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Afghanistan — warum die russische Bürokratie einmarschierte

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Afghanistan — warum die russische Bürokratie einmarschierte (Januar 1980)
von Ted Grant, Militant, 18. Januar 1980


 

[Dies ist ein Artikel aus einer britischen trotzkistischen Zeitung. Der Autor des Artikels war eines der führenden Mitglieder des CWI. 1992 verließ er diese marxistische Bewegung, deren Mitglied die SAV ist, da er zu der Überzeugung gekommen war, dass MarxistInnen in den meisten Ländern normalerweise Mitglieder der sozialdemokratischen Parteien bzw. der Labour Party sein sollten.]

In der internationalen Reaktion auf die Ereignisse in Afghanistan kann man die grundlegenden nationalen Gegensätze und Klassenkonflikte sehen, die in der kapitalistischen Welt wirksam sind. Für die fortgeschrittenen ArbeiterInnen in den ArbeiterInnen- und sozialistischen Bewegungen der Welt ist es entscheidend, diese Dinge klar zu verstehen, um die Argumente der kapitalistischen Politiker zu beantworten.
Bevor wir jedoch Fragen der Diplomatie und Machtpolitik behandeln, ist es nötig, kurz die Entwicklung der Revolution in Afghanistan zu skizzieren.
Afghanistan ist ein gebirgiges Land, wo ein Fünftel des Landes bebaut werden kann und mit einer Bevölkerung von nur 20 Millionen in einem Gebiet, das so groß wie Frankreich ist. Seine strategische Lage setzt es oft ausländischen Invasionen aus. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts blieb es ein weitgehend feudaler Staat.
Trotzdem ist dieses abgelegene Land in feudalen Ketten und voll Aberglauben unvermeidlich unter den Druck der modernen Welt gekommen.
Auf der Grundlage der alten Feudalbeziehungen gab es keine Möglichkeit des Fortschritts. Etwa 97 Prozent der Frauen und 90% der Männer waren AnalphabetInnen. Etwa 5% der Grundeigentümer gehörte mehr als 50% des fruchtbaren Landes. Es gab keine Eisenbahnen und erst in den letzten 20 Jahren hat das Land mit russischer Hilfe ein Straßensystem bekommen.
Geschichtlich war Afghanistan ein Puffer zwischen Russland und dem britischen Imperialismus. Mit dem Zusammenbruch der britischen Macht auf dem indischen Subkontinent wurde der Einfluss des Imperialismus durch den der Sowjetbürokratie ersetzt.
Die Bürokratie unterstützte zuerst das monarchistische Regime und dann, als das von Daud gestürzt wurde, dessen Regime. Bei der chronischen Sackgasse des afghanischen Gesellschaftssystems hatte der Druck des Kapitalismus und Stalinismus an seinen Grenzen unausweichlich eine ungeheure Wirkung auf das Land.
Im April 1978 führten die Bedingungen von Massenelend und der Korruption des Daud-Regimes zu einem proletarisch-bonapartistischen Putsch. Proletarischer Bonapartismus ist ein System, in dem Großgrundbesitz und Kapitalismus abgeschafft sind, aber in dem die Macht nicht in die Hände des Volkes übergegangen ist, sondern von einer Einparteien-Militär- und Polizeidiktatur ausgeübt wird.

