Krise im AFL-CIO

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Dem US-Gewerkschaftsverband droht eine Spaltung
 
Die Arbeiterbewegung unddie Gewerkschaften in den USA stecken in einer Krise. DerLebensstandard sinkt für die Mehrheit der Arbeitnehmer. Immermehr Arbeitsplätze sind unsicher. Millionen verlieren ihreKrankenversicherung. Betriebsrenten werden gekürzt. In derPrivatwirtschaft sind nur 7,9 Prozent der Lohnabhängigengewerkschaftlich organisiert, das niedrigste Niveau seit 1901.Insgesamt sind 12,5 Prozent aller Arbeitnehmer in den USAgewerkschaftlich organisiert, verglichen mit dem historischenHöhepunkt von 33 Prozent im Jahr 1954.

Vor diesem Hintergrundhält die AFL-CIO (Dachverband der US-Gewerkschaften) ihreNationalkonferenz in Chicago am 25. Juli ab. Dort besteht dieMöglichkeit einer Spaltung.

Eine große Debattefindet statt in der Gewerkschaftsführung über die Frage,wie die Gewerkschaften aus dieser tiefen Krise herauskommen können.Die oppositionelle „Change to Win“-Koalition wurde im Juni vonAndy Stern ins Leben gerufen, dem Chef der SEIU (Gewerkschaft desöffentlichen Dienstes), die größte und am schnellstenwachsende Gewerkschaft in den USA. Zusammen mit der SEIU bilden dieTeamsters (LKW-Fahrer), United Food and Commercial Workers(Supermarktbeschäftigte), Laborers (Bauarbeiter), UNITE HERE(Restaurant-, Hotel-, und Textilarbeiter), und dieTischler-Gewerkschaft dieses Bündnis.

Die „Change toWin“-Koalition will die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder erhöhen,indem die Gewerkschaften die Hälfte ihres Geldes fürMitgliedergewinnung ausgeben sollen. Sie wollen auch eine Kampagneführen, um Wal-Mart-Arbeiter zu organisieren. Sie wollenkleinere Gewerkschaften zusammenschliessen. Aus den 60 Gewerkschaftendie jetzt existieren, sollen 15 bis 20 große Gewerkschaftengemacht werden.
Und sie wollen noch mehrGeld an Politiker geben, aber nicht nur an die Demokraten, wie dieAFL-CIO es macht, sondern sie wollen die Freiheit haben, auch Geld anRepublikaner zu spenden – also an genau die bürgerlichenParteien, die die Wünsche der Kapitalisten erfüllen und fürdie Angriffe auf die Rechte und Sozialstandards der Arbeiterklasseverantwortlich sind.

Die „Change toWin“-Koalition droht, die AFL-CIO zu verlassen und einen eigenenGewerkschaftsdachverband zu gründen, wenn ihre Forderungen nichterfüllt werden. Jetzt drohen die SEIU, Teamsters, United Foodand Comercial Workers und UNITE HERE die Nationalkonferenz zuboykottieren, wenn AFL-CIO Vorsitzender Sweeny nicht bereit ist,zurückzutreten.

Der Anstoß fürdiese potentielle Spaltung kommt allerdings nicht von der Basis derGewerkschaften, sondern drückt die unterschiedlichen Positionenvon verschiedenen Teilen der Gewerkschaftsführung über dieFrage, wie die Gewerkschaften aus der jetztigen Kriseherauskommenkönnen, aus .
Während der Versuch,mehr Mitglieder für die Gewerkschaften zu gewinnen, begrüßtwerden muss, muss auch klar gesagt werden, dass dieGewerkschaftsführung aus eigennützigen Gründenhandelt. Sie sehen ihre eigene Existenz bedroht durch die immerkleiner werdende beitragzahlende Basis. Auch die Führung kleinererGewerkschaften hat Angst, ihre bequeme Stellen zu verlierenim Fall eines Zusammenschlusses mehrerer kleinerer Gewerkschaften.

Kann das Programm der‚Change to Win’ Koalition erfolgreich sein?

Ein Vergleich zwischen demjetztigen AFL-CIO Vorsitzenden Sweeny und der ‚Change to Win’Koalition lohnt sich. Als Sweeny 1995 zum AFL-CIO Vorsitzendengewählt wurde, hatte er ein ähnliches Programm, wie heutedie „Change to Win“-Koalition. Er behauptete, er würde dieAFL-CIO radikal verändern. Damals war seine Hauptforderung „dieUnorganisierten organisieren“. In den letzten 10 Jahren unterSweeny wurde viel mehr Geld für die Mitgliedergewinnungausgegeben als vorher. Es wurde auch mehr Geld an die Demokratengespendet. Trotz allem gibt es heute weniger Gewerkschaftsmitgliederals vor 10 Jahren und der Lebensstandard der Lohnabhängigensinkt weiter. Letzten Endes ist das Programm der „Change toWin“-Koalition nur eine noch aggressivere Version von dem wasSweeny in den letzten Jahre schon gemacht hat, ohne dass es beiSweeny zum Erfolg geführt hat. Auch der Zusammenschluss derkleineren Gewerkschaften wird kein Fortschritt sein, wenn er nur zueiner größeren Bürokratie führt.

Die Frage muss gestelltwerden: Wenn einfach mehr Geld ausgeben die Gewerkschaften nicht ausder Krise herausholt, was soll man stattdessen anders machen? Daseigentliche Problem der Gewerkschaften ist nicht Geldmangel. DieFrage über die man eher diskutieren sollte ist die Frage nachdem Programm und den Strategien der Gewerkschaften.

Was wäreeigentlich notwendig?

Es sind ein Programm undeine Strategie nötig, die erfolgreiche Abwehrkämpfeermöglichen und durch Offensivkämpfe den Lebensstandard derArbeitnehmer deutlich erhöhen können. Weder Sweeny noch„Change to Win“ fordert einen offensiven Kampf für höhereLöhne. Stattdessen wollen sie neue Mitglieder gewinnen mitunkonkreten Forderungen wie „Würde und eine Stimme amArbeitsplatz“.

Doch durch erfolgreicheKämpfe könnten die Gewerkschaften den unorganisiertenArbeitnehmern klar machen, dass es sich zu kämpfen lohnt undwarum es dafür notwendig ist, sich zu organisieren. Durcherfolgreiche Offensivkämpfe in den dreißiger Jahren sinddie Industriegewerkschaften in den USA entstanden. Diese Kämpfesollten als Beispiel für erfolgreiches Kämpfen undGewerkschaftsaufbau dienen.

Die Gewerkschaften müssenauch die Profitlogik, angebliche „Sachzwänge“ und denKapitalismus in Frage stellen und ihre Unterstützung fürdie Demokratischen Partei beenden, denn diese ist eine durch unddurch kapitalistische Partei.
Die Gewerkschaften müssenanfangen die Interessen ihrer Mitglieder konsequent zu verteidigen,anstatt die Profitinteressen der Konzerne gegen ihre Mitgliederdurchzusetzen. Erst dann werden die Gewerkschaften eine starke Kraftwerden, die den Lebensstandard der Lohnabhängigen in den USAerhöhen kann und eine starke Anziehungskraft entwickeln.

Die Hoffnung aufkämpferische Gewerkschaften in den USA gibt es allerdings. Dochdiese kämpferische Richtung wird nicht von „Change to Win“kommen, sondern durch die wachsende Forderung der Lohnabhängigenin den USA sich zu organisieren um die Angriffe von Oben abzuwehren.

von Katherine Quarles,Minneapolis (USA), Mitglied im Nationalkomitee von SocialistAlternative (Schwesterorganisation der SAV in den USA)