwartet eine Zunahme von Kriegen.

Unter Klimaforschern sind folgende zwei Varianten noch unklar: Erstens: Eine allgemeine Erhöhung der Welttemperatur um fünf bis zehn Grad Celsius bis 2100. Das IPCC schätzt zudem, dass die Meeresspiegel in dieser Zeit um einen Meter steigen könnten. Zweitens: Ungleichmäßige Veränderungen; dabei könnten einige Regionen extrem heißer, andere aber extrem kälter werden. Bei dieser Variante wäre auch eine neue Eiszeit für Europa denkbar.

Durch das Verbrennen von Öl, Kohle, Holz, Gas entsteht nicht nur zu viel CO2, was als Treibhauseffekt zur Klimaerwärmung beiträgt, sondern auch ein Phänomen, das „Global Dimming“ (globale Verdunkelung) genannt wird. Dies ist weit weniger erforscht. Aus Verbrennungsrückständen haben sich Staubwolken gebildet, welche die Einstrahlung des Sonnenlichts auf die Erdoberfläche blockieren (etwa zehn Prozent über den USA, 30 Prozent über Russland). Sie behindern die Photosynthese und es ist nahezu sicher, dass sie Einfluss auf den Monsunregen haben, was zu Dürren beziehungsweise Überflutungen führen kann. Höchstwahrscheinlich hatte „Global Dimming“ einen Anteil an der fürchterlichen Hungersnot, die 1984 in Äthiopien wütete. Verschmutzte Luft aus Europa und Nordamerika hatte die Niederschläge in der Region verändert.

Symptome und Ursachen

Hauptursache für den Klimawandel sind die Kohlendioxid-Emissionen. In den letzten 200 Jahren hat der Anteil von CO2 in der Atmosphäre um 25 Prozent zugenommen. Die Konzentration von Methan, einem anderen Treibhausgas, hat sich verdoppelt.

Ein Teil der Herrschenden erkennt, dass mit dem Klimawandel eine Katastrophe droht, und sehen in der Atomenergie einen Ausweg. Aber eine unmittelbare Folge der Atompolitik ist die Anhäufung radioaktiver Abfälle, Uran und Plutonium.

Die Ozonschicht in der Atmosphäre schützt vor negativen Wirkungen der Sonneneinstrahlung. Diese wurde erheblich beschädigt – eine Folge der FCKWs, chemischen Substanzen, die in Sprühdosen und in Verpackungen verwendet werden. Mit dem Montreal-Protokoll sollte die FCKW-Produktion schnell beseitigt werden. In der Tat ging der Ausstoß zwischen 1988 und 1994 um 77 Prozent zurück. Ein erfolgreiches Beispiel für kapitalistisches Krisenmanagement? Fakt ist, dass die USA das Protokoll erst spät unterzeichneten – nachdem klar war, dass US-Konzerne bei der Entwicklung alternativer Aerosol-Treibmittel die Nase vorn haben. Das Ergebnis: Zu einer vollständigen Erholung wird es nicht vor dem 22. Jahrhundert kommen.

Weitere Bedrohungen für die Nachhaltigkeit sind die Rodung von Wäldern, die Zerstörung von Fischgründen (durch Überfischung), Bodenverschlechterung (durch unnachhaltige landwirtschaftliche Methoden), Wasserknappheit und Artenvernichtung.

Kapitalismus contra Ökologie

Die privaten Konzerne stehen in Konkurrenz zu einander. Ziel eines Unternehmens im Kapitalismus ist es, Profit zu erzielen, egal wie. Langfristige, gesamtgesellschaftliche Kosten und damit der Umweltschutz geraten unter die Räder. Auf allen Ebenen gibt es einen Kampf um Rohstoffe und Märkte, innerhalb der G8 sowie zwischen allen anderen Staaten. Jede Maßnahme zum Schutz der Umwelt wird als Standortnachteil ausgelegt.

Die Kosten allein der USA, um eine Nachhaltigkeit bei den Treibhausgas-Emissionen zu erreichen, sollen Schätzungen zufolge in 50 Jahren auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Das würde zu einem Profiteinbruch führen.