Putsch vom April 1978 stürzte Daud

Dem Putsch ging Dauds Versuch der Unterdrückung aller Opposition voraus. Sein gestürztes Regime war ein feudal-bürokratisches Einparteienregime gewesen. Die kleine Arbeiterklasse des Landes hatte keine Gewerkschaften.
Wenn die Revolution die gesunde Form einer Bewegung der Massen selbst angenommen hätte, wäre das Ergebnis sehr von dem verschieden gewesen, was tatsächlich in Afghanistan passierte. Der Putsch vom April 1978 beruhte auf einer Bewegung der Armee-Elite und der Intellektuellen und der führenden Schichten der Freiberufler aus der Mittelschicht in den Städten.
Sie organisierten den Putsch zunächst als Vorbeugemaßnahme gegen vorbereitete Versuche zur Vernichtung von ihnen und ihren Familien. Sie handelten zur Selbsterhaltung, aber auch mit der Idee, Afghanistan in die moderne Welt zu bringen.
Nach der Machtübernahme schafften sie die Hypotheken und andere Schulden der BäuerInnen ab, die völlig von den Wucherern beherrscht wurden, und führten eine Bodenreform durch. Gleichzeitig kündigten sie die Verstaatlichung von "allem, bei dem sich die Verstaatlichung lohnt" an.
Aber anders als die äthiopische Elite schickten sie nicht Tausende von Studierenden von einem Ende des Landes ins nächste, in alle Täler und Berge in ganz Afghanistan, um die Reformen zu erklären. Folglich war es den Massen der Bauernschaft nicht klar, was der Nutzen der Aprilrevolution für sie sein würde.
Eine Revolution im klassischen Sinne beginnt mit den Massen unten und umfasst die Mehrheit der Bevölkerung. Aber in diesem Falle begann die Revolution an der Spitze und die in den Städten wohnenden Intellektuellen waren von der auf dem Land und in den Bergen wohnenden überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung isoliert.
Unter anderen angestifteten Reformen war die Abschaffung des "Brautpreises", des Verkaufs von Frauen an den künftigen Ehemann zum Nutzen der Familie, gewöhnlich des männlichen Familienoberhaupts. Das Programm zur Abschaffung des Analphabetismus umfasste obendrein sowohl Frauen als auch Männer. Das lehnte der rückständige und reaktionäre Teil der Bevölkerung heftig ab.
Moslemische Reaktionäre, Mullahs, Monarchisten, Großgrundbesitzer und verschiedenes Gesindel nutzte das und den Aberglauben der Bauernschaft und Stammesangehörigen aus den Bergen und begann sich innerhalb von zwei Jahren für einen Guerillakrieg gegen das Regime in Kabul zu organisieren.
Seit undenklichen Zeiten hatte die Regierung in Kabul nur einen schwachen Zugriff auf die Bergstämme. Und dies galt auch für die neue revolutionäre Regierung unter Tariki. Die Rebellion war ein bunt gemischter Aufruhr von Hundert oder Tausend uneinigen Stammesangehörigen und Gruppen in verschiedenen Tälern und Bergen. Viele waren Banditen und Verbrecher, die "plündern wollten".
Da den Rebellen Einheit völlig fehlte, hätten sie auch unter den besten Bedingungen Schwierigkeiten gehabt, einen landesweiten Krieg gegen das Regime in Kabul zu führen. Aber dieser uneinige Pöbel, von dem Hunderte und Tausende Zuflucht in pakistanischen Flüchtlingslagern suchten, wurde heimlich mit Geld aus Saudi-Arabien und mit Waffen aus Pakistan und in gewissem Umfang aus China unterstützt.

