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Billigjobs – Kampf um den letzten Cent

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LidL & Co.: Für vernünftige Tariflöhne und einen gesetzlichen Mindestlohn von 1.500 Euro!
 
28. Juli, Calw: Über die Ticker kommt die Nachricht, dass die örtliche Lidl-Filiale geschlossen werden soll. Unverständlich, angesichts der gut laufenden Geschäfte. Einen Tag später in Forchheim erfährt die Lidl-Belegschaft, dass die Filiale nur noch mit Aktionsartikeln beliefert werden soll – durch diesen Schritt der Geschäftsleitung ist es sehr wahrscheinlich, dass die Filiale „unrentabel“ wird. Auch in der Filiale Barmbeg steht auf einmal eine Umstrukturierung an, die die Filiale auf längere Sicht „unrentabel“ macht. Angesichts der kurzen Zeiträume zwischen den Meldungen drängt sich die Frage auf, was die drei Lidl-Filialen gemeinsam haben. Die Antwort: Die Belegschaften aller drei Filialen sind bei der letzten Tarifrunde geschlossen in den Warnstreik getreten.
Die Arbeitsbedingungen in Discount-Ketten wie Lidl sind miserabel. So gut wie immer müssen die KollegInnen länger arbeiten als im Vertrag festgelegt, oftmals werden diese Überstunden nicht, oder nur zu einem geringen Teil, verrechnet. Die KollegInnen werden systematisch unter Druck gesetzt. So müssen sie mindestens 40 Warenscans in der Minute durchführen und die sogenannte „2+1-Regel“ (sobald sich ein dritter Kunde an eine Kasse anstellt, muss eine weitere eröffnet werden, sonst drohen arbeitsrechtliche Konsequenzen) einhalten. Eine ausgebildete Verkäuferin verdient maximal zwölf Euro die Stunde und kommt im Monat höchstens auf 2.000 Euro brutto. Die Welt am Sonntag berichtete am 19. Dezember von einem neu eingestellten Bezirksleiter, der für 16 Stunden täglicher Arbeitszeit auf die gleiche Summe kam. In den meisten Filialen kommt zu diesem System noch ein von oben  durchgesetztes Mobbing.

Superausbeutung

Die Discounter-Kette hat europaweit insgesamt 6.000 Filialen, nur 2.600 davon befinden sich in Deutschland. Die Arbeitsbedingungen sind anderswo nicht besser. Zudem werden viele Produkte der Ketten in Lateinamerika hergestellt. Dort lassen sich noch schlechtere Verhältnisse für die Beschäftigten durchsetzen. So wird zum Beispiel der in Brasilien produzierte Orangensaft der Lidl-Kette im Akkord bei einem Lohn von 0,025 Cent pro Liter hergestellt.

Gewerkschaftliche Organisierung?

In Deutschland haben von den 2.600 Filialen nur acht, also knapp 0,3 Prozent, einen Betriebsrat. Dies liegt vor allem daran, dass die Geschäftsleitung extrem hart gegen jeden Ansatz gewerkschaftlicher Organisierung vorgeht. Jüngst wurde beispielsweise Andrea Krätzner gekündigt. Zuvor hatte sie versucht, eine Betriebsratswahl zu organisieren. Die Geschäftsleitung warf ihr prompt vor, Geld aus der Kasse geklaut zu haben. Da die Bosse damit nicht durchkamen, mussten die Verkaufsleiter eine andere Schiene fahren: Andrea Krätzner soll einer Kollegin den erhobenen Mittelfinger gezeigt haben.
Seit einiger Zeit läuft eine ver.di-Kampagne zur Organisierung der Beschäftigten in Discount-Ketten. Diese Kampagne wird mittlerweile auch von Teilen der sozialen Bewegung wie attac unterstützt. Um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erkämpfen, ist natürlich der Aufbau eines Betriebsrates in den Filialen wichtig, aber die Solidarität von KollegInnen anderer Betriebe und Branchen ist von entscheidender Bedeutung.

Gesetzlicher Mindestlohn

Die Arbeitsbedingungen bei Lidl schreien zum Himmel. Aber auch bei McDonalds und in vielen anderen Unternehmen sind ähnliche Zustände und Billigjobs gang und gäbe.
835.000 von 2,7 Millionen Angestellten im Einzelhandel sind „geringfügig“ beschäftigt, Tendenz steigend: „Neu eingestellt werden fast nur Teilzeitkräfte, ungelernte Verkäuferinnen oder Aushilfen auf 400-Euro-Basis“, so Ulrich Dalibor, Fachgruppenleiter Einzelhandel bei ver.di in der Welt am Sonntag Ende letzten Jahres.
Mit Ein-Euro-Jobs und der Ausweitung von prekären Arbeitsverhältnissen ist die Spirale nach unten in vollem Gang. Die neue Partei „Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative“ (WASG) tritt für die Verteidigung des Flächentarifs ein und hat die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn von 1.500 Euro, neun Euro pro Stunde aufgestellt. Dafür sollte die WASG eine Kampagne auf die Beine stellen: Öffentlichkeitsarbeit für diese Losung, Diskussionsangebote, Argumentationshilfen und Zusammenarbeit mit Erwerbsloseninitiativen, ver.di-AktivistInnen, attac und anderen. Der Kampf für hohe Tariflöhne und für einen gesetzlichen Mindestlohn, der nicht nur ein Almosen darstellt, ist absolut nötig, um von McJobs betroffene KollegInnen zu ermutigen.

von Viktor Sersch, Kassel