Viele der multinationalen Konzerne und andere, kleinere, aber regional einflussreiche Unternehmen machen ihre Profite mit der Förderung fossiler Energieträger, mit Autos und Straßenbau sowie im Energiesektor oder beim Flugverkehr. Mit aller Macht verteidigen sie Kraftwerke und Raffinerien, Versorgungsnetze und Verkehr. Schritte zur Energieeinsparung bedrohen unmittelbar ihre Einnahmequellen.

Für die Konzernchefs von VW ist es profitabel, möglichst viele Volkswagen abzusetzen. Gesamtgesellschaftliche Kosten für Umweltzerstörung, Verkehrsunfälle, Lärmschäden gehen in diese betriebliche Rechnung nicht ein. Für den Bau von Autobahnen müssen sie nicht einmal selber aufkommen; das wird ihnen auch noch subventioniert.

Die Öllobby schätzt, dass noch Ölreserven im Wert von etwa 100 Billionen Dollar vorhanden sind. Diese auch weiterhin als Brenn- oder Treibstoff verkaufen zu können, ist ihnen so wichtig, dass sie vor nichts zurückschreckt. Auch nicht vor Kriegen – und nichts ist ökologisch verheerender als ein Krieg (weltweit wird eine Billion Dollar im Jahr in die Rüstung gesteckt).

Verschwendung

Anstatt Verpackungen einzusparen oder zu recyceln, wird auch damit Profit gemacht. Nicht selten werden Fehler in Produkte eingebaut, damit sie schneller ersetzt, sprich wieder gekauft werden müssen. Um die eigenen Marktanteile zu halten oder auszubauen, werden jährlich 800 Milliarden Dollar für Werbung auf diesem Planeten verschleudert. Unternehmen, die in der gleichen Branche tätig sind, forschen oft in die gleiche Richtung und stecken viel in Geheimhaltung, um die Konkurrenz auszustechen. Waren werden bewusst vernichtet, um die Preise hoch zu halten, besonders bei Nahrungsmitteln.

Nach Schätzungen werden etwa 18 Prozent des jährlichen CO2-Ausstoßes durch großflächige Waldbrände ausgelöst (Spiegel 45/06). Die Hauptursachen sind alle im kapitalistischen System begründet. Erstens: Rodungen für schnelle Profite von Lebensmittelkonzernen. Zweitens: Brandstiftungen zum Zweck, ehemaliges Waldland zum Nutzen schwerreicher Landbesitzer gewinnbringend in Bauland zu verwandeln. Drittens: Erhöhte Brandgefahr und Schwierigkeiten beim Löschen aufgrund der schon gestiegenen Welttemperaturen und der erhöhten Trockenheit.

Die nicht nur in ökologischer Hinsicht größte Verschwendung im Kapitalismus ist aber seine chaotische Funktionsweise. Die Konkurrenz zwischen den Konzernen und die Ausbeutung der Lohnabhängigen führen zu Mangel bei gleichzeitiger Überproduktion oder Überkapazitäten.

Immer wieder werden Fabriken stillgelegt, Büros dichtgemacht und Beschäftigte auf die Straße gesetzt. Fabriken, die umgestellt werden könnten, um im Bereich von alternativen Energien tätig zu werden. Beschäftigte, die in einem öffentlichen Investitionsprogramm für Umweltschutz gebraucht würden.

Umweltschutz des Marktes?

Die Endlichkeit fossiler Energien haben einige Kapitalisten veranlasst, regenerative Energien in Betracht zu ziehen. Vor kurzem noch als Spinnerei diffamiert, gelten sie heute als „Zukunftsmarkt“. Allerdings kommt es nicht selten vor, dass unter dem Deckmantel eines umweltfreundlichen Images die Umwelt weiter und noch unbeschwerter zerstört wird. Solange die Geschäftsbücher nicht geöffnet werden, solange die arbeitende Bevölkerung keine Kontrolle ausüben kann, solange haben die Kapitaleigner alle Möglichkeiten, uns etwas vorzuschwindeln.