Neues Regime führt soziale Änderungen durch

Das proletarisch-bonapartistische Regime in China scheint immer auf das falsche Pferd zu setzen, so blind ist es vor Hass auf die Ausdehnung des Einflusses des proletarischen Bonapartismus Russlands. Zweifellos lieferten die Vereinigten Staaten durch die CIA auch Geld und Waffen an die Rebellen.
Gemäß der Entscheidung von Afghanistans Revolutionsrat vom August 1978 beschlossen sie die "Verteilung des Landes im Eigentum der Feudalherren an die Bauern", das etwa 80% des bebaubaren Bodens des Lande ausmachte. Am 12. Juli beschloß der Rat die Streichung von Schulden und Hypotheken der Bauern und verringerte die Privilegien der Offiziere in den Streitkräften.
Babrak Karmal, damals stellvertretender Ministerpräsident — jetzt Präsident — sagte dem libyschen Ministerpräsidenten am 10. Mai, dass die Revolution wie die libysche Revolution vom September 1969 auch "aus den zwei Prinzipien des Islam" stamme: "Es gab auch nie eine Partei, die sich kommunistisch nannte, in Afghanistan … Wir machen kein Geheimnis aus unserer Verpflichtung gegenüber unterdrückten Völkern. Die Entwicklung der letzten Woche befreite Afghanistan von der Aristokratie … Es wird ein Programm der Bodenreform geben; Preise werden gesenkt werden; Löhne werden steigen, und es wird auch das Programm der Verstaatlichung von allem geben, was sich zu verstaatlichen lohnt."
Unter den Reformmaßnahmen wurde Bodenbesitz auf sechs Hektar pro Familie begrenzt (oder mehr im Falle schlechter Bodenqualität). Das Land, das über diese Grenzen hinausging, wurde unter den armen Bauern verteilt. Die Regierung ermutigte das Privateigentum an kleinen und mittleren Unternehmen sowohl in der Landwirtschaft als auch Industrie. Aber armen BäuerInnen, denen geeignete landwirtschaftliche Geräte fehlten, wurde geraten, Genossenschaften zu bilden.
Als direkte Folge der Weise, auf die das proletarisch-bonapartistische Regime eingerichtet worden war, gewann es nicht sofort die Unterstützung der Stammesangehörigen und BäuerInnen.
Die großen und mittleren Grundeigentümer nutzten die Rückständigkeit der Stammesangehörigen, um sie gegen das "gottlose", "kommunistische" Regime in Kabul aufzuhetzen. Dieser Aufstand wiederum erzeugte Instabilität an der Spitze des Regimes. Präsident Tariki schickte Babrak Karmal als Botschafter in der Tschechoslowakei praktisch ins Exil.
Die "kommunistische" Partei, die sich Volksdemokratische Partei nannte, war eine Fusion aus zwei Kommunistischen Parteien, der Khalk- und Parcham-Partei.
Die Parcham-Partei hatte sich unter Babrak Karmal 1967 von der Khalk abgespalten und führte später Moskaus Politik der Unterstützung von Präsident Daud durch, als er 1973 die Macht übernahm. Das lehnte Tariki und Amin ab. So sehr unterstützte die russische Bürokratie damals die sozialistische Umgestaltung Afghanistans!
Später vereinigten sich die zwei Fraktionen und Tariki begann unter dem Druck Moskaus Amins harte Linie gegen die reaktionären Mullahs abzulehnen.

Moskau geht gegen Amin vor

Nach dem Treffen mit Breschnew in Moskau kehrte Tariki nach Kabul zurück mit der Absicht, Amin zu entfernen. Amin manövrierte Moskau jedoch aus, indem er Tariki ermorden ließ.
