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„Wir sind wirklich die letzte Branche, darunter gibt es nichts mehr“

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Private Wachschutzfirmen tauchen immer öfter und an immer neuen Orten auf. Sie sind Teil der verstärkten Überwachung der Öffentlichkeit und sollen Sicherheit vortäuschen.

von Ronald Luther
 
Jede/r kann ein Wachschutzunternehmen gründen. So meinte Konrad Freiberg, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei: „Da kraucht alles mögliche rum, es ist schlicht unseriös.“ Die Branche boomt, denn zu überbewachen gibt es viel. Seien es Einkaufszentren, Waffendepots der Bundeswehr, Museen oder Baustellen. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) übergaben sogar die Fahrscheinkontrolle an private Wachschutzunternehmen, damit diese vermeintliche und wirkliche „Schwarzfahrer“ erwischen sollten. Wer nicht genügend „einfangen“ konnte, war schnell seinen Job wieder los. Entsprechend aggressiv gingen die Kontrolleure vor.
Aber nicht nur die Angst vor Arbeitslosigkeit lässt die Aggressivität der Wachschutzleute steigen, sondern auch die miserable Bezahlung in der Branche. So gibt es allein in Berlin 400 Wachschutzunternehmen mit rund 10 000 Beschäftigten, die in einem harten Preiskampf um die Aufträge konkurrieren, worunter auch die Gehälter für die Beschäftigten leiden. Gerade mal 27 Sicherheitsfirmen sind im Bundesverband Deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen (BDSW) organisiert und somit am mit der Gewerkschaft ver.di ausgehandelten Tarifvertrag gebunden. Dieser sieht Einstiegslöhne von gerade mal 5,25 Euro brutto die Stunde und eine maximale Monatsarbeitszeit von 245 Stunden vor, was bereits miserable Arbeitsbedingungen sind. Aber es gibt noch Ausnahmen: So erlaubt der Tarifvertrag die Unterschreitung des Einstiegslohns, wenn der Auftraggeber nicht bereit ist, mehr an die Sicherheitsfirma zu zahlen! Und genau das ist gang und gebe.

Öffentliche Arbeitgeber betreiben Lohndumping

So wurde kürzlich bekannt, dass der Reichstag von einem Unternehmen bewacht wird, das seinen Leuten nur 4,60 Euro die Stunde bezahlt. Die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) wiederum zahlt so wenig, dass für die Bewacher laut Insidern gerade mal 3,86 Euro rausspringen. Dazu sagt die Pressesprecherin der BfA nur: „Wir müssen uns für den kostengünstigsten Anbieter entscheiden. Die Entscheidung, ob er zu dem Preis arbeitet oder nicht, obliegt jedem Mitarbeiter.“ Als ob es angesichts der hohen Arbeitslosigkeit eine große Entscheidungfreiheit gibt. Diese Gehälter sind in der Sicherheitsbranche „normal“. So sind Löhne unter 5 Euro brutto keine Seltenheit. Um von dem Geld leben zu können arbeiten Sicherheitsleute 200 bis 300 Stunden im Monat und kommen trotzdem nur auf 1000 bis 1500 Euro im Monat.
Joachim Gutsche, Betriebsratsmitglied bei der Sicherheitsfirma Securitas meint dazu: „Wir sind wirklich die letzte Branche, darunter gibt es nichts mehr“ und nennt seine Branche ein „Auffangbecken für Unqualifizierte“. Denn die Wachschutzbranche ist für viele schlecht ausgebildete Leute die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit. Hinzu kommen die, die am liebsten Polizist geworden wären, dazu aber eventuell zu klein oder zu unsportlich, zu alt, zu ungebildet oder zu vorbestraft waren. Und diese nutzen gerne ihre Macht aus und verprügeln auch gerne mal „unbotmäßige“ Obdachlose, die einen warmen Platz im U-Bahnschacht der winterlichen Kälte im Freien vorzogen.

Mindestlohn

Es ist notwendig, dass die Gewerkschaft ver.di für einen Tarifvertrag kämpft, der den Beschäftigten eine 30-Woche und einen Mindestlohn von 2000,- Euro oder 12 Euro pro Stunde sichert. Private Wachschutzunternehmen stellen eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar, da sie ohne jegliche Kontrolle agieren, und gehören daher abgeschafft. Viele Jobs, die heute Wachschutzunternehmen erledigen, waren einst Arbeitsplätze im Öffentlichen Dienst (wie z. B. Die Museenaufsicht). Diese Arbeitsplätze müssen wieder in den Öffentlichen Dienst überführt werden. Wer für seine Aufgaben nicht qualifiziert genug ist, muss eine qualifizierte Ausbildung oder einen Ersatzarbeitsplatz zugesichert bekommen.