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Repressalien gegen Streikaktivisten bei Eichbaum

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Gewerkschaftlicher Vertrauensmann und Mitglied der Streikleitung Colin Johnson nach 19 Jahren Tätigkeit fristlos gekündigt
 
Der Streik bei der Brauerei Eichbaum in Mannheim ist zwar schon seit einigen Monaten vorbei, der neue Tarifvertrag – in dem vereinbart wurde, dass es keine Maßregelungen der am Streik Beteiligten geben würde – ist längst beschlossen, doch trotzdem zeigt sich die Geschäftsleitung unfähig, normale Umgangsformen mit den Beschäftigten zu pflegen. Das bisher schlimmste Beispiel für die Absicht, die am erfolgreichen Streik Beteiligten nachträglich zu bestrafen, ist die Kündigung des Maschinenführers Colin Johnson vor zwei Wochen. Die Geschäftsleitung wirft Colin vor, während eines Gesprächs mit einem Streikbrecher im letzten Monat diesen bedroht zu haben. Obwohl Colin den Vorwurf bestreitet, und sogar der Betroffene durch seine Worte sich nicht bedroht fühlte, wurde Colin kurzerhand fristlos gekündigt und vom Werksgelände eskortiert. Angesichts der Tatsachen, dass Colin seit 19 Jahren bei Eichbaum arbeitet und sich in diesem Zeitraum nichts zuschulden kommen ließ, und dass er nicht einmal die Gelegenheit bekam, seine Sicht der Ereignisse bezüglich seiner angeblichen Äußerungen gegenüber dem Streikbrecher zu geben, bevor er vom Betriebsgelände verwiesen wurde, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass diese Kündigungsmaßnahme eine absolut übertriebene und im höchsten Maße ungerechte Reaktion war, und dass es in Wahrheit andere Motive gibt, warum die Geschäftsleitung Colin loswerden möchte. Es dürften vielmehr seine Tätigkeiten als gewerkschaftlicher Vertrauensmann und Mitglied der Streikleitung während des vierwöchigen Streiks Anfang des Jahres gewesen sein, die ihn ins Visier seiner Vorgesetzten brachten.
Zum Gütetermin erschien Colin am Vormittag des 13. Juni begleitet von zahlreichen KollegInnen und SympathisatInnen, die dafür sorgten, dass im Sitzungssaal die Sitzplätze nicht ausreichten. Neben zahlreichen Beschäftigten der Eichbaum-Brauerei waren auch einige Kollegen von Alstom Power vor Ort, um Solidarität zu zeigen. Bereits wenige Tage nach der Kündigung hatten Betriebs- und Personalräte zahlreicher Großbetriebe wie Alstom, John Deere, Daimler-Chrysler, Nestlé und der Stadt Mannheim den Solidaritätsaufruf unterzeichnet.
In der Verhandlung konnte Colins Anwalt aufzeigen, wie schwammig und unglaubwürdig die Vorwürfe sind – der genaue Wortlaut der angeblichen Äußerung ist nicht überliefert, es ist nicht bekannt, wer als Denunziant fungiert hat (der angeblich Geschädigte nahm wie gesagt kein Anstoß an dem, was Colin ihm sagte), selbst die sinngemäß wiedergegebenen Äußerung die seitens der Anklage Colin vorgeworfen wurde, ist nicht unbedingt als strafrechtlich relevant zu interpretieren.
Es wurde deutlich, dass der Verdacht auf anderweitige Motive seitens der Geschäftsleitung hier nahe liegt. Selbst deren Anwalt sagte, in einer Situation, wie sie nach dem Streik bei Eichbaum bestand, bestimmt mehrmals am Tag Äußerungen fallen, die bei strenger Auslegung als strafrechtlich relevant angesehen werden könnten, allerdings würden 99,999% von diesen nicht weiter verfolgt. Zu diesen 99,999% gehörte etwa die Ankündigung eines Mitgliedes der Geschäftsleitung, sie würden Colin Johnson „schon irgendwann drankriegen“. Angesichts dessen wird auch etwas klarer, warum ausgerechnet der Fall, in dem ein Mitarbeiter laut einem anonymen Denunzianten, der nicht am Gespräch beteiligt war, irgendwas gesagt haben soll, wodurch er jemandem „ein empfindliches Übel angedroht“ hätte, obwohl der Gesprächspartner dies so nicht auffasste, dann die 0,001% der Fälle ist, in denen es ein Nachspiel gibt.
Obwohl es dem Anwalt der Geschäftsleitung nicht einmal ansatzweise gelang, die Kündigung als gerechtfertigt erscheinen zu lassen, lehnte dieser ein Einigungsangebot von Colins Verteidiger ab, wonach Colin eine Erklärung abgeben würde, er habe nicht die Absicht gehabt, mit seinen Äußerungen jemanden zu drohen, er entschuldige sich, wenn es so verstanden worden sei, und verspreche, er würde auch in Zukunft keine Drohungen aussprechen. So wird es nun – voraussichtlich erst nach der Sommerpause, zum Prozess kommen.
Bis dahin bleibt der Status quo leider bestehen, Colin hat sein Job nicht mehr und hat zusätzlich eine Sperre von der Arbeitsagentur aufgrund der Kündigung. Des Weiteren ist zu befürchten, dass weitere Repressalien gegenüber denjenigen, die am Streik beteiligt waren, bevorstehen könnten.

von Seán McGinley, Mannheim

Die Gewerkschaft NGG hat ein Spendenkonto eröffnet, um Colin zu helfen, die Zeit zu überbrücken, bis er sein Job wieder hat:

Gewerkschaft NGG „Solidaritätskonto – Stichwort „Colin“
Kontonummer: 1296693501
BLZ: 670 101 11 (SEB Bank)