Aber Amin hing immer noch von Moskau ab, das immer mehr durch die harte Politik zur Beendigung des Guerillakrieges in den Bergen beunruhigt war. Sein Regime hatte nur in den großen Städten feste Kontrolle.
Die brachten Amin dahin, nach den Bedingungen des gemeinsamen Freundschaftsvertrages die russischen Truppen zu rufen. Sie brachten den verbannten Karmal mit ihren Panzern zurück; Karmal wurde Präsident und Amin hingerichtet.
Aber das Eingreifen erschütterte die afghanische Armee, deren Moral durch wiederholte Säuberungen untergraben worden war.
Die Russen wollten — und wollen — ein Regime, das mit den Mullahs einen Kompromiss macht, um sich eine feste Grundlage zu verschaffen. Die russische Bürokratie griff direkt ein, weil sie den Sturz eines Regimes, das auf der Beseitigung von Kapitalismus und Großgrundbesitz beruhte, und den Sieg der feudal-kapitalistischen Konterrevolution zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte nicht dulden konnte, besonders nicht in einem an die Sowjetunion grenzenden Staat.
Die Kreml-Bürokraten fürchten dass eine reaktionäre Gärung in Afghanistan überschwappen und sich auf die moslemische Bevölkerung in den benachbarten Regionen Russlands auswirken wird. MoslemInnen machen etwa ein Viertel der Bevölkerung der Sowjetunion aus.
So sah sich die russische Bürokratie nicht nur wegen Afghanistans strategischer Lage, sondern auch aus Gründen ihrer eigenen Macht und Prestiges gezwungen, einzugreifen. So eine Intervention hat nichts mit der Politik des Bolschewismus in der Vergangenheit gemeinsam.
Die Intervention Russlands ist wiederum eine wichtige internationale Frage geworden.
Presse, Radio und Fernsehen der Welt sind voller entrüsteter Verurteilungen russischer Aggression. Diese Propagandakampagne gegen das Eingreifen in die Angelegenheiten anderer Leute ist völlig heuchlerisch.
Wenn man sich die jüngste Periode anschaut, ganz zu schweigen von den Vorkriegs- und Nachkriegsverbrechen des Imperialismus und besonders der Intervention der Vereinigten Staaten in Vietnam und gegen andere Bewegungen zum Sturz der Herrschaft von Kapitalismus und Großgrundbesitz, ist es klar, wie heuchlerisch all die Entrüstung ist, besonders die der herrschenden Klasse Amerikas.
Gegen die Intervention Frankreichs in Zaire, im Tschad und in anderen afrikanischen Ländern gab es nicht einmal Vorbehalte. Belgien wurde für den Einfall seiner Fallschirmjäger in Zaire auch nicht gerügt. Gegen sie gab es keine Drohungen mit Abbruch der Handelsbeziehungen.
In der jüngsten Zeit wurden südafrikanische Truppen auf direkte Veranlassung des amerikanischen Imperialismus in Angola verwendet.
Gegenwärtig bleiben südafrikanische Truppen in Rhodesien [Simbabwe], um notfalls gegen die Guerillas der Patriotischen Front verwendet zu werden. Aber es gab keine Protest, keine Forderung, dass "Friedenstruppen" des Commonwealth auf dem Abzug des südafrikanischen Personals bestehen.
Die blutbefleckten imperialistischen Mächte mit ihren krassen Doppelstandards sind die letzten, die an die Völker der Welt auf "moralischer" Grundlage appellieren können.
Die Maßnahmen, die vom amerikanischen Imperialismus ergriffen wurden, sind Klassenmaßnahmen. Der Abbruch des Handels, die Weigerung, Getreide zu verschicken und so weiter, bedeuten Zwangsmaßnahmen gegen das russische Volk und werden wenig Wirkung auf die bürokratischen Herrscher in Russland haben.

