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Warum Marxismus Terrorismus ablehnt

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von Peter Hadden, 15. November 2001

Was in den USA am 11. September geschah, war eine Gräueltat.
Bei der Ablehnung dieser Gräueltat und der Sympathie mit den Tausenden einfachen Menschen, die Opfer wurden, unterscheiden wir uns von George Bush und anderen Sprechern der herrschenden Eliten überall auf der Welt, deren Verurteilungen reine Heuchelei sind.


 

Bush hat von einer Schlacht zwischen den Kräften des „Guten“ und „Bösen“ gesprochen. Wenn er mit „böse“ die Taten von Menschen meint, die Menschenleben völlig missachten und bereit sind, unschuldige ZivilistInnen wahllos zu massakrieren, müsste er das politische und militärische Establishment der USA in diese Rubrik aufnehmen.
Das Schreckliche, das den unglücklichen Flugzeugpassagieren oder denen, die zufällig in den Twin Towers des World Trade Center waren, widerfuhr wurde im Film festgehalten und überall auf der Welt wiedergegeben. Aber in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila im Libanon waren keine Kameras zugelassen, als die von den USA unterstützten Israelis sie abriegelten, während die Phalange-Milizen zur Mordorgie an palästinensischen Männern, Frauen und Kindern zogen.
Ebenfalls niemand war da, um das menschliche Leiden aufzunehmen, als US-Bomber die US-Drohung durchführten, Kambodscha wieder in die Steinzeit zu bringen. Es wurden auch keine Bilder von den Leiden der Zivilbevölkerung des Irak verbreitet, wo nach dem Journalisten Robert Fisk die Sanktionen die Leben einer halben Millionen Kinder vernichtet haben.
Die Reihe der von den USA und anderen kapitalistischen Mächten begangenen Verbrechen geht immer weiter.
Die Wut, die Selbstmordbombenattentäter erzeugt, die zu derartigen Taten fähig sind, kommt aus dem Albtraum, den der Kapitalismus den Völkern in der ex-kolonialen Welt zugefügt hat. Es liegt auch daran, dass die Schwächung des Sozialismus in den Augen der Massen bedeutet, dass es keinen Weg aus Armut und Tyrannei der imperialistischen Mächte und despotischen örtlichen Herrscher zu geben scheint.
Unter diesen Bedingungen können sich Menschen verzweifelt Ideen wie dem Fundamentalismus zuwenden, genauso wie Nationalismus und sogar Rassismus eine Basis in den entwickelteren Ländern gewinnen können. Eine langgezogene soziale und wirtschaftliche Krise kann auch sozialen Zerfall herbeiführen und Elemente von Barbarei erzeugen, wie wir sie in Ruanda sahen.
Aber den Horror zu verstehen, den der Kapitalismus den Völkern der neokolonialen Welt zugefügt hat, bedeutet nicht, zu rechtfertigen, dass einfachen Menschen in den USA ähnlicher Horror zugefügt wird.
MarxistInnen standen immer gegen die Methoden des individuellen Terrors, wie sie von Gruppen wie der IRA und PLO praktiziert wurden. Die Arbeiterklasse ist die einzige Kraft, die den Kapitalismus stürzen kann, und zwar nur mit den Methoden des Massenkampf, nicht durch vereinzelte militärische Angriffe.
Aber der Angriff, der die Twin Towers des World Trade Center in ein Massengrab für Tausende verwandelt hat, übersteigt da, was wir mit individuellem Terror meinen. Der individuelle Terrorist machte militärische Angriffe hauptsächlich gegen den Staat oder einzelne Mitglieder des Establishment.
Die, die Passagierflugzeuge in Lenkraketen gegen mit zivilen ArbeiterInnen gefüllte Gebäude verwandelt haben, machten das, um so viele Menschen wie möglich zu töten. Das Ausmaß ihrer Taten macht den Ausdruck „individueller Terror“ unpassend und unangemessen. Dies war wahlloser Terror, Massenmord an unschuldigen Menschen.