Aber auch Vorsicht vor denen, die erneuerbare Energien einsetzen. Unter kapitalistischen Vorzeichen drohen auch dann Gefahren. Schließlich gilt immer noch die Profitlogik. Ein Beispiel dafür sind die riesigen Staudämme für Wasserkraftwerke, die in verschiedenen Teilen der Welt häufig an den Interessen der BewohnerInnen vorbei durchgesetzt werden. Ein weiteres Beispiel: Bestimmte Pflanzen, die zur Energieerzeugung nützlich eingesetzt werden könnten (zum Beispiel Raps oder Weizen), können auf Basis der Profitmaximierung andere ebenfalls wichtige Pflanzen verdrängen, vor allem Nahrungsmittel.

Viele konkurrierende Pläne…

Jeder Betrieb plant heute für sich und unter der Fragestellung: Wo gibt es die billigsten Rohstoffe und Arbeitskräfte? Wo finden sich neue Märkte? Welche Produkte und Dienstleistungen bringen den meisten Profit? Wo können wir sparen? Wie übertrumpfen wir die vielfältige Konkurrenz? Wen müssen wir wo schmieren, welche Regierung wo kaufen…

All dies geschieht in jedem kapitalistischen Unternehmen. Außer, mehrere Unternehmen „planen“, sich vorübergehend zu verbünden, um andere Anbieter aus dem Rennen zu werfen oder KonsumentInnen durch Absprachen stärker zur Kasse zu bitten.

…oder ein demokratischer Plan

Nötig ist die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. So könnte die vorhandene Konkurrenz durch Kooperation zum Vorteil aller abgelöst werden. Der mörderische Wettkampf des Marktes müsste durch eine demokratische Planwirtschaft ersetzt werden. Entscheidungen würden dann nach breiter demokratischer Diskussion über die verschiedenen Alternativen fallen.

Müsste man dann auf Wachstum verzichten? Nein. Voraussetzung für eine internationale Planung – als einziger Weg, die Umweltprobleme lösen zu können – ist zunächst die Überwindung von Armut. Konflikte, die aus Mangel entspringen, müssen überwunden werden. Allerdings gibt es bereits einen gigantischen Reichtum – der anders verteilt werden müsste. Die Befriedigung von Bedürfnissen wird auch nicht bedeuten, dass sie sich unbegrenzt weiter ausdehnen werden.

Es wurde berechnet, dass die Wirkung auf die Umwelt durch Verschmutzung um 50 Prozent verringert werden muss, um ein nachhaltiges Wachstum zu erreichen. Wenn man annimmt, dass Verbrauch und Bevölkerung beträchtlich zunehmen, bedeutet dies, die ökologische Intensität auf weniger als ein Zehntel zu senken. Das wird nicht von heute auf morgen gelingen. Aber im Sozialismus könnten erst mal sofort Rüstung, Werbung, Luxus, Verpackungsmüll, Atompolitik, Verschwendung gestoppt werden. Zur Behebung des schon bestehenden Schlamassels (Lagerung oder Neutralisierung von Atommüll und giftigen Abfällen) hätte man sicher alle Hände voll zu tun. Viele Beschäftigte aus dem Rüstungssektor könnten aber schnell umgeschult werden. Die Arbeitslosigkeit würde beseitigt, die Kreativität gewaltig gefördert werden. Umweltfreundliches Verbraucherverhalten würde gefördert, indem man den öffentlichen Verkehr und die Verwendung von recycelbaren Materialien fördert.

Energie könnte eingespart werden. In den letzten Jahrzehnten wurden 60 Prozent aller Forschungsgelder im Energiesektor in die Atomkraft gesteckt; zehnmal so viel wie in regenerative Energien. Warum? Weil sich das auch mit der Herstellung von Atomwaffen verbinden ließ. Damit wäre im Sozialismus Schluss. Stattdessen könnten regenerative Energien gefördert werden.

Vom Standpunkt einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen wie das Privateigentum eines Menschen an einem andern Menschen. Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias [gute Familienväter] den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.

Karl Marx in „Das Kapital, III. Band“