Bürokratische Karikatur auf den Internationalismus

Der amerikanische Imperialismus hat diese gehässigen Maßnahmen nicht wegen sondern trotz der totalitären Bürokratie ergriffen. Sie versuchen, Russland wegen dem Klassencharakter der Sowjetunion zu treffen, wo Großgrundbesitz und Kapitalismus beseitigt wurden.
Vor diesem Hintergrund haben wir die merkwürdige Position der Kommunistischen Parteien. Auf der einen Seite versuchen sie sich von der russischen Bürokratie wegen dem totalitären Charakter des Regimes zu distanzieren. Auf der anderen Seite behaupten sie weiterhin, dieses Regime sei "sozialistisch". Die italienischen und spanischen Kommunistischen Parteien haben die russische Intervention in Afghanistan verurteilt, während die französische Kommunistische Partei eine doppeldeutige Haltung eingenommen hat.
Statt den Prozess aus dem Blickwinkel des Klassenkampfs international und den Klassenbeziehungen innerhalb der Nationen zu sehen, haben die Kommunistische Partei und die Tribunisten [innerhalb der britische Labour Party] eine Position abstrakter "Prinzipien" eingenommen. "Keine Aggression zwischen Völkern"; Unterstützung für die Vereinten Nationen und so weiter.
Sie haben die russische Intervention verurteilt, ohne sie irgendwie zu erklären. Ihre Haltung ist, dass so eine Intervention nicht nett ist! Sie nehmen eine fromme, sentimentale, Mittelschicht-Sicht ein: ein "sozialistisches" Land sollte sich nicht so aufführen.
In Wirklichkeit ist dies die andere Seite des "Sozialismus in einem Land". In ihren frühen Jahren argumentierte die russische Bürokratie gegen Trotzki, wenn er sagte, dass die Rote Armee für die Zwecke der internationalen sozialistischen Revolution verwendet werden könnte. Aber jetzt haben wir die krasse bürokratische Verwendung der Roten Armee ohne die Unterstützung der ArbeiterInnen und ohne dass klar die Unterstützung einer Bewegung hin zu einer sozialistischen Revolution in den Augen der Weltarbeiterklasse stattfände.
Die russischen Stalinisten sind gegenüber den Meinungen der Weltarbeiterklasse gleichgültig. Die Kapitalisten sind das auch, aber sie versuchen, die ArbeiterInnen reinzulegen.
Marxistinnen können die bewusste Unterstützung der ArbeiterInnen der Welt nur gewinnen, wenn sie ihnen immer die Wahrheit sagen. So verhielt sich der russische Staat unter Lenin und Trotzki. Sie stützen sich auf Propaganda und Aktionen, die das Bewusstseinsniveau der Arbeiterklasse international heben würden. Sie standen für die wirkliche Selbstbestimmung der Völker.
Alles, was zur Hebung des Klassenbewusstseins der Arbeiterklasse diente, war gerechtfertigt; alles, was die gegenteilige Wirkung hatte, musste verurteilt werden. Das ist der Maßstab, der verwendet werden muss: alles, was den Internationalismus und die Macht der Arbeiterklasse hebt, muss von den fortgeschrittenen ArbeiterInnen unterstützt werden; alles, was das Klassenbewusstsein senkt und nationale Spaltungen verstärkt, muss verurteilt werden.
Der Klassenkampf muss nicht auf den engen Niveau der Grenzen aufhören. In Frankreich hatten wir 1968 die instinktive Solidarität der internationalen Arbeiterklasse mit den französischen ArbeiterInnen. Die deutschen, italienischen, niederländischen, belgischen und anderen ArbeiterInnen an den französischen Grenzen weigerten sich, gegenüber ihren französischen Brüdern und Schwestern Streikbruch zu begehen. Sie waren bereit, dem Klassenkampf in Frankreich zu halfen. Transport-, Flughafen-, EisenbahnarbeiterInnen, jeder Teil der Arbeiterklasse war instinktiv bereit, Solidarität zu geben. Darauf sollte die internationale Arbeiterbewegung beruhen.
Auf der anderen Seite erklärte Trotzki in der Periode vor Hitlers Aufstieg, dass die Rote Armee mobilisiert und sogar zur Unterstützung verwendet werden sollte, wenn die Arbeiterklasse in Deutschland darum bat, um Hitlers Machtübernahme zu verhindern. Aber das setzte eine richtige Politik in Deutschland selbst voraus.
Wenn die Kommunistische Partei den Sozialdemokraten eine Einheitsfront angeboten hätte, wäre Hitler daran gehindert worden, an die Macht zu kommen. Es wäre wahrscheinlich nicht notwendig gewesen, die Rote Armee zu verwenden. Trotzdem hätte die Rote Armee mobilisiert werden können, um den deutschen ArbeiterInnen angesichts einer möglichen Intervention des britischen und französischen Kapitalismus zu helfen. Sie hätte dann verwendet werden können, um die sozialistische Revolution in Deutschland selbst zu ergänzen, nicht sie zu ersetzen.
Wenn diese Politik verfolgt worden wäre, wäre der Weltarbeiterklasse der Albtraum und die Leiden unter dem totalitären Hitlerregime und das Blutbad des Zweiten Weltkriegs erspart worden, in dem viele starben.
Die Probleme des Klassenkampfs werden nicht durch nettes, "moralisches" Verhalten auf Seiten der Mächte gelöst. Sie sind Klassenfragen und soziale Fragen.