Außerdem scheint es, dass dies nicht im Namen eines radikalen Anliegens oder eines echten Befreiungskampfes gemacht wurde, sondern die Tat ziemlich reaktionärer Gruppen war, die Verbindungen zu völlig unterdrückerischen Regimes wie dem der Taliban haben.
Individueller Terror schwächt den Staat keineswegs, sondern stärkt ihn letztlich, liefert ihm einen Vorwand, sich durch „Notstands“-Befugnisse zu stärken, die oft am Schluss gegen die Kämpfe der Arbeiterklasse eingesetzt werden.
Die Botschaft des individuellen Terroristen ist: „Überlass es uns“. Die einzige Rolle, die sie den Massen zuweisen, ist, dabei zu stehen, zu zu schauen und Beifall zu klatschen. Ihre Taten senken das Verständnis der ArbeiterInnen für die Notwendigkeit zu kämpfen.
Je „effektiver“ die terroristische Tat, desto größer die Verwirrung, die sie in der Arbeiterklasse erzeugt. Dies wird durch diesen jüngsten Angriff bestätigt, der in seinem Ausmaß und seiner „Effektivität“ über individuellen Terror hinausgeht.
Zuerst erzeugte er Schock und Verwirrung in der herrschenden Klasse der USA. Aber nachdem sich der Staub gelegt hat, ist die Bush-Regierung gestärkt hervorgegangen und konnte patriotische Leidenschaft und eine Stimmung von nationaler Einheit hochpeitschen.
Der Anschlag hat den Vorwand für mehr Unterdrückungsmaßnahmen nicht nur durch die USA, sondern auch durch andere Mächte geliefert. Internationale Maßnahmen gegen „Terrorismus“ werden diskutiert.
Die Unterdrückung wird weit jenseits den Küsten der USA zu spüren sein. Schon wurden in einer Reihe von Ländern MoslemInnen angegriffen, da sich auf dem Rücken der riesigen Propagandaanstrengung zur Dämonisierung eines ganzen Volkes, um die Stimmung für militärische Vergeltung aufrecht zu erhalten, rassistische Ideen entwickeln. Und das Nach-Vietnam-Zögern des Volks der USA, Bodentruppen im Krieg im Ausland einzusetzen, der zu hohen Verluste führen könnte, ist in der Welle der Wut, die diese Angriffe erzeugt hat, teilweise verpufft.
Die desorientierenden Wirkungen auf die Arbeiterklasse und antikapitalistische Bewegungen sind schon klar. Die antikapitalistische Demonstration, die in Washington Ende September abgehalten werden sollte und Genua an Größe Konkurrenz machen sollte, wird nicht stattfinden.
Die US-Arbeiterklasse steht gemeinsam mit ArbeiterInnen überall auf der Welt vor einer Wirtschaftsrezession, einer Rezession, die vor diesen Anschlägen begonnen hat, aber durch sie vielleicht verschärft wurde. Es wird jetzt härter für die Arbeiterklasse sein, gegen die Arbeitsplatzverluste und Angriffe auf den Lebensstandard Widerstand zu leisten, die die Rezession bringen wird.
Alle diese Wirkungen werden vorübergehend sein. Die Arbeiterklasse wird ihr Selbstvertrauen wiedergewinnen und wird wieder den Weg des Kampfes beschreiten. Was diese Anschläge getan haben, ist dies schwieriger zu machen.
Bedeutet dies, dass unsere Botschaft an die Völker der exkolonialen Welt die Predigt der Passivität und des Hinnehmen „ihres Schicksals“ ist? Nein. Wir sind für Massenkämpfe der Arbeiterklasse und der anderen unterdrückten Teile dieser Gesellschaften, um das politische und wirtschaftliche Joch des Kapitalismus abzuschütteln.
Die großen Kämpfe, die große Teile Lateinamerikas in Opposition gegen die von weltkapitalistischen Institutionen wie IWF und Weltbank diktierte neoliberale Politik erschüttert haben, haben den Kapitalismus erschüttert und gleichzeitig Sympathie unter der Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern ausgelöst. Massenkämpfe durch Völker der exkolonialen Welt für sozialistische Veränderung mit einem Appell an die Arbeiterklasse des Westens zur Unterstützung, hätte eine entscheidende und positive Wirkung, nicht die entscheidende und negative Wirkung der jüngsten Aktionen.