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Rente mit 67: »Es muß mehr passieren«

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Warum nicht protestieren wie in Frankreich? Kundgebung gegen Rente mit 67 vor den Werkstoren von DaimlerChrysler in Berlin.
Eine Reportage


 

von Daniel Behruzi, zuerst veröffentlicht in der jungen Welt, 1.2.07

Mittwoch früh, kurz vor neun Uhr am DaimlerChrysler-Werk in Berlin-Marienfelde. Wie in zig anderen Betrieben der Republik wird auch hier in wenigen Minuten eine Kundgebung gegen die Rente mit 67 stattfinden. Die Bänder in der Fabrik sollen – so will es die IG Metall – für eine Stunde stillstehen. Noch sind nur eine Handvoll Aktivisten auf der Daimlerstraße. Sie warten auf ihre Kollegen aus den umliegenden Werksteilen. Ein Stand mit Kaffee und ein Mikrophon sind bereits aufgebaut.

Pünktlich um neun Uhr strömen dann mehrere hundert Daimler-Beschäftigte aus den verschiedenen Betriebstoren. Fast alle tragen die blau-grauen Daimler-Overalls, einige ziehen sich die obligatorischen knallroten Streikwesten der IG Metall über und nehmen Gewerkschaftsfahnen zur Hand. Auffallend viele junge Arbeiter sind dabei, obwohl von den 160 Auszubildenden nur wenige kommen konnten – es ist Berufsschulwoche. »Die Rente mit 67 ist letztlich auch ein Angriff auf uns Jugendliche, denn wenn die älteren Kollegen zwei Jahre länger im Betrieb bleiben, wird es mit der Übernahme noch schwieriger«, erklärt Samir El Bouamraoui von der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV). Außerdem könne manche Tätigkeiten keiner 40 Jahre lang machen. »Zum Beispiel die Knochenjobs in der Schleiferei – das hält man einfach nicht so lange aus«, sagt El Bouamraoui, der wie viele andere einen Button mit der durchgestrichenen 67 an der Jacke trägt.

Unter den Demonstranten ist auch eine kleine Gruppe von Schülerinnen. Für drei Wochen sind zum Praktikum im Werk. Jetzt stehen sie in IG-Metall-Montur auf der Straße. Warum sie da sind? »Irgendwann betrifft uns das ja auch«, meint die 14jährige Madita Marandel. »Schließlich wollen wir nicht bis 67 arbeiten und dann auch noch so wenig Rente kriegen«, pflichtet ihr die ein Jahr ältere Susanne Walter bei. Mehr als dreimal so alt ist Heinrich Moss, der daneben steht und ein großes rotes Transparent in der Hand hält. »Regierungspläne kippen«, »volle Rente nach 40 Beitragsjahren« und »Altersteilzeit verteidigen« steht darauf. »Wenn das Gesetz kommt, müßte ich 14 Monate länger arbeiten«, sagt der 47jährige, der seit 20 Jahren bei Daimler ist. »Man braucht nur einen Blick auf das schwarze Brett mit den Todesanzeigen zu werfen, um zu sehen, daß es sehr viele Kollegen schon jetzt nicht bis zur Rente schaffen«, erzählt er. Sowohl die körperliche als auch die psychische Belastung habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. »Es gibt keine Puffer mehr, der Kunde wird direkt beliefert und das macht enormen Druck«, berichtet Moss. Zu den Aktionen sagt er: »Es muß noch mehr passieren – nicht nur gegen die Rente mit 67, sondern gegen diesen ganzen Sozialkahlschlag.«

Mittlerweile hat die Kundgebung begonnen. Detlef Fendt, Leiter des IG-Metall-Vertrauensleutekörpers, steht mit schwarzer Wollmütze und rotem Schal am Mikrophon. Er lädt die lokalen Bundestagsabgeordneten zu einer Nachtschicht am Band ein – sehr zur Erheiterung seiner Kollegen, die sich das offenbar nur schwer vorstellen können. »Wir möchten, daß Sie persönlich beurteilen können, ob es möglich ist, in drei Schichten bei 60-Sekunden-Takt bis 67 seine Arbeit zu machen«, sagt Fendt.

»Wie in Frankreich«?

Dann spricht der 2. Bevollmächtigte der Berliner IG Metall, Klaus Abel. Seine Stimme ist heiser. In den vergangenen Tagen hat er sie schon auf Kundgebungen bei BMW, Otis und anderen Betrieben strapaziert. »Die ignoranten Politiker müssen endlich begreifen: Es muß Schluß sein mit dieser unsozialen Politik«, sagt er unter dem Applaus der versammelten Arbeiter. Einer von ihnen ruft »Generalstreik«, woraufhin Abel berichtet, man werde häufig von Mitgliedern darauf angesprochen, warum es die hiesigen Gewerkschaften nicht »wie in Frankreich« machten. »Dieser Kampf um die Rente ist für uns ein Beginn – auch in diesem Land brauchen wir eine andere, eine demokratische Kultur, bei der die Leute nicht nur am Samstag vormittag demonstrieren«, betont der Funktionär und kündigt an: »Wir werden die Proteste fortsetzen und intensivieren.«