Klasseninteressen entscheiden die Politik

Was die Politik und die Haltung von Sozialistinnen bestimmen sollte, sind die Klasseninteressen der Arbeiterklasse im Gegensatz zu denen der Kapitalisten. Was die Politik der kapitalistischen Nationen bestimmt, ist Profit, Macht, Privilegien, Prestige und die Abgrenzung von Einflusssphären der neokolonialen Herrschaft über die Welt, besonders die unterentwickelten Länder.
Das ist die nackte Ideologie des Imperialismus. Sie versuchen, das mit allen Arten von Ausflüchten und Moralisieren zu verkleiden, aber in Wirklichkeit bestimmt das die Politik des kapitalistischen Britanniens, Amerikas, Frankreichs, Japans, Deutschlands und der anderen.
Auf der anderen Seite werden die Politiken der russischen, chinesischen und anderen proletarisch-bonapartistischen Regime nicht durch die Interessen der Weltarbeiterklasse, nicht durch ihren "Sozialismus", sondern durch das Einkommen, Macht, Prestige und Privilegien der bürokratischen Kaste bestimmt, die die Macht in der Sowjetunion [und China etc.] an sich gerissen hat.
Trotzdem unterstützen die kapitalistischen Mächte wegen der verschiedenen sozialen Basis dieser Regime jedes faulende, aufklärungsfeindliche und reaktionäre halbfeudale Großgrundbesitzer- und Kapitalistenregime, wie in Vietnam. Die russischen Führer andererseits unterstützen die Revolution in rückständigen Ländern, wenn sie in der verzerrten Form des proletarischen Bonapartismus stattfindet und unterstützen solche Bewegungen nur, wenn sie denken, dass sie ihren eigenen Interessen diesen.
Wahrscheinlich wurde Moskau durch den Aufstand der Armee, einer Mittelschichtelite und der Kommunistischen Partei in Afghanistan überrascht. Sobald er aber stattgefunden hatte, versuchten sie ihn zu nutzen und unterstützten ihn. Aber es ist nicht sicher, dass sie wussten, dass im April 1978 ein Staatsstreich stattfinden würde.
Aber sie können sich zwar auf verzerrte Revolutionen in rückständigen Ländern stützen, sie können sich diesen Luxus aber nicht leisten, soweit die fortgeschrittenen Länder betroffen sind. Sie lehnen ein sozialistische Umgestaltung in fortgeschrittenen Ländern ab, da dies ihre Herrschaft in Russland bedrohen würde. Die Entwicklung eines demokratisch-sozialistischen Regimes in einem größeren fortgeschrittenen Land der Welt würde die Grundlagen der bürokratischen Missherrschaft in Russland, China und den anderen stalinistischen Staaten sofort bedrohen.
Aber in den rückständigen Ländern, wo die Abschaffung von Feudalismus und Kapitalismus zur Errichtung einer bürokratischen Elite nach dem Modell des stalinistischen Russlands und Chinas geführt hat, unterstützen sie es.
Trotzdem eröffnet die Beendigung von Feudalismus und Kapitalismus in einem Land wie Afghanistan den Weg, die archaische Gesellschaft ins 20. Jahrhundert zu bringen und ist daher eine fortschrittliche Entwicklung. Wenn wir die russische Intervention einfach isoliert betrachten würden, hätten wir diesen Schritt kritisch unterstützen sollen. Aber wegen der reaktionären Wirkung, die sie auf das Bewusstsein der Weltarbeiterklasse hat, die tausendmal wichtiger als die Entwicklungen in einem kleinen Land wie Afghanistan sind, müssen MarxistInnen die russische Intervention ablehnen.
Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist die alles überschattende Gefahr die Entfremdung der ArbeiterInnen Japans, Westeuropas, der USA und anderen fortgeschrittener Länder von den Ideen des Sozialismus und der sozialistischen Revolution.
Dies zeigt sich an der von den Tribunisten eingenommenen Haltung. Leider stützen sie sich wie die Kommunistische Partei nicht auf die wirkliche Bewegung des Klassenkampfs und der tatsächlichen Beziehungen zwischen Großmächten, sondern verlassen sich auf abstrakte, "moralische" Verurteilungen.
