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Brutale Repression in Mexiko: Die Ereignisse in San Salvador Atenco

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San Salvador Atenco, im mexikanischen Bundesstaat Mexiko, 03./04. Mai 2006: Die Bevölkerung hindert eine Hundertschaft Polizisten an der Vertreibung von indigenen BlumenverkäuferInnen.
 

von Johannes Ullrich, Cuernavaca, Morelos, Mexiko

Ein paar Stunden später kommen weitere sieben Hundertschaften und eskalieren die Situation: In den Straßenschlachten stirbt ein 14jähriger und es gibt über 100 Festnahmen. In der Nacht wird mit Hilfe von Sondereinsatzkommandos und des Bundesheers ein regelrechter Sturmangriff auf die Stadt durchgeführt, und die "Hüter von Recht und Gesetz" gehen mit lokalen Kollaborateuren zusammen von Haus zu Haus, um "Aufständische" zu verhaften. Mexikanische Aktivisten sprechen von Faschismus. Subcomandante Marcos vom Zapatistischen Befreiungsheer hat vorgestern in einem Zeitungsinterview deutlich gemacht, dass es die Medien waren, die zum Sturmangriff geblasen hatten. Heute, eine Woche später, ist auch bekannt, dass die im Zuge der Kämpfe Festgenommenen politischen Gefangenen sexuellem Missbrauch und Folter ausgesetzt waren und sind. Immer noch werden Kinder vermisst. Augenzeugenberichte – einige StudentInnen der Dok-Film-Klasse der Filmhochschule in Cuernavaca, einer Grossstadt in der Nähe von Atenco, waren vor Ort – bekräftigen den Eindruck, dass es sich um gezielt eingesetzte Repression zur Einschüchterung der in letzter Zeit stärker gewordenen sozialen Bewegungen handelt.

Es gibt landesweite Solidaritätsaktionen, angeführt von der "anderen Kampagne", welche von den Zapatisten beeinflusst wird. Die Aktionen reichen von Kundgebungen über Demonstrationen und Straßenblockaden bis zur konkreten Solikarawane nach Atenco mit Medikamenten, Essen, Kleidung etc.

Ein Grund für das extrem gewalttätige Vorgehen der "Ordnungs"kräfte liegt sicherlich im derzeitigen Anschwellen der sozialen Kämpfe überall in Mexiko. Die neoliberale Politik und das Festhalten an der Freihandelszone mit den USA und Kanada haben der Verarmung und der Zerstörung der Lebensgrundlagen (insbesondere der Trinkwasserversorgung) großer Bevölkerungsschichten Vorschub geleistet. Nicht nur die Indigenas gehen auf die Strasse (und auf die Barrikaden), um den Bau von Tankstellen, die das Trinkwasser verschmutzen würden, oder die Zerstörung eines Naturreservats zu verhindern.

Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen wird aber klar, dass keiner der drei Kandidaten der grossen Parteien die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung vertreten wird. Nötig wäre eine demokratisch geplante, an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Wirtschaft, in der Korruption und das Ignorieren von Umweltschutz keinen Platz hätten.