Für sie sind Grenzen, die während der letzten zweihundert Jahre errichtet wurden, unantastbar. Im Falle Afghanistans sind sie daher zufrieden mit Grenzen, die Nationalitäten halbieren und sie zwischen Pakistan, Afghanistan und anderen Nachbarstaaten aufteilen würden.
Sie appellieren an die Vereinten Nationen als ein Mittel zur Lösung ihrer Probleme. Aber die völlige Ohnmacht der Vereinten Nationen wie des früheren Völkerbundes wurde durch ihr Versagen, seit 1945 einen einzigen Krieg zu verhindern, zur Genüge bewiesen, und solche Konflikte haben seit 1950 25 Millionen Tote gefordert.
Die Ohnmacht der Vereinten Nationen zeigt sich auch in ihrer Unfähigkeit, den monströsen Rüstungswettlauf anzuhalten. Mindestens 250 Milliarden Pfund werden jetzt jährlich für Rüstung verschwendet, Geld, das leicht die Welt umgestalten würde, wenn es auf konstruktive Weise eingesetzt würde.
Aber natürlich sind diese Gegensätze die Widerspiegelung der dialektischen Widersprüche zwischen den kapitalistischen Staaten und vor allem den Hauptwidersprüchen unserer Zeit, denen zwischen den stalinistischen Staaten auf der einen Seite und dem Kapitalismus auf der anderen Seite.
Die russische Intervention in Afghanistan muss trotz ihrer fortschrittlichen Gesichtspunkte verurteilt werden, weil sie die Meinung der Weltarbeiterklasse mit Füßen tritt. Robespierre erklärte schon vor langer Zeit, dass "Missionare mit Bajonetten" nie beliebt sind.
Aber die Forderung durch die imperialistischen Mächte nach einem Abzug der russischen Truppen auf Afghanistan, die von der Kommunistischen Partei und der Tribune-Gruppe unterstützt werden, ist utopisch. Russland hat natürlich gegen diese Forderung im UN-Sicherheitsrat sein Veto eingelegt.
Die Forderung nach dem amerikanischen Abzug aus Vietnam hatte nur Erfolg, wegen dem Druck des amerikanischen Volkes und der US-Soldaten, die von dem schmutzigen Krieg abgestoßen waren. Aber der reaktionäre Klassencharakter der Opposition in Afghanistan bedeutet, dass sie es nicht schaffen wird, die russischen Truppen zu vertreiben.
Wenn die Revolution in Afghanistan einen klassischen Charakter nach dem Vorbild der Oktoberrevolution 1917 in Russland hätte, dann würde die russische Bürokratie keineswegs intervenieren, sondern hätte jetzt Probleme, ihre Macht auch nur in Russland selbst aufrechtzuerhalten.
Die Vereinten Nationen sind nur ein Forum für die Zurschaustellung von Argumenten durch die Mächte und die Lösung zweitrangiger Fragen. Keine Hauptfrage kann gelöst werden, besonders wegen des eingebauten Vetos, so dass die Supermächte gegen jede Resolution ein Veto einlegen können, die im Sicherheitsrat vorgelegt wird, so dass dieses Gremium in jeder Frage gelähmt ist, die ihre entscheidenden Interessen berührt.
So kann die Lösung der nationalen Gegensätze, die Probleme der Waffen, die Lösung der Probleme des Krieges nur durch den Sturz von Kapitalismus und Stalinismus erreicht werden und durch die Einrichtung einer demokratisch-sozialistischen Föderation der Vereinigten Staaten Europas und der Welt.
Dies ist die einzige endgültige Lösung für die Weltprobleme und die Weltdiplomatie.
Die sogenannten "praktischen" Politiker, die versuchen, Resolutionen der moralischen Verurteilung von der Realität wegzulotsen, sind utopisch. Sie haben das Wunschdenken und die Hoffnung, dass der Tiger des Kapitalismus und der Tiger der Bürokratie Vegetarier werden und gemeinsam Gras fressen. Abe leider liegen die Löwen nicht bei den Lämmern — sondern verspeisen sie.
Die Gegensätze und Widersprüche, die im Verlauf der letzten 50 Jahre aufgebaut wurden, können nur durch die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse überwunden werden, nicht nur im nationalen, sondern auch im internationalen Maßstab.

Die Sanktionen werden für den Imperialismus nach hinten losgehen

Aber wegen der fortschrittlichen Schritte für die Beseitigung von Großgrundbesitz und Afghanistans entstehendem Kapitalismus werden die Kapitalisten nicht erreichen, worauf sie hoffen. Zweifellos werden Amerika, Pakistan und China den Rebellen Geld und Waffen liefern, aber es wird kein afghanisches "Vietnam" für Russland geben, auf das der amerikanische Imperialismus hofft.
Das afghanische Regime wird zwischen den verschiedenen Nationalitäten Afghanistans manövrieren und sich auf die armen und mittleren BäuerInnen stützen und auf den russischen Bajonetten basieren und zweifellos die Rebellen zerschlagen und einen festen proletarisch-bonapartistischen Staat nach sowjetischem Vorbild errichten.
Im Vietnam stützte sich der amerikanische Imperialismus auf die korrupten Großgrundbesitzer, das Militär und die Kapitalisten, während die Mehrheit der Bevölkerung in Vietnam ihn ablehnte. In Afghanistan wird das neue Regime sich trotz der nationalen Frage festigen können, wenn dem Volk die Wahrheit dämmert, wenn die armen BäuerInnen und die Angehörigen der Minderheiten finden, dass sie aus den sozialen Änderungen Nutzen ziehen.
Der US-Imperialismus wurde von barfüßigen, zerlumpten BäuerInnen in Vietnam besiegt, obwohl er die größte Militär- und Industriemacht der Welt ist, wegen der Klassenfrage, wegen der nationalen und sozialen Unterdrückung und weil es klar war, dass Amerika ein fremder Unterdrücker war. In Afghanistan werden aber die meisten russischen Truppen abgezogen werden, sobald die Konterrevolution besiegt ist.
Die böswilligen Wünsche der Imperialisten nach einem langen und verheerenden Krieg sind aus sozialen Gründen unangebracht. Das bonapartistische Regime und die Russen werden einen Weg finden, mit den Mullahs einen Kompromiss zu schließen.
Der amerikanische Imperialismus unterstützt alles, was auf der Welt reaktionär ist. Jetzt verstärken sie die Unterstützung für General Zia in Pakistan. Solche Maßnahmen werden für die USA unausweichlich nach hinten losgehen.
Die amerikanischen Handelssanktionen können dazu führen dass sich die Russen entscheiden, die Belutschen und Pathanen in Pakistan zu unterstützen. Das könnte den Zerfall Pakistans beschleunigen und vielleicht einen alten Wunsch der zaristischen Diplomatie erfüllen, einen Hafen mit warmem Wasser.
Hinter den Kulissen wird die russische Diplomatie die Amerikaner warnen, die Zurückhaltung von Getreide, Technologie und Krediten nicht zu verlängern. Sie würden warnen, dass sie dann nichts mehr zu verlieren haben und gleich auch in Pakistan intervenieren können, besonders da Zia mit Ermutigung und Unterstützung der USA und Chinas den Rebellen in Afghanistan hilft.
Aber bevor die Dinge so weit gehen ist es wahrscheinlich, dass es in nicht zu ferner Zukunft einen Kompromiss zwischen den Vereinigten Staaten und der Bürokratie geben wird.
Die chinesische Bürokratie hat den russischen Einmarsch in Afghanistan verurteilt, obwohl sie in Tibet nach genau den selben Prinzipien verfuhren, als sie das Land eroberten und eine konterrevolutionäre Revolte zerschlugen.
Es ist beachtenswert, das die chinesische Übernahme Tibets nichts von der gegenwärtigen Verurteilung und Ablehnung durch die Kapitalisten erlebte, weil die Ereignisse in diesem entfernten Gebiet Asiens sie kaum berühren.
Chinas Intervention führte jedoch zu einem Krieg zwischen Indien und China. Es gab auch keine Strafmaßnahmen gegen Indien, als seine Armee in Bangladesch intervenierte, um dem Kampf des Volks von Bangladesch gegen die Unterdrückung durch Pakistan zu helfen.
Aktive ArbeiterInnen in der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung müssen eine Haltung auf der Grundlage der marxistischen Klassenanalyse einnehmen. Das ist der einzige Weg, die Heuchelei und hysterische Propaganda der Kapitalistenklasse und ihrer korrupten Medien zu durchdringen.

Klare marxistische Analyse ist entscheidend

Marxistische Analyse gibt uns ein Verständnis der nationalen und internationalen Probleme. Sie ist eine Waffe bei der Umgestaltung der Gesellschaft im Interesse der Arbeiterklasse.
Nur durch die Analyse der Klasseninteressen, die internationalen Zusammenstößen und Widersprüchen zugrunde liegen, ist es möglich, die moderne Welt zu verstehen und die Arbeiterklasse auf die notwendige Umgestaltung der Gesellschaft vorzubereiten.